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Factory Berlin Mauerstreifen lockt Gründerszene

An historischer Stelle reagiert die Architektur auf die Gründer-Boom: Auf dem Gelände einer Brauerei mitten in Berlin entsteht ein Start-up-Campus - samt Basketballplatz und Kunstgalerie.

© dapd Vergrößern Factory mit Fernsehturmblick: Das Alte bleibt, das Neue kommt.

Die rostigen Stäbe der Mauergedenkstätte an der Bernauer Straße ragen kalt in den Novemberhimmel. Berlin-Touristen schlendern den ehemaligen Mauerverlauf entlang, studieren Infotafeln und sind gedanklich weit in der Vergangenheit - bei Fluchttunneln und Fensterstürzen, bei menschlichen Tragödien und politischem Irrsinn. Dass nur ein paar Meter neben ihnen an der Zukunft gebaut wird, entgeht ihnen völlig.

Eine alte Brauerei steht hier entkernt, fensterlos und teils ohne Dach. An der Blindwand zum Mauerstreifen blättert eine längst überdauerte Fassadenwerbung von Rudis Resterampe („Gutes günstig. Da kannste ganz schön was rausholen!“). Direkt um die Ecke hängt ein Mozilla-Banner mit einem deutlich korrekteren Motto („Doing good is part of our code.“) und kündigt den baldigen Einzug der Internetgröße am historischen Ort an. Denn hier entsteht bis zum Sommer nächsten Jahres die Factory, ein Gründerzentrum im Campusstil, in dem internationale Firmen und lokale Start-ups ihre Büros Tür an Tür haben werden.

Ncht nur Schreibtische und Kaffeemaschinen

Kleine Start-ups wie Versus IO, Toast, Silicon Allee oder Views finden auf dem Areal der ehemaligen Brauerei genauso ihren Platz wie die allseits bekannten 6Wunderkinder, die boomende Online-Musikplattform Soundcloud, derzeit die große deutsche Hoffnung in der Tech-Szene, und eben Mozilla. Nun hat sogar Google eine strategische Partnerschaft angekündigt, will über sein Entrepreneurs-Förderprogramm in den nächsten drei Jahren eine Million Euro in die Factory fließen lassen, in Form von Trainings, Knowhow und Mentoring. Und obwohl durch das Gebäude momentan noch der Wind pfeift, sind schon 80 Prozent der Flächen vermietet. Die von vier Privatinvestoren finanzierte Immobilie mit einem Bauvolumen im niedrigen zweistelligen Millionenbereich scheint den Gründern den Erfolgskurs schon einmal vorzuzeichnen. Die Idee zur Factory stammt von der Vermögensverwaltung Jmes, die selbst in Start-ups investiert. Verantwortlich fürs Konzept sind zwei ihrer Partner: der Startup-Unternehmer Simon Schäfer und der Immobilienentwickler Udo Schloemer.

Dabei geht es bei der Factory nicht nur um Platz für Schreibtische und ein paar Kaffeemaschinen. Zentral ist der Campusgedanke und die Mischung aus Arbeit und Erholung, die sich bisher nur große Konzerne leisten, um Mitarbeiter zu halten. Neben Konferenz- und Veranstaltungsräumen wird es in der Factory ein Restaurant, ein Deli, ein Fitnesscenter, einen Basketballplatz und eine Kunstgalerie geben. Als internationale Vorbilder nennt Schäfer denn auch den Googleplex in Kalifornien und die neuen Konzernzentralen von Facebook und Apple. Bei der Factory soll so etwas allerdings erstmals aus der Szene selbst entstehen und auch nicht im Dienste einer Firmenstrategie. Das Ziel: Start-ups über die Grenzen Deutschlands hinaus erfolgreich zu positionieren. Dazu kann es nicht schlecht sein, sie erst einmal an einem Ort zu versammeln und zudem zwei Welten zusammenzuführen, die durchaus Berührungsängste haben, sich aber viel nutzen können. Gründer profitieren von den Erfahrungen und dem Einfluss der Etablierten, die großen Firmen freuen sich über Innovationen - so das Ideal.

Zentrum der europäischen Gründerszene

Bis zu 12.000 Quadratmeter Nutzfläche wird die Factory bestreiten, wofür man noch Nachbargebäude dazugekauft oder -gemietet hat. Die ehemalige Brauerei wird aufgestockt. In die große Freifläche auf dem weitläufigen Areal soll zusätzlich ein Kubus gesetzt werden, als Unternehmerschule, die passend zur alten Brauerei momentan unter dem Arbeitstitel „Distillery“ läuft. Das architektonische Prinzip: „Was alt ist, bleibt alt, und was neu ist, wird sehr modern“, kündigt Schäfer an. Dafür muss viel vom Alten erst mal wieder hervorgeholt werden wie die unter Putz verborgenen Backsteinmauern. Die abgehängten Decken hat man abgeflext. Die Fenster werden auf Fabrikgröße rückgebaut. Gern würde man auch alle Trägerstrukturen unter den Pfeilern zeigen, doch die dann nötige Feuerschutzfarbe ist so teuer, dass man das nur an ausgewählten Stellen umsetzen kann. Die Gründerszene liebt den Loftcharakter. Auch die historische Lage auf dem Mauerstreifen ist reizvoll. „Es war kein Hauptkriterium“, sagt Barbara Hüppe, die Pressesprecherin von Mozilla in Europa, die auch in die Factory ziehen wird, „aber es ist durchaus etwas, womit man die internationalen Kollegen begeistern kann. Eine Wand ist ja auch tatsächlich Teil der Mauer gewesen. Das werden wir im Büro sicher zu würdigen wissen.“

Auf einer Altbau-Etage mit Blick auf die Baustelle tüfteln schon Factory-Mieter an ihren Unternehmen. Da sind etwa Benedikt Bingler von Toast, einer Wunschlisten-App. Und Dario Alborghetti von Views, die mit Hilfe von Fotos im Internet Käufer zurück in die Shops holen wollen. Toast hatte sein Büro schon „überall in Berlin“, ganz zu Anfang in einer Ecke eines anderen Büros, erzählt Bingler. Das ist typisch für Start-ups, die hierzulande zwar nicht in Garagen, aber vom Café oder vom Küchentisch aus starten, in einem Coworking-Space oder als Untermieter bei einem anderen Unternehmen sitzen. Der Italiener Alborghetti war zuerst in Köln: „Aber ich wusste, wenn ich etwas starten will, muss ich ins Epizentrum.“

Berlin hat sich in den vergangenen zwei Jahren neben London zum Zentrum der europäischen Gründerszene entwickelt, da ist man sich einig. Entrepreneure aus dem Ausland kommen extra hierher, um ihre Ideen umzusetzen. Und jetzt reagiert auch die Architektur darauf, und das sogar an historischer Stelle. Immerhin werden dort, wo man vor mehr als einem halben Jahrhundert eine Nation in zwei Deutschlands teilte, Gründer aus über dreißig Ländern zusammenarbeiten - mit Geschäftsideen für die Zukunft.

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Quelle: F.A.S.

 
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