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© Stefan Finger

Prärie-Style in der Moorlandschaft

Von BIRGIT OCHS, Fotos STEFAN FINGER

06.03.2017 · Ein Hofhaus nahe Oldenburg fällt angenehm aus der Reihe. Das liegt nicht nur an seinem Eingang.

Wie viel „Geschichte“ in einem Haus steckt, hat weder mit dessen Alter zu tun noch mit dem Geld, das in das Bauvorhaben geflossen ist. Über manch höchst aufwendig geplantes Haus lässt sich überraschend wenig sagen, über manch altes ebenso. Bei anderen sind es gleich mehrere Erzählstränge, denen man folgen könnte, und im Fall des Hauses von Mechtild Coners-Sobing und Joachim Sobing ist es gleich ein ganzes Bündel. Denn in der Baugeschichte des Ehepaars aus Niedersachsen, das in zweiter Ehe verheiratet ist, geht es um rasant steigende Preise in der Stadt und das Bauen im Umland, um die Vergabe von Grundstücken in Neubaugebieten. Um das Bauen jenseits der Fünfzig, aber auch um die Frage, wie viel man selbst beim Hausbau leisten kann. Sie berührt das Verhältnis von Bauherren und Architekten genauso wie das von Eltern und Kindern. Und um Architektur geht es natürlich auch. Das ist schon bei der Einfahrt in eine weniger als 5000 Einwohner zählende Umlandgemeinde von Oldenburg nicht zu übersehen.

Landkreis Ammerland: Eben noch fuhr der Wagen über holprige Straßen, vorbei an Baumschulen und Torffeldern, dann tauchen die ersten mit Klinker verkleideten Neubauten vom Bauträger auf. Zwischen all den Satteldächern steht selbstbewusst ein stattlich wirkender Winkelbungalow mit einem Staffelgeschoss, der die Blicke sofort auf sich zieht – denn mit ihm ist ein Hauch des amerikanischen Prärie-Styles in die alte Moorlandschaft geweht.

Der Vorgarten ist hier nicht Vorgarten mit Bux und Rasen, sondern Kiesgarten, in dem sich Gräser wiegen und durch den großflächige Betonplatten den Weg zum Haus bahnen. Das empfängt den Besucher unter dem weit auskragenden Dach des Carports, der mit seinen grauen Zementspanplatten einen reizvollen Kontrast zum rotbunten Klinker des Wohnhauses bietet. Ein schlichtes, günstiges Material wird hier wirkungsvoll eingesetzt.

Rückzugsort Innenhof. Schöne Kombination: Den Rotbuntklinker haben in der Region fast alle, ein Kiesbeet mit Gräsern und einen Carport, der auch Teil des Innenhofes werden kann, nicht.

Weitere Hingucker sind die über Eck gezogene Holzlamellenverkleidung vor dem bodentiefen Fenster am Eingang, das den Bewohnern Ausblick, den Passanten aber keinen Einblick gewährt, ohne dabei jedoch abweisend zu wirken, und die hölzerne Rückwand das Carports. All das würde das Entree schon vom allgemein Üblichen abheben. Doch komplett wird das Bild erst durch das innerhalb des Carports angesiedelte, in Beton gefasste Beet, über dem man eine Öffnung ins Dach gestanzt hat, auf das ein Bäumchen in den Himmel wachsen kann. Der so großzügig wie einladend gestaltete Eingang ist das beste Beispiel dafür, wie sehr dieser Bereich ein Haus prägt und warum es sich unbedingt lohnt, ihn mit aller Sorgfalt zu planen – nicht allein der schmucken Ansicht wegen, sondern weil er ein Haus zu dem machen kann, was es ist. In diesem Fall zu einem Hofhaus.

Für die Architekten Jutta Hartmann und Peter Eberlei, Sohn der Bauherrin, war schnell klar, dass sie mit einem Baukörper in L-Form die Neubauparzelle am besten ausnutzen und den nötigen Rückzugsraum für die Bewohner würden schaffen können. Die Bauordnung schreibt eine „Baulinie“ 5 Meter entfernt von der Grundstücksgrenze vor. „So furchtbar viel Gestaltungsspielraum hat man da eigentlich nicht, wenn man kein Kataloghaus bauen will“, sagt der Architekt. Das Hofhaus-Konzept überzeugte gleich.

Dank Staffelgeschoss hat das Haus eine großzügige Dachterrasse.

„Ich hatte ja meine Bedenken, ob es so ein Landei wie ich in so einer Siedlung aushalten kann“, räumt Mechtild Coners-Sobing ein. Aber nicht zuletzt des geschützten Innenhofs wegen hätten sich die Befürchtungen zerstreut. Der Hof ist für sie und ihren Mann mehr als nur Gartenersatz, Oase, geschützter Außenraum. Hier feiern sie mit Freunden, treffen sich mit Nachbarn. Außerdem bietet er die Möglichkeit, einen kleinen Markt zu organisieren. Die Bankkauffrau und der Maurer lieben Märkte, nicht nur als Besucher, sondern auch, um dort ihre eigenen Werk- und Bastelobjekte zu verkaufen. „Hier können wir nun selbst auch mal einen Markt organisieren“, freut sich Mechthild Coners-Sobing. Besonders praktisch: Die Holzwandelemente des Carports lassen sich aushängen, so dass zusätzlich überdachter Raum entsteht.

Zuvor hatte die Familie ganz anders gewohnt. Bis 2014 lebten sie ziemlich weit draußen auf dem Land in Mechtild Coners-Sobings Elternhaus, zusammen mit deren Kindern aus erster Ehe, Tochter Anna und Sohn Peter. An die 3000 Quadratmeter maß das Grundstück, auf dem das Haus stand. „Da schaut dir keiner rein, aber du hast auch jede Menge Arbeit, das in Ordnung zu halten“, sagt Joachim Sobing. Der Aufwand war ein Grund, warum die Familie sich entschied fortzuziehen. Zudem hatte das Haus eine umfangreiche Sanierung nötig. „Wir haben das natürlich überlegt“, erzählt Peter Eberlei, aber da sowohl er als auch seine Mutter damals jeden Tag an die hundert Kilometer zur Arbeit nach Oldenburg und zurück fuhren, entschieden sie sich, das alte Zuhause hinter sich zu lassen.

Eberlei zog in die Stadt. Für das Ehepaar stand fest, dass es bauen wollte – und auch, dass der Sohn das neue Haus gemeinsam mit seiner Lebensgefährtin, der Architektin Jutta Hartmann, planen würde. Wer angesichts dieser Konstellation nun glaubt, die Sache sei ganz einfach und reibungslos verlaufen, irrt. In Oldenburg ein bezahlbares Grundstück zu finden, erwies sich als unmöglich. Die Stadt wächst, die Boden- und Immobilienpreise schießen in die Höhe. Und eines sei ihr als Bauherrin der Generation Fünfzig Plus von Anfang an klar gewesen, sagt Mechtild Coners-Sobing: „Wenn ich in Rente gehe, will ich auf keinem Hypothekenberg mehr sitzen.“ So führte die Baulandsuche ins Umland. Auch dort brauchten sie Glück, denn die Liste der Bewerber war länger als die der vorhandenen Baugrundstücke. Per Losverfahren kam das Bauherrenpaar zum Zug – und das auch nur, weil Tochter Anna, heute 21, damals noch nicht volljährig war und Familien bei der Vergabe Vorrang haben.

Im Innern herrscht eine ruhige, aber nicht langweilige Atmosphäre.

Die Bauherrin wünschte sich ein Haus von überschaubarer Größe, aber geräumig und mit Platz für ihr Hobby, das Basteln. Dafür braucht man die geeignete Fläche. Hell sollte das Haus zudem sein, aber sein Innenleben nicht zur Schau stellen, dazu wohnlich und zugleich pflegeleicht. Hartmann Eberlei Architekten haben das Haus so geplant, dass sämtliche Nutzräume im Erdgeschoss angesiedelt sind und dort gleich an den Eingang anschließen. Gäste-WC, ein kleines Arbeitszimmer, ein Haustechnikraum, die Waschküche mit eigenem Zugang nach draußen und der Werkraum finden sich hier. Dann folgt die Küche, zu der ein Vorratsraum gehört. Von ihr aus haben die Bewohner den Eingang im Blick – aber auch den räumlich anschließenden Essplatz, von dem aus geht es weiter in ein kleines Wohnzimmer. Von der Küche gelangen die Bewohner in den Innenhof. Ins Staffelgeschoss hinauf führt eine Treppe gleich am Eingang – dort liegen die Schlafzimmer, die beide Zugang zur Dachterrasse haben, und das Bad.

Das ganze Haus strahlt zugleich Ruhe und Freundlichkeit aus. Das liegt an der Belichtung, an den stimmigen Proportionen und auch am Einsatz der Materialien: im Erdgeschoss prägt ein durchgehend verlegter Spachtelbeton die Räume, dessen Ton je nach Lichteinfall zwischen hartem Betongrau und weicherem Graubraun changiert. Über die Treppe und durch die obere Etage hingegen zieht sich Stäbchenparkett.

In diesem Haus ist nichts so zu groß oder zu klein geraten, nichts gewollt und bemüht. Angesichts des Ergebnisses mag man kaum glauben, dass die beteiligten Akteure in Planungs- und Bauphase um manche Entscheidung heftig gerungen haben – als Bauherren und Architekten, aber auch als Familie. Wärmedämmverbundsystem auf der Fassade und im Innern durchgefliest – so hatten sich die Bauherren sich anfangs ihr neues Haus vorgestellt, „aber das konnten wir gerade noch abwenden“, grinst der Sohn. „Wir haben hitzig diskutiert und am Ende habt ihr wie immer gewonnen“, kontert die Mutter.

Joachim Sobing, Mechtild Coners-Sobing, Jutta Hartmann und die Geschwister Peter und Anna Eberlei

Auch auf der Baustelle habe bisweilen Gewitterstimmung geherrscht, erzählen sie. Einmal zum Beispiel, als Joachim Sobing von den Vorgaben der Planer abwich. Als Maurer hat Sobing das Haus selbst gebaut, Stein für Stein. Als es an die Terrassenbrüstung ging, setzte ihm ein Kollege den Floh ins Ohr, die geplanten 65 Zentimeter würden nicht vorschriftsmäßig, also mauerte er einfach ein bisschen höher. Als Eberlei zur Baustelle kam, bemerkte er sofort, dass da etwas nicht stimmte: „Das sah so merkwürdig aus.“ Er fackelte nicht lange, griff zum Winkelschleifer und korrigierte die Höhe – gemeinsam mit Sobing, der sich nach kurzem Zögern angeschlossen hatte. „Einige der Mauerstücke stehen heute als stumme Zeugen der Aktion im Garten“, sagt Eberlei. Er und Jutta Hartmann, die auch den Innenausbau weitgehend geplant hatten, hätten selbst an der ein oder anderen Stelle anders entschieden. Die Eltern, das ist klar, hätten ohne die beiden nie so ein Haus gebaut. „Aber mit dem Ergebnis, mit dem sind wir alle glücklich“, sagt Mechthild-Coners.

DAS HAUS KURZ UND KNAPP

Baujahr 2014
Bauweise Massiver Winkelbungalow mit Staffelgeschoss ohne Keller
Wohnfläche 164 Quadratmeter
Grundstücksgröße 740 Quadratmeter
Baukosten (wenn ohne Eigenleistung gebaut wird) zirka 336.000 Euro
Standort bei Oldenburg

Kandidaten für die Serie Neue Häuser gesucht. Nähere Informationen finden Sie hier.
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Quelle: F.A.S.

Veröffentlicht: 06.03.2017 12:31 Uhr