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Sehr coole Pose : Der Fotograf und sein Fingerhut

  • -Aktualisiert am

Perfekt in Szene gesetzt Bild: F.A.S.

Der Fotograf Edward Steichen gärtnerte mit Leidenschaft. Wer sich keines seiner Werke leisten kann, für den haben wir eine tröstliche Alternative.

          Das Foto misst 25 mal 20 Zentimeter, schwarz-weiß, zeigt eine Pflanze, und wird am 29. November im Berliner Auktionshaus Grisebach versteigert. Der Schätzpreis liegt zwischen 50.000 und 70.000 Euro. Damit dürfte es wohl eine der teuersten Pflanzen-Fotografien sein, die in den vergangenen Jahren bei einer Auktion angeboten wurden. Und das, obwohl keine botanische Diva unter den Hammer kommt. Keine prachtvolle Rose, laszive Lilie oder eine stets erotisch wirkende Calla. Nein, es ist ein simpler Fingerhut. Mit hochaufragender Blütendolde zwar eine auffällige ornamentale Erscheinung, die aber im Garten eher zu den Nebendarstellern zählt.

          Simpel? Nicht, wenn man von Edward Steichen fotografiert wird. Denn welche Präsenz bekommt die Wildstaude Digitalis durch die Linse des Star-Fotografen. Er porträtierte den Fingerhut – vermutlich Digitalis ferruginea oder grandiflora – in Nahaufnahme, wählte nur einen Ausschnitt der langen Blütendolde. Der Abzug zeigt die charakteristischen traubigen Dolden mit den glockigen Blüten leicht vergrößert. Das Foto vibriert vor Sinnlichkeit, die Blume springt einen geradezu an, man meint, die spinnwebfeinen Staubfädchen im feingesprenkelten Schlund anfassen zu können. „Sieh dir das Objekt an, denke darüber nach, bevor du es fotografierst, sieh es an, bis es lebendig wird und dich ebenfalls ansieht“, diese Notiz Steichens passt perfekt zu seinem Fingerhut-Foto.

          Das Who-is-who seiner Zeit

          Der exorbitante Preis erklärt sich durch die Provenienz: „1926 datiert, handelt es sich hier um einen Vintage-Print, also einen Originalabzug, der nach Entstehung des Negativs vom Fotographen selbst hergestellt wurde“, erläutert Diandra Donecker, Fotografie-Expertin bei Grisebach. Zudem stammt das Werk aus der Sammlung seiner Witwe, Joanna Steichen (1933 bis 2010).

          Jener phantastische Fingerhut war nicht das einzige Pflanzenmotiv des großen amerikanischen Fotografen. Er fotografierte auch Sonnenblumen, Taglilien, Lotusblüten, Calla, Getreideähren samt Grashüpfer oder Rosenbuketts. Berühmt wurde der 1879 in Luxemburg als Edouard Jean geborene Steichen allerdings vor allem als Porträtist von Amerikas glamourösen Stars aus der Kunst- und Kultur-, Film- und Modewelt. Von 1923 bis 1937 machte er international Furore mit seinen exquisit inszenierten Fotos für die Magazine Vogue und Vanity Fair. Vor seiner Linse versammelte er das Who-is-who seiner Zeit, von Winston Churchill, Greta Garbo und Regisseur Erich von Strohheim über Maurice Chevalier bis zu George Gershwin, Gary Cooper und natürlich Marlene Dietrich.

          Doch es gab auch eine ganz andere Seite, die den leidenschaftlichen Fotografen im Privatleben ebenso fesselte. Blumenzucht! Steichens Obsession waren Rittersporne. Begonnen hatte die Liebe zur Botanik in Frankreich, wo er in seinem Landhaus Villa L’Oiseau Bleu in Voulangis in der Ile de France einen prächtigen Garten anlegte. Und sich der Züchtung neuer Rittersporn-Sorten widmete. Ein Dilettant, ein Liebhaber wurde zum Profi, der das damals brandneue Standardwerk von Hugo de Vries „Plant Breeding“ über die Mutation las. Er pflanzte Rittersporne der französischen Firma Victor Lemoine und Sämlinge der englischen Firma James Kelway & Sons. Im Sommer 1909 sollen die Lemoine-Exemplare in einer Pracht geblüht haben, „die alles übersteigt, was ich je an einer Blume gesehen hatte – so viel Charme, Würde, Grazie und Eleganz“, schwärmte der stolze Züchter. Übrigens eine verblüffende Parallele zum Potsdamer Züchter und Garten-Philosophen Karl Foerster. Der Zeitgenosse (1874 bis 1970) war Ritterspornen ebenso verfallen. Er widmete ihnen sogar ein ganzes Buch „Der neue Rittersporn – Geschichte einer Leidenschaft“ und bekannte im hohen Alter: „Wer seine ganze Lebensarbeit der blauen Blume, ja nur der schönsten unter ihnen, dem Rittersporn, verschreiben wollte, sähe sich am Ende eines neunzigjährigen Lebens noch vor blauer Unendlichkeit der Aufgaben!“ Ob Steichen Foerster und dessen Züchtungen kannte?

          Steichens erste Blütenpracht in bestechenden Farben veranlasste ihn, die Varietäten zu kreuzen. Die Ergebnisse waren so überwältigend, dass ihm die Französische Gartenbaugesellschaft 1913 eine Goldmedaille überreichte. Was ihn noch mehr anspornte: Im Sommer 1914 war er Herr über 10.000 Sämlinge der dritten Generation, „ein Hektar Rittersporn, was für ein atemberaubender Anblick“.

          Rittersporn in himmlisch schönem Blau

          In den 1920er Jahren zog er nach Amerika, neben New York auf die Umpawaug-Farm in Redding in Connecticut. Um dort gleich einen noch viel größeren Garten anzulegen und noch besessener in die Zucht von Ritterspornen einzusteigen. Im Juni 1936 kam es zu einer Sensation im New Yorker Museum of Modern Art. Denn die Kunstobjekte waren weder Bilder noch Skulpturen, sondern Blumen. Steichen hatte es geschafft, Rittersporne im Museum auszustellen. In einem Saal im ersten Stock gerieten die Besucher in einen Rittersporn-Rausch. In vielen Vasen konkurrierten Hunderte von Elatum-Hybriden, jenen besonders hoch wachsenden Ritterspornen mit dicht besetzten Blütenlanzen, in atemberaubenden Blau-Nuancen, aber auch in hellstem Fliederton, cremeweiß und violett. Kerzengerade und in gigantischen Ausmaßen, teils mannshoch ragten sie empor, elegante, flüchtige Kunstwerke. Alle Rittersporne entstammten Steichens eigener Zucht.

          Von 1935 bis 1939 war Steichen sogar Präsident der American Delphinium Society, ein Ritterschlag, der seine Kenntnisse und seine Passion würdigte. Eine Hybride benannte er nach seinem Schwager, dem Schriftsteller „Carl Sandburg“. In den 1960er Jahren kam dann die Züchtung „Connecticut Yankee“ auf den Markt. Rittersporn in himmlisch schönen Blau-Abstufungen, Weiß und Lavendel. Das Saatgut, Tütchen um 3 Euro, gibt es heute noch. Wer am 29. November nicht mitsteigern will, kann sich zum Trost ein hinreißendes Souvenir an den großen Fotografen und Rittersporn-Züchter Edward Steichen nächstes Jahr in den Garten pflanzen.

          Quelle: F.A.S.

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