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Hamburg Sprung nach Wilhelmsburg

02.04.2008 ·  Der Hamburger Stadtteil Wilhelmsburg mitten in der Elbe ist Gastgeber der Internationalen Bauausstellung und der Internationalen Gartenschau. Vieles soll in dem Viertel anders werden. Die Namen sind schon erneuert: Innerstädtische Randlagen werden zu „Metrozonen“. Im nächsten Herbst beginnen die Bauarbeiten.

Von Frank Pergande
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Am Anfang stand der Sprung über die Elbe. Durch ihn könnte Hamburg sein Zentrum verdoppeln - nach Süden über die Elbinseln Veddel und Wilhelmsburg, weiter über die Harburger Schlossinsel, auf der schon lange kein Schloss mehr steht, bis nach Harburg.

Bis vor einigen Jahren war dort fast überall Hafen. Die Grenzen des Zollhafens aber haben sich verschoben, so dass in der Nähe des heutigen Stadtzentrums auf einmal riesige Flächen die Phantasie der Stadtplaner zu ebenjenem Sprung über die Elbe ansetzen ließen.

Die Hafencity ist schon ein Stadtteil

Einiges ist davon schon zu sehen. Vor allem in der Hafencity, der größten Baustelle der Stadt. Seit dem 1. März ist die direkt an der Elbe liegende Hafencity ein eigener Stadtteil, der 105. von Hamburg. Von dort soll irgendwann einmal eine Brücke über die Norderelbe auf die Veddel führen, eine Living-Bridge, eine Brücke mit Wohnhäusern drauf.

Während darüber noch gestritten wird, tut sich auf der Veddel, in Wilhelmsburg und auf der Harburger Schlossinsel schon einiges. In Wilhelmsburg läuft seit dem vergangenen Jahr eine Internationale Bauausstellung (IBA). Derzeit wird vor allem geplant und ausgeschrieben. Um 25 Vorhaben geht es. Im Jahr 2013, am Ende der IBA, soll Wilhelmsburg ein neues Gesicht haben. 2013 öffnet dort außerdem die Internationale Gartenschau (IGS) - auf 110 Hektar, die mitten im knapp 30 Quadratkilometer großen IBA-Gelände liegen.

Vorbereitung für Bauausstellung und Gartenschau

Hamburg richtet die achte IBA in Deutschland aus. Die Planer wollen einen fast verlorenen städtischen Raum nicht nur retten, sondern als Teil des Hamburger Zentrums aufwerten. Das ist nicht so einfach, denn die Elbinsel Wilhelmsburg ist durch eine Schnellstraße, die Wilhelmsburger Reichsstraße, sowie durch die Nord-Süd-Bahnstrecke in zwei Teile geschnitten. Die IBA will die Teile wieder zusammenfügen oder doch wenigstens dafür Anregungen geben.

Der Westen von Wilhelmsburg hat zwar schöne Wohngebiete und Straßenzüge aus der Gründerzeit wie im Reiherstiegviertel, war aber eigentlich seit der Sturmflut von 1962 schon aufgegeben. Die Häuser, die eigentlich abgerissen werden sollten, fanden jedoch neue Bewohner, buchstäblich aus aller Welt. Der Ausländeranteil in Wilhelmsburg liegt bei 37 Prozent. Zählt man jene Wilhelmsburger „mit Migrationshintergrund“ hinzu, kommt man im Westen Wilhelmsburgs auf mehr als 70 Prozent. Hier entstand das, was Uli Hellweg, der Geschäftsführer der IBA, isolierte Parallelgesellschaft nennt.

Viele Widersprüche im Wilhelmsburger Osten

Der Osten Wilhelmsburgs hingegen erscheint widersprüchlich. Neben reetgedeckten hübschen alten Häusern erheben sich Großsiedlungen aus den siebziger Jahren, in die jene Hafenarbeiter einzogen, die aus dem aufgegebenen Westen Wilhelmsburgs umzogen.

Besonders trostlos ist der Berta-Kröger-Platz, wo die IBA in einer Ladenzeile, die leer stand, ihre Vorhaben vorstellt. „Der Ort ist erstaunlich gut besucht, die Leute wollen wissen, was wir hier machen“, sagt Hellweg. Wilhelmsburg wird durch die IBA ein neues Zentrum bekommen, auch einen neuen Berta-Kröger-Platz.

100 Millionen für die Bauausstellung

Hamburg gibt für die IBA aus seinem Sondervermögen 100 Millionen Euro aus. 200 Millionen sollen noch einmal dazukommen, teils aus laufenden Haushaltsmitteln, teils durch europäische Förderung. Die drei Schwerpunkte der IBA bekamen bombastische Namen. „Kosmopolis“ lautet der eine Begriff. Er stammt von dem Soziologen Ulrich Beck. Gemeint ist: Die IBA will zeigen, wie vierzig Nationen miteinander auskommen können. Nicht als romantisches Multikulti, sondern als, wie Hellweg sagt, „neue Qualität von Kultur“.

Auch die Vorhaben dazu haben große Namen. „Weltquartier“ zum Beispiel. Im südlichen Reiherstiegviertel wird eine Häuserzeile aus dem für Hamburg so typischen roten Klinker mit 850 Bewohnern aus dreißig Ländern zum Modell, wie das Zusammenleben aussehen kann. Die IBA-Mitarbeiter gingen in die Wohnungen und fragten die Bewohner, was sie von ihrer Wohnung, ihrem Haus, ihrem Viertel erwarten. Derzeit läuft der international Wettbewerb für den Umbau. Hellweg hofft, dass die Bauarbeiten noch in diesem Jahr beginnen.

Innerstädtische Randlagen werden zu „Metrozonen“

Ein großer Name ist ebenso das „Tor zur Welt“. Dahinter verbirgt sich der Plan, mitten im Wilhelmsburger Zentrum drei neue Schulen auf einem Schulgelände zu bauen, in denen nicht nur neue pädagogische Konzepte ausprobiert werden sollen, sondern die Häuser von 8 bis 22 geöffnet bleiben - für die Schüler, ihre Eltern, aber auch alle die anderen Bewohner des Viertels.

Als zweites übergreifendes Thema nennt Hellweg die „Metrozonen“, die innerstädtischen Randlagen. Wie kann sich ein Viertel entwickeln, in dem es vor allem Lagerhäuser gibt und Containerstellplätze? Man muss heute mit sehr wachen Augen durch Wilhelmsburg gehen, um zu erkennen, was Hellweg schwärmen lässt: Wilhelmsburg als ein Stadtteil direkt am Wasser. Als Ort mit viel Grün. Als ein Stadtteil, der dem Hamburger Zentrum genau gegenüberliegt.

Klimawandel auf der alten Mülldeponie

Die Hamburger Behörde für Stadtentwicklung und Umwelt soll nach Wilhelmsburg ziehen. Neue Wohngebiete entstehen, Gewerberäume und Büros - etwa in einem Büroturm, mit tollem Blick auf die Hamburger Silhouette. Das dritte IBA-Leitthema schließlich ist die „Stadt im Klimawandel“. Auf der früheren Mülldeponie Georgswerder, inzwischen ein vierzig Meter hoher Berg, soll sozusagen aus Abfall Energie gewonnen werden.

Durch Windräder, Solaranlagen, aber auch durch Wärme aus dem Sickerwasser. Vierzig Meter hoch ist auch der künftige „Energiebunker“, der unübersehbare frühere Flakbunker. Innen ist er Ruine seit den Sprengversuchen 1961. Auf 4000 Quadratmetern sollen auf dem Dach Sonnenkollektoren installiert werden. Und innen soll ein Gas- und Holzschnitzelkessel Energie für das Viertel gewinnen.

Auch die Ausländer sollen beteiligt werden

Mit dem Bauen auf der IBA wird es erst im nächsten Jahr richtig losgehen. Vor ein paar Tagen gab es das zweite Bürgerforum, wo IBA und IGS regelmäßig ihre Pläne vorstellen. Der Saal war voll, auch wenn die fehlten, mit denen man vor allem ins Gespräch kommen möchte: die Ausländer. Die alteingesessenen Wilhelmsburger sind in Hamburg als kritische Leute bekannt. Sie freuen sich über den Aufschwung ihres Viertels, befürchten aber auch, dass aus ihrem vergleichsweise preiswerten Wilhelmsburg ein zweites nobles Eppendorf werden könnte.

Im Jahr 2013 soll alles fertig sein. Dann öffnet auch die IGS - sozusagen als Teil der neuen Wilhelmsburger Mitte unter dem Motto: „In achtzig Gärten um die Welt“. Der Stadtteil bekommt so nicht nur einen Sommer lang ein Millionenpublikum, sondern danach einen neuen Park, neue Sporthallen, ein neues Schwimmbad, eine Skaterbahn und in der alten Kapelle einen neuen Treffpunkt für alle. Durch die Öffnung einiger Kanäle wird es sogar möglich sein, vom Jungfernstieg an der Alster im Boot bis zum IGS-Gelände zu fahren. Der IGS-Park liegt genau zwischen Wilhelmsburger Reichsstraße und Eisenbahnlinie.

Wilhelmsburg bleibt geteilt

Die Teilung des Stadtteils mag dann nicht mehr so drastisch wirken, aufgehoben indes ist sie noch lange nicht. Wie zumindest die Wilhelmsburger Reichsstraße zum verkehrsberuhigten Boulevard werden könnte, dazu hat die IBA Vorschläge gemacht. Sie hängen zusammen mit einem wichtigen Straßenbauvorhaben Hamburgs, der sogenannten Hafenquerspange, die im Süden Hamburgs die Autobahnen 7 und die 1 verbinden soll, um vor allem den Hafenverkehr zu entlasten.

Nach bisherigen Plänen würde die neue Straße als Hochstraße nördlich von Wilhelmsburg über den sogenannten Spreehafen verlaufen und wieder einmal als Betonwand den Stadtteil abschneiden. IBA-Geschäftsführer Hellweg hat die Idee, die Straße als Umgehung von Wilhelmsburg zu nutzen. Verbunden wäre das mit einem Tunnel durch den Spreehafen.

Die gewaltigen Kosten würden nach Meinung des Geschäftsführers wieder hereinkommen, weil so mehr als 100 Hektar im Norden von Wilhelmsburg für den Städtebau frei würden. „Boulevard statt Bollwerk“ nennt Hellweg seine Idee. Immerhin wird diese Variante der Hafenspange auch in den Koalitionsverhandlungen zwischen CDU und Grünen eine Rolle spielen.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 30.03.2008, Nr. 13 / Seite V13
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Jahrgang 1958, politischer Korrespondent für Schleswig-Holstein, Hamburg und Mecklenburg-Vorpommern mit Sitz in Schwerin.

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