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Farbtrends Wie viel Farbe verträgt ein Leben?

 ·  Farbige Wände sind ein Spiegel unserer Seele. Wir suchen nach Muße und Ruhe und wohnen deshalb zwischen Wänden, die aussehen wie Moos und Milchkaffee. Ist Weiß da noch zeitgemäß?

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Manhattangrau ist die Modefarbe der Saison, genau wie Latte Macchiatobraun, habe ich vergangene Woche gelernt. Denn beide Farben hat meine Freundin gerade im Baumarkt gekauft, und in einer dieser Farben wird sie demnächst ihr Wohnzimmer gestrichen haben. Oder in beiden, so genau, weiß sie noch nicht, sie wird es aber ausprobieren. Meine Freundin hat jüngst mehrere Wohnzimmer mit grau-braunen Wänden in Einrichtungszeitschriften entdeckt, und immer. wenn sie die liest - was sie regelmäßig macht -, beschleicht sie dieses Gefühl: Zwar ist ihre Wohnung sehr stylish eingerichtet, aber irgendwie fehlt ihr noch der gewisse Look, ja, der perfekte Wohlfühleffekt. Nun weiß sie aus den Zeitschriften, dass Inneneinrichter genau diesen Effekt mit Farben schaffen, denn die lassen Räume, größer, wohliger oder wertvoller aussehen. Genau das versucht sie auch. Deshalb probiert sie jetzt Latte Macchiato, das sah ziemlich gemütlich aus.

Das steinerne Grau und Milchkaffeebraun, sagen Einrichtungsberater und Farbscouts, sind in diesem Jahr ohnehin die Must-Haves für jedes modische Daheim. Im vergangenen Jahr schwappte eine Welle von Schlammfarben an deutsche Wohnzimmerwände, auch warme Brauntöne prägen jetzt den Charakter vieler Wohnungen, neuerdings kommt noch eine ganze Palette von Grüntönen dazu - von Tanne bis Limette liegt 2013 alles im Trend, was an Natur erinnert und damit nach Entspannung aussieht. Warum wir uns so viele Wald- und Wiesenfarben in die eigenen vier Wände holen? Weil die Wohnung unser „Naherholungsgebiet Nummer eins“ ist, so nennt es Farbforscher Axel Venn, dort suchen wir derzeit vor allem Natürlichkeit, Sicherheit und Gemütlichkeit. Das spiegelt sich auch farblich wieder.

„Kuscheliges Nest“

“Wir wollen in ein kuscheliges Nest“, bringt es Wohnpsychologe Uwe Linke auf den Punkt. Doch wir suchen mit Wohnfarben nicht nur nach unserer Identität, sondern wollen auch anderen etwas zeigen: Wir wollen Repräsentieren. Wer in einer Trendfarbe streicht, signalisiert, dass er den Trend kennt und zur Gruppe derer gehört, die ihm folgen.

Lange wird der Ruf der Natur vielleicht gar nicht mehr aus deutschen Räumen schallen, denn schon kommt auch knalliges Grün zu Hause groß raus, genau wie Neontöne - jedenfalls würden Farbenindustrie, Einrichtungshäuser und Wohnaccessoirehersteller uns 2013 gern diese Farbtrends verkaufen. Und die Käufer übernehmen sie auch immer schneller. Früher konnten wir noch locker zehn Jahre und mehr mit ein und demselben Wandanstrich leben. Heute sind die Moden der Wohnindustrie oft schon nach zwei Jahren wieder vorbei, beobachten Farbscouts.

Nun frage ich mich eines, denn bei mir zu Hause gibt es ziemlich viele weiße Wände: Bedeutet diese Farblosigkeit meinen einrichtungstechnischen Rückstand, ist sie sogar schon der ultimative Wohnfauxpas? Wird die weiße Wand in Sachen Scheußlichkeit bald die Schrankwand ablösen? Und streicht man als modern Wohnender regelmäßig seine Wände um?

Meine Freundin tut das - mit wachsender Frequenz. Als Studentin wohnte sie in ihrem WG-Zimmer in Himmelblau und alle malten gemeinschaftlich Sterne an die Wand. Ihre erste eigene Wohnung strich sie in Maisgelb. „Gelb gefiel mir eigentlich nie, vor allem nicht die üblichen Vanillepuddingnoten. Doch Dunkelgelb fand ein Kumpel toll, da habe ich es ausprobiert.“ Es kam, wie es kommen musste: Die Wände waren bald wieder überpinselt. Es folgten eine neue Wohnung und ein Versuch in Taubenblau mit Wischtechnik, „das sah scheußlich aus“, vor allem weil das Zimmer nach Norden noch trüber wirkte. In ihrer jetzigen Wohnung brachte sie Azurblau an die Badezimmerdecke (“jeden Morgen dachte ich, mir fällt der Himmel auf den Kopf“), nach einem Chinaurlaub kam kurz mal Ziegelrot an die Wand (“das passte aber nicht zu Weiß, also strich ich das ganze Zimmer“), es folgte eine Küche in Grau (“Loriot hätte Aschgrau dazu gesagt, aber zu Birke sah es perfekt aus“) und ein Schlafzimmer in Sand (“ich wollte grauen Nordseesand, hatte aber plötzlich karibischen Strand an der Wand“). Der vorerst letzte Versuch war das Wohnzimmer in Beige, „aber Beige ist viel zu gefällig, das geht mir schon nach einem Jahr auf den Geist“.

Depressive können Gelb und Orange nicht leiden

Solche Wohnhistorien hören Farbforscher einerseits mit Freude. Schon lange kritisieren sie den Hang der Deutschen zum ewigen Weiß, das in den Augen des Berliner Designprofessors Axel Venn vor allem eines ist, viel zu puristisch, ja geradezu „menschenfeindlich“, wenn es Räume dominiert, also von Wänden, Möbeln und Fußböden strahlt. Trotzdem ist es noch immer die häufigste Wandfarbe hierzulande, und vor allem beim Einzug findet fast jeder Mieter weiße Wände vor. Denn Weiß strahlt Reinheit aus und lässt Räume größer erscheinen.

Es wirkt aber auch auf die Menschen, die sich darin bewegen, hat der Farbforscher Axel Buether von der Universität Wuppertal in Experimenten entlarvt: Seine Probanden sollten sich in einer Farbe kleiden, sich in Räumen dieser Farbe bewegen und dabei Fotos von sich schießen. Eine weiße Umwelt, so stellte Buether fest, wirke zwar luftig und leicht, aber darin gaben sich die Menschen starr, gekünstelt, eher regungslos. Eine blaue Umgebung entspannte sie, machte sie aber auch etwas melancholisch. In Rot waren sie selbstbewusst, aktiv und ausgelassen. Puls und Atemfrequenz stiegen allerdings auch messbar in roten und gelben Räumen. „Der Körper passt sich den Farben und Lichtverhältnissen im Raum an“, belegte Buether damit.

Daher warnen Farbforscher andererseits: Wer seinen Räumen einen Anstrich verpasst, beweist damit Mut und Kreativität, wirkt aber direkt auf seine seelische und körperliche Verfassung. Dadurch kann sich eine negative Stimmung leicht verstärken. „Farbe ist emotional in uns verankert, wir können gar nicht anders, als darauf zu reagieren“, sagt Wohnpsychologe Uwe Linke, „deshalb taugt längst nicht jede Trendfarbe für jeden Bewohner.“ Die Farben Gelb und Orange etwa gelten als fröhlich, hell, optimistisch und anregend und deshalb als idealer Anstrich fürs Arbeitszimmer. „Depressive Menschen aber können Gelb und Orange überhaupt nicht leiden“, sagt Linke, „die treiben Sie mit diesen Farben geradezu in den Wahn.“

Grau, so könnte man meinen, sei doch wohl die Farbe für traurige Fälle. Stimmt aber nicht, weiß Linke: „Grau ist eine eher neutrale Farbe, sie wirkt elegant und edel. Menschen, die in Grau leben, wollen sich dahinter gerne auch ein bisschen verstecken.“ Hocken dagegen ruhige, phlegmatische Menschen in gemütlichem Grün, bekommen sie den Hintern oft überhaupt nicht mehr vom Sofa hoch.

Schwarz als letzte Konsequenz

Um meine Freundin mache ich mir Gedanken, seit sie zuletzt ihre Küche strich - in Schwarz. Es ist die einzige Wandfarbe, die sie nicht nach einem Jahr wieder wechselte. Was die über sie sagt? „Schwarze Wände sind die letzte Konsequenz. Der Versuch, sämtliche Farben aus der Umgebung herauszudrängen“, sagt Farbforscher Buether: „Schwarz schluckt Licht, selbst künstliche Beleuchtung kann sich nicht mehr entfalten. Menschen, die zum Verschwärzlichen neigen, sehnen sich nach einer Art Höhlenzustand und wollen vor allem eines: ihre Ruhe.“ Das sei aber eine temporäre Phase, beruhigt er, und werde meist nicht lange durchgehalten. Deshalb atmete ich auf, als sie zu Manhattangrau griff.

Ein paar Gedanken mache ich mir aber trotzdem um sie. Gelegentliches Umstreichen finden Forscher ganz normal. Jeder hat persönliche Farbvorlieben, die sich früh abzeichnen und auch bleiben. Lediglich das Farbspektrum dünnt sich mit dem Alter aus - manchmal auch mit dem Beruf, der uns stromlinienförmiger macht. Zuerst bevorzugen wir Knallfarben, später mattere Töne. Zur Lebensmitte mögen viele Menschen Beige, im Alter deutlich wärmere Farben. Diesen persönlichen Farbfingerabdruck tragen auch unsere Wohnungen. Vor allem tun sie es über Möbel und Einrichtungsgegenstände. Meine sind vorwiegend heiter gefärbt. Deshalb dürfen die Wände weiß bleiben, findet der Psychologe, sonst übertünchen zu viele Farben meine gute Stimmung.

Ob meine Freundin mit dem braunen Anstrich ihren Kuschelfaktor findet, bezweifelt er dagegen: Wer so häufig die Farben wechselt wie sie und ständig den Druck verspüre, zu Hause etwas zu ändern, versuche andere Dinge in seinem Leben zu kompensieren. Dinge, die sich nicht so schnell ändern lassen wie die Farbe an der Wand.

Schlammfarben sind in Mode. Neonfarben aber auch. Wenn das mal gutgeht.

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Jahrgang 1973, freie Autorin in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

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