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Das Schwein, der Mercedes und und die Kultur

© Daniel Pilar

Das Schwein, der Mercedes und die Kultur

Von STEFANIE VON WIETERSHEIM, Fotos DANIEL PILAR

26.10.2016 · Das Landleben hat mit der Landlust der Städter nichts zu tun. Ein Besuch im Vorharz.

Ländliche Rasterzellen. Wer möchte schon eine Geschichte lesen, die so beginnt? Dabei versteckt sich hinter dem Begriff des Statistischen Bundesamtes ein Thema, das die meisten Deutschen mit schwärmerischer Liebe, heftiger Ablehnung oder Fluchtbewegung verbinden: gering besiedeltes Gebiet, vulgo Land. Die aktuelle Beziehungskiste der Deutschen mit dem Land ist nicht nur ein Phänomen, das Soziologen und Geographen fasziniert.

In Deutschland leben nach Angaben des Statistischen Jahrbuchs 2015 immerhin 77 Prozent der Deutschen in dicht oder mittelstark besiedelten Gebieten. Die Landflucht führt die meisten nur bis in die Speckgürtel der großen Städte, in ein Häuschen mit Garten. Aber wie lebt es sich wirklich da draußen auf dem Land? Und was unterscheidet den Stadtmenschen vom Landmenschen? Ist es in den strukturschwachen und ländlichen Gebieten Deutschlands nicht öde, der Immobilienwert zu Recht im Keller und die junge Bevölkerung gut beraten, weiter in die Städte zu ziehen, wie sie es überwiegend tut?

Nicht unbedingt. Denn abgesehen von spektakulären „Bauer sucht Frau“-Shows finden in relativ einsamen Zipfeln Deutschlands Dinge statt, die man erfolgreiches Dickschädeltum oder vornehmer individuelle Gegenbewegung nennen könnte. So wie im Vorharz: Da gibt es Rosen für Dubai. Slow-Wurst von Bilderbuch-Schweinen. Graswurzel-Kulturarbeit.

© Daniel Pilar Handarbeit: Landfleischer Claus Brennecke füttert seine Jungbullen. Eine Mitarbeiterin der Gärtnerei Lehnhoff sammelt Gerbera-Blumen.

Liebenburg. Ein 2000-Einwohner-Dorf am Rande des Nordharzes, Landkreis Goslar. Der hat in den vergangenen Jahren kontinuierlich an Einwohnern verloren. Die Statistiker rechnen mit einem Minus von 8,8 Prozent in den Jahren 2007 bis 2020. Allein Liebenburg wird bis zum Jahr 2017 sogar 12 Prozent seiner Einwohner einbüßen. Auch hier stimmt, was Forscher vom Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung unlängst feststellten: Überall auf dem Land fallen die Hauspreise, die Kluft zur Stadt wird immer größer. Große oder sanierungsbedürftige Häuser finden nur schwer Käufer, auch wenn das lange so reiche Wolfsburg nur 65 Kilometer, Braunschweig 35 Kilometer und Wolfenbüttel nur 25 Kilometer entfernt liegen.

Dabei hat Liebenburg im Vergleich zu anderen Dörfern einiges zu bieten: Kindergarten, Grundschule, Oberschule, Freibad, Sportverein. Fünf Bauernhöfe, ein gelbes Barockschloss mit katholischer Kirche oben auf dem Burgberg, einst Jagdschloss des Bischofs von Hildesheim. Die Protestanten haben unten im Dorf ihre Kirche in der Martin-Luther-Straße. Gegenüber steht ein denkmalgeschütztes Fachwerkensemble mit dem Haus des Pfarrers, Gemeindehaus und Kulturzentrum. Zwei Discounter-Supermärkte, zwei Friseure mit Extension-Service, Sonnenstudio, zwei Bäcker, zwei Hausärzte und eine Apotheke versorgen die Liebenburger. Immerhin.

© Daniel Pilar Fachwerk und Vierbeiner: In Liebenburg gibt es ein hübsches Pfarrhaus und stattliche Angus-Rinder.

Diese vergleichsweise gute Ausstattung hat der Ort auch dem großen lokalen Arbeitgeber zu verdanken, der privaten Klinik für Psychiatrie Dr. Fontheim. Im späten 19. Jahrhundert gegründet, wird sie heute in der sechsten Generation geführt. Rund 700 Menschen arbeiten in Krankenhaus, Ambulanz und Heim. Psychisch Kranke und Demente gehören seit Jahrzehnten zum Alltagsbild und werden von der Landbevölkerung selbstverständlich akzeptiert, im Dorf sagt man einfach: „Der kommt von Fontheim.“ Damit ist jede Spekulation, warum ein weißhaariger Mann wunderlich gekleidet ist, spindeldürre junge Frauen äußerst schüchtern über die Straße gehen oder eine alte Dame mit Sprechschwierigkeiten stundenlang im Blumenladen oder bei den Bäckereiverkäuferinnen hockt, geklärt. Die nennen ihre Töchter heute lieber Amy Lou und Cheyenne statt Annemarie und Gerda wie noch die Großmütter. Man lebt ja mit der Zeit, auch auf dem Land.

Oben auf dem Burgberg, mit Blick auf das Dorf, Harz und Himmel. Ein roter Milan zieht seine Kreise. Langsamkeit. Leere. Und Stille. Wenn man hier steht und aus der Vogelperspektive über die Landschaft des Vorharzes blickt, versteht man, dass diese Gegend ein Resonanzraum für den bildenden Künstler Gerd Winner geworden ist, der hier in den Räumen der Burg seit 40 Jahren lebt und arbeitet. Warum er Jahrzehnte per Flugzeug, Bahn und Auto aufs Land pendelte, von New York, Paris und London. Für den heute Achtzigjährigen international renommierten Künstler ist dies kein Problemland, das von Forschungsinstituten als Musterbeispiel für Überalterung, Bevölkerungsschwund und Verfall der Immobilienpreise gilt. Er findet hier Raum zum Denken, zum Sich-Ausleben. Platz für weite Gesten, große Projekte, gerade für jemanden, der kein Landmann, sondern ein Kopfmensch ist. Der SPD-Vorsitzende und Bundeswirtschaftsminister Sigmar Gabriel, der mit Frau und Tochter im nahen Goslar wohnt und zu desssen Wahlkreis Liebenburg gehört, beschreibt die Region fast trotzig: „Goslar, der Harz und das Braunschweiger Land ist meine Heimat, hier habe ich jede Menge Erinnerungen, mal gute, mal weniger gute. Aber ich kann mir beim besten Willen nicht vorstellen, einmal ganz in Berlin zu leben. Bei all den Veränderungen, die Menschen heute bewältigen müssen, ist es wichtig, sicheren Grund unter den Füßen zu haben.“ Heimat. Festen Boden unter den Füßen. Land? Also etwas mit Erde?

Erde hat den Harz und Vorharz einst reich gemacht. Über acht Jahrhunderte hinweg gruben die Bergarbeiter nach Erzen. Das ging bis in die 1960er Jahre. Dann schlossen die Gruben, die Landwirtschaft wurde industrialisiert, und die Menschen wanderten ab. Statt nach Erzen zu graben, pflanzt Familie Lehnhoff in Werlaburgdorf Blumen. „Wir haben die Biologie im Blut, sind eine richtige Gärtnerdynastie“, sagt der 81 Jahre alte Blumenzüchter Friedrich Lehnhoff und schaut zufrieden über seine Felder. „Wir Lehnhoffs sind als Familie alle durch das Fleisch verbunden und arbeiten miteinander, sonst hätten wir längst aufgeben müssen“, sagt er und steckt seine Hände unter die Hosenträger. Ostwind pfeift übers Land, ein süßlicher Duft der rauchenden Zuckerfabrik im nahen Schladen liegt in der Luft.

© Daniel Pilar Familie Lehnhoff von links: Florian, Friedrich und Annemarie, Oliver und Birgit Lehnhoff.

Lehnhoff herrscht über Felder, wie sich Städterinnen das Land vorstellen: Rosen über Rosen, Gerbera, Fette Henne, Zinien, Dahlien, so weit das Auge reicht. Vitale Staffage für Flower Design in den Salons der europäischen Hauptstädte, Trauergestecke der örtlichen Feuerwehren und dicke Kaffeerunden-Dankeschön-Sträuße. Lehnhoff bedient sie alle. Dem Senior des Schnittblumenbetriebes merkt man sein hohes Alter nicht an, so durchtrainiert wirkt er und so schnell ist er im Gespräch. Wie manch andere Bauern hier, die ans Verkaufen gewöhnt sind, ist er ein großer Geschichtenerzähler und burschikos-charmant mit den Damen. Sieben Tage die Woche ist er immer noch auf den Feldern, geht 42 Kilometer lange Blumenstrecken ab, kümmert sich um Pflanzung, Pflege, Schnitt, Arbeiter.

Vom still-kontemplativen Luxus der schönen Kulisse hat er wenig. Das Land ernährt seinen Clan. Drei Kinder hat er mit seiner aus Österreich stammenden Frau großgezogen, die beiden Söhne Oliver, 45 Jahre, und Florian, 41 Jahre, sind seit 2001 Teilhaber. Auch sie sind nach Dorfschule und Gärtnerlehre Blumenzüchter geworden. Oliver hat seine Grundschulfreundin Birgit geheiratet. „Ein schönes, tüchtiges und reiches Dorfmädchen, das hier auch mitarbeitet!“, kommentiert der in Arbeitshose und Karohemd gewandete Senior zufrieden und erinnert dabei kurioserweise an einen Buddenbrook’schen Senator. Er steckt seine Hände wieder unter die Hosenträger und erzählt: „Schon meine Eltern und Großeltern besaßen seit Ende des 19. Jahrhunderts in Hildesheim eine Gärtnerei, die Großmutter verkaufte am Hildesheimer Markt vor dem Roland 40 Jahre lang Gemüse und Obst. Bei uns hat man immer viel gearbeitet, nicht konsumiert und ist nicht verreist. Die Frauen waren so tüchtig wie die Männer, so wie meine Ehefrau. Ich weiß genau, was ich ihr alles zu verdanken habe.“

Lehnhoffs haben sich einen großen Namen mit Freilandrosen gemacht, sind einer der wenigen deutschen Betriebe, die sich diese Plackerei antun - und bundesweit der größte Produzent überhaupt. Früher gab es in jedem Dorf eine Gärtnerei. „Viele in der Region sind die letzten 20 Jahre auf der Strecke geblieben, die Kinder haben diese Mühsal nicht mitgemacht, sind zu VW gegangen und haben gut verdient, aber wir haben es geschafft, weil wir als Familie dahinterstanden und wir uns an die Absatzmärkte angepasst haben“, sagt Vater Lehnhoff. Er kaufte im Jahr 1967 2,7 Hektar Land, heute bewirtschaftet er mit seinen Söhnen Oliver und Florian 18 Hektar. Hier wachsen rund 400.000 Rosenstöcke und viele andere Sorten, davon allein 16.000 Gerbera. In Spitzenzeiten arbeiten 40 Angestellte in der Gärtnerei. Lehnhoffs beliefern rund 100 Blumengeschäfte in der Region, führen einen Hofladen und schicken den Großteil der Freilandblumen zu Versteigerungen in die Niederlande. Sattelschlepper bringen die Vorharzer Blumen zur Auktion, dann reisen sie weiter nach Paris, Dubai, London, Schweden und oder auch zurück nach Deutschland. Am Tag kann ein Laster bis zu 50.000 Stiele aus Werlaburgdorf mit in die Niederlande nehmen.

Work-Life-Balance bedeutet hier: Alles geht ineinander über. Auch Wohn- und Arbeitshäuser. Die Floristinnen und Angestellten treffen sich morgens in der privaten Küche am langen Tisch mit der Plastikdecke zum Kaffeetrinken. Der Senior kümmert sich um die privaten Sorgen seiner osteuropäischen Arbeiter. Die Ehefrau bindet auch mit 71 noch jede Woche fünf Trauergebinde, verkauft im Hofladen, der durch eine Tür mit dem Wohnhaus verbunden ist, und kontrolliert die Pflanzen in den Gewächshäusern. Der jüngere Sohn wohnt auf dem Betriebsgelände, der ältere im Dorf.

Der 41 Jahre alte Florian kümmert sich um die Verkaufstouren mit dem Kleinlaster von Laden zu Laden: das Auto als fahrende Vitrine. „Ich muss jeden Kunden gleich lieben, ein überraschendes Angebot haben, dann läuft es“, sagt Florian. 1000 bunte Sträuße binden die Floristinnen in der Woche für die eigenen Verkaufstouren, Florian Lehnhoff hat dazu 1000 Gerbera und 6000 Rosen an Bord. Blumenverkauf ist ein Indikator für die Sozialstrukturen der Region. „Die Wohlhabenden wohnen heute um Braunschweig herum, nicht in der Innenstadt, und wir leben viel von Wolfsburg. Die VW-Leute haben Geld und sind verwöhnter als wir hier am Land, geben es aber immer bis zum 25. des Monates aus, danach sind die Parkplätze leer“, sagt Lehnhoff senior.

© Daniel Pilar Wachstumsförderung: Unter dem Glasdach gedeiht, was die Angestellten der Lehnhoffs zusammenbinden und verkaufen.

Dafür muss und will es sich sein Sohn Oliver anders beweisen. Auch dieser von seiner Arbeit sichtbar durchtrainierte Mann hat sich das Züchten der Freilandrosen zur persönlichen Aufgabe gemacht und führt einen nie endenden Kampf mit Erde, Wind und Regen. So Jane-Austen-romantisch seine Duft-und Kugelrosen aussehen mögen, so schwierig ist ihr Anbau in einer Region, in der Nachtfröste schnell die Vitalität der Stöcke zerstören. Als er die Besucher mit seiner großen Mercedes-Limousine auf das neue, sieben Hektar große Feld bei Werla fährt, bietet sich ihnen ein überwältigendes Bild: Ein 750 Meter langes Gelände, darauf säuberlich gepflanzt 42 Kilometer an Blumenlinien, die in der Hochsaison im Sommer jeden Tag abgegangen werden müssen. Kleine Kugelrosen, beliebt für Hochzeiten. Dicke Köpfe mit schlanken kurzen Stielen, die wie ein natürlicher Regenschirm das Regenwasser ablaufen lassen und dadurch weniger anfällig für braune Flecken und Pocken sind als andere Rosensorten. „Sie sind die absolute Vollendung“, sagt Oliver und schaut zum Brocken rüber, über dem die Wolken hängen.

Land kann bedeuten: Mit Boden, Regen und Wind arbeiten. Und natürlich ist Land der Lebensraum von Nutztieren. Ein Bio-Pastinakensuppe schlürfender rumänischer Findelhund mit Design-Mäntelchen ist in dieser Umgebung eher undenkbar. Das Verhältnis zu Tieren ist unsentimental, aber nicht unemotional. So ist es auch bei einem Mann, der den Tieren so nahe kommt wie wohl sonst kaum jemand: der Landfleischer. Ein aussterbender Beruf eigentlich, und das nicht erst, seitdem vegane Produkte in Mode sind und selbst Fleischereigiganten gut an Sojawurst verdienen.

Der Liebenburger Claus Brennecke ist 52 Jahre alt, und er mag seine Schweine genauso gern wie seine Wurst, die er aus ihnen macht. Zur Begrüßung sagt er den erstaunlichen Satz: „Ich verstehe Menschen, die Veganer oder Vegetarier sind.“ Und fügt hinzu: „Ich interessiere mich sehr für neue Ernährungstrends, vor allem für gute Produkte. Ich will nachhaltig leben und wissen, woher mein Essen kommt. Ich habe kein offizielles Label, aber ich würde meinen Betrieb als Form der Slowfood-Bewegung bezeichnen!“

© Daniel Pilar Nahversorgung: Landfleischer Claus Brennecke auf der Weide mit seinen Angus-Rindern

Der Landmann, eindrucksvolle, raumgreifende Erscheinung, gekleidet in Preppy-Stil mit hellen Chinohosen und hellblauem Hemd, wohnt und arbeitet als Fleischer in fünfter Generation in Liebenburg. Er wuchs über der 1852 gegründeten Fleischerei der Familie im Ortskern auf. Wenn er aus der Schule kam, musste er an der Ladentheke vorbei rauf in den ersten Stock, wo die Familie lebte. Duft nach Wurst jeden Tag von morgens bis abends. Vor kurzem erfüllte er sich einen Lebenstraum, kaufte einen Resthof mit Ställen und Land, auf dem er seine Schweine und Rinder halten kann. Mit seiner Lebensgefährtin Roswitha Schlüter renovierte er das Fachwerkensemble mit ökologischen Baustoffen. Raumklima ist ihm für sich wie für die Tiere wichtig, da macht er keinen Unterschied. Neben dem Komfort für die menschlichen Bewohner plante er minutiös die Rinderställe mit stetig offenen Toren und beheizbaren Tränken. „Die Tiere müssen natürliche Wetterreize kriegen, das hält sie gesund, dann brauchen sie keine Medikamente“, sagt er. „Ist wie bei den Menschen.“ Er hält das zwischenzeitlich fast ausgestorbene Harzer Höhenvieh und Angusbullen auf mehreren Weiden, zieht Enten und Gänse, kauft Schafe dazu, die auf den Weiden um das Dorf stehen, neuerdings hat er auch Sattelschweine, ebenfalls eine fast ausgestorbene Rasse. „Die sind robuster und ruhiger, weniger krank und leben länger.“ Brennecke hat nun auch als Spezialität eine Sattelschweinwurst, den „Liebenburger Kringel“, im Sortiment, und die läuft gut.

Gerade liegen zwei Sattelschweinsauen in Brenneckes neuem Hof dicht aneinandergekuschelt in einer Box, „die sind dicke Freundinnen, die würde ich nie auseinanderreißen“, sagt er. Sie haben einen langen schwarzen Schwanz, im Gegensatz zu vielen Massentieren, die sich aus Langeweile die Schwänze gegenseitig abbeißen. „Schweine brauchen Beschäftigung, sehen Sie mal Wildschweine an, die suchen doch den ganzen Tag ihr Futter im Boden. Die Spaltenbodenställe, die in den Siebzigern eingeführt wurden, machten es für die Bauern leicht, ist aber für die Tiere wirklich nicht schön. Ich bin für frisches Stroh.“ Der Landfleischer sieht seine rosa-schwarz gemusterten Schweine an, nimmt einen großen Besen und beginnt sie zu bürsten. Schweinemassage. Es amüsiert ihn sichtlich, die Tiere auch.

© Daniel Pilar Borstenvieh: Claus Brennecke rückt seinen Sattelschweinen zu Leibe.

Dann fährt er seine Besucher mit dem robusten Mercedes-Geländewagen über die Hügel, Angusbullen und Harzer Höhenvieh ansehen. „Ich mag das Ruhige hier auf den Weiden, finde so wahnsinnige Menschenmassen nicht schön“, sagt er, als wir den großen Bullen entgegengehen. „Ich brauche das Grüne und Weite“, sagt Brennecke verträumt mit Blick auf den wilden Wolkenhimmel über dem Brocken. „Mal ein paar Tage Gardasee, das reicht.“

Schon als Kind fuhr er mit seinem Vater gerne mit zu Viehverkäufen. „Ich wollte nie in den Kindergarten, ich wollte mit dem Vater Vieh kaufen! Da habe ich gute und schlechte Tierhaltung gesehen, und das hat sich bei mir eingebrannt“, erzählt er. Brennecke ging im Dorf zur Schule, machte in Goslar eine Lehre zum Fleischermeister, arbeitete in der großen Wurstfabrik des Vaters, der zwischenzeitlich als zweites Standbein auf industrielle Produktion gesetzt hatte, denn ortsnahes Schlachten wurde mühsamer und teurer. In den Achtzigern gaben immer mehr Schlachter die Produktion auf. Brenneckes Vater verkaufte 1997. Der Sohn übernahm im Jahr 2000 die Dorffleischerei – und machte alles anders. „Ich bin eine Gegenbewegung gegangen“, sagt er nachdenklich. „Ich wollte ein Handwerker sein und die gesamte Kette von der Zucht über das Schlachten und Wurstherstellen bis zum Verkauf in der Hand haben.“ Dafür steht er Montagmorgen um halb drei Uhr auf, holt eine Ladung Schweine bei einem befreundeten Züchter im 20 Kilometer entfernten Vienenburg ab, lädt sie auf und fährt sie in die Schlachterei mitten im Dorf. „Das muss alles ganz ruhig sein, keine Panik, kein Quieken, wir arbeiten ja in einer Wohngegend. Ich bin ein großer Tierfreund“, sagt er. Ein Schlachter als Tierfreund? „Schon immer gewesen! Ich habe schon als Kind Bauern nicht gemocht, die ihre Tiere schlecht hielten. Ich will auch nicht, dass die Tiere beim Schlachten leiden. Ich bin immer persönlich da und schaue, dass sie gut betäubt werden. Kein Stress ist das Wichtigste! Und solange sie leben, sollen sie es gut haben. Dann werden sie ihrer Bestimmung zugeführt.“ Brennecke arbeitet sechs Tage die Woche, er beschäftigt 37 Leute. Ob seine heute 17-jährige Tochter den Betrieb einmal übernehmen wird, ist offen.

Jeden Tag wird produziert, in der Woche fünf bis sechs Tonnen frische Wurst. „Das Essverhalten der Leute ändert sich, selbst bei uns im Dorf, wenn auch nicht so extrem wie in der Stadt. Wir haben noch nicht so viele Vegetarier, aber wer kann heute noch eine richtige Suppe kochen oder ein Schmorfleisch? Wir beraten die Leute viel mehr als früher!“

© Daniel Pilar Landkultur: Ursula Henk-Riethmüller hat die Initiative „Lewer Däle“ gegründet.

„Schweine und Kultur! Das ist unser Leben hier“, sagt Ursula Henk-Riethmüller, 72 Jahre, und lacht. Die vor zwei Jahrzehnten zugezogene Studiendirektorin aus einer Tübinger Akademiker-Dynastie hat vor acht Jahren begonnen, ein von Ehrenamtlichen betriebenes Kulturhaus inmitten von Liebenburg aufzubauen: die Lewer Däle. Sie war frisch pensioniert und überlegte: Was mache ich mit meinem Leben? Stelle ich mich mit einem Tisch von „Terre des Femmes“ in die Braunschweiger Innenstadt? „Es war abzusehen, dass die traditionellen Vereine langsam überaltern würden, da der Individualisierungsprozess so stark ist. Die traditionellen Strukturen in diesem Ort ohne Dorfgemeinschaftshaus waren am Verschwinden“, erzählt sie. Die Idee: Bürger bieten Kurse für andere Bürger an. Als Mitstreiter hatte sie den evangelische Pfarrer, Dirk Glufke, und Mitglieder aus dem örtlichen Chor. „Neue Landvereine gehen häufig von einem Gebäude aus, das gerettet werden soll, und oft sind es Leute von außen, nicht Menschen, die auf den Höfen geboren wurden, die das in Bewegung bringen“, sagt sie. So war es auch hier. „Als wir erfuhren, dass die Evangelische Landeskirche das schöne Fachwerkgebäude neben dem Pfarrhaus vermieten wollte, hatte ich die Idee, ein Kulturcafé zu gründen. Daraus entstand schließlich der Plan für ein echtes Kulturhaus von Bürgern für Bürger“, erzählt sie. Eine Art Graswurzelbewegung begann. Mit Handzetteln wurde in allen Häusern des Dorfes zu einer Bürgerversammlung aufgerufen und dort die Gründung eines Vereins beschlossen.

Die ehemalige Lehrerin für Französisch und Ethik schlug sich durch den Dschungel von Förderprogrammen, stellte Anträge, die Evangelische Kirche Braunschweig erbot sich, die Hausmiete gegen Renovierung zu erlassen – schließlich stand der Kulturverein Lewer Däle im April 2009. Die Ehrenamtlichen boten zuerst Malen, Töpfern, Fotoausstellungen und Plattdeutschen Klönschnack an, heute gibt es Französischkurse, Kartenspielen, Kunstfahrten, Kabarett und Offenes Singen. Die ältere Generation unterstützt Schüler als Lernpaten, finanziert einen Kulturführerschein, initiiert Theaterprojekte. Dafür bringen Jugendliche den Senioren Computerkenntnisse bei. Mitgliederzahlen und Kursangebote wuchsen Jahr um Jahr. Entscheidend für den Erfolg waren Kooperationen mit Kirche, Kindergarten und Schulen. Pfarrer Glufke sagt dazu: „Ich kann mir das Dorfleben ohne unsere Däle nicht mehr wegdenken. Über alle Glaubensrichtungen, Herkunftsorte und Milieus hinweg verbindet sie Menschen mit ihren Angeboten in Kultur, Bildung und Freizeit. Deshalb müssen wir alles daransetzen, eine dauerhafte Struktur zu schaffen.“ Er beerdigt in manchen Wochen so viele Gemeindemitglieder, dass er den Konfirmandenunterricht umlegen muss. Taufen gibt es immer weniger. Umso wichtiger ist die Verwurzelung der Kultur im Dorf, dessen eingesessene Bürger die Lewer Däle zu Beginn argwöhnisch beäugten.

Die Engagierten – Krankenschwestern, Tischler, Lehrer, Maurer, Sparkassenangestellte – kommen zum Großteil aus Familien, die erst seit einer Generation da sind. „Breitenkultur ist Halteanker für die Menschen am Land. Das ist Heimat. Nicht nur Arbeit“, sagt die quirlige Initiatorin, die grundsätzlich auch bei Wind und Wetter Fahrrad fährt und das Kulturleben des Dorfes in Satteltaschen verpackt mit sich führt. „Ich mag, dass die Leute das Gefühl haben: Alles ist möglich. Auch am Land.“

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Quelle: F.A.Z.

Veröffentlicht: 26.10.2016 14:33 Uhr