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Dahlien : Farbenfrohes Finale

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Temperament für die kühle Jahreszeit: ’Karma Irene’ Bild: Marion Nickig

Die Dahlie schenkt dem Garten im Herbst ein leuchtendes Feuerwerk. Die meisten lieben ihre kraftvollen Töne. Dabei ist eine ganz zarte Sorte besonders begehrt.

          Sie gilt als die Königin des Herbstes, die Dahlie. Was wären unsere Gärten jetzt ohne diese Blumen, die vor sinnlicher Pracht und Temperament bis in die kleinste Blütenspitze nur so strotzen? Dahlien schenken zum Finale des Gartenjahres noch einmal ein farbenfrohes Feuerwerk. Wer ist die Schönste unter ihnen? Die zitronengelbe Halskrausen-Dahlie ’Clair de Lune‘, die lachsfarbene ’Embrace‘ oder die pinkfarbene ’Pink Suffusion‘? Wie ein Design von Christian Lacroix leuchtet die pink-orangene ’Decorose‘, dunkelrot mit weißen Spitzen prunkt ’Tartan‘. Einfach alle entzückend.

          Wohl deswegen werden sie so heiß verehrt – wieder einmal. Auch Blumen sind Moden unterworfen, und Dahlien sind Geschöpfe, die seit ihrem Debüt in Europa vor 220 Jahren Höhen und Tiefen erlebten. Vom Objekt der Begierde zur Zierde der Bauerngärten, dann zurück über den Lattenzaun in feinere Gefilde und derzeit beliebter denn je. Nur manche Formalästheten und Puristen lehnen sie ab, denen diese Blume entweder zu pompös oder zu strubbelig und zauselig in der Form ist, zu grell und laut in den Farben. Vielleicht kennen sie die royale Schönheit ’Prinzessin Irene von Preußen‘ noch nicht, eine historische Züchtung von 1912 in reinstem Weiß. Noch älter und ebenso nobel ist ’White Aster‘ von 1879, eine der ältesten erhältlichen Sorten überhaupt. Sie gehört zu den anmutigen Pompondahlien. Diese haben eine perfekte Blüte, mit winzig feinstgefälteten, um die Längsachse eingerollten Blütenblättchen. In perfekter Symmetrie formt sich eine kleine Kugel. Ebenjener putzige Bommel, den die Franzosen „Pompon“ nennen. Eine artifizielle Hommage ans Rokoko und seit 1850 auf dem Markt. Es gibt weiße Züchtungen wie ’Snowflake‘ oder ’Albino‘, insgesamt konkurrieren über 80 Sorten miteinander.

          Die Dahlienfans lieben die Blume jedoch gerade wegen ihrer knalligen Farben in Rot, Gelb, Orange und Violett. Denn es gibt die Dahlie dank der vier Pigmente – Flavone, Chalkone, Pelargonin und Cyanidin – in den atemberaubendsten Tönen, knallig, reinweiß, pastellfarben, zwei- und mehrfarbig und gestreift. Die ganze Skala des Malkastens. Nur in Blau gibt es sie nicht. Fast Schwarze sind jedoch im Angebot: eine dunkelrote Diva heißt ’Karma Choc‘ und ’Black Jack‘ schimmert geheimnisvoll in düsterstem purpur-schwarz.

          Die Qual der Wahl

          Wer die Dahlie liebt, der hat also die Qual der Wahl. Sie gilt als sortenreichste Blume überhaupt und gehört zur Familie der Korbblütler (Asteraceae). Das „International Dahlia Register“, 1969 von der Royal Horticultural Society (RHS) in England eingeführt, zählt 13 Klassen auf. Die Dahlie ist eine faszinierende Verwandlungskünstlerin, sie täuscht Dilettanten vor, eine Anemone oder gar Seerose zu sein, verblüfft als orchideenblütige Variante. Der Durchmesser der größten Sorten erreicht die Größe eines Esstellers, die kleinste besticht mit graziöser, gerade mal zehn Zentimeter großer Blüte. Die niedrigste Dahlie erreicht 30 Zentimeter, die hohen Sorten wirkungsvolle Maße bis zu drei Metern.

          Im Ursprungsland Mexico wurde das farbenfrohe Juwel schon vor vielen Jahrhunderten als Symbol für die Sonne verehrt. Die Azteken bewunderten die Dahlie wegen ihres strahlenförmigen Blütenkranzes und der kraftvollen warmen Farben. Die Blumen fielen den spanischen Eroberern ins Auge und wurden, neben erhofften Goldschätzen, ebenfalls zum Objekt ihrer Begierde. Hernán Córtes erblickte auf seinen Eroberungszügen zu Beginn des 16. Jahrhunderts als erster Europäer die prachtvollen Gartenanlagen der Azteken. Im Jahre 1789 schickte Vincente Cervantes, Direktor des Botanischen Gartens in Mexiko-Stadt, Samen an seinen Kollegen, Abbé Cavanilles, nach Madrid. Im Herbst 1790 öffneten sich dort, erstmals auf europäischem Boden, die Blüten einer Dahlie.

          Cavanilles benannte sie Dahlia, nach dem Schweden Andreas Dahl (1751–89), Schüler seines berühmten Landsmannes Carl von Linné, dem Vater der Pflanzen-Systematik. Doch der Berliner Botaniker Carl Ludwig Willdenow ignorierte den aktuellen Stand der Wissenschaft und taufte sie 1803 in „Georgina“ um. Das führte zu einem irritierenden Doppelleben. Fürst Pückler berichtete Gattin Lucie während seiner England-Reise im Oktober 1827 anlässlich eines Besuches auf dem Landsitz von Lord Middleton in Nottingham: „Liebhaber von Georginen können im hiesigen Garten dergleichen finden, welche fast die Größe von Sonnenblumen erreichen.“ Bis heute wird die Dahlie östlich der Elbe manchmal noch Georgine genannt, in Dänemark firmiert sie ebenfalls unter diesem hübschen Namen.

          Ob Dahlie oder Georgine, es war der Berliner Weltreisende und Wissenschaftler Alexander von Humboldt, der jener mysteriösen Exotin ein glanzvolles Debüt in Deutschland bereitete. Von einer Südamerika-Reise brachte er aus Mexiko 1804 Dahliensamen für den Botanischen Garten in Berlin mit. Die Berliner bestaunten die ersten Blüten, und blitzschnell brach ein landesweites Dahlienfieber aus. Gefördert wurde es durch einen berühmten Bewunderer, den Geheimrat von Goethe. Der passionierte Gärtner pflanzte die Dahlie in Weimar neben seinem Gartenhaus im Ilmpark und im Hausgarten am Frauenplan an. Besonders angetan hatte es ihm die Sorte ’Großfürstin Maria Pawlowna‘ wegen ihrer glühenden Farbe, „feurigstes Dunkelscharlachrot mit Lilaspitzen“, schwärmte der Hobby-Botaniker.

          Die Jugendliebe Claude Monets

          Botanische Gärten in ganz Europa tauschten Samen aus, rasant wurden neue Sorten entwickelt, die einfach zu züchtenden Dahlien regten zu kreativsten Kreuzungen an. Bereits 1806 wurden im Berliner Botanischen Garten 55 einfache und halbgefüllte Sorten gezeigt.

          Den Rekord stellte 1841 die englische Firma Harrison auf, die 1200 Sorten anbot. Im thüringischen Bad Köstritz entstanden ab 1820 später berühmte Zuchtbetriebe, der Ort ist bis heute die deutsche Dahlienstätte schlechthin. 1872 gründete dort Ernst Panzer seinen Betrieb, heute führen ihn Heinz und Sohn Dirk erfolgreich in fünfter Generation. Gerade bekam der Senior auf der Internationalen Gartenschau Berlin die „Große Goldmedaille“ für „faszinierende und farbenprächtige Präsentation von Dahlien in allen Klassen in bester Qualität“. 30 Neuzüchtungen brachte Heinz Panzer in den letzten Jahren auf den Markt, wie ’Anna Panzer‘, die klein und kompakt in Rot-Gelb leuchtet und nach Ansicht des Sohnes „das Zeug zur Jahrhundert-Sorte“ hat. Was sind aktuell die Bestseller? „Die ’Café au lait‘, zarte Pastelltöne in Weiß-Rosa-Bräunlich“. Für Panzer paradox: „Die Dahlie wird doch wegen ihrer satten, kraftvollen Farben geliebt“. Die Züchtung von 1967 ist schon eine Vintage-Dahlie, in der Dahlienwelt gelten Züchtungen mit über 50 Jahren bereits als historisch. Aber wie viele Sorten gibt es denn nun? „Offiziell 30.000, aber davon sind viele schon wieder Karteileichen, wegen der schnellen Verfallszeit und der andauernden Neuzüchtungen. Viele alte Sorten gibt es gar nicht mehr“, erklärt Dirk Panzer, in dessen öffentlichem Garten zur Blütezeit 350 Sorten zu bewundern sind.

          Im Auf und Ab der Dahlienmoden wurden sie in Frankreich Mitte des 19. Jahrhunderts geadelt durch den Impressionisten Claude Monet. Dahlien waren – vor den Seerosen – seine Jugendliebe. Damals galten sie als unverzichtbarer Schmuck eines jardin rustique, des Bauerngartens. Monet verwandelte seine ländliche Zuflucht Giverny im Spätsommer mit wogenden Dahlienfeldern in ein funkelndes, leuchtendes Flammenmeer. Zu seinen Lieblingen gehörten die sternförmige ungefüllte Kaktusdahlie ’Étoile Digoinaise‘ und deren Varietäten, „Dahlien mit langen, dünnen Blütenblättern, die einem leichten anmutigen Seestern ähneln und jetzt sehr in Mode sind“, notierte einst ein Besucher. Heute kann man im rekonstruierten Maler-Paradies Exemplare mit zwei Metern Höhe und Blüten so groß wie Fußbälle, bewundern.

          Ein Dahlienfan war der Potsdamer Staudenzüchter Karl Foerster: „Über Leute, die vorgeben, Dahlien nicht zu mögen, könnte man einfach nur lachen, wäre die Sache nicht so ernst“, schrieb der verliebte Verfechter. Und pflanzte in seinem Senkgarten ein blühendes Plädoyer. Auch Englands Garten-Queen Vita Sackville-West schätzte die Dahlie in ihrem Refugium in Sissinghurst. Ihre Favoritin war ’Bishop of Llandaff‘. Die Sorte von 1928 ist die berühmteste Botschafterin der päonienblütigen Dahlien und besitzt ein Karmesinrot von unglaublicher Leuchtkraft. Gleiches gilt für ’Bishops Children‘ in warmem Gelb-Orange, ’Bishop of York‘ bezaubert mit bronzegelber Blüte. Überhaupt, neue Züchtungen der „Bischöfe“ wie ’Bishop of Auckland‘ mit schwarzroter Blüte oder die purpurne ’Bishop of Canterbury‘ sind gerade sehr beliebt im Beet: Die klerikalen Exzellenzen wirken extravagant durch dunkle Stiele und blutrotes dunkles Laub, das die Blütenfarben besonders hervorhebt.

          Aparte Liaisons bilden Dahlien mit Astern und Sonnenhüten, dazu niedriges Chinaschilf (Miscanthus sinensis) oder rotes Lampenputzergras (Pennisetum setaceum ’Fireworks‘) als Weichzeichner. Wow-Effekt haben weiße oder rote Dahlien mit blauem Herbst-Eisenhut (Aconitum carmichaelii ’Arendsii‘). Rosa und violette Dahlien mit den lila Minidolden von Argentinischem Eisenkraut (Verbena bonariensis) wirken impressionistisch. Die längst perfekt eingebürgerten Exotinnen sind robust, pflegeleicht und blühfreudig – an sonnigen Plätzen. Der Wermutstropfen: Die Schönheit der Dahlien verlangt Demut. Denn sie sind bei uns nicht frosthart. Also muss man, wenn all die Pracht verblüht ist, vor ihnen niederknien und die dunklen Knollen zum Überwintern ausbuddeln, im Frühjahr nach dem Frost wieder einbuddeln. Ein wahrhafter Liebesdienst.

          Parks mit sehenswerten Sammlungen

          Dahliengarten Bad Köstritz, www.dahlienzentrum.de

          Dahliengarten Gera, www.dahliengarten-gera.de

          Britzer Garten, Berlin, gruen- berlin.de/node/82/dahlienschau

          Dahliengarten Hamburg-Altona, www.dahliengarten-hamburg.de

          Grugapark Essen, www.grugapark.de Egapark Erfurt, www.egapark.de

          Dahliengarten Baden-Baden, www.dahliengarten-baden-baden.de

          Stuttgart-Killesberg, www.stuttgart.de

          Dahliengarten Insel Mainau, www.mainau.de

          Quelle: F.A.S.

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