Ein Dachgarten kann vieles sein: Spielplatz, Partyzone, Biotop in luftiger Höhe oder - ganz prosaisch - ökologische Ausgleichsfläche. Für Gabriele Oppold ist er gärtnerisches Experimentierfeld, Kräuteranbaugebiet und auch Oase.
Seit sie und ihre Familie vor nunmehr zwanzig Jahren in ihre Penthauswohnung im schwäbischen Ostfildern zogen, pflanzt, sät, mäht, trimmt und erntet die passionierte Hobbygärtnerin auf gut 110 Quadratmetern - fast so, als ob ihr Garten vorm Haus liegen würde und nicht auf dem Dach eines fünf Stockwerke hohen Gewerbebaus. „Wir nutzen unser Dach so intensiv wie andere ihr Grundstück“, hat die 64 Jahre alte Gartenfreundin festgestellt.
Damit ist sie unter Deutschlands Dachgartenbesitzern eher die Ausnahme. Nicht dass es an Grünanlagen und wildem Wuchs auf hiesigen Flachdächern mangeln würde. Im Gegenteil. „Wir haben Tausende von Dachgärten“, schätzt Wolfgang Ansel, Mitautor des Buchs „Moderne Dachgärten - kreativ und individuell“. Für den Rat - und Ideengeber hat der Biologe sich auf den hiesigen Dachlandschaften intensiv umgesehen und eine Reihe von Beispielen gesammelt, die mehr zeigen als die üblicherweise mit Moos und anderen genügsamen Pflanzen wie der Fetten Henne begrünten Flachdächer. Ginge es nach Ansel, könnte es viel mehr intensiv genutzte Gärten auf den Häusern geben. Doch sosehr Bilder und Berichte über spektakulär gestaltete Dachlandschaften begeistern, dem eignen Haus einen üppig begrünten Hut aufzusetzen, scheuen viele.
Finger weg vom Bauaushub
Gründe dafür gibt es gleich mehrere. Ein Gründach kostet. Ohne die Hilfe von Fachleuten sollte sich niemand ans Werk machen - und ohne Genehmigung des Bauamts auch nicht. Der Statiker muss klären, wie viel Gewicht auf der Gebäudedecke lasten darf. Dem versierten Dachgärtner sollte man die Anlage überlassen, denn wenn dabei gepfuscht wird, herrscht Wüstenei statt sattem Grün. Egal ob man sich für die Minimalvariante oder eine intensive Bepflanzung entscheidet - der Grundaufbau ist immer gleich: Auf die wurzelfeste Dachbeschichtung folgen eine Schutzlage und Drainageelemente, die der Wasserableitung und Speicherung dienen. Den Abschluss bildet eine Substratschicht, deren Dicke sich danach richtet, ob genügsame Steingartenpflanzen oder duftende Rosen wachsen sollen. Das Substrat ist alternativlos. Auf dem Dach herrschen nun mal besondere Bedingungen, so dass künstliche Elemente zwingend sind, um eine natürliche Bodenfunktion zu imitieren. „Deshalb sollte man dringend davon absehen, Oberboden oder Aushub aus einer Baugrube zu verwenden“, warnt Wolfgang Ansel.
Gabriele Oppold musste sich mit diesen Fragen nicht beschäftigen, ihr Dachgarten war schon angelegt, als sie einzog. Für sie perfekt: Von ihrem Penthaus aus kann sie ihn ebenerdig erreichen - und daher auch Gartenabfälle vergleichsweise leicht entsorgen. „Einen guten Zugang sollte man unbedingt planen“, rät Ansel.
Schneeglöckchen, Iris, Koniferen
Wenig begeistert waren die Oppolds dagegen von der Pflanzenauswahl, die sie anfangs vorfanden. „Da gab es wenig Blühendes, das fand ich nicht so prickelnd“, erinnert sich Gabriele Oppold. Im Laufe von zwei Jahrzehnten hat sie viele Erfahrungen gemacht und weiß nun recht gut, welche Pflanzen auf ihrem Dach wachsen. Denn Sonne und Wind setzten ihnen in der Höhe bei weitem mehr zu als am Boden. Krokusse und Tulpen etwa versucht Gabriele Oppold längst nicht mehr zum Blühen zu bringen. Große Blütenblätter halten der oft steifen Brise nicht stand. Dagegen freut sie sich an Schneeglöckchen, Iris, Christrosen, Treimasterblumen, blühenden Kräutern und den kleinen Astern. Doch auch höhere Pflanzen haben in Oppolds Garten Wurzeln geschlagen: einige Koniferen sind mittlerweile an die 3 Meter hoch.
Anfängern rät sie, sich bei der Pflanzenauswahl vom Gärtner beraten zu lassen. Das biete wie beim ebenerdigen Garten zwar auch keine Garantie, erhöht aber deutlich die Chancen, dass nicht zu viele Pflanzen ausgetauscht werden müssen. Und wenn doch? Liegen lassen und warten, bis der Regen das Substrat aus den Wurzeln gewaschen hat, lautet der Tipp der Dachgärtnerin. Denn das Granulat nimmt mit der Zeit ohnehin ab: „Man will das ja nicht dauernd auffüllen.“
Lebensraum für Eichhörnchen und Falke
Dass ein grünes Dach nicht nur schön aussieht, sondern auch Lebensraum für Tiere bietet, erfahren Oppolds das ganze Jahr über. Auf ihrem Dachgarten summen Heerscharen von Hummeln und Bienen herum. Eichhörnchen, ein Specht, Amseln, Spatzen und sogar zwei Falken zählen zu den tierischen Mitbewohnern. Die Mäuse konnten sich zum Glück nicht halten. Von einer Schneckenplage sind Gabriele Oppolds Pflanzen in den vergangenen zwanzig Jahren ganz verschont geblieben. „Ansonsten geht es hier aber zu wie in jedem anderen normalen Garten auch.
Der Extensive - Hauptsache Grün
Er ist der häufigste - und das aus gutem Grund. Pflegeleicht und vergleichsweise günstig, eignet sich dieser Dachgarten für alle, die zwar ein grünes Dach haben, aber wenig investieren wollen und denen das grüne Händchen fehlt. Moos, Gras, Kräuter - die Pflanzengesellschaft ist äußerst genügsam und braucht daher nur eine dünne Schicht, auf der sie wachsen kann. Mit einer Aufbaudicke von 6 bis 20 Zentimetern geben sich Fette Henne, Schillergras, Moos und Weißer Mauerpfeffer schon zufrieden - und kommen auch ohne Bewässerung aus. Die Last, die das Dach tragen muss, liegt zwischen 60 bis 150 Kilo je Quadratmeter, die Kosten für die Anlage betragen zwischen 25 und 50 Euro je Quadratmeter.
Der einfach Intensive - Für mehr Vielfalt
Der Name sagt es - dieser Dachgarten ist eine Mischform und für alle geeignet, für die es auf dem Dach ruhig ein wenig bunter zugehen darf, die den ganz großen Auftritt jedoch scheuen. Um Regenbogenschwingel, Gemeinen Thymian und Lavendel, aber auch manch‘Gehölz auf dem Dach eine dauerhafte Heimat zu bieten, ist ein wenig mehr Aufwand als bei der extensiven Variante nötig. Zwischen 12 und 25 Zentimeter hoch muss der Substrataufbau schon sein, damit die Pflanzen gedeihen. Das kostet entsprechend mehr: Wer im Schnitt mit Quadratmeterpreisen um die 75 Euro rechnet, liegt nicht verkehrt. Auch die Last steigt auf bis zu 200 Kilo je Quadratmeter. Dafür verdient die Dachlandschaft dann aber auch schon eher den Namen Garten.
Der Intensive - Lass’ wachsen
Was diesen Typ auszeichnet? Ganz einfach: Er ist von einem Garten am Boden, was Pflanzentypen und Pflege angeht, kaum zu unterscheiden. Ob Rasen, Stauden, Sträucher oder auch Bäume - bei einem Untergrund von bis zu 40 Zentimetern ist vieles möglich, wenn die Statik des Gebäudes es zulässt. Denn so bepflanzt, kann die Last je Quadratmeter bis zu 500 Kilo schwer sein. Um eine regelmäßige Bewässerung kommen die Besitzer hier nicht mehr herum. Auch preislich liegt der intensive Dachgarten auf dem Niveau seines Pendants am Boden: Mit 100 Euro je Quadratmeter muss man kalkulieren - mehr geht immer. Das ist stattlich, aber anderseits ist so ein Garten ein echter Gewinn. Bei guter Pflege über viele Jahrzehnte.
Literatur zum Thema
Wolfgang Ansel, Petra Reidel: Moderne Dachgärten - kreativ und individuell. DVA Architektur, erscheint im September
Manuel Sauer, Helmut Reinelt, Jürgen Becker (Fotograf): Dachterrassen und Balkone: Das große Ideenbuch, Becker Joest Volk Verlag, 2012
Barbara Meister: Garden on Top: Ideenbuch Dachgärten, Cadmos, 2012
