http://www.faz.net/-gqe-8dtjh
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER
F.A.Z.-Index -- --
DAX ® -- --
Dow Jones -- --
EUR/USD -- --

Veröffentlicht: 27.02.2016, 11:25 Uhr

Großprojekt Andermatt Wachgeküsst vom Milliardär

Andermatt war ein sterbendes Dorf in den Schweizer Bergen. Dann kam ein ägyptischer Investor und fing an, ein Resort für die Reichen und Schönen zu bauen. Seitdem ist nichts mehr wie es war.

von
© Keystone Schweiz/laif Skihotel ohne Skizirkus: Luxusherberge „The Chedi“ in Andermatt

Andermatt. Wenn sie diesen Ortsnamen hören, läuft vielen Schweizer Männern bis heute ein kalter Schauer über den Rücken. Der kleine Bergort, gut 1400 Meter über dem Meeresspiegel im Urserental am Fuß des Gotthardmassivs gelegen, war für Rekruten bis in die neunziger Jahre hinein eine so harte wie ungeliebte Pflichtstation während des Militärdienstes. Die Kommandanten jagten sie bei zweistelligen Minusgraden die steilen Berge hoch, von denen viele fast 3000 Meter in die Höhe ragen. Im eisigen Wind, der mangels Wäldern rund um Andermatt besonders kräftig blasen kann, mussten sie ihre Zelte aufschlagen und den Ernstfall proben.

Johannes Ritter Folgen:

Als die Schweiz zu Beginn des Zweiten Weltkriegs befürchten musste, von Hitler überfallen zu werden, schmiedete der legendäre General Henri Guisan einen Verteidigungsplan: Im Fall eines Angriffs sollte sich ein großer Teil der eidgenössischen Truppen in den Hochalpen rund um das zentral gelegene Gotthardmassiv zusammenziehen und dort eine uneinnehmbare Einheit bilden.

Im Urserental bei Andermatt bauten die Schweizer damals ein gewaltiges Bunker- und Tunnelsystem. Der Ort wurde zum wichtigsten Gebirgstruppenübungsplatz der Schweiz. Für die 1500 Dorfbewohner war das zunächst ein Glücksfall. Die Haupteinnahmequelle, der Tourismus, war mit Beginn des Krieges versiegt; nun fand man in den Soldaten unversehens eine neue. Die einen Andermatter arbeiteten direkt für die Armee, die anderen betrieben Kneipen und lebten gut von den vielen durstigen Kehlen. Etwa zwei Drittel des Dorfes hing auf irgendeine Weise am Militär.

Das Militär hielt das Dorf am Leben

Es war ein bequemes Leben. „Die Wirte mussten nur die Hand aufhalten“, erinnert sich Bänz Simmen, der in Andermatt aufgewachsen ist und dort 1987 eine Snowboard-Schule eröffnet hat. Heute betreibt er obendrein eine Internet-Kiosk-Café-Bar an der Hauptstraße des Dorfs, der - wie könnte sie anders heißen - Gotthardstraße. Simmen, Schiebermütze und Dreitagebart im Gesicht, wirft seinen Andermatter Mitbürgern vor, das leicht verdiente Geld nicht wieder im Ort investiert zu haben. Touristen zog Andermatt, das noch vor dem Krieg fast auf Augenhöhe mit bekannten Wintersportorten wie St. Moritz oder Gstaad rangierte, so nicht an. „Der Tourist war uns eher lästig: Der will schönes Wetter, Pulverschnee und gutes Essen.“

38756619 © Johannes Ritter Vergrößern Kioskbesitzer Bänz Simmen zählt zu den kritischen Stimmen.

Diese Haltung rächte sich, als es mit dem Militärzauber Ende der neunziger Jahre plötzlich vorbei war. Nach dem Ende des Kalten Krieges blies die Regierung zum Rückzug aus den Bergen. Damit verloren die Andermatter ihre wichtigste Einnahmequelle; und für Investitionen in den vernachlässigten Tourismus fehlte das Geld. Andermatt wurde zum Tal der Tränen. „Wir waren auf dem absteigenden Ast“, sagt der Gemeindepräsident Roger Nager. „Viele Bürger wanderten ab, weil sie keine Perspektive mehr sahen.“

Und dann geschah das große Wunder, buchstäblich aus Tausendundeiner Nacht. Ein ägyptischer Milliardär namens Samih Sawiris kam, sah und präsentierte einen kühnen Plan: Rund um den ehemaligen Truppenübungsplatz sollten auf einer Fläche von 1,5 Millionen Quadratmetern sechs Hotels, 42 Apartmenthäuser und 25 Villen nebst Golfplatz sowie Schwimm- und Sportzentrum gebaut werden. Kostenpunkt: 1,8 Milliarden Franken. Ein gewaltiges Projekt, das größte seiner Art auf der europäischen Landkarte. Für Andermatt schien das Märchen wahr zu werden, von dem schrumpfende Gemeinden auch in Deutschland allzu gerne träumen: Von dem Prinzen in Gestalt eines schwerreichen Investors, der einen sterbenden Ort mit Milliardeninvestitionen aus dem Dornröschenschlaf wachküsst. Eine Perspektive bietet, die das Dorf nicht selbst entwickeln muss, sondern die wie ein Geschenk daher kommt.

1 | 2 | 3 Nächste Seite   |  Artikel auf einer Seite
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Schweizer Ergebnisse Albert Anker ist schwer zu schlagen

Die Stars heißen Hodler, Giacometti, Amiet und Anker: Bei den Auktionen im Juni bei Koller in Zürich, Kornfeld in Bern und Beurret & Bailly in Basel waren besonders die Schweizer Künstler gefragt. Mehr Von Felicitas Rhan

23.07.2016, 10:00 Uhr | Feuilleton
Projekt in Albanien Staudamm gefährdet einzigartige Flusslandschaft

Der Fluss Vjosa durchquert Albanien auf dem Weg von seiner Quelle in Griechenland bis zur Mündung in die Adria. Das glasklare Gewässer gehört zu den letzten unberührten Wasserläufen Europas, doch die Regierung in Tirana plant einen Staudamm, um den wachsenden Energiehunger des Landes zu stillen. Die Menschen in dem Dorf Kut sehen dadurch die Grundlage ihrer Existenz gefährdet. Mehr

21.07.2016, 02:00 Uhr | Wirtschaft
Nato-Gipfel Die Gesellschaft muss sich wieder schützen

Die Nato will Russland abschrecken. Noch ist sie aber selbst erschrocken: über die Verwundbarkeit ihrer Mitglieder und fehlende Notfallpläne. Mehr Von Thomas Gutschker

10.07.2016, 10:56 Uhr | Politik
Von Bale bis Shaqiri Die besten Tore der Fußball-EM 2016

Nicht nur der spektakuläre Treffer des Schweizers Sherdan Shaqiri bleibt im Gedächtnis. Auch die Stars wie Cristiano Ronaldo und Gareth Bale zeigten ihre Künste. Sehen Sie die besonderen Tore dieser EM nochmal im Video. Mehr

06.07.2016, 18:32 Uhr | Sport
Austausch mit Großbritannien Hochschulen wollen dem Brexit trotzen

Deutsche und britische Universitäten profitieren vom Austausch ihrer Studenten und Mitarbeiter. Also einfach ruhig bleiben und weitermachen, trotz des bevorstehenden Brexits? Viele wollen das, doch nicht alle sind dabei entspannt. Mehr Von Sarah Kempf

19.07.2016, 12:58 Uhr | Beruf-Chance

Das blaue Dieselgespenst

Von Holger Appel

Einfahrverbote in Städte helfen nicht dabei, die Luftqualität zu verbessern. Sinnvolle Effekte brächten Taxis, Busse und Behörden. Warum die blaue Plakette schleunigst vertrieben gehört. Mehr 57 76

Abonnieren Sie den Newsletter „Wirtschaft“