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Mittwoch, 19. Juni 2013
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Öffentliche Toiletten Wasser fassen statt Wasser lassen

 ·  Einst waren sie öffentliche Bedürfnisanstalten und Zeichen des Fortschritts. Dann wurden öffentliche Toiletten lange vernachlässigt. Heute beginnen einige wagemutige Pioniere, die Bauwerke wieder aufzuwerten. Der Marsch durch die Behörden ist oft beschwerlich.

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Für die älteren Nürnberger Herrschaften ist der Anblick immer noch gewöhnungsbedürftig. Dort, wo sich am Fuß der Brücke in den Hallerwiesen eine öffentliche Toilette befand, ist vor wenigen Wochen das Café „Schnepperschütz“ eingezogen. Rote Schirme vor den massiven Sandsteinmauern spenden Schatten, die Besucher sitzen im Freien an Tischen und auf den Treppen, plaudern bis in die Abendstunden: Das stille Örtchen war einmal.

„Unglaublich, wie das angenommen wird“, sagt Ralf Siegemund, der das Café mit Kioskbetrieb gemeinsam mit seiner Frau Madeleine Dumbeck betreibt. Sie traten mit ihren Umnutzungsplänen an die Stadt heran, als diese schon beschlossen hatte, fast die Hälfte der 49 öffentlichen Toiletten zu schließen.

Erbärmlicher Zustand

Der „Schnepperschütz“ ist kein Einzelfall, womöglich aber das zur zeit jüngste Beispiel für die Verwandlung zahlreicher öffentlicher Bedürfnisanstalten. Wie in Nürnberg sind viele der Bauten in erbärmlichem Zustand, der Er- und Unterhalt ist den Kommunen zu teuer. Die Kosten für die Instandsetzung der Gebäude können rasch eine sechsteilige Summe erreichen. Daher geben immer mehr Städte historische Toilettenhäuser, denen der Verfall droht, an Pächter ab, die Ideen und Kapital mitbringen. So kann die Immobilie erhalten werden, und der öffentliche Raum gewinnt.

In Bochum etwa ist ein Heimat- und Denkmalverein in ein ehemaliges WC-Häuschen aus den zwanziger Jahren gezogen. In Fulda hat der Gastronom Nico Tedesco eine neoklassizistische Bedürfnisanstalt umgebaut. „La storia felice“ öffnet ihre Pforten für Feiern und Gesellschaften. Eine Institution ist die „Alsterperle“ in Hamburg, während sich in Frankfurt das „Lala Mamoona“ seit seiner Eröffnung vor zwei Jahren zum Anziehungspunkt für ein buntes Publikum entwickelt hat.

Ein prächtiger Ort

Anders als Siegemund, der erzählt, er habe die Idee zum „Schlepperschütz“ in relativ kurzer Zeit umsetzen können, schildert Ghani Bibaoune seinen Weg zum Inhaber und Betreiber des Lala Mamoona als langen Marsch durch die Institutionen. Anfang der Dekade war dem gebürtigen Marokkaner in einer Grünanlage aufgefallen, was die meisten Passanten übersahen: ein Jugendstilpavillon aus dem Jahr 1906. Er ist wie auch das Fuldaer „La storia felice“ ein Beispiel für öffentliche Bedürfnisanstalten, die Anfang des vorigen Jahrhunderts entstanden. Geradezu prächtig gestalteten die Planer diese Orte, deren Kulturgeschichte ein ganz eigenes Kapitel ist.

Bibaoune jedenfalls sah den Pavillon. Vor Jahren hatte die Stadt ihn geschlossen. In seinem Umfeld trafen sich Obdachlose und Drogenabhängige. „Das war wie ein ungeschliffener Diamant, das muss man erkennen“, sagt der 35-jährige Inhaber. Beim zuständigen Liegenschaftsamt fand er Unterstützung. Das denkmalgeschützte Gebäude sei in einem kritischen Zustand gewesen, berichtet Amtsleiter Alfred Gangel. „Uns hätten zu einer Sanierung die Mittel gefehlt.“ Doch weil es sich um ein öffentliches Objekt auf ebensolchem Grund handelt, war es nicht allein die Entscheidung des Amtsleiters, ob das Toilettenhaus umgenutzt werden konnte.

Gang durch die Institutionen

„Vier Mal ging die Sache durch den Ortsbeirat, vier Mal durch den Wirtschaftsausschuss“, erzählt Bibaoune. 2006 erhielt er die Genehmigung, dann erst durfte er in den Pavillon und sah, auf was er sich eigentlich eingelassen hatte. Eimer voll Taubendreck haben der Inhaber und seine Helfer entfernt. Der Pavillon wurde entkernt, eine Gasleitung musste gelegt, eine Fußbodenheizung installiert werden. Alle Maßnahmen geschahen in Abstimmung mit dem Denkmalschutz.

Der erlaubte, an der rückwärtigen Wand den Raum zu erweitern, allerdings nicht mit einem massiven Anbau, sondern mittels eines 6 auf 2,5 Meter großen Frachtcontainers, in dem heute die Kühlkammer und die Toiletten untergebracht sind. In wenigen Stunden kann diese Konstruktion wieder abgebaut werden. Fast 20 Quadratmeter Nutzfläche hat Bibaoune nun zur Verfügung. Der Frankfurter, ein gelernter Tischler, besitzt ein Faible für Materialien und Oberflächen. An die Innenwände kam Mamorputz, die Decke hat eine Malerin gestaltet.

Keine Zuschüsse

An die 300.000 Euro habe er in die Umgestaltung gesteckt, sagt Bibaoune. Ein Drittel hat er mit der Pacht verrechnen können. Zuschüsse habe er sonst keine erhalten. Der Ausbau des 16 Quadratmeter großen Schankraums im Nürnberger „Schnepperschütz“ fiel nicht so aufwendig aus. Allerdings rechnete die Stadt die Investitionen auch nicht auf die Pacht an, wie Siegemund sagt. In Fulda wiederum überließ man Gastronom Tedesco das marode Gebäude zum Preis von 10.000 Euro - und einen Erbpachtvertrag über 50 Jahre. 300.000 Euro habe er in das Denkmal investiert, berichtet der Inhaber. Zuschüsse habe man ihm in Aussicht gestellt, nun müsse das Dach repariert werden.

„Das hat alles horrende Summen gekostet, da sollte auch was rauskommen“, hofft Tedesco, dessen Haupteinnahmequelle ein anderes Restaurant ist. Um Zuschüsse gehe es ihm nicht, wehrt dagegen Ghani Bibaoune ab. Das Lala Mamoona laufe gut. Damit das auch in der kalten Jahreszeit so bleibt, will er einen Wintergarten bauen, ohne Fundament. Das Liegenschaftsamt hat längst zugestimmt, doch das für die umliegende Anlage zuständige Grünflächenamt brütet seit Monaten über der Frage, ob durch die Konstruktion eine Baumwurzel beschädigt werden könnte.

Toter Punkt belebt

„So etwas macht mich müde“, klagt der Gastwirt, der für sich in Anspruch nimmt, mit Lala Mamoona den einstmals toten Punkt der Einkaufsstraße „Zeil“ mitbelebt zu haben. Er wünscht sich Unterstützung für sein Engagement, das die Stadt begrüßt. Sie lotet aber auch aus, wie viel sie davon im öffentlichen Raum zulassen will. Der Konfliktstoff, der darin liegt, ist ein grundsätzlicher.

In Nürnberg indes gehen die Betreiber des „Schnepperschütz“ ihre ersten Saison noch mit einer gewissen Gelassenheit an. Wenn es kalt wird, wollen sie schließen.

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Jahrgang 1966, Redakteurin für „Immobilien“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

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