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Neue Häuser: Hightech mit Ausstrahlung

© Michael Kretzer

Hightech mit Ausstrahlung

Von BIRGIT OCHS

7. September 2016 · Im Smart Home ist vieles möglich. So auch in einem Neubau in Bonn. Doch die Technik stiehlt der Architektur nicht die Show. Eine neue Folge unserer Serie NEUE HÄUSER.

Das Tor zum Haus steht weit auf, und das ist in diesem Moment fast schade. Denn so bleibt die Show aus, die die Hausherrin den Gästen andernfalls hätte bieten können: Sie, mitten in der Einfahrt stehend, weit weg von Griff oder Türdrücker, und trotzdem den Besuchern den Weg zum Grundstück freimachend. Einfach so. Mit einem Wisch übers Smartphone. „Was super klappt“, erzählt Simone Schlieber später.

Zum Beispiel, wenn der Paketbote kommt, während sie im Büro ist. Der Postmann klingelt an der Tür, und ihr bimmelt das Handy. Nach kurzer Vergewisserung, wer da ist, öffnet die gelernte Maschinenbautechnikerin von ihrem Schreibtisch am Arbeitsplatz aus das Tor, damit der Bote das Päckchen vorm Haus ablegen kann. „Sehr praktisch“, findet sie. Der Zusteller habe sich nur beim ersten Mal gewundert und noch mal geklingelt, um sich für das Öffnen wie von Zauberhand zu bedanken - über die Sprechanlage, mit der das Smartphone auch verbunden ist.

Doch dies und alles, was das Haus an technischen Finessen wie Heizungs- und Lichtsteuerung, Rollladenautomatik, Überwachungs- und Alarmanlagentechnik sonst noch so draufhat, spielt an diesem Morgen keine besondere Rolle. Denn die Haussteuerung, auf die besonders Simone Schliebers Mann Frank Wert gelegt hat, ist nur Zutat und nicht Hauptsache an dem imposanten Neubau im Süden Bonns. Der Ingenieur wollte, dass der Bau technisch für die Zukunft gewappnet ist. Alle Geräte sollten logisch miteinander verknüpft sein; mobil und über eine einzige Anwendung zu steuern. „Allerdings ohne allzu aufwendiges Datenübertragungssystem für mehrere tausend Euro“, schränkt Nikolaus Decker vom Büro Bauwerkstadt Architekten ein. Decker hat das Haus geplant. Für die Smart-Home-Technik war er allerdings nicht zuständig. Darum kümmerte sich ein spezialisiertes Unternehmen. „Ich war an dieser Stelle eher dafür zuständig, zu hinterfragen: Was braucht ihr wirklich“, beschreibt der Planer seine Rolle.

© Michael Kretzer Große Fenster ermöglichen den Blick ins Grüne.

Der Architekt war es, der das vormals städtische Grundstück für die vierköpfige Familie entdeckt hatte. Es liegt am Hang, an einer ruhigen, von Einfamilienhäusern gesäumten Wohnstraße und grenzt unmittelbar an eine Kleingartenanlage. Die Stadt vergab es über ein Bieterverfahren und verlangte, dass der Neubau bezüglich seiner energetischen Eigenschaften KfW-55-Standard entsprechen sollte und ebenso wie die Häuser in der Nachbarschaft kein Mehrfamilienhaus sein sollte. Das machte das Grundstück für Investoren uninteressant.

Ursprünglich hätten sie gar nicht vorgehabt zu bauen, erzählt Simone Schlieber. Die Familie lebte in einer Penthouse-Wohnung über der Altstadt, deren Ausbau Nikolaus Decker übernommen hatte. Daher kannte man sich. „Da wollten wir eigentlich nicht weg.“. Aber mit den beiden heranwachsenden Töchtern hätten sie sich mehr Platz und ein zweites Badezimmer gewünscht - und das möglichst auf einer Etage. Das sei in ihrem früheren Stadtteil aber nicht zu finden gewesen. „Die alten Stadtvillen sind zwar wunderschön, aber da verteilt sich alles auf vier Etagen, das wollten wir nicht, da geht es ständig treppauf, treppab“, winkt die Bauherrin ab.

© Michael Kretzer Luftiger Aufstieg: Flur, Treppen und Luftraum schaffen Verbindung – auch optisch zwischen den drei Etagen.

Ohne Treppen geht es freilich auch in ihrem weitläufigen neuen Zuhause nicht, dessen immerhin 400 Quadratmeter sich auf zwei Etagen nebst Staffelgeschoss verteilen. Decker hat den Bau als weißen Kubus geplant, dessen Sockel fast aus dem Hang herauszuwachsen scheint. Von der Talseite aus betrachtet, schiebt er sich imposant nach oben.

Ein sehr schöner Kontrast ergibt sich aus der klaren geometrischen Form des Gebäudes und seiner Außenanlage, die der Strenge fließende Linien entgegensetzt. So geht das Haus zum Tal hin in ein ovalförmiges Plateau über, das eine sich dem Geländeverlauf anpassende Schutzwand umgibt. Auf diese Weise entsteht eine wunderbar geschützte Terrasse, die die Bewohner von der Küche direkt erreichen können.

Der Clou: Die großen Fenster lassen sich über Eck auseinanderschieben. Dadurch allerdings fehlt die Führung für den Sonnenschutz, der im Laufe des Tages nötig wird. Das Team der Bauwerkstadt setzte daher auf die Hilfe der Natur. Mittels Computersimulation ermittelte es den Einfall der Sonnenstrahlen und postierte entsprechend einen Magnolienbaum so, dass dieser den nötigen Schatten spendet.

© Michael Kretzer Das Haus liegt am Hang. Die Terrasse ist als Arena angelegt.

Der Architekt hadert auch mehr als ein Jahr nach der Fertigstellung noch mit den Zwängen des „uralten Bebauungsplans“, der die talwärts langgestreckte Form erzwungen hat. „Da blieb nichts anderes übrig, als das Gebäude ins Erdreich reinzudrücken“, sagt er. Man erreicht das etwas von der Straße zurückversetzte Haus über eine fast 40 Meter lange Zufahrt, die in dem im Bau integrierten Carport mündet. Im Innern besticht das Haus durch seine klare Raumaufteilung und eine weder aufdringliche noch überfordernde Offenheit, die auch über die Ebenen hinweg besteht. „Eine Verbindung über die Vertikale zu schaffen halte ich für wichtig“, sagt der Planer.

Betritt man das Haus über die Eingangstür, kann man sofort erleben, wie die Räume ineinanderspielen, ohne dass es ihnen zugleich an Privatheit fehlen würde. In der Eingangsetage läuft der Flur auf die große offene Treppe zu, lässt auf dem Weg das Elternschlafzimmer samt sich anschließendem Bad und Ankleidezimmer rechts, vor Blicken verborgen, liegen und öffnet sich dann zum Wohnzimmer hin. Auch über den Luftraum besteht hier eine Verbindung nach unten, wo am Fuß der Treppe Essplatz und Küche angesiedelt sind. In der unteren Etage liegen auch die Zimmer der beiden Töchter, deren Bad sowie ein Arbeitszimmer.

In einigen Jahren soll dieser Trakt in eine eigenständige Einliegerwohnung verwandelt werden. Sämtliche Anschlüsse für eine Küche sind schon vorhanden. Auch ein separater Eingang ist vorbereitet, und eine Terrasse zu dieser Seite hin gibt es ebenfalls. Vielleicht wird dann eines der Kinder dort wohnen oder ein Mieter. „In jedem Fall wird sich die Konstellation über die Jahre ja verändern, und so viel Platz brauchen wir dann nicht mehr“, sagt die Bauherrin.

© Michael Kretzer Auch vom Bad aus schaut man ins Grüne.

Einen nicht unbeträchtlichen Teil der unteren Etage nehmen auch Waschküche, Abstell- und Haustechnikraum ein, denn das Haus ist nicht unterkellert. Eine lange Wandschrankflucht säumt den Flur, der in den Hang zu den Wirtschaftsräumen führt, und sorgt für nötigen Stauraum. Sie ist eine von vielen Einbauten, die ein Schreiner für das Haus angefertigt hat. Auch ihn kannte die Familie, da er für das vorige Zuhause die Küche geplant hatte. Im Neubau entwarf er nun sämtliche Einbaumöbel, darunter die Garderobe, den begehbaren Kleiderschrank sowie die Türen.

Das schafft Einheitlichkeit, was die Bewohner sehr schätzen. Was die Materialwahl angeht, haben sie sich daher für wenige Baustoffe entschieden. Das äußere Erscheinungsbild mit seinen weißen Wänden und den anthrazitfarbenen Aluminiumrahmen setzt sich auch im Innern fort. Als Bodenbelag wählten Schliebers einen grauen Feinputz auf Zementbasis („Beton-Ciré). „Das kann man langweilig finden, aber wir mögen das, denn es bringt zusätzlich Ruhe ins Haus“, begründet Simone Schlieber die Wahl.

Überhaupt die Akustik. Decker räumt ein, er sei skeptisch gewesen, was den Fußbodenbelag anbelangt. „Hall ist etwas, was man bei offenen Räumen immer thematisieren muss“, sagt er. Besonders ausgeprägt ist er aber für ein Haus dieser Größe und Offenheit nicht. „Klar, wenn die Mädchen hier mit Besuch über die Etagen toben und nicht wie jetzt jede in ihrem Zimmer ist, dann geht es schon lauter zu“, berichtet Simone Schlieber. „Aber hier hat jeder Platz, sich zurückzuziehen.“

Zum Beispiel nach ganz oben ins Staffelgeschoss. Dort haben sich die Bewohner einen Leseraum eingerichtet. Und eine große, überdachte Terrasse gibt es auch. Frank Schlieber hat einen Heimtrainer aufgestellt, von dem aus man über die Wipfel der im Tal angrenzenden Baumgruppe blickt, während man sich auf dem Trimmrad abzappelt. Abschalten kann man hier, alles vergessen. Und falls doch der Postmann klingelt, öffnen, ohne das Training zu unterbrechen. Mit einem Wisch übers Smartphone.

Das Haus kurz und knapp Baujahr 2015
Bauweise Massivbau
Energiekonzept KfW-55-Standard wird durch entsprechende Dämmung, Solarthermie, Solaranlage und eine einfache Luftwärmepumpe erreicht.
Wohnfläche 400 Quadratmeter
Grundstück 1780 Quadratmeter
Baukosten (ohne Einbaumöbel) zirka 2250 Euro je Quadratmeter
Standort Bonn

© Bauwerkstadt Architekten, Bonn

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Quelle: F.A.S.

Veröffentlicht: 07.09.2016 10:19 Uhr