http://www.faz.net/-gqe-76zn1
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER

Veröffentlicht: 18.02.2013, 09:16 Uhr

Babelsberg Vom Pflegefall zur gefragten Adresse

Potsdam wächst, besonders im Stadtteil Babelsberg. Das historische Weberviertel ist ein Magnet, der auch Berliner anzieht.

von Jörg Niendorf
© Gyarmaty, Jens Zug ins Zentrum: Dank der guten Infrastruktur zieht Babelsberg auch Berliner an.

Der Schuster arbeitet gerade nicht mit Schuhen, sondern mit Steinen und Balken. Seine kleine Kate ist entkernt. Das 250 Jahre alte Baudenkmal wird von Grund auf saniert. Die Maurer rotieren, und der Schuhmacher packt beim Um- und Ausbau seiner Werkstatt mit an. Wohnen wird er nebenan.

Er, ein quirliger Mann in den Vierzigern, ist von Geburt an in Babelsberg zu Hause. Offiziell ist Babelsberg ein Stadtteil der brandenburgischen Landeshauptstadt Potsdam, bekannt für seine Filmstudios, doch in Wahrheit ist es ein Fall für sich. „Der Stadtteil ist wie eine Insel“, sagt Stefan Pinkernell, ein Nachbar. „Ideal für Familien.“

Infografik / Babelsbergs steiler Aufstieg Anstieg der Wohnungspreise von 2007 bis 2012 © F.A.Z. Bilderstrecke 

Dicht bebaut, doch überschaubar. Dörflich und doch mit guter Infrastruktur: In Babelsberg liegen Kindertagesstätten, Schulen und der Schlosspark vor der Haustür. Pinkernell und seine Frau haben das Anwesen neben dem Schuhmacher restauriert; auch ein geduckter Bau mit kleinen Fenstern. Zuvor war es völlig verrottet, erzählt Pinkernell. Seine Familie hat sich im Gartenhaus eingerichtet, im knallroten Vorderhaus liegt das Büro.

Pinkernell und der Schuster sind nicht die Einzigen, die ihre Häuser in Schuss bringen. Überall in den Gassen und Wohnstraßen sieht man Häuser, die mit viel Aufwand hergerichtet wurden. In bald jedem zweiten Haus wohnt mittlerweile eine Familie. Auf den Bürgersteigen herrschen oft Kinderwagenstau und ein dichtes Gewusel von kleinen Radfahrern.

Jede Baulücke wird genutzt

Potsdam zählt laut Statistik 160 000 Einwohner, Tendenz steigend. Die Stadt hat auch an ihren Rändern Bauland ausgewiesen. Doch im Moment übertrifft Babelsbergs Zentrum alles: Die Nachfrage nach Wohnraum im historischen Viertel aus der Zeit Friedrichs des Großen und in den benachbarten Gründerzeitquartieren entlang der S-Bahn-Strecke Berlin-Potsdam ist riesig. Der Stadtteil wächst im Innern, in den Höfen, hinter den Zäunen. Jede Baulücke wird genutzt. Schon um die 10 000 Menschen leben hier. Ende der 1990er Jahre waren es nur 5800, das Gebiet war ein Pflegefall. Jetzt dominieren die Jungen das Bild. Das Durchschnittsalter der Einwohner liegt bei 35 Jahren - damit sind sie sieben Jahre jünger als der Durchschnittspotsdamer.

Ausgelöst wurde der Boom vor acht Jahren durch eine neue Wohngasse. Die Häuschen sind gelb geklinkert und stehen sich dicht gegenüber, vom nahen S-Bahnhof hallen Zuggeräusche herüber. Es ist eine urbane, gleichzeitig gemütliche Atmosphäre. Damals zogen 17 Familien ein, erzählt Rainer Baatz von der Sanierungsgesellschaft Stadtkontor.

Baatz steuert im Auftrag der Stadt die Entwicklung Babelsbergs. Hier trommelte er eine Baugemeinschaft zusammen, nach dem Vorbild, wie in Universitätsstädten wie Tübingen oder Freiburg oft gebaut wird. Die Familien organisierten alles selbst, ohne Bauträger. Baatz und seine Kollegen assistierten. Das war wichtig, weil das Vorhaben im Denkmalbereich liegt. „Sie konnten hochwertig bauen, und die Kosten blieben tragbar“, sagt Baatz. Das Vorhaben war die Initialzündung für drei weitere Baugemeinschaften, die die Stadtkontor-Gesellschaft auf den Weg brachte. Mit einem Mal konnte es gar nicht schnell genug gehen. Mittlerweile haben sich an die 50 Bau-Ehepaare oder -Familien über solche Gemeinschaftsprojekte Wohneigentum geschaffen.

Hohe Nachfrage treibt die Preise

1 | 2 Nächste Seite   |  Artikel auf einer Seite
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Trend geht zur Stadt Die Mietpreisbremse wirkt nicht

Die Politik will per Gesetz die rasant steigenden Mieten in den Großstädten bremsen. Doch wer derzeit in München, Hamburg, Frankfurt eine Wohnung sucht, merkt: Es klappt nicht. Was ist da los? Mehr Von Lisa Nienhaus und Nadine Oberhuber

26.04.2016, 14:57 Uhr | Finanzen
Krieg und Kunst Syrische Kinder geben ihren Nöten ein Gesicht

In Istanbul zeigt eine Ausstellung Kunstwerke von 16 jungen Kriegsflüchtlingen. Zusammen mit Ihren Familien sind sie vor Krieg und Gewalt aus ihrer syrischen Heimat in die Türkei geflohen. Mehr

20.04.2016, 02:00 Uhr | Gesellschaft
Mainz Wachstum sorgt für Wohnungsmangel

Mainz geht es wie Frankfurt: Seine Einwohnerzahl wächst. Seit dem Jahr 2000 ist eine fünfstellige Zahl von Bürgern hinzugekommen. Nun will die Stadt bis 2020 mehr als 6500 neue Bleiben schaffen. Mehr Von Markus Schug, Mainz

21.04.2016, 14:23 Uhr | Rhein-Main
Video Uni Potsdam bildet geflüchtete Lehrer aus

An der Uni Potsdam werden geflüchtete Lehrer für den deutschen Schuldienst ausgebildet. Sie sollen später syrische Flüchtlingskinder unterrichten. Mit im Unterricht sitzt auch Alaa Kassab. Zu Hause hat die 23-jährige Syrerin Kindergartenkindern und Erstklässlern Englischunterricht gegeben. Mehr

15.04.2016, 10:15 Uhr | Politik
Przemek Wojcieszek im Gespräch Politische Satire hat es auch in Polen schwer

Nicht nur die Künstler und Intellektuellen haben die Nase voll von Zensur und Gängelung. Aber sie besonders. Ein Gespräch mit dem polnischen Film- und Theatermacher Przemek Wojcieszek. Mehr Von Tomasz Kurianowicz

25.04.2016, 11:52 Uhr | Feuilleton

Argentinien meldet sich zurück

Von Carl Moses, Buenos Aires

In nur vier Monaten hat Argentiniens Präsident Mauricio Macri den Zugang zu den Kapitalmärkten geöffnet. Auf dem Weg zur Stabilisierung wird das Land jedoch noch große Anstrengungen unternehmen müssen. Mehr 4


Die Börse
Name Kurs Änderung
  Dax --  --
  F.A.Z.-Index --  --
  Dow Jones --  --
  Euro in Dollar --  --
  Gold --  --
  Rohöl Brent --  --

Demographische Sackgasse Ein unfruchtbares Biotop

Seit Generationen kompensiert Deutschland die eigene Geburtenarmut mit dem Geburtenreichtum anderer Völker. Historisch neu und unerprobt ist aber, dass nun Hungrige in großer Zahl in festgefügte und weithin erstarrte Sozialstaatsgebilde einzudringen versuchen. Ein Gastbeitrag. Mehr Von Meinhard Miegel 88 100

Abonnieren Sie den Newsletter „Wirtschaft“