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Veröffentlicht: 29.08.2016, 16:32 Uhr

Songdo in Südkorea Besuch in der Zukunft

Songdo in Südkorea rühmt sich, die smarteste Stadt der Welt zu sein. Wie lebt es sich ganz futuristisch?

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© dpa Ostasiatisches Utopia: Die südkoreanische Stadt Songdo nahe Seoul

Um in die Zukunft zu gelangen, müssen wir eine 18 Kilometer lange Brücke überqueren. Sie verbindet den internationalen Flughafen Incheon, das Tor zur südkoreanischen Millionenmetropole Seoul, mit Songdo. Übersetzt bedeutet Songdo „Insel der Pinien“, die Vermarkter sprechen aber lieber von der „Stadt der Zukunft“ oder der „intelligentesten Stadt der Welt“. Hier, im Watt des Gelben Meeres, kaum 100 Kilometer von der nordkoreanischen Grenze und keine Flugstunde von China entfernt, wurden seit der Jahrtausendwende 500 Millionen Tonnen Sand ins Watt geschüttet, um ein ostasiatisches Utopia zu bauen: Bis 2020 soll hier die „smarteste“ Stadt der Welt entstehen: mit einer Straßenbeleuchtung, die nur anspringt, wenn auch Menschen unterwegs sind. Ampeln richten sich nach dem Verkehrsaufkommen. Und Müllfahrzeuge sucht man in Songdo umsonst, denn der gesamte Abfall wird über ein unterirdisches Rohrsystem entsorgt, sortiert und recycelt. So heißt es zumindest, denn Abfalleimer gibt es dennoch. 30 Prozent Energie soll durch die ausgefeilte Technik im Vergleich zu anderen Städten eingespart werden.

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In der Zukunft angekommen, fällt zunächst auf, wie leer sie ist. Wer die quirligen koreanischen Metropolen wie Seoul oder Busan kennt, mit ihren blinkenden Leuchtreklamen und den vielen Restaurants und Garküchen an vollgestopften Straßen und Gassen, ist von der Weite überrascht. Mit ihren wenig befahrenen breiten Straßen, zwischen denen sich die Hochhäuser nicht wie sonst in dem Land eng aneinander schmiegen, sondern in ungewohnter Distanz zueinander stehen, fühlt man sich an die deutschen Bürostädte der sechziger Jahre erinnert: moderne Bauten mit viel Grün dazwischen, wie in der Hamburger City Nord oder Frankfurt-Niederrad. Auch Songdo wurde am Reißbrett entworfen: als Entlastung für die Hauptstadt Seoul, in der jeder Fünfte von Koreas 50 Millionen Einwohnern lebt und die aus allen Nähten platzt. Vor allem aber, um eine Freihandelszone zu schaffen, die Investoren aus aller Welt an diesen günstig gelegenen Ort zwischen Japan und China locken soll. Von den 100.000 Menschen, die bislang in Songdo leben, sind jedoch weniger als 3000 Ausländer. Dafür sind aber schon ein paar koreanische Popstars da, die ihre Penthouse-Wohnungen in den verspiegelten Wolkenkratzern am „Central Park“ bezogen haben und in Homestorys von den Annehmlichkeiten der Zukunftsstadt schwärmen.

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Auch Yeon-Soo Song ist vor acht Jahren über die Brücke gezogen. Die 63 Jahre alte Frau lebt in einem der vielen Apartmenttürme für die Mittelschicht - nach eigener Aussage sehr gern: „Es ist so grün hier, so ruhig, und die Luft ist viel besser als in Seoul“, sagt sie. Jeden Tag geht sie zum Walken in den „Central Park“, das grüne Herz in der Mitte Songdos, nach New Yorker Vorbild gestaltet. Durchzogen wird der Park von einem mit Meerwasser gespeisten Kanal und mehreren Spazierwegen. Doch die elektrisch betriebenen Wassertaxis sind ebenso verwaist wie die Wege und der Spielplatz. Nur ein paar ältere Menschen machen Gymnastik am Ufer. Das ist vielleicht die erstaunlichste Erkenntnis aus der Zukunftsstadt: Sie wird nicht von technikaffinen Freaks bewohnt, sondern ist vor allem bei Rentnern beliebt, die die Ruhe und Sicherheit schätzen. „Wenn ich überfallen werde und schreie, kommt sofort die Polizei“, lobt Song bei einem Spaziergang durch den Park. Eine totale Kameraüberwachung, zahllose Sensoren und eine hohe digitale Vernetzung machen das möglich. Ob so ein Überfall in Songdo denn schon jemals vorgekommen sei? Song schüttelt den Kopf. Korea ist eines der sichersten Länder der Welt.

Auf der Suche nach einem unbewachten Plätzchen

Was denn an ihrem Alltag noch besonders „smart“ sei, wollen wir wissen. Song überlegt. Dass sie die Beleuchtung und die Jalousien ihrer Wohnung über das Handy steuern könne, zum Beispiel. Oder dass in ihrer Wohnung überall Kameras seien. „Die habe ich allerdings ausschalten lassen, das ist mir irgendwann zu viel geworden.“ Und das Licht schalte sie auch ganz konventionell an, sie sei schließlich schon alt. „Aber für die jungen Leute ist diese Technik doch bestimmt toll“, glaubt Song.

Hye-Jin ist eine Vertreterin dieser jungen Generation von Koreanern um die 30, die das Handy niemals aus der Hand legen - auch dann nicht, wenn sie sich mit Freunden zum Essen trifft. Sie ist aus Seoul zu Besuch gekommen und mit ihrem Freund in eines der koreanischen Barbecue-Restaurants im Zentrum eingekehrt. Ob sie sich vorstellen könnte, hier zu leben? Sie schüttelt vehement den Kopf. „Es ist zwar schön grün hier, aber total tot“, sagt sie.

Nach dem Essen wollen ihr Freund und sie eine Zigarette rauchen. Kurz bevor sie sie ansteckt, bemerkt ihr Freund die Kamera. In der Öffentlichkeit beim Rauchen erwischt zu werden kann teuer werden, also steigen Hye-Jin und ihr Freund ins Auto, auf der Suche nach einem unbewachten Plätzchen. Sie fahren durch leere Straßen, vorbei an noch unbebauten Brachflächen, aber trauen sich nirgendwo auszusteigen, überall sind Kameras. Am Ende zünden sie sich ihre Zigaretten im Auto an. Auf der Fahrt zurück nach Seoul.

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