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Neuer Auftritt fürs alte Haus

Von BIRGIT OCHS, Fotos RAINER WOHLFAHRT

10.05.2017 · Wer sein Bestandsgebäude erweitern will, kann ihm einen plakativen Anbau verpassen. Oder wie Familie Bürkle auf ein neues Ganzes setzen. Der jüngste Beitrag unserer Serie Neue Häuser.

Abriss oder Umbau? Legt man sich ein ziemlich in die Jahre gekommenes Haus zu, kommt man um diese Frage kaum herum. Zumal ein Neubau in den meisten Fällen finanziell nicht aufwendiger ist. Auch Ines und Dieter Bürkle haben darüber nachgedacht, bevor sie das Haus kauften, in dem sie seit sechs Jahren lebten. Im Jahr 2006 war das Ehepaar mit damals zwei kleinen Kindern aus Stuttgart ins Umland gezogen. Dieter Bürkle war in eine Arztpraxis eingestiegen, und die Familie suchte ein Häuschen mit Garten zur Miete. Schon beim ersten Angebot griffen sie zu. Es war ein kleines frei stehendes Einfamilienhaus aus den frühen sechziger Jahren, wie so oft in dieser Gegend in Hanglage und in sogenannter Split-Level-Bauweise (das heißt mit versetzten Ebenen anstelle abgeschlossener Stockwerke) errichtet. Das Haus war eines von vier nahezu baugleichen Gebäuden, sie gehörten zu einer Siedlung, die ursprünglich autofrei geplant worden war. Die Miete war für die junge Familie erschwinglich, die Lage am Rand der Kleinstadt schön und die Infrastruktur des Ortes, der ans S-Bahn-Netz angebunden ist, gut.

  • Das erste Architektenmodell des Hauses
  • Kein Abrisskandidat: das Haus vor dem Umbau

Bürkles lebten gerne dort, und doch stand bald die Frage im Raum, ob sie nicht wegziehen – und neu bauen sollten. Denn nach der Geburt des dritten Kindes war klar, dass es ihnen zu fünft auf etwa 120 Quadratmetern auf Dauer zu eng werden würde. Erstens fehlte ein Kinderzimmer, zweitens war das einzige Bad winzig. „Damit sind die Leute in den Sechzigern ausgekommen“, seufzt Bürkle, „aber ein bisschen mehr Platz ist schon schön.“ Er und seine Frau hatten sich beim Bauamt erkundigt, ob das Haus eventuell aufgestockt werden könne, bevor sie an ihre Vermieterin mit dem Vorschlag herantraten, die Immobilie zu kaufen. Von der Behörde kam ein „Ja“, die Eigentümerin hingegen zögerte.

Über drei Jahre hinweg versuchten Bürkles es immer wieder. Schließlich willigte sie ein. Dafür ausschlaggebend sei auch gewesen, dass sie damals schon einen Anbau nebst Sanierung favorisiert hätten, erzählt Ines Bürkle. Mehrfach hatten sie und ihr Mann in den Jahren zuvor die Tage der Architektur genutzt, um sich verschiedene Bauvorhaben anzusehen und Anregungen zu finden. Einmal fuhren sie auf Betreiben Dieter Bürkles sogar nach Vorarlberg in Österreich. Die Region gilt als Hochburg der Holzbaukunst, die es dem Internist sehr angetan hat. Seine Frau dagegen war eher der Idee zugeneigt, im Bestand zu bauen. Zum einen mit Rücksicht auf die Alteigentümerin. „Ich hätte ein schlechtes Gewissen gehabt“, gesteht sie. Zum anderen aber auch, weil sie sich im Split-Level-Haus wohl fühlte. „Das passt für eine Familie einfach sehr gut“, räumt auch er ein. Die versetzten Etagen verhindern nicht nur einen langweiligen Grundriss, durch sie entzerrt sich auch das Familienleben. „Man kann sich mal zurückziehen, aber ist auch nicht zu weit weg“, resümiert der Familienvater.

Das Haus ist eine gelungene Weiterentwicklung des Vorgängerbaus.

Bei ihren Recherchen war Ines Bürkle auf das Büro „Archifaktur“ von Julian Bärlin gestoßen. Im Gespräch mit dem Planer habe sich schnell herausgestellt, dass sie auf einer Wellenlänge lagen. Bärlin versuchte gar nicht erst, die Bauherren zu Abriss und Neubau zu überreden. „Das Haus hatte sich für die Bewohner ja schon bewährt, sie kannten es mit seinen Stärken und Schwächen“, sagt er im Rückblick. Einziger Knackpunkt für die Bewohner war da noch die Frage, wo sie in der Bauzeit unterkommen konnten. Denn klar war, dass sie eine ausreichend große Interimsbleibe am Ort brauchten, damit die Kinder während der Übergangszeit nicht ihre Schule und den Kindergarten wechseln mussten. Es fanden sich eine passende Wohnung und ein flexibler Vermieter.

Für Julian Bärlin ging es in der Entwurfsphase darum, die räumlichen Qualitäten aufzunehmen, mehr Platz zu schaffen, mehr Licht und Luft ins Haus zu bringen und für ein besseres Raumklima zu sorgen. Denn in dem zu diesem Zeitpunkt 50 Jahre alten Haus mit seinen dünnen Außenmauern und dem ungedämmten Dach war es im Herbst und Winter ziemlich kalt. Für ihn sei klar gewesen, was sich aus dem Bestandsgebäude machen ließ, sagt Bärlin. Gleich der erste Entwurf saß – und weil es für Laien meist schwierig ist, sich allein aus Grundrissen und Schnitten vorzustellen, wie das geplante Gebäude aussehen soll, baute er Bürkles ein kleines Modell. Abgesehen von zwei geänderten Fassadenöffnungen, zeigt es das Haus der Familie, wie es heute ist: als gelungene Weiterentwicklung des Vorgängerbaus.

Offen- und Geborgenheit schließen sich nicht aus.

Bürkles waren begeistert, doch nachdem die Kosten zur Sprache gekommen waren, hätten sie zunächst ernüchtert das Büro des Architekten verlassen. Also doch gleich ein Neubau? Er habe es sehr zu schätzen gewusst, dass sie gemeinsam mit Bärlin alle Kostenpunkte erläutern konnten – und es Spielraum gegeben habe, erzählt Dieter Bürkle. Der erste Entwurf sei dann ein bisschen abgespeckt worden. „Allerdings haben wir das meiste später doch anders gemacht“, grinst er.

Es hat sich gelohnt. Zwar hebt sich das Gebäude deutlich von seinen drei arg in die Jahre gekommenen Zeitgenossen aus der gleichen Baureihe ab, doch leugnet es die Verwandtschaft nicht. Die Fensteröffnungen zur Nordseite hin, von der man auf die Häuserzeile zugeht, sind erhalten geblieben, auch die Gestalt des Dachs hat sich auf den ersten Blick nicht verändert. Erst von der Eingangsseite im Osten aus wird deutlich, wie sehr sich der Bau verändert hat. Bärlin hatte sich dagegen entschieden, an den Altbau einen neuen Teil anzufügen, der als solcher sofort zu erkennen ist. Diese Variante wird oft gewählt und meist mit „Ehrlichkeit“ begründet: Das heißt, der Betrachter soll gleich erkennen, was alt ist und was neu. Oft fällt das Ergebnis plakativ aus. „Wir aber wollten, dass ein neues Ganzes entsteht“, stellt Bärlin klar.

Großer Empfang: Der Flur des Bestandsgebäudes wurde baulich nur wenig verändert.

Auf der Nordseite hat sich das Haus, wie auch die Fassade zeigt, nur wenig verändert. Eingang, Flur und Treppenhaus sind fast so geblieben wie in den Sechzigern geplant: Auf den Eingang folgt rechter Hand eine Nische mit Garderobe, an die sich das Gäste-WC anschließt. Den schon damals recht großzügig gestalteten Flur nutzt die Familie, indem sie ein Sofa, das auch als Gästebett dienen kann, und das Klavier hier untergebracht hat. Außerdem liegt auf dieser Etage eines der Kinderzimmer, die beiden anderen nebst dem Kinderbad befinden sich ebenfalls auf der Nordseite – allerdings auf der Etage darüber.

Ursprünglich lag hier auch das Elternschlafzimmer. Nach dem Umbau sind die Erwachsenen in die südliche Hälfte umgezogen. Hier ließen Bürkles das Haus aufstocken und erweitern. Auf der dem Garten zugewandten Seite befinden sich ohne Trennwände Küche, Essplatz und Wohnzimmer. Hier erhielt das Haus auch völlig neue Fassadenöffnungen. Sehr schön ist das große Küchenfenster Richtung Osten, an das unmittelbar die tiefe Arbeitsplatte samt Herd anschließt.

Gewonnen: Zur Südseite hin wurde das Haus erweitert und aufgestockt, das hat nicht nur den großzügigen Luftraum möglich gemacht.

Für mehr räumliche Großzügigkeit sorgt ein sich über zwei Geschosse erstreckender Luftraum im Wohnbereich. Von hier aus erreicht man über eine scheinbar schwebende Treppe die Galerie, die zugleich Platz zum Ausruhen wie zum Arbeiten am Schreibtisch bietet. Ein kleines Schlaf- und Badezimmer schließen sich an. Im Schlafraum mit seinem Boden aus Eiche und den Wandverkleidungen im Tannenholz-Look hat die Begeisterung des Bauherren für die Holzhäuser im Bregenzerwald ihren Ausdruck gefunden.

Bürkles lieben diesen geschützten Freisitz.

Vom Bad aus gelangt man auf eine kleine Dachterrasse, die entstanden ist, weil der aufgestockte Teil etwas vom Bestand abgerückt wurde. Bürkles lieben diesen geschützten Freisitz. An warmen Abenden säßen sie meist hier oben und nicht unten im Garten, erzählen sie. Doch das ist nicht der einzige Vorteil. Durch den Freiraum fällt auch weiterhin Licht durch die Oberfenster des „Kindertrakts“. „So viel natürliches Licht wie möglich in die Räume zu bringen war uns wichtig“, betont der Architekt.

Überhaupt die Fassadenausschnitte – sie sind intensiv von den Beteiligten diskutiert worden, um das Verhältnis von Offen- und Geborgenheit auszutarieren. „Es ist schön, wenn die Wohnräume sich optisch mit der Umgebung verbinden, aber hier und da braucht es auch eine Wand im Rücken“, sagt Ines Bürkle. Im besten Fall schließen Offen- und Geborgenheit einander nicht aus. Besonders gut ist das im Kinderzimmer auf der unteren Etage gelungen. Für diesen im Altbau gelegenen Raum hat Bärlin ein großes Fenster an der Westseite entworfen – durch die Aufdopplung der vormals dünnen, kalten Wände ist eine tiefe Fensterbank entstanden, die groß genug ist, um einem Kind oder kleinen Erwachsenen als Schlafplatz zu dienen. Die Familie ließ extra eine Matratze dafür anfertigen, die unterm Bett verschwindet, wenn sie nicht gebraucht wird. Auch das darüberliegende Kinderzimmer hat eine solche Nische erhalten, wenn auch ohne Fenster. „Jeder Wohnraum des Bestandsgebäudes sollte eine Veränderung erfahren, nur für dieses Zimmer war nichts vorgesehen“, erinnert sich Dieter Bürkle. Da seien sie auf die Idee gekommen, die Idee mit der Nische noch mal aufzugreifen.

„Uns gefallen die vielen Details.“ Bauherren Dieter und Ines Bürkle

Es seien die vielen kleinen Details, die ihnen nun ihr Haus so besonders angenehm machten, sagen die Bauherren. So hat Bärlin beispielsweise für die Türen der Wandschränke Lederschlaufen entworfen und angefertigt, weil andere Griffe nicht gefielen. Ein großes Glück, loben Bürkles, seien auch die guten Handwerker gewesen: „Da hatten wir nur positive Erfahrungen.“ Dazu hätten sie aber auch selbst beigetragen, meint Bärlin: „Bauherren wie die beiden, die mal nachsehen, ob es den Leuten auf der Baustelle gutgeht, ihnen was zu trinken hinstellen, die sind einfach selten.“

© archifaktur Schnitt des Hauses in Hanglage und in sogenannter Split-Level-Bauweise

DAS HAUS KURZ UND KNAPP

Baujahr 1962/2015
Bauweise Altbau in Massivbauweise, Erweiterung in Stahl-Holz-Konstruktion
Energiekonzept Gasbrennwertgerät
Wohnfläche 200 Quadratmeter
Baukosten (ohne Grundstück) 1770 Euro je Quadratmeter für Sanierung und Umbau
Standort bei Stuttgart
Kandidaten für die Serie Neue Häuser gesucht. Nähere Informationen finden Sie hier.
Mehr neue Häuser faz.net/haus
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Quelle: F.A.Z.

Veröffentlicht: 10.05.2017 14:55 Uhr