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Neue Häuser: Radikale Veränderung nicht nötig

© Verena Müller

Was man sich in den Sechzigern nicht getraut hat

Von BIRGIT OCHS

11.01.2017 · Mit gezielten Eingriffen hat ein Architekt ein Haus aus den Sechzigern für seine Familie umgebaut – für ihn haben Häuser aus dieser Zeit einen besonderen Reiz.

Land oder Stadt? Gehen oder bleiben? Jahr für Jahr stellen sich Großstadtbewohner auf Wohnungssuche diese Frage – und seit drei Jahren entscheiden sich immer mehr für einen Umzug. Warum es sie wegzieht, ist einfach erklärt: Sie wollen ein größeres Zuhause, doch das können sie sich nur jenseits der Stadtgrenzen leisten. Das geht auch Architekten zuweilen nicht anders, und deshalb wohnen Michael Ragaller und seine Frau Astrid mit ihren beiden Kindern jetzt in Waldenbuch in einem Doppelhaus und nicht mehr in ihrer Jugendstil-Altbauwohnung mit Stuck und hohen Decken im Stuttgarter Westen. Gut eine halbe Stunde braucht man mit dem Auto aus der keine zehntausend Einwohner zählenden Kleinstadt bis in die Landeshauptstadt. Waldenbuch hat keinen S-Bahnhof, dafür aber Kitas, eine Grund-, Haupt- und Realschule, ein Museum der Alltagskultur und einen Immobilienmarkt, auf dem man „für sein Geld noch einen reellen Gegenwert bekommt“, sagt Michael Ragaller.

© Verena Müller Bitte recht freundlich: Ein bodentiefes Fenster und zartes Grau strukturieren die Fassade.

Wohnen, das bedeutet für die meisten, Kompromisse zu machen. Das gilt auch für Architekten. Deshalb leben er und seine Familie nun seit einem Jahr im Landkreis Böblingen. Neu gebaut haben sie nicht, sondern ein Anfang der sechziger Jahre entstandenes Wohnhaus mit ein paar gezielten Eingriffen ihren Bedürfnissen angepasst. Das Haus gehört zu einer kleinen Siedlung, die damals nach den Plänen eines ortsansässigen Architekten entstand. „Die Gebäude jener Jahre erleben derzeit einen Besitzerwechsel“, weiß Ragaller aus seiner Berufserfahrung. Für sein Büro Schleicher. Ragaller gehörten Umbaumaßnahmen zum Alltagsgeschäft, sagt er.

© Verena Müller Auf geht‛s: Große Schiebetüren öffnen das Haus zum Garten.

Der Planer selbst schätzt die Architektur der sechziger Jahre, die mit ihren feinen Profilen und ihrer luftigen Bauweise den heute am Bau geltenden Regeln widerspricht. Das Haus in Waldenbuch hatte nach dem Tod des vorherigen Besitzers zunächst ein halbes Jahr leer gestanden, bevor es auf den Markt kam. Es habe ihm auf Anhieb gefallen, sagt Ragaller, der die Vorzüge des fünfundfünfzig Jahre alten Baus erkannte. Auch Astrid Schäfer-Ragaller gefiel das Haus. „Auch wenn ich mir anfangs nicht so richtig vorstellen konnte, was daraus werden könnte“, schränkt die Lehrerin ein und ergänzt mit einem Lächeln: „Aber wozu hat man einen Architekten im Haus?“ Die beiden bekundeten noch während der Besichtigung vor Ort ihr Interesse. Das war an einem Samstag. Montags hatten sie die Zusage. Dann ging alles ziemlich schnell.

© Verena Müller Klare Sache: Die Einbaumöbel hat ein Schreiner gefertigt. Kurzer Anstieg: Die Treppe hinauf ins Dachgeschoss gliedert den Raum.

Ragaller gefiel, wie sein Kollege in den Sechzigern den Grundriss geplant und die Verbindung zwischen den Etagen organisiert hatte. Von der im Norden liegenden Straße aus kommend, steigt das Grundstück um mehrere Meter an. Der Waldenbucher Architekt hatte zur Straße hin neben dem Eingang zwei Zimmer untergebracht und die Kellerräume dahinterliegend im Hang angesiedelt. Die Treppe zum oberen Geschoss verbannte er nicht, wie in solchen Häusern häufig, in eine Ecke, wo sie sich hinaufwendelt, sondern führte sie einläufig nach oben, was deutlich eleganter wirkt. Um den Eingang etwas zeitgemäßer zu gestalten, erhielt das Haus eine neue Eingangstür, die zudem eine bodentiefe Glasscheibe ergänzt. Sie bringt mehr Tageslicht in den Raum. Vor allem öffnet sie das Haus aber etwas mehr zur Straße hin. „Das Verhältnis zwischen öffentlich und privat muss man ausbalancieren“, sagt Michael Ragaller, dem es missfällt, wenn Bauten ihrer Umgebung gegenüber völlig dichtmachen. Dieses Abwehren und Sich-Verschanzen in einer ruhigen, vergleichsweise breiten Wohnstraße wollte er vermeiden. Zumal ein Vorgarten zwischen Gehweg und Haus Distanz schafft. Drinnen in der Diele wurde seitlich Platz für eine integrierte Garderobe geschaffen und der Boden mit Zementfliesen belegt. Viel mehr war auf dieser Etage an Umbauten nicht nötig.

© Verena Müller Schnörkellos und doch behaglich: Der Kamin bringt Wärme in den offenen Raum. Ein alter Heizkörper erhielt eine weißlackierte Holzverkleidung und dient der Familie nun als Sitzplatz.

Dreh- und Angelpunkt des Familienlebens ist das obere Stockwerk, das dank des Geländesprungs nach Süden zum großen Garten hin ebenerdig ist. Hier hat der Stuttgarter Architekt die meisten Zwischenwände abreißen lassen, die den Raum in mehrere kleine Räume unterteilt hatten. Entstanden ist ein großer Raum, in dem die Küche, der Essplatz und das Wohnzimmer untergebracht sind. Die ins Dachgeschoss führende Treppe ließ Ragaller freilegen. Sie wirkt auf dieser Etage nun als Raumteiler und zentrales Element. Alle Bereiche sind verbunden, optisch aber nicht von überall einsehbar und akustisch etwas getrennt.

Besonders gewonnen hat der Raum auch dadurch, dass der Architekt zum Wohnbereich hin einen Kamin mit sich anschließender Sitzbank an die Treppe fügte und in diesem Teil die Decke bis hinauf unters Satteldach öffnete. Das schafft Großzügigkeit. Als der betagte Architektenkollege, der das Haus geplant hatte, einmal zu Besuch kam, sei er begeistert gewesen, erzählt Ragaller. „Sie haben das gemacht, was ich mich in den Sechzigern nicht getraut habe“, habe er den Jüngeren gelobt. Der wiederum sagt, das Haus sei von Anfang an gut geplant gewesen. Das sehe man an vielen Details.

© Verena Müller Blick ins Bad und in einen Wohnraum im Dachgeschoss

Während es heute modisch sei, die Fenster bündig in die Fassade zu setzen, habe sein Kollege damals mit eleganten Vorsprüngen gearbeitet – und so für Sonnenschutz gesorgt. „Jalousien sind kein Thema für uns.“ Auch die Fensteröffnungen waren insgesamt gut gewählt. Zum Garten hin erhielt das Haus große Schiebefenster und das Dach Oberlichter, um mehr Tageslicht nach unten in den großen Wohnraum zu bringen. Ebenfalls auf dem Stockwerk befinden sich ein zur Straße hin ausgerichtetes Arbeitszimmer und das Schlafzimmer mit Blick ins Grüne, zudem ein Bad, das in einem kleinen Anbau liegt. Anders als die vorherigen Besitzer nutzt Familie Ragaller auch das Dachgeschoss. Dort sind zwei schlichte Räume und ein Bad für die Kinder entstanden.

Die neuen Eigentümer entschieden sich für eine Fußbodenheizung – beließen aber auch einen alten Heizkörper, der vor einem großen Fenster zum Garten hin sitzt. Er erhielt eine weißlackierte Holzverkleidung und dient der Familie nun als Sitzplatz. Vor allem die beiden kleinen Kinder spielen hier gerne. Als Energielieferant dient – mittlerweile ziemlich ungewöhnlich – (noch) die alte Ölheizung. Die Anlage war noch in Ordnung, und da Heizöl zurzeit vergleichsweise wenig kostet, entschieden die Ragallers pragmatisch, für die nächste Zeit weiter an der alten Heizung festzuhalten. Allerdings sind baulich schon alle Vorkehrungen getroffen, um das System bei Gelegenheit auszuwechseln.

© Verena Müller Bauherren: Michael und Astrid Ragaller

„Am Ende macht man immer irgendwo Kompromisse, das liegt schon am Budget“, sagt das Ehepaar. Um sich in ihrem Haus wohl zu fühlen, haben sie zunächst andere Akzente gesetzt: Abgesehen von den Durchbrüchen und dem Kamin gehören dazu auch der neue Eichendielenbelag und die weißen Einbaumöbel, die ein Schreiner für Garderobe, Küche und den Wohnraum anfertigte.

© Archiv

DAS HAUS KURZ UND KNAPP

Baujahr 1962/2015
Bauweise Massivmauerwerk und Holzsparrendach, nachträglich gedämmt.
Energiekonzept Fußbodenheizung; derzeit ist noch die alte Ölheizung in Betrieb, die zur gegebenen Zeit ausgetauscht wird; entsprechende Umrüstungsmaßnahmen sind vorbereitet.
Grundfläche 109 Quadratmeter
Wohnfläche 195 Quadratmeter
Baukosten (ohne Grundstück) 240.000 Euro
Standort Waldenbuch
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Quelle: F.A.Z.

Veröffentlicht: 11.01.2017 10:42 Uhr