Dieses Gefühl kennen viele Eigenheimbesitzer: Der Platz am riesigen Wohnzimmerfenster ist eigentlich der schönste im Haus, mit Glas von der Decke bis zum Boden. Drinnen und zugleich mit Tuchfühlung zum Garten. Und doch fröstelt es einen in der kalten Jahreszeit, selbst bei voll beheiztem Raum. Man spürt die kalte Luft förmlich am Glas hinabkriechen, denn der Temperaturunterschied zwischen dem warmen Raum und der kalten Glasfläche ist einfach zu hoch.
Gerade in Häusern der sechziger und siebziger Jahre, die mit ihren großen Glasflächen modern sein wollten, ist das so. Dort werde man eine neue Verglasung ganz besonders zu spüren bekommen, verspricht der Ingenieur und Schreiner Jürgen Benitz-Wildenburg vom Institut für Fenstertechnik (ift) im bayrischen Rosenheim.
Zwar denkt jeder beim Thema Fenstertausch zunächst ans Energiesparen. Aber ebenso wichtig ist Benitz-Wildenburg die steigende Wohnbehaglichkeit, für die neue Fenster sorgen. Der Effekt ist nicht zu unterschätzen. Wohnkomfort ist für ihn auch Wohngesundheit. So ließe sich die Oberflächentemperatur der Fenster, die bei alten Modellen im tiefen Winter leicht auf 10 Grad Celsius abfällt, auf 16 oder 17 Grad anheben, erläutert der Fachmann. Dann heizt sich ein Raum ganz gleichmäßig auf, man fühlt sich wohl.
Vielschichtige Anforderungen
Überhaupt Fenster: Kaum ein Bauprodukt hat solch rasante Weiterentwicklungen in den vergangenen Jahrzehnten erlebt wie dieses. Das Fenster-Institut in Rosenheim ist eine international anerkannte Prüfinstanz. Gerade kümmern sich die dortigen Fachleute unter anderem darum, ein leicht verständliches Kennzeichnungssystem für die energetischen Eigenschaften von Fenstern zu entwickeln. Vergleichbar mit dem von Kühlschränken und deren „A+“-Aufklebern.
So einfach wie dort ist es aber nicht, die Anforderungen sind vielschichtiger. Manche Gläser sollen nur vor Kälte schützen, andere das Sonnenlicht auch als Heizenergie durchlassen. Wieder andere müssen vor sommerlicher Überhitzung im Gebäudeinnern schützen. Einige müssen alles gleichzeitig.
Tatsache ist jedoch, dass schon heute jedes Fenster mit einem Zweischeibenglas einen Quantensprung in Dämmung und Wohnkomfort gegenüber alten Fenstern ausmacht. Und mehr noch: Das Dreifachglas, das zunächst nur im Passivhausbereich angewendet wurde, wird Standard. Die Kostenunterschiede sinken. In drei Jahren dürfte die dreifache Verglasung bei Bauvorhaben allgemein üblich sein, erwartet Benitz-Wildenburg. Die Energieeinsparverordnung gibt ohnehin den Takt vor. Im Neubau oder bei Sanierungen müssen Fenster mit einem Wärmedämmwert (U-Wert) von 1,3 W verbaut werden, demnächst sinkt die Vorgabe auf 0,9 W. Viele Hersteller kurbeln das Geschäft mit dem Dreifachglas mit Sonderangeboten an.
Staatliche Förderung
Selbst der Bauherr, der an seinem Haus allein die Fenster austauschen will, also sonst gar keine Rundumsanierung plant, kann dafür eine staatliche Förderung erhalten (siehe Kasten). Zur Orientierung: Ein durchschnittliches Einfamilienhaus hat etwa 20 bis 25 Quadratmeter Fensterfläche, und ein Quadratmeter Fenster kostet 400 bis 450 Euro. Das macht für einen Fenstertausch mindestens um die 10 000 Euro. Dieser Preis gilt für Fenster in Kunststoffrahmen. In Holz kostet das Ganze etwa 20 Prozent mehr. Jeder Energieberater rät heute uneingeschränkt zu diesem Tausch, gerade wenn vorher nur Einfachglas oder Verbundscheiben aus den ersten Nachkriegsjahrzehnten vorhanden waren. Auch der Branchenverband Fenster und Fassade (VFF) rechnet, wann immer es geht, die Vorteile vor. So seien die Energieverluste durch Fenster seit 1980 um 80 Prozent gesenkt worden. „Aus Energieschleudern wurden echte Energiesparer“, heißt es seitens der Fensterbauerlobby.
Diese Kostensenker stecken meist in Profilen und Rahmen aus Kunststoff. Derzeit liege der Marktanteil von Kunststofffenstern bei annähernd 75 Prozent aller in Deutschland verkauften Fenster. 20 Prozent dagegen sind Holzfenster, 5 Prozent haben einen Aluminiumrahmen. Über Jahrzehnte ist diese Übermacht der Kunststoffprofile entstanden, sie sind günstig und pflegeleicht. „Wenn auf das Budget geachtet werden muss, nimmt man sie“, fasst es der Architekt Jörn Pötting zusammen.
Er steht für eine pragmatische Herangehensweise. Die prinzipiellen Vorbehalte, die viele seiner Berufskollegen gegenüber Kunststofffenstern hegen, teilt er nicht. Gerade hat der Berliner in Potsdam eine Seniorenresidenz für die Johanniter geplant, der Bau wird dieser Tage bezogen. Er liegt am Fluss, hat vier Geschosse und wirkt dank langer Fensterbänder, zahlloser Balkone und bodentiefer Verglasungen in den einzelnen Etagen leicht und abwechslungsreich. Fenster- und Türrahmen sind dunkelgrau, der Kunststoff wurde mit einer Spezialfolie beklebt. An vielen Vorsprüngen in der Fassade und an den Hausecken haben die Fensterbauer die Glasscheiben im rechten Winkel direkt miteinander verklebt, ohne Profilteile. Außerdem haben alle Fenster so schmale Profile wie möglich, metallene Beschläge und Außenjalousien. Was nur geht, wurde ästhetisch herausgeholt.
Gewöhnlich bemängeln Architekten die eher breiten Kunststoffrahmen. Außerdem scheuen sie das „Einbauküchenweiß“ samt der Entwässerungsschlitze am unteren Rahmenteil. Allerdings sind das offenbar auch Vorurteile, die aus den vielen Billigangeboten auf dem Markt rühren. „Im Internet gibt es Plastikfenster, energetisch passabel, für nur 100 Euro das Stück“, sagt ein Bauingenieur, der regelmäßig Sanierungen betreut und vor diesen Preisschlagern warnt.
Holz liegt im Trend
„Es heißt doch, Deutschland baut die besten Autos und die besten Fenster“, sagt Planer Pötting. Da müsse man, je nach Bedarf und Geldbeutel, jeweils die passgenaue Lösung wählen, ohne Scheuklappen. Den technologischen und logistischen Vorsprung haben bislang die Hersteller und örtlichen Fachbetriebe für Kunststofffenster mit ihrem Baukastensystem. Auf diese Weise können sie andere Anbieter immer unterbieten.
Gerade der Baustoff Holz sollte wieder stärker im Fensterbau verwendet werden, fordern viele Fachleute. Nicht nur, wie bisher, im gehobenen Wohnungsbau oder im Denkmalschutz, sondern auf breiter Ebene. So hat das Institut in Rosenheim vor kurzem ein Forschungsprojekt „Holz 2012“ abgeschlossen, das neue Wege aufzeigt: wie nämlich auch in Holzrahmen zusätzliche Dämmschichten eingefügt werden könnten, welche Holzarten für welche Bedürfnisse am besten geeignet sind oder schließlich, wie die Logistik und Vernetzung in der Holzfensterproduktion zu verbessern ist. Kurz, es geht darum, die Branche technologisch auf einen neuen Stand zu hieven. Holz hat das beste Image. Wenn es nur kostengünstiger wäre, würden viel mehr Bauherren auch ihre neuen Fenster im Holzrahmen bestellen.
Dass der natürliche Baustoff das Raumklima positiv beeinflusst, ist bekannt. Doch auch außen ist er längst nicht mehr so anfällig wie einst, denn neuartige Lackierungen halten länger.
Verbindung mit Alu
„Die Optik und Nachhaltigkeit von Holz ist gefragt, auch im privaten Bereich“, sagt Bastian Timm, Geschäftsführer des Unternehmens Timm Fensterbau in Berlin. Seit Jahrzehnten arbeitet die Firma viel für den Denkmalschutz und für Neubauten, ihr Spezialgebiet sind Holzfenster mit hochwertigsten Verglasungen und Rahmungen. Es sind Hightechprodukte wie diese, die bald in breiter Masse zu finden sein sollen. Timm erläutert, dass neuerdings auch die Produktion von Holz-Aluminium-Rahmen stark ansteige. Diese Verbundkonstruktion gilt als die beste, die möglich ist. Außen wird das Glas vom wetterfesten Alu eingefasst, innen von Holz. Dazwischen liegen Luftkammern. Aber das hat seinen Preis: Ein solches Fenster kostet 15 Prozent mehr als hölzerne.
Schmal und elegant sind diese Profile. Die Bauart ist ideal für transparente Fassaden, die ja technisch kein Problem mehr sind, weil heutige Gläser alles möglich machen. Hohe Energieverluste oder auch das Frösteln an der gläsernen Wohnzimmerwand und der Schiebetür sind längst Vergangenheit. Stattdessen wird versucht, das vollkommene Glashaus zu schaffen.
Nah kommt dem schon das „Minimalhouse“ in einem Wald südlich von Berlin. Der Architekt Hermann Scheidt hat es entworfen, zwischen Pfosten und Riegel setzt man dort die Fensterelemente, so wie Fassadenteile in einen Industriebau. Die Fassade dieses Baus besteht zu 70 Prozent aus Glas. „Das ist ein Prototyp“, sagt Scheidt. Varianten sind möglich.
Der Branchenverband Fenster und Fassade (VFF) und der Bundesverband Flachglas (BF) haben die Fensterflächen im Land errechnen lassen. Demnach gibt es 581 Millionen Fenster-Einheiten. Eine Einheit entspricht einem Fenster von 1,3 mal 1,3 Meter. Insgesamt 312 Millionen Fenster seien aus Sicht der Verbände erneuerungsbedürftig: am dringendsten jene mit Einfachglas (25 Millionen), zudem alte Verbund- und Kastenfenster (52 Millionen) und bedingt auch die 235 Millionen Fenster aus unbeschichtetem Isolierglas.
Geld sparen: Das staatliche Programm zum energieeffizienten Bauen und Sanieren unterstützt auch Bauherren, die "nur" neue Fenster installieren wollen. Entweder mit einem günstigen Kredit oder einem Zuschuss von 5 Prozent der Investition (maximal 2500 Euro). Erfolgt der Austausch im Rahmen einer Gesamtsanierung, kann der Zuschuss auf 17,5 Prozent oder 13 125 Euro ansteigen. Voraussetzung ist, dass Fenster mit einem U-Wert von 0,95 W oder niedriger eingebaut werden.
Energie sparen: Gleich mehrere Kalkulationshilfen gibt es, die eine mögliche Energieeinsparung durch neue Fenster bestimmen. Zum einen hat das Fenster-Institut "ift" eine App für Smartphones entwickelt. Mit diesem "Fenster-Check" kann der U-Wert eines Bestandsfensters ermittelt werden, dann ein Vergleich zum neuen Fenster (www.ift-rosenheim.de). Eine einfache Variante gibt es auch auf der Website der Zeitschrift "Glaswelt": den Glas-Sparkulator. nien.
