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Kurioses aus dem Garten : Rekordjagd im Gemüsebeet

  • -Aktualisiert am

Kevin und sein junger Spross wollen mit ihrer Riesenzucchini den Schwergewichtsrekord knacken. Bild: F.A.S.

Kürbisse so groß wie Nilpferdbabys und Kohlköpfe, die gerade noch in den Kofferraum passen. Riesengemüse züchten kann im Grunde jeder – mit viel Hingabe und ein wenig Exzentrik.

          Die ersten Bretterverschläge tauchen am Straßenrand auf, gefüllt mit knubbeligen Kugeln, die in leuchtendem Orange, gelb gesprenkelt oder grün-weiß gestreift Hobbyköche und Dekofans anlocken. Verlässlich erobert der Kürbis wieder Küchen und Vorgärten und macht den Abschied vom Sommer etwas erträglicher.

          Was aber an Kürbissen alljährlich auf den Spargel- und Erlebnishof Klaistow in Brandenburg kutschiert wird, passt in keinen Kochtopf. Bei den Kürbiswiegemeisterschaften muss die Waage einiges aushalten. Im letzten Jahr wurde Sebastian Lüders zum Kürbiskönig gekürt, er züchtete einen 736 Kilo schweren Koloss. Für den Weltrekord reicht das nicht. Mit dem Titel darf sich (noch) Matthaiuss Willemijns aus Belgien schmücken. Sein Kürbis knackte die magische Marke von einer Tonne: 1190,5 Kilo. Dabei sind die Kürbisse der Sorte ’Atlantic Giant‘ (Cucurbita maxima) nicht das einzige Riesengemüse im Wettstreit. Am 3. September wird bei der offiziellen Riesengemüse-Wiegemeisterschaft auf dem brandenburgischen Hof auch das schwerste Exemplar Zucchini, Möhre, Tomate, Kohlrabi, Rote Bete, Kohl und Zwiebel gesucht.

          Trotz kleinerer Skandale

          Wie sich das Ganze geschmacklich ausnimmt, ist zweitrangig, auch wenn die Züchter betonen, dass es sich bei den Gemüsegiganten nicht um Produkte aus dem Chemielabor handelt. Die richtigen Sorten, Kenntnisse der natürlichen Genetik, Gärtnerwissen und ein wenig Glück seien der Schlüssel zum Schwergewichtserfolg. Die Meisterschaften geben hier Starthilfe, erzählt Ingke Weiland, die für die Veranstaltungsplanung auf dem Hof in Klaistow zuständig ist: „Es gibt einen regen Austausch der Gärtner untereinander, und man teilt fleißig Samen für das nächste Jahr.“ Auch Besucher können beim Kürbisschlachtfest Ende Oktober die kostbare Saat der Giganten ergattern. Ein großer Garten ist für alle Zuchtbemühungen allerdings Voraussetzung. Experten empfehlen mindestens 30 Quadratmeter Gartenfläche – für einen einzigen Riesenkürbis.

          Generationsübergreifende Leidenschaft: Opa Mike Fortey zeigt stolz seine gigantische Steckrübe.
          Generationsübergreifende Leidenschaft: Opa Mike Fortey zeigt stolz seine gigantische Steckrübe. : Bild: F.A.S.

          Bei all der familiären Atmosphäre auf dem Hof ist der Wettstreit durchaus ehrgeizig. „Unsere passionierten Gärtner sind sehr stolz auf ihre selbstgezüchteten Gemüsesorten“, erklärt Weiland. Und wer die Besten hat, zeigt sich erst beim streng überwachten Wiegen. Zwar ist es kein Schönheitswettbewerb (den gibt es aber tatsächlich auch), doch unter den aufmerksamen Blicken der Jury wird nur sorgfältig gereinigtes und unbeschädigtes Gemüse geduldet. Wer schummelt, wird disqualifiziert. Einmal musste ausgerechnet die Dame mit der schwersten Zucchini ausscheiden. Ihr Versuch, Risse in der Haut des Gemüses mit Baumharz zu flicken, flog auf und wurde gleich sanktioniert.

          Trotz kleinerer Skandale hat sich um die Zucht von Riesengemüse eine eifrige Gemeinschaft gebildet. Vor allem im Netz tauscht man sich über den richtigen Dünger und das beste Saatgut aus oder verabredet sich ganz einfach mal zu einer Kürbis-Boot-Regatta. Die ist genau das, wonach es klingt: Gärtner in ausgehöhlten, schlauchbootgroßen Kürbissen paddeln auf dem See um die Wette. Geschnitzte Halloweenkürbisse kann schließlich jeder! Mangelnde Phantasie und Hingabe an ihr Gemüse kann man den Beteiligten jedenfalls nicht vorwerfen.

          Gärtnertipps für Rapper Snoop Dogg

          Dass die Gemüseliebe zuweilen exzentrische Formen annimmt, zeigt jetzt, wie sollte es anders sein, ein Brite, genauer ein Waliser. Kevin Fortey, Gemüsezüchter in zweiter Generation und selbsternannter „Heavy Weight Champion in der Klasse der Gartenkürbisse“, hat ein mit anschaulichen Fotografien gespicktes Buch über die eigene Leidenschaft für die Gartenkolosse und mit einer Fülle an Ratschlägen für angehende Züchter geschrieben. Bei der Lektüre wird schnell klar, dass zum Erfolg im Riesengemüsegeschäft viel Fachwissen und Ausdauer gehört. Für die richtige Nährstoffbalance im Boden setzt Fortey auf eine über Jahre erprobte, beinahe alchemistische Düngerrezeptur. Neben frischem Mist werden Geflügelpellets, nordatlantischer Knotentang, Schafwoll-Kompost und eine hauseigene Mischung aus dreizehn Pilzsorten eingearbeitet. Um es dem wichtigen Wurzelwerk noch angenehmer zu machen, darf der angrenzende Boden nur noch in Ausnahmen und über einzelne Bretter betreten werden, der Haupttrieb bekommt einen Schutztunnel verpasst. Riesentomaten bestäubt er, eine Hummel imitierend, nur mit Vibration, und sobald sie sprießen, wiegt er die Tomaten in einer wolkenweichen Konstruktion aus Seidenstrumpfhosen. Wenn die Kürbisköpfe endlich wachsen, werden sie mit Sonnenschirmen bei Hitze und weichen Decken bei Kälte wie kleine Kinder umsorgt. Etwas selbstironisch vergleicht er dann auch das Kappen der Stengel mit dem Durchtrennen einer Nabelschnur. Zwischen Gemüse und Züchter herrscht eben eine ganz besondere Beziehung.

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          Fortey spart weder mit Wissen zu Züchtung und Kulturgeschichte der Gemüsesorten noch mit skurrilen Anekdoten. Zum Beispiel wie Musiker Snoop Dogg persönlich den damals 68 Jahre alten Gemüseveteran Ian Neale auf ein Konzert nach Cardiff einlud. Der Grund: Der Rapper züchtet selbst Gemüse und erfuhr kurz zuvor, dass Neale mit seiner 38,8 Kilo schweren Steckrübe gerade einen Weltrekord aufgestellt hatte. Backstage gab es von Legende zu Legende dann einige Tipps zum Thema Wurzelwachstum. Darüber, welchen Pflanzen der Künstler einen Schub verpassen wollte, schwieg der Waliser im Fernsehinterview. Kürbisse waren es aber vermutlich nicht.

          „Riesen im Garten – und wie man sie züchtet“ von Kevin Fortey, Servus, Wals bei Salzburg, 2017.

          Quelle: F.A.S.

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