http://www.faz.net/-gqe-6x90o
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER

Veröffentlicht: 29.01.2012, 08:15 Uhr

Immobilien in Spanien Der Wahn der fetten Jahre

Die Immobilienpreise in Spanien sinken, die Bautätigkeit verharrt auf niedrigem Niveau, und die Bilanzen der Banken bergen noch böse Überraschungen.

von , Madrid
© F.A.Z. Wohnungen und Häuser in Spanien

Dass sich an der Fieberkurve der Bautätigkeit der Zustand eines ganzen Landes ablesen lässt, ist sicherlich nicht gesund, von Nachhaltigkeit oder ökologischen Erwägungen ganz zu schweigen. Aber so ist es: Spanien - ein flüchtiger Blick auf die Statistiken genügt - liegt auf dem Bauch. Die Wirtschaft schrumpft, die Schlange der Arbeitsuchenden wächst, die Betonmischer stehen still. Hunderttausende Menschen haben nicht nur ihren Job, sondern auch ihre Wohnung verloren, weil sie den Hypothekenkredit nicht mehr bedienen können. War es eine Immobilienkrise mit Ankündigung? Ist Spanien blind in die Grube getappt?

Leider gibt es statt einer oder zwei Ursachen eher ein halbes Dutzend, und sie haben im Kern mit alten Traditionen, der Landesmentalität und einer gehörigen Portion Naivität zu tun. Das erschwert die Lösung des Problems. In einer Studie der Staatsbank Banco de España zur Preisentwicklung auf dem Immobilienmarkt stehen die unschuldigen Sätze, Immobilien machten zwei Drittel des Gesamtvermögens aller spanischen Familien aus und bürgten für ein Drittel aller Kredite. Das war 2003. Damals gab es das Wort von der „Immobilienblase“ noch nicht, die bald platzen sollte, aber „Korrekturen“ des heißer laufenden Marktes sah die Studie schon am Horizont. Der Ton blieb freilich gelassen: Nach der Abkühlung werde die Temperatur schon wieder steigen.

Überschuldung der Privathaushalte als Mühlstein

Doch nach dem Ausbruch der internationalen Finanzkrise kam es anders. Die Überschuldung der Privathaushalte ist zum Mühlstein geworden, der am Hals eines Ertrinkenden hängt. Nordeuropäer mögen es befremdlich finden, wie stark das Denken und Handeln der Spanier um den Hausbesitz kreist. Das liegt nicht allein an der bodenverschlingenden Hotel- und Ferienwohnungsbranche, die das Gesicht der spanischen Mittelmeerküste entstellt. Seit das Franco-Regime vor einem halben Jahrhundert den massenhaften Bau billiger Wohnungen vorantrieb, um den in die Ballungszentren strömenden Arbeitsuchenden schnell eine Bleibe zu verschaffen, seit aus einem Agrarland eine Nation von Städtern wurde, der Staat den Wohnungskauf mit Steuererleichterungen zum Lebensmodell erhob und die Banken günstige bis fahrlässige Kredite gewährten, ist Spanien zum Land der Immobilienbesitzer geworden: 86 Prozent der Bevölkerung wohnen hier in den eigenen vier Wänden. In Deutschland sind es nur 44, in der Schweiz sogar nur 35 Prozent.

Infografik / Die Preise fallen / Wohnungspreise in Spanien © F.A.Z. Vergrößern Wohnungspreise in Spanien

Staunend schauen die Spanier auf einen Deutschen, der in seinem Leben noch keine Wohnung und kein Haus gekauft hat. Stimmt mit dem etwas nicht? Kann er nicht rechnen? Für Spanier ist die Bereitschaft, sich früh an den Wohnungskredit, aber auch an einen bestimmten Ort zu binden, völlig normal. Statt Aktien zu kaufen, erwarb der spanische Privatanleger lieber eine Zweit-, Dritt- und Viertwohnung. Bis 2007 erzielte man damit jährlich 10 bis 15 Prozent Gewinn. In Deutschland etwa sind die Immobilienpreise zwischen 1985 und 2006 um 11 Prozent gesunken; in Spanien haben sie sich im selben Zeitraum verdreifacht. Noch 2006 wurde mit dem Bau von fast 800.000 Wohnungen begonnen, mehr als in Deutschland, Frankreich und Italien zusammen.

1 | 2 | 3 Nächste Seite   |  Artikel auf einer Seite
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Atlético-Trainer Diego Simeone Der große Provokateur aus Madrid

Die Bayern sollten vor dem Halbfinale der Champions League gewarnt sein. Atlético-Trainer Diego Simeone ist ein Trickser, dem jedes Mittel recht ist, wenn es dem Erfolg dient. Mehr Von Hans-Günter Kellner, Madrid

27.04.2016, 14:50 Uhr | Sport
Madrid Regierungsbildung in Spanien gescheitert

Nach dem Scheitern der Regierungsbildung in Spanien werden die Wähler im Juni erneut an die Urnen gerufen. Mehr

01.05.2016, 12:38 Uhr | Politik
Champions League FC Bayern startet mit Boateng nach Madrid

Gute Nachrichten für die Münchner: Abwehrchef Jérôme Boateng steht wieder im Kader für das Halbfinale der Champions League. Vor dem Hinspiel verzichtet Pep Guardiola auf ein Training in Madrid. Mehr

26.04.2016, 14:12 Uhr | Sport
Champions-League-Halbfinale Bayern München grandios gescheitert

Im Heimspiel gegen Atletico Madrid gewinnen die Bayern mit 2:1. Doch der Sieg reicht nicht aus. Wieder einmal scheitern die Münchner im Champion-League-Halbfinale gegen eine spanische Mannschaft. Mehr

04.05.2016, 09:32 Uhr | Sport
Pep Guardiola Ich bin noch nicht tot

Drittes Jahr, drittes Scheitern? Das Rückspiel im Champions-League-Halbfinale gegen Atlético entscheidet, wie Pep Guardiola bei Bayern München in Erinnerung bleiben wird. Die Statistik spricht gegen ihn. Mehr Von Christian Eichler, München

03.05.2016, 16:42 Uhr | Sport

Euro-Alchemisten

Von Holger Steltzner

Nachdem die EZB das Aus für den 500-Euro-Schein beschlossen hat, versucht der für Bargeld zuständige EZB-Direktor die Kritiker zu beruhigen. Was er sagt, ist redlich. Aber leider stieß er innerhalb der EZB bislang auf taube Ohren. Mehr 19 77


Die Börse
Name Kurs Änderung
  Dax --  --
  F.A.Z.-Index --  --
  Dow Jones --  --
  Euro in Dollar --  --
  Gold --  --
  Rohöl Brent --  --

Staatsfinanzen Was tun mit noch mehr Steuer-Milliarden?

Deutschland wird wegen der guten Wirtschaftslage wohl noch viel mehr Steuern einnehmen als gedacht. Schon beginnt der Streit, was damit geschehen soll. Mehr 17

Abonnieren Sie den Newsletter „Wirtschaft“