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Wohnen in Ostdeutschland : Alle wollen wieder nach „Hypezig“

Gekommen, um zu bleiben: Der deutsche Osten schrumpft nicht mehr. Bild: plainpicture/Jens Kuesters

Im Osten blühen nicht die Landschaften, sondern die Großstädte. Von Rostock bis Leipzig steigen Mieten und Hauspreise. Und manch einer fürchtet, dass sich alte Fehler wiederholen.

          Alle waren auf Schrumpfung eingestellt. Die ganze Stadt hat darüber nachgedacht, wie wir uns mit Leerstand und schwindenden Einwohnerzahlen arrangieren. Dass es so einen Umschwung gibt - damit hat niemand gerechnet.“ Wenn der Architekt Stefan Rettich über Leipzig spricht, die Stadt, in der sein Büro Karo Architekten sitzt und deren Entwicklung er seit der Jahrtausendwende mitbestimmt hat, klingt es, als berichte er aus einer längst vergangenen Zeit. Dabei ist es gerade einmal zehn Jahre her, dass Leipzig die „Hauptstadt des Schrumpfens“ genannt wurde. Ein trister Titel, doch passend für eine Stadt, die in den neunziger Jahren so sehr ausblutete, dass in der Innenstadt 40 Prozent der Gebäude leer standen, in einigen Vierteln sogar die Hälfte. Die 2001 nur noch 493 000 Einwohner zählte, so wenige wie im gesamten 20. Jahrhundert nicht.

          Judith Lembke

          Redakteurin in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Und nun: Von Schrumpfen spricht keiner mehr, stattdessen von „Hypezig“ und davon, dass in Leipzig ein Lebensgefühl herrsche wie in Berlin Prenzlauer Berg in den Neunzigern, mit Künstlerateliers in aufgelassenen Fabriken und Mieten, von denen man in Frankfurt oder München nicht zu träumen wagt. Die Stadt gilt als so hip, dass sie im vergangenen Jahr nicht nur 16 000 Neubürger anzog, sondern auch die ersten Rechtsanwälte und Zahnärzte aus dem Westen wieder da sind, die sich eine Wohnung als vermeintlich sichere Kapitalanlage kaufen wollen.

          Doch nicht nur Leipzig hat die Umkehr geschafft. Auch die anderen ostdeutschen Großstädte blühen auf. Dresden, Jena, Erfurt, Potsdam oder Rostock vermelden steigende Einwohnerzahlen, und selbst Halle, das nach der Wende ein Drittel seiner Bevölkerung verlor, ist wieder so attraktiv, dass mehr Menschen hin- als wegziehen. „Die Abwanderung aus dem Osten ist gestoppt. Seit 2012 ziehen die neuen Bundesländer mehr Menschen aus dem Westen und dem Ausland an, als sie umgekehrt verlieren“, sagt Manuel Slupina, Mitautor der Studie „Im Osten auf Wanderschaft“, die das Berlin Institut für Bevölkerung und Entwicklung in der vergangenen Woche veröffentlicht hat. Der Strukturwandel nach der Wende, den viele ostdeutschen Unternehmen nicht überlebten und der die neuen Bundesländer 1,8 Millionen Einwohner kostete, ist abgeschlossen. Doch der positive Befund gilt nicht für alle Gemeinden - im Gegenteil. Nur 15 Prozent haben zwischen 2008 und 2013 Einwohner gewonnen, die übrigen haben welche verloren.

          Insofern zeigt der Osten dasselbe Muster wie die alten Bundesländer: Während die Metropolen wachsen, in Köln und Frankfurt Mieten und Hauspreise steigen, stehen auch im Ruhrgebiet und in Nordhessen Wohnungen leer. Die neuen Einwohner von Magdeburg und Dresden kommen nicht in erster Linie aus Spanien oder Griechenland, sondern aus der Altmark oder dem Erzgebirge. Die Verstädterung geht auf Kosten des Landes. Im Jahr 2000 lebte jeder sechste Einwohner im Osten in einer Stadt mit mehr als 100 000 Einwohnern. Heute ist es jeder Fünfte. Es sind junge Leute auf der Suche nach einem Ausbildungsplatz oder Senioren, die ihr Haus auf dem Dorf gegen eine Wohnung in der Stadt tauschen und damit die Urbanisierung befeuern.

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