Home
http://www.faz.net/-gqe-76zn1
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER

Babelsberg Vom Pflegefall zur gefragten Adresse

Potsdam wächst, besonders im Stadtteil Babelsberg. Das historische Weberviertel ist ein Magnet, der auch Berliner anzieht.

© Gyarmaty, Jens Zug ins Zentrum: Dank der guten Infrastruktur zieht Babelsberg auch Berliner an.

Der Schuster arbeitet gerade nicht mit Schuhen, sondern mit Steinen und Balken. Seine kleine Kate ist entkernt. Das 250 Jahre alte Baudenkmal wird von Grund auf saniert. Die Maurer rotieren, und der Schuhmacher packt beim Um- und Ausbau seiner Werkstatt mit an. Wohnen wird er nebenan.

Er, ein quirliger Mann in den Vierzigern, ist von Geburt an in Babelsberg zu Hause. Offiziell ist Babelsberg ein Stadtteil der brandenburgischen Landeshauptstadt Potsdam, bekannt für seine Filmstudios, doch in Wahrheit ist es ein Fall für sich. „Der Stadtteil ist wie eine Insel“, sagt Stefan Pinkernell, ein Nachbar. „Ideal für Familien.“

Infografik / Babelsbergs steiler Aufstieg Anstieg der Wohnungspreise von 2007 bis 2012 © F.A.Z. Bilderstrecke 

Dicht bebaut, doch überschaubar. Dörflich und doch mit guter Infrastruktur: In Babelsberg liegen Kindertagesstätten, Schulen und der Schlosspark vor der Haustür. Pinkernell und seine Frau haben das Anwesen neben dem Schuhmacher restauriert; auch ein geduckter Bau mit kleinen Fenstern. Zuvor war es völlig verrottet, erzählt Pinkernell. Seine Familie hat sich im Gartenhaus eingerichtet, im knallroten Vorderhaus liegt das Büro.

Pinkernell und der Schuster sind nicht die Einzigen, die ihre Häuser in Schuss bringen. Überall in den Gassen und Wohnstraßen sieht man Häuser, die mit viel Aufwand hergerichtet wurden. In bald jedem zweiten Haus wohnt mittlerweile eine Familie. Auf den Bürgersteigen herrschen oft Kinderwagenstau und ein dichtes Gewusel von kleinen Radfahrern.

Jede Baulücke wird genutzt

Potsdam zählt laut Statistik 160 000 Einwohner, Tendenz steigend. Die Stadt hat auch an ihren Rändern Bauland ausgewiesen. Doch im Moment übertrifft Babelsbergs Zentrum alles: Die Nachfrage nach Wohnraum im historischen Viertel aus der Zeit Friedrichs des Großen und in den benachbarten Gründerzeitquartieren entlang der S-Bahn-Strecke Berlin-Potsdam ist riesig. Der Stadtteil wächst im Innern, in den Höfen, hinter den Zäunen. Jede Baulücke wird genutzt. Schon um die 10 000 Menschen leben hier. Ende der 1990er Jahre waren es nur 5800, das Gebiet war ein Pflegefall. Jetzt dominieren die Jungen das Bild. Das Durchschnittsalter der Einwohner liegt bei 35 Jahren - damit sind sie sieben Jahre jünger als der Durchschnittspotsdamer.

Ausgelöst wurde der Boom vor acht Jahren durch eine neue Wohngasse. Die Häuschen sind gelb geklinkert und stehen sich dicht gegenüber, vom nahen S-Bahnhof hallen Zuggeräusche herüber. Es ist eine urbane, gleichzeitig gemütliche Atmosphäre. Damals zogen 17 Familien ein, erzählt Rainer Baatz von der Sanierungsgesellschaft Stadtkontor.

Baatz steuert im Auftrag der Stadt die Entwicklung Babelsbergs. Hier trommelte er eine Baugemeinschaft zusammen, nach dem Vorbild, wie in Universitätsstädten wie Tübingen oder Freiburg oft gebaut wird. Die Familien organisierten alles selbst, ohne Bauträger. Baatz und seine Kollegen assistierten. Das war wichtig, weil das Vorhaben im Denkmalbereich liegt. „Sie konnten hochwertig bauen, und die Kosten blieben tragbar“, sagt Baatz. Das Vorhaben war die Initialzündung für drei weitere Baugemeinschaften, die die Stadtkontor-Gesellschaft auf den Weg brachte. Mit einem Mal konnte es gar nicht schnell genug gehen. Mittlerweile haben sich an die 50 Bau-Ehepaare oder -Familien über solche Gemeinschaftsprojekte Wohneigentum geschaffen.

Hohe Nachfrage treibt die Preise

1 | 2 Nächste Seite   |  Artikel auf einer Seite
 
 ()
   Permalink
 
 
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Berliner Stadtplanung In welchen Häusern wollen wir in Zukunft wohnen?

Ein politischer Coup: Ab sofort gibt Berlin dreißig Millionen Euro für experimentellen Geschosswohnungsbau aus. Was soll dort jetzt entstehen – und für wen? Ein Gespräch mit Regula Lüscher, der Stadtplanerin und Senatsbaudirektorin Mehr Von Niklas Maak

01.07.2015, 12:42 Uhr | Feuilleton
Eigenheim in Israel Wenn Wohnen Luxus wird

Die galoppierende Mieten und Immobilienpreise gehören zu den wichtigsten Themen, die die Menschen in Israel derzeit umtreiben. Die Preise sind explodiert, günstiger Wohnraum ist gerade für junge Familien kaum noch zu bekommen. Im Wahlkampf haben deshalb alle Parteien das Problem aufgegriffen. Mehr

15.03.2015, 10:14 Uhr | Gesellschaft
Heute in der F.A.Z. Milliardengrab für den IWF

Was Sie nicht verpassen sollten: die wichtigsten Themen der Frankfurter Allgemeinen Zeitung von morgen – ab jetzt im E-Paper. Mehr

29.06.2015, 19:54 Uhr | Wirtschaft
Nach Brandanschlag Erste Flüchtlingsfamilien leben in Tröglitz

Zwei Monate nach dem Brandanschlag auf ein geplantes Flüchtlingsheim in Tröglitz in Sachsen-Anhalt sind dort die ersten Flüchtlinge eingetroffen. Auf einer Pressekonferenz wurden die drei Familien vorgestellt. Mehr

12.06.2015, 09:59 Uhr | Politik
Fußball-Transferticker Atlético Madrid greift tief in die Tasche

Madrid findet Mandzukic-Ersatz ++ Porto kauft teuer ein ++ Frankfurt holt Stürmer ++ Götz hat neuen Job ++ Ilicevic bleibt doch beim HSV, Kacar überlegt noch ++ Di Santo bleibt Bremer ++ Alle Infos im Transferticker. Mehr

02.07.2015, 15:45 Uhr | Sport
   Permalink
 Permalink

Veröffentlicht: 18.02.2013, 09:16 Uhr

Griechenlands Entscheidung

Von Carsten Knop

Was ihre Entscheidung konkret bedeutet, wissen weder die Griechen noch der Rest Europas. Sicher ist: Das Einigungsprojekt wird an der griechischen Frage nicht scheitern. Mehr 36 23


Die Börse
Name Kurs Änderung
  Dax --  --
  F.A.Z.-Index --  --
  Dow Jones --  --
  Euro in Dollar --  --
  Gold --  --
  Rohöl Brent --  --