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Veröffentlicht: 02.02.2017, 12:14 Uhr

Berlin? Och nö! Aufschwung in der Vorstadt

Die Metropolen verlieren an Anziehungskraft. Die Familien ziehen wieder in den Speckgürtel, die Jungen lieber nach Leipzig, und mit den wahren Gewinnern hat kaum jemand gerechnet.

von und
© ddp Images Schöne Aussicht: Städte wie Lübeck ziehen neue Einwohner an.

Die Deutschen orientieren sich neu - zumindest mit Blick auf den Wohnungsmarkt. Waren die sieben größten Städte des Landes bis vor drei Jahren sowohl bei In- als auch bei Ausländern gleichermaßen beliebt, zieht die einheimische Bevölkerung mittlerweile vermehrt wieder in den Speckgürtel - oder in kleinere Städte der Region. Gerade für junge Familien aus der Mittelschicht sticht Fürstenfeldbruck heute München-Schwabing und Wedel in Schleswig-Holstein das Hamburger Schanzenviertel. Junge Erwachsene, die häufig noch keine Familie haben, lassen sich nicht in erster Linie in Großstädten wie Berlin oder Hamburg nieder: Die meisten Einwohner zwischen 20 und 35 gewinnen mittlere Städte wie Leipzig, Regensburg oder Darmstadt hinzu. Und zu den derzeit „attraktivsten Sieben“ überhaupt, die Konstantin Kholodilin vom Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) ermittelt hat, indem er die Zu- und Wegzüge der Inlandsbevölkerung von 109 Städten untersuchte, zählen ferner Lübeck, Potsdam, Hannover und Mainz. Sie alle verzeichnen laut DIW seit 2011 nicht mehr nur eine wachsende Einwohnerzahl, es zogen 2014 auch mehr Einheimische zu, als der Stadt den Rücken kehrten.

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Der Grund für Familien - oft entgegen ihren eigentlichen Präferenzen -, die sieben größten deutschen Städte zu verlassen, sind die hohen Mieten und Kaufpreise: Ein gebrauchtes Einfamilienhaus für durchschnittlich 1,2 Millionen in München oder für 750.000 Euro in Stuttgart ist selbst für Gutverdiener nicht drin. Und auch in Frankfurt, wo die Quadratmeterpreise für Eigentumswohnungen im Schnitt mittlerweile 5000 Euro betragen, wie der Gutachterausschuss für Immobilienwerte diese Woche mitteilte, hat die Preisrally Folgen für die Bevölkerungsstruktur.

Mit Blick auf die hohen Kaufpreise sprach Planungsdezernent Mike Josef von einer „dramatischen Entwicklung“: Viele Familien könnten sich eine Wohnung in der Bankenstadt nicht mehr leisten und wanderten ab. Zurück bleiben die Reichen, die sich auch von Kaufpreisen von mehr als einer Million Euro für ein Reihenhaus nicht abschrecken lassen, und die Armen, die Anrecht auf eine Sozialwohnung haben. Die Mittelschicht wird jedoch herausgedrängt.

Auf den Speckgürtel kommen neue Anforderungen zu

„In den teuersten Regionen Deutschlands stehen wir heute wieder an der Schwelle zu einer weit ausgreifenden Suburbanisierung“, stellt Harald Herrmann, Direktor des Bundesinstituts für Bau-, Stadt- und Raumforschung (BBSR), fest. Das zeige auch eine Analyse der regionalen Baugenehmigungen, die im Umland der Großstädte überdurchschnittlich gestiegen sind. Herrmann hält die Wanderung in den Speckgürtel für „wichtig und unumgänglich“, weil sie den Druck von den angespannten Wohnungsmärkten in den Großstädten nehme, mahnt aber auch: „Die Gemeinden im Umland müssen die Nachfrageentwicklung rechtzeitig erkennen und sich auf den Mehrbedarf an Baufläche einstellen.“

Für Stadtplaner und Lokalpolitiker ist das ein heikles Thema. Denn das große Ziel der Städte heißt eigentlich Nachverdichten und Einwohner halten. Erstens schont es vielerlei Ressourcen, innerhalb der bestehenden Infrastruktur zu bauen. Zweitens führen Umzüge aus der Stadt zu größeren Pendlerströmen, und drittens kratzt Bevölkerungsverlust immer am Image. Doch angesichts der angespannten Lage am Wohnungsmarkt und der hohen Bodenpreise müsse man sich ins Umland orientieren, sagt Frank Junker, Chef der städtischen Wohnungsbaugesellschaft ABG. Das Frankfurter Unternehmen baut seit geraumer Zeit außerhalb der Stadtgrenzen. „Wohnungsbau ist ein Thema, das die ganze Region lösen muss“, fordert Junker.

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