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Mittwoch, 19. Juni 2013
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Moderne Büroarchitektur (4) Googles Seat View

 ·  Eine andere Philosophie zu Innenausbau: Die Büros des Internetgiganten sind berühmt dafür, anders zu sein. Alles folgt dem Ziel der Googliness. Ein Besuch der Standorte Hamburg und Berlin.

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© Florian Schuh In einem Boot: In Hamburg hat Google sein Büro unter dem Motto Wasser und „Schietwetter“ designt

Wer über Google etwas sucht, wird schnell fündig - dafür ist der Dienst bekannt. Wer allerdings Google sucht, muss selbst findig sein. Im Stadtbild verhält sich der sonst omnipräsente Konzern unauffällig. Kein großes Firmenschild an der Fassade verweist auf die Zentrale des Webgiganten in der Hamburger Innenstadt. Anders als im Internet, wo man an Google kaum vorbeikommt, springen den Besucher im realen Leben keine sechs bunten Buchstaben an. Wie gut, dass es Google Maps und Smartphones gibt und der Pressesprecher einen Link mitgeschickt hat. So führt der Weg zu Google auch im „Real Life“ irgendwie übers Netz. „Protzen ist nicht unsere Art“, heißt es beim Unternehmen. Es geht aber noch um etwas anderes: „Wir wollen nicht, dass Leute hier vorbeikommen, weil wir ein Kuchenrezept für sie googeln sollen“, sagt Pressesprecher Stefan Keuchel amüsiert. Man kann es sich kaum vorstellen, aber solche Sachen passieren tatsächlich.

Die größte Suchmaschine der Welt hat sich mit ihrer Deutschlandzentrale in einem repräsentativen, aber seelenlosen Bürogebäude eingemietet. Man geht klassisch durch eine gläserne Automatiktür über spiegelnden Steinboden zu den Aufzügen, die zum Google-Empfang im dritten Stock führen. Erst dort beginnt eine andere Welt - die Welt der Googliness, wie man die legendäre Arbeitsumgebung des Unternehmens intern nennt. Mit einem Mitarbeiter und einem Laptop hat Google Deutschland vor mehr als zehn Jahren in Hamburg angefangen. Seit acht Jahren sitzt man im ABC-Bogen, wo sich die inzwischen dreihundert Mitarbeiter nach und nach auf sechs Stockwerke und 6500 Quadratmeter ausgebreitet haben.

Vor einer Fensterfront dürfen Golffans putten

Seit Monaten wird hier umgebaut, alles neu gemacht. Die Etagen gestaltet man nach Themen. Im 1. Stock etwa geht es um Transport. In einem Seitengang liegen Flugzeugkabinen, klassifiziert in Economy, Business oder First Class. Ein kompletter U-Bahn-Wagen der Hamburger Linie U3 öffnet seine Türen für Konferenzen. Einen Matchbox-Raum haben die Inneneinrichter mit schwarzem Teppich ausgekleidet, sodass die mit Klett versehenen Matchboxautos rundum haften können. Die eigentlichen Schreibtische der Angestellten folgen am Ende der Etage im Großraumbüro. Sie sind spärlich besetzt, was teils an der mittäglichen Zeit, teils aber auch daran liegen mag, dass jeder Google-Mitarbeiter selbstverständlich mit einem Notebook ausgerüstet ist und im Haus viele alternative Plätze zum Arbeiten findet, die deutlich spannender als ein profaner Schreibtisch sind: Wie wäre es auf dem brandneuen Film-Stockwerk mit einer Konferenz in der Kodak-Dose, einer Auszeit in der Maske oder einer Teamarbeit vor der Weltkarte im Nachrichtenstudio?

In der Marketingabteilung sind alle Konferenzräume nach Getränkesorten benannt, und auf der Sport-Etage gleicht der Flur einer Leichtathletik-Laufbahn. Sowohl zu Ehren des HSV als auch des 1. FC St. Pauli wurde je ein Konferenzraum gestaltet, die Glasfronten mit Netzen verhängt. An den Decken baumeln Fußbälle.

Vor einer Fensterfront dürfen Golffans putten. Für Schachliebhaber wurden schallgedämpfte, halboffene Kabinen eingebaut, die außer dem nächsten Zug alles rundum vergessen lassen. Währenddessen lümmeln sich Mitarbeiter im Ruderhaus in Booten. In der Sportsbar läuft Sportfernsehen, und es gibt echtes Bier. Möglichkeiten, sich zum Arbeiten, Entspannen oder Spielen zurückzuziehen oder sich spontan mit anderen zu unterhalten, sich in kleinen Teams zusammenzusetzen und Pläne zu schmieden oder an konkreten Projekten zu arbeiten, gibt es zuhauf.

„Man sollte keine Angst vor Farben haben“

Überall auch kleine Kabinen zum Telefonieren oder Videokonferieren - schließlich ist die Kommunikation mit anderen Google-Büros Alltag. Alles in allem ist das Konzept der Gegenentwurf zu Einzelbüros und Dauermeetings und ein gebautes Statement für alles Spontane und für kurze Wege. Ob die Mitarbeiter allerdings noch den Weg nach Hause finden und wie sich die Sache mit der Work-Life-Balance verhält, ist eine ganz andere Frage.

Zuständig für die Gestaltung aller Google Offices ist eigens ein Team. Dazu gehört auch der Amerikaner Jason Harper. Sein offizieller Titel: Real Estate Project Executive. Er sitzt in Hamburg auf dem Wasser-Stock, gleich bei den Strandkörben, wie er es beschreibt. Hier sind die Wände gewölbt wie Wellen. Taue gibt es zuhauf. Die Wände einer Telefonkabine bestehen aus Plastikwasserflaschen. Ein Café nennt sich Schietwetter, ist bestückt mit Regenschirmen und echten Gullideckeln. Zurzeit hat Jason Harper Projekte an neun Standorten zu betreuen, quer durch Europa; eins im Mittleren Osten. Er ist Verbindungsmann zwischen Google als Unternehmen und den Architekten, Baukonzernen und Vermietern an den verschiedenen Standorten. Und er sorgt dafür, dass in die Räumlichkeiten die gewünschte Googliness einzieht.

„Es ist klar, dass wir keine Standardbüros bauen“, sagt Harper. „Wir haben eine andere Philosophie zu Innenausbau als andere Konzerne.“ Doch was macht sie nun aus, die legendären Google-Büros? Lässige Sitzgelegenheiten, Spielfähigkeit und Kultiges wie Lavalampen oder Matchboxautos? „Man sollte keine Angst vor Farben haben“, nennt der Immobilienprojektleiter ein Kriterium. „Das allein ist schon Googliness.“ Dahinter stecke aber vor allem eins: „Wir wollen, dass es unseren Mitarbeitern gutgeht. Das ist das A und O der ganzen Geschichte.“ Sie sollen sich zurückziehen, mal Dampf ablassen können, und sie sollen stolz auf ihren besonderen Arbeitsplatz sein. Das klappt offenbar: „Leute bringen ihre Familien einfach mal zum Mittagessen mit oder zeigen ihnen das Büro“, berichtet Harper. Besonders beliebt beim Kinderbesuch: Das Miniatur-Schwimmbad mit Startblöcken als Sitzplätzen und einem mit Schaumstoffwürfeln gefüllten Schwimmbecken. Die Googliness umfasst neben dem Arbeitsplatzdesign auch die kostenlosen Massagen, das Gratisessen, den nichtvorhandenen Anzugzwang und die fehlende Stechuhr - eben alles, was zum Wohlfühlen gehört. Dass die googeligen Arbeitsplätze nicht nur den Mitarbeitern gefallen, sondern auch zum Image des Konzerns passen, ist ein willkommener Nebeneffekt.

Auch in Berlin findet sich Lokalkolorit

„Wir wollen, dass man mit verbundenen Augen sofort weiß, dass man in einem Google-Büro ist“, beschreibt Jason Harper das Ziel. Gleichzeitig soll kein Büro so aussehen wie das andere. Für den besonderen Charakter jedes der insgesamt mehr als 70 Standorte nutzt man Lokalkolorit: Was in Zürich die Seilbahn-Gondeln, ist in München der Bayerische Löwe und in Hamburg das Schietwetter. Und um da die lokalen Befindlichkeiten nicht zu verkennen, werden die Mitarbeiter vor Ort mit eingebunden. Außerdem verpflichtet der Konzern ortsansässige Architekten. Bei der Auswahl der Immobilien geht es darum, dass sie auch mit dem Fahrrad oder den öffentlichen Verkehrsmitteln gut erreichbar sind und das Umfeld eine passende Infrastruktur bietet.

Aber warum mietet sich ein Weltkonzern auf der Etage ein? Das biete fürs Unternehmen mehr Flexibilität, erklärt Harper. „Es wäre schlecht, ein eigenes Haus zu bauen und dann zu groß dafür zu werden.“ Natürlich versucht man, in Bürokomplexe einzuziehen, in denen man sich bei Bedarf ausbreiten und lange bleiben kann, um die Investitionen in den aufwendigen Innenausbau nicht zu verlieren. Wie hoch die sind, verschweigt das Unternehmen. Gespart wird jedenfalls nicht: In Hamburg etwa hat Google sogar ein eigenes Fitnesscenter integriert - mit Laufbändern, Gymnastikraum, Lockern, Duschen und einer künstlichen Blumenwiese. Dass Räume so stark umgebaut werden, wäre den Vermietern im Normalfall nicht recht. Doch wer Google als Mieter hat, freut sich vermutlich eher darüber und nimmt es als Versprechen, dass sich das Unternehmen an der Adresse häuslich einrichtet.

In Berlin, wo ein kleines Team seit fünf Jahren Lobbyarbeit macht, wurde gerade ein ganz neues Büro fertiggestellt. Hier hatte man bisher schlicht Plätze bei einem Bürodienstleister angemietet - so austauschbar startet Google oft an neuen Standorten. In den eigenen Räumen im Google-Stil kann sich das Unternehmen nun aber auch präsentieren und zu größeren Veranstaltungen einladen. Auch in Berlin findet sich Lokalkolorit: Die Räume sind nach bekannten Clubs benannt, heißen Clärchens Ballhaus, KaterHolzig oder Berghain. Ein Wandgemälde zeigt Berlintypisches, samt Graffiti. Die Berliner Niederlassung ist vom Interior her weniger verspielt als Hamburg. Sie gibt sich reduzierter, mit klarem Design, setzt vor allem auf Farben. Vielleicht könnte man es verlässlicher nennen, und vielleicht soll das auch so rüberkommen. Google als seriöses Mitglied der politischen Szene, das Farbe bekennt und seine Zeit nicht beim Spielen verdaddelt? Mit Innenarchitektur kann man ja vieles ausdrücken.

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