19.05.2008 · Ob in Wohnzimmer, Küche, Bad: Überall hält Farbe Einzug. Wer zum Pinsel greift, sollte sich aber über die Wirkung im Klaren sein
Von Birgit OchsAlles neu macht der Mai. Zumindest verführt das helle Licht des Frühlings einen nicht unerheblichen Teil der Bevölkerung zum großen Frühjahrsputz und manchen auch dazu, den über die Monate und Jahre etwas angegrauten Wänden einen frischen Anstrich zu verpassen.
Nichts wie weg mit dem hässlichen Abdruck, den das Sofa der Wand verpasst hat, weg mit den speckigen Spuren, die schmutzige Kinderhände rund um den Lichtschalter des Badezimmers hinterlassen haben. Fort auch mit den Soßenspritzern, die an der Wand hinterm Esstisch kleben. Nun, da die Tage länger und milder sind, ist die Zeit reif für eine Schönheitskur der Wände.
Dabei geht es nicht nur um ein bisschen Kosmetik für eine eigentlich weiße Fläche, eine Korrektur hier und da. Wer streicht, nutzt meist auch die Gelegenheit, den Raum neu zu gestalten. Und dazu ist Farbe gefragt. „Heute müssen die Wände bunt sein“, hat Ludger Küper vom Paint Quality Institute in Frankfurt beobachtet.
Kräftige Töne sind gefragt
Hinter dem Namen verbirgt sich eine Institution, die 1989 im amerikanischen Philadelphia gegründet wurde mit dem Ziel, Informationen zum „Einsatz von hochqualitativen Farben und Lacken im Außen- sowie im Innenbereich“ zu liefern, kurz die Farbindustrie zu vertreten. So hat Küper den europäischen Markt im Blick. Und für Deutschland kann er sagen, dass seit die Mischmaschinen vor etwa fünf Jahren in den Baumärkten Einzug gehalten haben, immer mehr Heimwerker in die Farbtöpfe greifen. Seit die unterschiedlichsten Töne und Farbschattierungen computergesteuert zusammengerührt werden, sei die Bereitschaft, die Wände in Farbe zu tauchen, stark gestiegen, berichtet Küper. Ein Blick in die Fachzeitschriften bestätigt seine These. Lagen zunächst pastellige Töne im Trend, so behaupten sich nun vor allem Gelb und Rot, und das ganz schön kräftig, wie der Farbexperte sagt.
„Kräftige Farben sind tatsächlich in Mode“, bestätigt auch Karin Hunkel. Als Farbpsychologin gibt die Neu-Isenburgerin darauf allerdings wenig - und ist sich darin mit Farbdesigner Martin Benad einig. „Heute ist vielleicht Schokobraun in Mode, doch in drei Jahren will das keiner mehr sehen“, kritisiert dieser. „Was in ist, bestimmt die Industrie. Was guttut, ist eine andere Frage“, sagt der Münchner, der ein Atelier für Farbgestaltung betreibt.
Farben wirken auf alle Sinne
Was aber tut gut? Die Erkenntnis, dass Farben auf die Psyche wirken, hat sich längst durchgesetzt. Warme Töne muntern auf, kühle dämpfen hingegen das Temperament, so weit reicht das Allgemeinwissen. Manche gehen sogar von einer somatischen Wirkung der Farben aus. „Über das Auge und die Nervenzentren wird der Reiz an die Organe weitergegeben“, erläutert Farbpsychologin Hunkel. Sie weist darauf hin, dass die Anthroposophen, dieser Erkenntnis folgend, Farben gezielt zur Heilung einsetzten. So liegen zum Beispiel Lungenkranke in Räumen, die in hellem Blau gehalten sind, weil dieser Ton für die Heilung der Atemwege förderlich sein soll.
Rot hingegen hebt den Blutdruck, Gelb stärkt Nieren und Gelenke, während Orange einen irgendwie wohltuenden Einfluss auf den Unterleib haben soll und Grün, ja doch, die Farbe des Herzens ist. Wem hier zu viel Esoterik im Spiel ist, der kann sich wohl doch mit der Erkenntnis anfreunden, dass einzelne Farben unterschiedlich aufs Gemüt wirken - und sie entsprechend in den Räumen einsetzen. „Grundsätzlich ist es gut, sich genau über die Wirkung der einzelnen Töne zu informieren“, rät Benad. Schließlich muss man es nicht nur länger mit einem Wanddesign aushalten. Wenn man Pech hat, entfaltet die auf der Farbskala so wunderbare Farbe im Raum ungeahnte Kräfte.
Hellblau etwa. „Das ist wegen seiner beruhigenden Wirkung eine ideale Schlafzimmerfarbe“, urteilt Farbpsychologin Hunkel. Doch Vorsicht. Für fröstelige Menschen gilt der Ton als ungeeignet. „Das Kältegefühl verstärkt sich in einem hellblauen Raum noch“, sagt die Fachfrau. Da sei Hellgrün besser.
Fürs Wohnzimmer dezente Töne
Auch mit Gelb ist es so eine Sache. Die Farbe stimmt heiter, gilt neben Zartgrün und Apricot übrigens als ideal fürs Kinderzimmer und ist überhaupt in Mode. Doch Gelb sollte in der Umgebung des Esstischs nur zum Einsatz kommen, wenn es gilt, Suppenkasper zum Essen zu animieren. „Denn die Farbe steigert den Appetit“, sagt Hunkel. Auch das beliebte Dunkelrot solle nur mit Bedacht eingesetzt werden - damit Manager und andere stark beanspruchte Zeitgenossen nicht auch noch in den eigenen vier Wänden auf Hochtouren laufen. Wer jedoch morgens nur langsam in die Puschen kommt, dem sei Rot im Bad empfohlen.
Farbenfachfrau Hunkel gibt den Tipp, im Wohnzimmer dezente Töne wie ein zartes Beige anzuschlagen. Das wahre die Neutralität. Bloß keine schlohweißen Wände. „Die tun den Augen weh.“ Kollege Benad ergänzt die Empfehlung mit der Faustregel: Je mehr Zeit man in einem Raum verbringt, desto zurückhaltender sollte die Farbgestaltung sein.
Vorsicht vor Farbschocks
„Schließlich gibt es ohnehin keinen Raum ohne Farbe, jedes Ding, das sich in einem Raum befindet, steuert ja schon Farbe bei“, sagt der Experte. Wenn er im Kundenauftrag einen Raum gestalten soll, ergründet er zunächst den Stil, die Einrichtung. „Das gibt meist die Tendenz vor. Unabhängig von irgendwelchen Trends eignen sich in der Regel gedeckte, wenig gesättigte Farben“, sagt er.
Karin Hunkel hat grundsätzlich nichts gegen kräftige Töne. „Allerdings sollte man vermeiden, dass man innerhalb einer Wohnung von einem Farbschock in den nächsten gerät“, sagt sie. Damit dies nicht passiert, wählt man für den Anstrich am besten Töne aus einer einzigen Farbfamilie wie der Gelbgründigen. Zu ihr zählen auch Apricot, Orange, Rot und Lindgrün. Zudem muss nicht immer die ganze Wand in einen Farbton getaucht sein. Oft genügen kleine Akzente, für die Schablonen sorgen können. „Das ist ein echter Renner“, sagt Farbenindustrie-Vertreter Küper. „Es geht ja nicht um viel: Der Mensch braucht einfach Farbe.“
Auch wenn es keine Farbe ist: Weiß geht immer
Indisches Chakra, Rudolf Steiners Theorie oder Goethes Farbenlehre - um die Wirkung von Farben zu deuten, gibt es viele Ansätze. Nicht zuletzt kommt es aber auf die räumlichen Gegebenheiten an: Licht, Zimmergröße, Möblierung, Bodenbelag - all das spielt eine Rolle.
Viel Licht etwa lässt die Farben leuchten. In einem Raum mit wenig Tageslicht sollte man daher auf zu kräftige Farben verzichten. Während helle, kühle Farben wie Hellblau, Zartrosa, Hellgelb und Türkis raumweitend wirken, erreicht man mit dunklen, warmen Tönen wie Purpur, Ocker und Umbra das Gegenteil.
Farbgestalter raten daher zu leichten, hellen Farben für große Flächen. Für den seltenen Fall, dass ein Raum zu hoch sei, könne man die Decke etwas dunkler streichen. Die Experten empfehlen zudem, Räume nicht durchgängig mit einer Farbe anzulegen - und das Weiß nicht zu vergessen. Denn eine weiße Wand lenkt nicht ab. Vor ihr kommt alles andere bestens zur Geltung. Das gilt für Bilder, Möbel und Dekostoffe wie Vorhänge. Entsprechend gilt vielen Innenausstattern die weiße Wand auch nicht als Verlegenheitslösung, sondern als die beste Wahl.
Bücher zum Thema
Karin Hunkel: Ganzheitliche Farbberatung. Schirner Verlag, Darmstadt 2005,
Martin und Ursula E. Benad: Farbe mobil - Farbenergien erfolgreich
nutzen. Deutsche Verlags-Anstalt, 2005.
Juliette Berhout: Schönes Wohnen mit Farbe. Oz creative, 2006.
Birgit Ochs Jahrgang 1966, Redakteurin für „Immobilien“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
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