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Neue Häuser: Nächster Halt: Alte Torfremise

© Maria Irl

Nächster Halt: Alte Torfremise

Von BIRGIT OCHS

08.06.2017 · Was zum Schuppen taugt, kann auch Wohnhaus sein, hat sich ein junges Paar aus Oberbayern gedacht. Und den Stadel aus Holz erst ab- und dann mit Lehm wieder aufgebaut.

Zu den schönsten Flecken Schechens zählt der Bahnhof. In dem 1200-Einwohner-Ort gibt es an baulichen Attraktionen ein Rathaus, das in einem ehemaligen Schloss aus der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts untergebracht ist, die katholische Pfarrkirche St. Margaretha mit ihrer Zwiebelhaube – und neben der Raiffeisenbank einen neuen Dorfplatz von, man muss es leider sagen, dahingepflasterter Einfallslosigkeit. Und eben das alte Stationsgebäude, das um 1880 herum mit deutlicher Entfernung zum Ortskern gebaut wurde, damit der Bahnbetrieb die Schechener nicht stört (das Konzept der Stadt der kurzen Wege war damals noch nicht erfunden). Schmuck steht er da, der Bau aus der Hoch-Zeit der Industrialisierung, der heute ein Gesundheitszentrum beherbergt.

© Maria Irl Außenansicht: Links die ehemalige Torfremise, in der Mitte die ehemalige, zur Werkstatt umgebaute Bahnhofstoilette und rechts der renovierte ehemalige Bahnhof

Es liegt aber nicht nur an diesem Baudenkmal, dass die Bahnhofsgegend so freundlich wie reizvoll auf den Ankömmling wirkt. Einen nennenswerten Beitrag dazu leistet auch das gleich daneben befindliche Ensemble. Es besteht aus einem kleinen Holzhaus sowie einem langgestreckten Bau samt Satteldach und einer Verkleidung aus auf Abstand gesetzten Holzlatten. Auch wenn zunächst nicht klar ist, was der Besucher hier vor sich hat: Es ist eine historische Torfremise, die sich der Flechtwerkgestalter Emmanuel Heringer und seine Frau Stefanie, eine Schmiedemeisterin, zum Wohn-, Arbeits- und Lagerort ausgebaut haben.

Wobei „Ausbau“ die Sache nur unzureichend trifft. Das Ehepaar Heringer nämlich hat sein Bauvorhaben auf ziemlich ungewöhnliche Weise verwirklicht. Die beiden haben eine alte Torfremise aus der nahen Stadt Kolbermoor abgeschlagen, die Holzbauteile eingelagert, bis sich ein geeignetes Grundstück fand. Wenn Emmanuel Heringer davon erzählt klingt das alles ganz einfach. Aber Heringer hat auch gelernt, mit Holz zu bauen. „So einen Holzbau abzuschlagen ist im Prinzip nicht viel anders als ein Möbel auseinanderzunehmen“, sagt der Vierzigjährige. Alle Teile sind gesteckt, um sie auseinanderzunehmen, müssen nur die Nägel gezogen werden.

© Maria Irl Das ehemalige Toilettenhäuschen der Bahnstation und die Remise ergänzen sich. Das Atelier im Erdgeschoss war ursprünglich als Werkstatt gedacht. Der Eingangsbereich auf der Südseite.

Die Remise hatte er davor schon als Lager für Weiden genutzt. Der Bayer entwirft und fertigt Geflechte, die hauptsächlich als Zäune, Trennwände, Verkleidungen dienen. Das luftige Holzhaus ist für sein Baumaterial ideal, denn hier konnte das noch grüne und feuchte Holz trocknen. Das Gebäude war Teil einer früheren Baumwollspinnerei, die ein Investor entwickeln wollte, der aber für den Schober keine Verwendung hatte. Heringer hatte es gemietet. Aber als die Entwicklung des Areals begann, beschlossen er und Stefanie, das Gebäude zu kaufen. Das war 2006.

Bei ihrer Suche nach einem geeigneten Grundstück in einem Mischgebiet stießen die beiden auf den Bauplatz gleich neben der Bahnstation Schechen. Die Gemeinde, die mit ihren Wohnhäusern längst fast an die Bahnlinie herangerückt war, hatte das Bahnhofsgelände gekauft, um es zu entwickeln. Heringers Wunsch vom Wohnen und Arbeiten an einem Ort erwies sich als passend.

© Maria Irl Gehortet: An Lagerfläche mangelt es nicht.

Zunächst hatten die beiden nur daran gedacht, in dem Holzstadel Werkstatt und Lager unterzubringen. Doch mit einer Grundfläche von etwa 365 Quadratmetern bot das Gebäude viel mehr Platz, als dafür nötig war. Wie diesen füllen? „Da lag es nahe, selbst einzuziehen“, sagt Heringer. Doch die Raumaufteilung habe sich als Herausforderung erwiesen, erzählt der Flechtwerkgestalter. Beratend stand den beiden das Büro Ziegert, Roswag, Seiler Architekten und Ingenieure zur Seite, das auf Lehmbauten spezialisiert ist. Der Kontakt war über Emmanuels Cousine Anna Heringer zustande gekommen. Die Architektin hatte mit ihrem Kollegen Eike Roswag in Bangladesch eine Schule aus Lehm und Bambus gebaut, woran auch Emmanuel und Stefanie Heringer beteiligt waren.

Die Bauherren haben, unterstützt von Roswag und dessen Kollegen Guntram Jankowski, die historische Remise originalgetreu wieder aufgebaut. Beschädigte Bauteile haben sie durch traditionelle Holzverbindungen ergänzt. Beim Abbau hatten die Helfer (unter ihnen auch weitere professionelle Zimmerleute) sämtliche Teile numeriert und auf einem Plan vermerkt, wo was stand. „So war es kein Problem, alles wieder die richtige Stelle zu bringen“, erinnert sich Heringer. In die Remise hinein wurde der Wohn- und Arbeitstrakt gebaut. Baustoffe dafür waren Holz und Lehm. Heringers wollten zum einen natürliche Materialien und ein diffusionsoffenes Haus – man kann auch sagen, ein Haus mit atmenden Wänden – errichten, in dem eine Lüftungsanlage überflüssig ist.

© Maria Irl Eingebaut: der Wohn- und Arbeitstrakt aus Lehm und Holz

„Uns war es wichtig, dass man sieht, was alt und was neu ist“, betont der Bauherr. In der Gebäudehülle aus Holz sitzt das neue Wohn- und Werkstatthaus versetzt zu den tragenden Achsen der Remise. Dadurch entsteht an der Süd- und Westseite ein Zwischenraum, in diesem wird nicht nur die historische Tragstruktur aus Stützen und den sogenannten Kopfbändern erlebbar, sondern auch die Ausmaße des Stadels, der in der Länge 27,50 Meter misst. Was diesen Zwischenraum reizvoll macht, ist das Schattenspiel der Holzlattung. Nach Osten in Richtung der Gleise schiebt sich der Einbau mit seiner weiß verputzten Fassade und den großen Fensteröffnungen über die eigentliche Hülle der Remise hinaus.

Zwei Wohnungen haben die Heringers im Wohntrakt untergebracht. Das Erdgeschoss ist vermietet. Oben unter den Dachschrägen wohnen sie selbst. Dort prägt die große Wohnküche den Raum, ferner gibt es ein kleines Schlaf- und ein Gästezimmer nebst Bad. Um genügend Licht hineinzubringen, ist der zentrale Wohnraum nach Süden hin verglast, zudem werden die Räume über eine Firstverglasung und Dachfenster belichtet.

Auf diese Weise erhält auch das sich direkt an die Wohnung des Handwerkerehepaars anschließende Büro genügend Helligkeit. In diesem Raum wird das Licht, das durchs Dach fällt, sogar in das im Erdgeschoss befindliche Atelier geleitet – durch einen gläsernen Ausschnitt im Boden.

© Maria Irl Bauherr Emmanuel Heringer

Heringers erreichen ihre Wohnung entweder von Süden über die stählerne Außentreppe, die Stefanie Heringer entworfen und gebaut hat. Oder über das in der nördlichen Hälfte des Baus untergebrachte Weidenlager, das an Büro und Atelier anschließt. Die eigentliche Werkstatt hat Emmanuel Heringer, anders als ursprünglich geplant, nicht in der Remise selbst, sondern in dem ehemaligen Toiletten- und Lagerhäuschen des Bahnhofs untergebracht. Der Maschinenlärm könnte in der Remise zu laut sein, fürchtete er mit Blick auf die Mieter. Das kleine Holzhaus hingegen erwies sich dafür als ideal. Mit der Remise als neuem Nachbarn ergänzt es sich baulich aufs schönste. Davon profitiert nicht nur die Station.

© Büro Ziegert, Roswag, Seiler Architekten und Ingenieure

© Büro Ziegert, Roswag, Seiler Architekten und Ingenieure

DAS HAUS KURZ UND KNAPP

Baujahr 2016
Bauweise historischer Holzstadel in Ständerbauweise, in den hochgedämmte Bauteile aus Holz und Lehm integriert wurden
Energiekonzept Zentrale Stückholzheizung und Solarthermie
Wohnfläche 200 Quadratmeter (für zwei Wohneinheiten)
Baukosten (ohne Grundstück) keine Angaben, da das Gebäude größtenteils in Eigenleistung erstellt wurde
Standort Scheche
Kandidaten für die Serie Neue Häuser gesucht. Nähere Informationen finden Sie hier.
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Quelle: F.A.Z.

Veröffentlicht: 08.06.2017 14:13 Uhr