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Energieautarker Fertigbau Ein Haus versorgt sich selbst

Ein Solarpionier hat ein Musterhaus entworfen, das Strom und Wärme produziert und noch genug Energie fürs Elektroauto übrig hat. Das energieautarke Haus wandelt Licht in Strom.

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In einer Fertighaus-Mustersiedlung in Lehrte bei Hannover steht ein nicht besonders auffälliges Haus. Allein die Ambition ist gewaltig. Das Gebäude soll eine Ziegelstein gewordene Unabhängigkeitserklärung sein. Die Bewohner, geplant wurde für zwei Erwachsene und zwei Kinder, werden unabhängig von den Stromversorgern, von Erdgas- oder Heizöllieferanten und sogar vom Staat und dessen Förder- und Fiskalpolitik. Und schließlich müssen selbst Tankstellen auf die Bewohner des energieautarken Hauses verzichten. Vorausgesetzt, die Rechnungen gehen auf.

Und dazu soll das Ganze noch eine saubere Sache sein: Die sogenannte erneuerbare Energie liefert Strom und Wärme. Die Bewohner können ihre Immobilie vom Stromnetz und von der Gasleitung abklemmen und müssen trotzdem nicht fürchten zu frieren oder im Dunkeln zu sitzen. Das Wichtigste am Haus ist aber nach Angaben seiner Planer, dass es bezahlbar ist: So hingestellt wie in Lehrte mit seinen 162 Quadratmetern Wohnfläche kostet es 363.000 Euro. Es fehlt allerdings noch das Grundstück, das zu klein nicht sein darf. Und einen Keller hat die Muster-Immobile der Hausbau-Firma Helma Massivhaus auch nicht. Er würde noch einmal zusätzlich 30.000 bis 50.000 Euro verschlingen.

Die Idee: Energie sparen und gleichzeitig produzieren

Das Wunderhaus ist möglich mit Geräten und Technik, die heute für jeden zu kaufen ist. Das behauptet der Vordenker der energieautarken Immobilie, der ostdeutsche Solar-Pionier Timo Leukefeld. Er hat zusammen mit den Firmen Solarwatt, Helma Massivbau und Sunstrom das Haus geplant und gebaut. Die Grundidee geht so. Die Strategie der Unabhängigkeitskämpfer hat zwei Elemente: Brutal Energie sparen und die Energie selbst produzieren.

Leukefeld hat sich im ersten Schritt Gedanken gemacht, wie er den Verbrauch mindestens halbiert, ohne dass Spaß und Bequemlichkeit auf der Strecke bleiben. Das Ergebnis ist ein ganzes Spar-Paket: Das Einschrauben von Energiesparlampen und LED liefert den geringsten Beitrag. Die Küche ist komplett mit Geräten höchster Energieeffizienz ausgestattet. Das bringt schon etwas mehr, unrealistisch ist es auch nicht. Wer heute baut, setzt in der Regel eine neue Küche ein. Viele jetzt gekaufte Küchengeräte sind schon sparsam.

Intelligente Gebäudesteuerung spart zusätzlich Strom

Den höchsten Effekt hat aber der Kniff, Waschmaschine und Geschirrspüler mit von Sonnenkollektoren vorgewärmtem Wasser (zwischen 50 und 60 Grad) zu befüllen. Gewöhnlich fressen diese weißen Hausgeräte besonders viel Strom, weil sie kaltes Wasser elektrisch auf die gewünschte Betriebstemperatur bringen. Für die Befüllung mit dem warmen Wasser braucht es allerdings eine Waschmaschine mit extra Warmwasseranschluss oder Vorschaltgerät, die Geschirrspülmaschine kann direkt mit dem warmen Wasser befüllt werden.

Zum ganzen Sparprogramm kommt noch eine intelligente Gebäudesteuerung, die alle Geräte, die im Standby-Betrieb laufen, komplett abschaltet. Sie hat noch mehr drauf, zum Beispiel kann sie Fenster öffnen, wenn Sensoren zu viel CO2 in der Luft messen und wieder schließen, wenn die Atemluft wieder frisch ist.Alle einzelnen Sparanstrengungen zusammen bewirken, dass der Durchschnittsverbrauch der vierköpfigen Durchschnittsfamilie sich auf 1300 Kilowattstunden im Jahr einpendelt. Das ist ungefähr ein Drittel des Normalverbrauchs, der bei 4000 Kilowattstunden im Jahr liegt. Familien mit einer elektrischen Wärmepumpe, wie sie unter anderem von der Bundesregierung propagiert und gefördert wird, verbrauchen noch mehr Strom.

Sonnenkollektoren liefern Wärme im ganzen Haus

Das energieautarke Haus ist nicht nur sparsam, es ist auch sein eigenes Kraftwerk. Den Strom liefert eine sogenannte dachintegrierte Photovoltaikanlage (Hersteller Solarwatt). Übersetzt heißt das, die Solarmodule ersetzen die Dachziegel. Die Photovoltaik beansprucht die untere Hälfte des Daches. Die verbleibende nach Süden ausgerichtete Dachfläche ist für die Sonnenkollektoren reserviert. Sie erwärmen Wasser in einem gut gedämmten stattlichen 9300 Liter-Tank, der mitten im Haus steht und vom Erdgeschoss bis unters Dach reicht. Das erhitzte Wasser hält in dem Tank lange die Temperatur und liefert die Wärme, die über Fußbodenheizungen in den Zimmern verteilt wird.

Genaugenommen sind die Sonnenkollektoren nur für zwei Drittel der nötigen Wärme gut. Von November bis Mitte Februar sind die Tage kurz, die Sonne scheint kraftlos. Dann kommt eine weitere Energiequelle ins Spiel: Ein Holzvergaser. Das ist ein besonders effizienter rund 10 000 Euro teurer Kamin, der 70 Prozent der Feuerwärme nutzt, statt sie zum Schornstein hinauszublasen. Das ist die Eigenart von gewöhnlichen Kaminen. Für den Holzvergaser reichen zwei Festmeter Buchenholz aus (zirka 150 Euro), sie stellen sicher, dass es auch Weihnachten warm bleibt. Damit es nicht länger kalt ist innerhalb der vier Mauern haben die Planer 42 Zentimeter dicke massive Mauern aus einem High-tech-Ziegelstein errichten lassen, der die Wärme bannt, aber Luft durchlässt. Solche Mauern brauchen keine extra Dämmschicht aus Styropor und können im Wärmeschutz trotzdem mit Passivhäusern mithalten. Auch die Lüftung ist keine hohe Kunst wie bei einigen Niedrigenergie-Häusern, die ferngesteuert gelüftet werden.

Ein intelligenter Stromspeicher

Das Gute an der Sonne als Kraftquelle Marke Eigenheim ist, dass sie bis zu viermal mehr Strom liefert, als hier verbraucht wird. Das Schlechte ist, dass die Sonne ziemlich unstet und unflexibel ist. Sie liefert zwar mehr Strom als genug, aber nicht dann, wenn er vor allem gebraucht wird. Mittags wird viel Strom produziert, am Abend aber verbraucht. Im Sommer gibt es reichlich Strom, im Winter ist er gefragt. Mit der Sonne kommt ein Synchronisationsproblem in die Energieversorgung. Was tun? Der Strom muss gespeichert werden.

Im autarken Haus übernimmt ein Blei-Akku-Speicher diese Aufgabe. Er sitzt in einer 2,70 Meter breiten, 80 Zentimeter hohen und tiefen Stahlkiste draußen vor dem Haus. Die Batterie kann zehn bis 15 schlechte Tage ohne nennenswerte Energielieferungen der Sonne überbrücken. Sie braucht dann einen langen guten Sommersonnentag, um wieder aufgeladen zu werden. Im Winter kann der Ladevorgang auch schon einmal einige Tage beanspruchen. Dank dieses Speichers gibt es genug Strom, um auch noch ein kleines Elektroauto damit zu füttern.

Anschaffungskosten trüben Selbstversorger-Idyll

Ganz bewusst hat Leukefeld das Haus so konzipiert, dass es sich auch ohne Solarförderung rechnet und ohne Stromanschluss ans Leitungsnetz funktioniert. Die Idee soll noch leben, wenn die Politik sich ändert. Er ist aber Pragmatiker genug, um Hausherren doch einen Stromanschluss zu empfehlen mit einem Tarif ohne Grundgebühr. Dann fährt man auf Nummer sicher, wenn mal die Haustechnik versagt. Man könnte tatsächlich auch überzähligen Sonnenstrom ins Netz einspeisen und dafür eine Einspeisevergütung kassieren, was das Kalkulationsergebnis noch verbessert.

Mit 363.000 Euro inklusive Tank, Batterie und Solaranlagen ist das Haus teurer als ein gewöhnliches Massivhaus. Dafür verschwinden Nebenkosten und in Zukunft auch die Ausgaben fürs Benzin. Allerdings wird das Haus deutlich teurer, wenn man das Grundstück mit einkalkuliert. Es sollte im Idealfall groß genug sein, dass kein Nachbargebäude Schatten auf Haus und die Solaranlagen werfen kann. Solche Grundstücke fangen bei 700 Quadratmeter an. Dafür gibt man im Rhein-Main-Gebiet zum Beispiel 300.000 bis 700.000 Euro aus.

Eine weitere Voraussetzung ist die Südausrichtung der Häuser. Davon dürfen sie höchstens 20 Prozent abweichen, wenn sie das Selbstversorger-Idyll nicht gefährden wollen. In manchen Regionen lassen die Bauämter die Südausrichtung aber nicht zu, weil das nicht ins Stadtbild oder ins Straßenbild passt. Und schließlich müssen die Dächer mit 45 Grad ziemlich steil sein, damit sie auch die niedrige Wintersonne gut ausbeuten können. Physikalisch optimal wäre sogar ein 62 Grad steiles Dach. Aber das wäre nicht so hübsch.

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Jahrgang 1963, stellvertretender Ressortleiter Wirtschaft und „Geld & Mehr“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

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