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Crowdfunding Erst kleckern, dann klotzen

 ·  Crowdfunding-Plattformen geben Ideen eine Chance, denen es an Startkapital fehlt. Auch Designobjekte und Immobilienprojekte werden über Kleckerbeträge von Online-Gönnern finanziert.

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© Stact Vergrößern Crowdfunding macht‘s möglich: Das Weinregal als Designobjekt

Man mag zu Marillion stehen, wie man will. Doch gäbe es die Band und ihre Fans nicht, müssten wir auch auf den Garderobenhaken mit Handyablage „Cubby“, das modulare Weinregal „Stact“, die schwerkraftbetriebene Leuchte „GravityLight“ und den rotorblattlosen Ventilator „Exhale“ verzichten. Denn diese Designprodukte wurden über Crowdfunding ermöglicht, über Schwarmfinanzierung im Internet. Wer dafür einen Vorreiter sucht, landet bei den Marillion-Fans, die vor fünf Jahren online 60.000 Dollar (45.000 Euro) sammelten, um ihre Helden auf Tour zu schicken - an der Plattenfirma vorbei. Diese Art der Finanzierung von unten greift seither um sich - inzwischen organisiert auf Plattformen wie Kickstarter, Indiegogo oder Startnext. Nach dem Prinzip „Wenn viele wenig geben“ wird manches möglich, bei dem große Konzerne nur abgewinkt hätten.

Die Macht der Masse nutzen inzwischen immer mehr Kreative. Und zwar nicht nur fürs Produzieren von Musik, Filmen, Spielen und Büchern. Selbst Möbel, Leuchten, Küchenhelfer und Haustechnik werden direkt übers Portemonnaie der spendablen Klientel verwirklicht. Schon verlassen sich auch die ersten Immobilien- und Stadtplanungsprojekte auf die Crowd, die Online-Fangemeinde, die gern ein wenig Geld springen lässt, wenn sie dadurch mitbestimmen darf, welche Möbel produziert werden und wofür die Bagger vorfahren.

Online stellen und warten genügt nicht

Die weltweit größte Plattform fürs Klimpergeldsammeln ist der amerikanische Kickstarter, der vor dreieinhalb Jahren an den Start ging. Bis heute wurden dort fast 83.000 Projekte lanciert, von denen 43 Prozent Erfolg hatten, so dass tatsächlich fast 400 Millionen Dollar geflossen sind. Die meisten der erfolgreichen Kampagnen bleiben zwar unter 10.000 Dollar, immer öfter gibt es aber auch Unterstützung in sechs- oder siebenstelliger Höhe. Vorneweg werden Filme und Videos finanziert. Aber auch im Bereich Design sind bislang 3000 Projekte gestartet, mit einem erfolgreichen Investitionsvolumen von knapp 56 Millionen Dollar. Als erfolgreich gilt ein Projekt, wenn es innerhalb der Laufzeit das vorher festgesetzte Funding-Ziel erreicht. Nach dem Alles-oder-nichts-Prinzip darf alles, sogar der Überschuss, behalten werden. Bleibt die Kampagne unterm Ziel, gehen alle Gelder an die „Backer“ oder „Supporter“ zurück, wie die Spender beim Crowdfunding heißen.

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© Raad Stdio Vergrößern Unterirdisch: Park in New York

Einer der Erfolgreichen war der Kanadier Jamie Kasza mit seiner Idee für ein modulares Weinregal. Was er sich für sein Zuhause vorstellte, gab es nicht zu kaufen, so suchte er einen Designer nach seinem Geschmack und entwickelte mit ihm zusammen, was seiner Meinung nach auf dem Markt noch fehlte: ein reduziertes Regal à la Dieter Rams, das Flaschen an der Wand ausstellt, statt sie nur zu verstauen. Der E-Commerce-Manager kündigte seinen Job und startete die Kickstarter-Kampagne. Er bekam über 100.000 Dollar, um den Prototyp zum Produkt zu machen und auszuliefern. Die ersten Exemplare von „Stact“ werden im Februar verschickt - unter anderem an die Unterstützer. Denn ein Grundprinzip des Crowdfunding sind vorher festgesetzte Dankeschöns je nach Spendenhöhe. Und geht es um Design, reizt die Supporter natürlich das geförderte Produkt selbst.

Online stellen und warten genügt natürlich nicht: Der Entrepreneur Kasza hat 60 Prozent seiner Zeit ins Publikmachen gesteckt. Das Weinregal lief auf den Designblogs hoch und runter, die „Huffington Post“ machte es noch während der Kampagne zum Nummer-1-Kickstarter-Designobjekt.

Vor Produktionsstart Geld in die Hand zu bekommen, für das man keine Bank und keinen Venture-Capital-Geber braucht, ist natürlich ein Privileg. Aber Kasza sieht einen fast noch größeren Vorteil: „Kickstarter ist ein Barometer. Der Beweis, dass das Konzept aufgeht“, meint er.

Nicht die Antwort für jede Produktneuentwicklung

Für Bruce und Stephanie Tharps war Kickstarter keine Starthilfe und auch kein Versuchsballon, sondern so etwas wie die letzte Chance: Schon 2005 hat das Designerpaar einen Garderobenhaken namens „Cubby“ erfunden, der zugleich Stauraum für Sonnenbrille, Handy oder Schlüsselbund bietet. Sie gewannen Preise, fanden aber niemanden, der „Cubby“ produzieren wollte. Zwischenzeitlich fertigten sie ihn sogar zu Hause in der Küche und verkauften ihn über eine Chicagoer Designgalerie. Als sie den Kleiderhaken schon aufgeben wollten, kam Kickstarter ins Spiel - und sie erhielten doppelt so viel Unterstützung wie erhofft, von mehr als tausend „Backern“. „Crowdfunding hat das Potential, die Produktlandschaft zu verändern“, resümiert der Designer. „Es hat eine Range an Produkten ans Licht gebracht, die es vorher nie auf den Markt geschafft hätten.“

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