Home
http://www.faz.net/-gza-6xyow
Mittwoch, 19. Juni 2013
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Moderne Büroarchitektur (1) Ein Büroschiff wird kommen

 ·  Mit schwimmenden Planern und Werbern im Hamburger Eilbekkanal beginnt eine Serie, in der ungewöhnliche Büroarchitektur vorgestellt wird.

Artikel Bilder (5) Lesermeinungen (3)
© Florian Schuh Das Büroboot „One of One“ liegt seit 2008 im Hamburger Eilbekkanal vor Anker

Eilbek im Hamburger Osten, jenseits der Außenalster: Backsteinmietshäuser aus der Nachkriegszeit prägen hier das Bild. Ein Kanal zieht sich durch die Wohngegend, gesäumt von Trauerweiden. Noch ist er zugefroren, in wärmeren Jahreszeiten dient er als Ruderstrecke. Trotz des unwirtlichen Wetters sind am Ufer vereinzelt Jogger unterwegs. Einige Spaziergänger führen ihre Hunde Gassi.

Ist das nun Vorortidylle oder urbane Tristesse? Eine Antwort fällt schwer. Klar scheint zu sein, dass Hamburgs Kreative bestimmt anderswo sitzen. Selbst die Attraktion des Viertels, die schwimmenden Häusern auf dem Eilbekkanal, bleiben erstaunlich unauffällig. Bis auf eines: Das sieht nämlich so aus, als hätte es ein Doppelnull-Agent hier geparkt. Die mit spiegelndem Metall beplankte futuristische Yacht ist allerdings untauglich für Verfolgungsjagden. An zwei Dalben befestigt, könnte sie ohnehin nur geschleppt oder gezogen werden.

Anders als auf den Nachbarbooten findet man auf dem metallblinkenden „One of One“ kein einziges wohnliches Accessoire: keine Bambuskübel oder Kinderrutschen, keine behaglichen Loungemöbel. Unter der Adresse Uferstraße 8e hat ein Büroboot angelegt als Arbeitsplatz für Planer und Werber. Der Inhaber Thorsten Freier zog hier vor knapp zwei Jahren mit seinem Architekturbüro baubüro.eins ein. Das Heck des unteren Decks ist an eine Agentur vermietet.

Man kann sich gut vorstellen, wie vor fast fünf Jahren während des Investorenwettbewerbs um die raren Liegeplätze im Eilbekkanal gestandene Stadtplaner in der Jury kleine Hausbootmodelle auf einem detailliert nachgebauten Kanalabschnitt hin und her geschoben haben. So entstand eine Art Tischordnung auf dem Wasser. Das futuristische Büroboot fand dabei seinen Platz am obersten Ende – sozusagen als mutiger Ausblick in die Zukunft schwimmender Immobilien. „Bei dem großen Wettbewerbsfeld haben wir uns gesagt, wir können nur über einen expressionistischen Entwurf gewinnen“, erinnert sich Freier. „Die anderen Hausboote sind zwar alle verschieden, aber trotzdem ähnlich. Es sind halt schwimmende Häuser auf einer vorgegebenen Fläche.“

In dem Entwurf des Architekten spielen verschränkte Flächen und harte Kanten eine wesentliche Rolle. Optisch sollen sich die kultigen Airstream-Wohnwagen der Sechziger, italienische Wally-Luxusyachten und Stealth-Bomber treffen – irgendwo zwischen gefühlter Geschwindigkeit und Dekonstruktivismus. Gern hätte Freier die einzelnen Aluminiumplatten stilecht genietet. Aber selbstschneidende Schrauben waren praktikabler. „13 000 Schrauben waren es“, berichtet der Architekturstudent Daniel Schilp. „Schließlich habe ich jede einzelne gezeichnet.“ Zusammen mit seinem Kommilitonen Jonas Greubel erarbeitete er für baubüro.eins den Wettbewerbsentwurf.

Einer der Eckpfeiler im Konzept ist die Anmutung des rohen Materials. Lack oder Farbe wurde von Bord verbannt – alles darf verwittern. Augenfällig ist das Prinzip bei der Aluminiumverkleidung. Schon jetzt blitzt und blinkt die Fassade weniger als zu Beginn. „Das ist durchaus gewollt“, erklärt Hausherr Freier. „Welcher Effekt sich genau einstellt, kann momentan keiner sagen – es ist nicht geprüft.“

Um ein schwimmendes Büro zu bauen, mussten nicht nur die Studenten, sondern auch der Architekt Neuland betreten. „So ein Projekt hat viel mehr Facetten als ein Hausbau“, sagt Jonas Greubel. Unten geht es um Schiffsbau, oben um Hausbau – deshalb wurden gleich drei Statiker benötigt: ein Schiffsstatiker für den Rumpf, ein Hausbaustatiker für den Aufbau und ein Statiker für die Berechnung der Kippstabilität. „Auch im angenommenen Extremfall, wenn sich hundert Leute über die Reling beugen und einem Ruderer nachschauen, darf das Boot natürlich nicht kippen“, sagt Schilp.

Ohnehin muss das Hausboot im Alltag immer wieder neu austariert werden, wofür Wassertanks eingebaut sind. „Schon ein gut bestücktes Bücherregal kann für eine Schieflage sorgen“, erzählt Freier. Den Hausbooteigentümer reizte vor allem die Umsetzung des Projekts. Sich dann tatsächlich aus einem Innenstadtbüro auf den Kanal zu verabschieden fiel ihm allerdings schwer. „Ich dachte, dass hier eine gewisse Vereinsamung stattfindet, aber das ist tatsächlich nicht der Fall.“ Der Architekt und seine Kollegen genießen vielmehr die Ruhe auf dem Kanal als Kontrast zum Alltag auf den Baustellen. „Da draußen sind wir ohnehin im Tumult.“

Als Besonderheit genießen die schwimmenden Büronutzer auch die Naturnähe. „Unsere Werber kennen fast jeden Vogel, der da nistet oder schwimmt. Wenn mal wieder die Haubentaucher mit den Enten verfeindet sind, wird dafür gesorgt, dass sie sich in Ruhe lassen“, erzählt der Hausherr. Ansonsten arbeitet es sich auf dem Wasser nicht anders als auf festem Grund: Das Hausboot schwankt nur selten, etwa wenn mal ein Polizeiboot vorbeiprescht. Durch die spezielle Verbindung mit den Dalben sind keine Seit-, sondern nur Auf- und Abwärtsbewegungen möglich.

Ein Grundstück mussten die Hausbooteigentümer am Eilbekkanal nicht kaufen, und die Pacht an die Stadt ist relativ niedrig. Rund 2000 Euro zahlt jedes Hausboot derzeit im Jahr für den Liegeplatz plus einen schmalen Uferstreifen. „Dafür sind die eigentlichen Hausboote sehr teuer“, sagt Andreas Mönkemeyer, Leiter der Wasserbehörde im Bezirksamt Hamburg-Nord. Immer wieder rufen Interessierte in seiner Behörde an und fragen mit dem Verweis darauf, dass es in Hamburg doch viel Wasser gebe, nach Liegeplätzen. „Das stimmt zwar, aber mit Rücksicht auf den Rudersport in Hamburg muss eine genügend breite Wasserfläche verbleiben, so dass nur die wenigsten Gewässer in Frage kommen“, sagt der Behördenchef.

Das futuristische Büroboot im Eilbekkanal polarisiert. Unter Architekten überwiegt aber die Faszination. So schaffte es das „One of One“ 2010 auf den Titel des Jahrbuchs der Hamburgischen Architektenkammer. „Wir bekommen als Büro viel Kontakt über das Boot“, sagt Hausherr Freier. Viele wollten es einfach mal von innen sehen. „Normalerweise sind wir beim Kunden oder bei den Architekten, mit denen wir arbeiten. Aber alle wollen auch einmal eine Besprechung auf dem Hausboot gemacht haben.“ Wohnen möchte Freier auf dem Wasser allerdings nicht: „Man ist doch eingeschränkt, kann zum Beispiel kleine Kinder nur mit Schwimmweste spielen lassen. Da hat ein Haus auf dem Land auch viele Qualitäten.“

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen