Rund zwanzig Leute scharen sich an der Theke, die zugleich Rezeption ist. Dahinter eine wandfüllende Tafel mit dem gesamten Sortiment an Kaffeesorten, Bio-Limos und Snacks sowie ganz oben und unübersehbar der Gästezugang mit dem Passwort fürs WLAN. Erst kommt das Netz, dann der Magen. Schließlich sind wir hier im Entree und Café eines Coworking Space, dem Betahaus in Berlin-Kreuzberg, einem der bekanntesten Büros für Digital Natives, wie die Medien gern jene nennen, denen das Internet scheinbar als sechster Sinn mit in die Wiege gelegt wurde.
Sogenannte Coworking Spaces entstehen allenthalben, vor allem in den Großstädten. Rund um den Erdball gibt es mehr als tausend, in Berlin sind es zurzeit 25 bis 30. Der Zuwachs ist enorm, jährliche Verdoppelungsraten durchaus üblich. Offizielle Zahlen gibt es zwar keine, diese hier kommen von Deskmag, einem Onlinemagazin, das ausschließlich übers Coworken berichtet und Studien zum Thema erstellt.
Die neuen Orte der Arbeit lassen sich allerdings nicht leicht zählen, da sie schwer abzugrenzen sind - zur einen Seite zu gewöhnlichen Gemeinschaftsbüros, auf der anderen gegenüber klassischen Mietbüros oder Business Centern. Coworking Spaces sind die typischen Arbeitsplätze für Freiberufler, Kreative und Start-ups. Orte fern des heimischen Schreibtischs, aber eben nicht zu vergleichen mit traditionellen Büros. Sie definieren sich vor allem durch ein flexibles Netzwerk an Menschen und Ideen - und durch schnelles Internet.
Monatsbeitrag, Teilzeit oder Tagesticket
Zurück zum Beispiel Betahaus: Gleich soll die Führung durchs Haus losgehen. „Wir machen das jetzt schon seit zwei Jahren zwei Mal die Woche“, seufzt Madeleine Gummer von Mohl, eine der Gründerinnen, ungläubig und ein bisschen stolz. „Und es gibt immer noch Leute, die das Betahaus nicht gesehen haben.“ Mit nur einem Raum für Schreibtische in einem alten Industriegebäude hat das Betahaus vor zweieinhalb Jahren angefangen. Heute bespielt das sechsköpfige Gründungsteam mit den 200 Mitgliedern drei Etagen, und es streckt seine Fühler schon nach einem weiteren Stockwerk aus. Unsere Besuchergruppe muss wie alle Betahaus-Nutzer über den Hof und durchs Treppenhaus hinauf in die Arbeitsräume. Überall weiß getünchte Backsteinwände, an den Mauern des Hinterhofs prangt ein magentafarbener Anstrich als Kulisse für Bürogrillpartys.
Industriestil allenthalben, die Raumgestalter haben bevorzugt einfache Lösungen gewählt - offene Holzwaben dienen als Postablage, Schnüre mit Klammern als Schwarzes Brett. Der „Meeting Space“ besteht schlicht aus mit Teppich bezogenen Stufen. Was man hier nicht findet: alles, was es für die Bürowelt von der Stange gibt. Die Arbeitsräume sind groß und werden durch das bestimmt, worum es geht. Viele Schreibtische nach dem simplen Prinzip: zwei Böcke, obendrauf eine Platte.
Tische mit rotem Punkt sind fest von einer Person gemietet, die mit grünem Punkt sind sogenannte Flexdesks, an denen jeden Tag jemand anderes sitzt. Man kann einen Monatsbeitrag zahlen, Teilzeit arbeiten oder sich ein Tagesticket ziehen, dass in der Coworking-Welt Dayticket heißt. Extras wie ein Spind (Locker), um abends seine Sachen wegzuschließen, eine Postbox, 24-Stunden-Zugang zum Büro, Konferenzraumnutzung, Voice over IP oder eine Kaffee-Flatrate kosten extra. Nur 40 Prozent seines Umsatzes erzielt das Betahaus mit den Arbeitsplätzen, 40 Prozent mit Events und Konferenzen und 20 Prozent mit dem Café, das auch öffentlich ist.
„Jeder Coworking Space lebt von mehr als der Vermietung der Schreibtische“, bestätigt Carsten Förtsch, der Mitherausgeber des Deskmags. Vorausgesetzt, die Betreiber leben überhaupt davon, denn nach einer aktuellen Umfrage des Magazins haben mehr als siebzig Prozent noch einen anderen Job. Sie arbeiten oft selbst im Space und sind zufrieden, wenn über die Coworker die Miete reinkommt und sie einen Konferenzraum haben, den sie sich alleine nicht leisten könnten.
Förtsch, den Kenner der Szene, treffen wir ein paar U-Bahn-Stationen vom Betahaus entfernt im frisch eröffneten Coworking Space des St. Oberholz in Berlin-Mitte. Die beiden Adressen könnten unterschiedlicher nicht sein: Der zentral gelegene Oberholz-Workspace wurde in einer schicken Altbauetage eingerichtet, und zwar für nur zwanzig Mitglieder. Kleine, hohe Räume, deren Stuckdecken sich weit oben verlieren. Dazu Fischgrätparkett und Flügeltüren.
„Repräsentativ und trotzdem nicht spießig“
Der Innenarchitekt gab dem Ehrwürdigen einen kräftigen modernen Anstrich mit mutigen schwarzen Flächen und einer bunten Streifengrafik. Den Stuck ließ man spaßeshalber golden glänzen. In der Diele wurden transparente Hauben montiert und mit den gelben Post-it-Blöcken ausgerüstet: Hier kann telefonieren, wer ein wenig gefühlte Privatsphäre braucht. Selbstverständlich mit dem eigenen Handy, denn Festnetztelefone gibt es keine. Über den Arbeitsplätzen baumeln knallbunte Kabel mit Stromsteckern.
Die Infrastruktur wird nicht versteckt, sondern zum Designmerkmal. Auch das Oberholz setzt auf Flexdesks - man soll sich jeden Tag so gruppieren, wie es zur anstehenden Arbeit und zur eigenen Laune passt. Das Space löst sich gar vom Urprinzip der Bürowelt, nach dem für jeden Arbeitsplatz ein Schreibtisch gebraucht wird. In einem der Räume sitzen die Coworker an einem langen Tisch, als würden sie zusammen zu Abend essen.
Mit Menschen hinter Laptops hat man hier im Haus schon lange zu tun, und zwar ein Stockwerk tiefer. „Das Oberholz war eins der ersten Cafés, das Notebookarbeiter akzeptiert hat“, berichtet Carsten Förtsch, „auch wenn sie nicht nach dreißig Minuten das nächste Getränk bestellt haben.“ Der Besitzer Ansgar Oberholz sieht den Coworking Space als ein Weiterdenken dessen, was eine Etage tiefer im Café passiert. „Dort sitzen die Leute teils auch zwei Wochen und arbeiten“, erzählt der Betreiber. „Oben soll es repräsentativ sein und trotzdem nicht spießig.“ Es ist auf alle Fälle ein Ort für jene, die dem Cafétisch entwachsen sind.
Coworking im ganz großen Stil betreibt Club Office, die schon an acht Standorten in Deutschland vertreten sind, in Berlin-Wilmersdorf einen ganzen Sparkassenkomplex übernommen haben: 24 000 Quadratmeter, neun Stockwerke, drei Gebäudeteile. Vierzig Jahre Bankenhistorie und Büroatmosphäre lassen sich nicht wegzaubern, doch die Gründer individualisieren den Raum mit vielen Ideen und verschiedenen Stilen, gestalten etwa jeden der 26 Konferenzräume völlig anders – mal violett-plüschig, mal weiß und clean.
Im Übrigen sind sie gar nicht so unglücklich über die typische Büroinfrastuktur des Gebäudes. Eine Pforte mit Besucherliste, repräsentativer Lobby und Aufzügen nimmt der Geschäftswelt Berührungsängste. Denn tatsächlich suchen immer mehr Konzerne die Nähe zu den Coworkern. Manche schlicht aus Platznot, aber viele reizt die Nähe zu den kreativen Köpfen der digitalen Welt, zu Startups und Gründern.
Einige Weltkonzerne haben im Club Office Mitarbeiter sitzen oder veranstalten hier Konferenzen. Namentlich genannt werden wollen die wenigsten. Sie kommen etwa aus der Koffein- oder Softdrinkbranche. Auch der Mineralölkonzern Shell gehört dazu. „Eine Anzahl von Unternehmen ist dabei, das Coworking auszuprobieren“, sagt Robert Pfadt, Leiter der Berliner Dependance. „Doch sie hängen es noch nicht an die große Glocke.“
Auch die TUI war zu Gast im Betahaus
Daimler Chryslers Carsharing-Projekt car2go etwa sitzt im Berliner Betahaus, genauso hat Immobilienscout24 dort ein paar Plätze für seinen Inkubator „YIN Lab“ angemietet, in dem sie Startups fördern. Damit die geschäftige Gründerteams auch mal die Tür hinter sich schließen können, hat das Betahaus schweren Herzens schon ein paar Bereiche abgetrennt, denn eigentlich entspricht das ja nicht dem Coworking-Gedanken.
Der Kompromiss: Zwar kann man die Türen schließen, doch weiterhin durch die Wände schauen. Auch beim Betahaus Hamburg klopfen die Unternehmen an. „Wir haben nicht die besten Tische der Welt, aber viele verschiedene Menschen mit vielen verschiedenen Themen“, sagt Lena Schiller Clausen, die Geschäftsführerin. Für sie ist klar, dass die Firmen die Nähe zur „Community“ suchen. Kürzlich lief dort ein Pilotprojekt mit der Otto Group. Wenn alles klappt, könnten bald Mitarbeiter des Hamburger Konzerns ins Betahaus ausweichen und dort auch mit anderen Nutzern in Projektgruppen zusammenkommen.
Losgetreten hat das Ganze Christoph Giesa, aus dem strategischen Personalbereich der Otto Group. Für ihn ist das Betahaus eine Schnittstelle der Szene und ein internationales Netzwerk. „Nirgends findet man das so gebündelt“, meint Giesa, der der Ansicht ist, dass Unternehmen aus ihren Mauern rauskommen müssen. „Im Online-Bereich findet ein komplettes Umdenken statt“, sagt Giesa. „Der Markt ist von jungen, kreativen Menschen getrieben.“ Und die wollen immer seltener innerhalb von Konzernhierarchien und auf langen Fluren arbeiten; in einer Welt, die ihnen möglicherweise nicht mal den Zugriff auf Facebook erlaubt. „Wir bekommen ein Problem, wenn die Leute, die wir haben wollen, einer Festanstellung die Selbständigkeit vorziehen“, urteilt Giesa.
Auch die TUI aus Hannover war zu Gast im Betahaus Hamburg – und zwar für drei Monate mit einem 24-köpfigen Team. „Es hat mich beeindruckt, dass sie es sich getraut haben, sich in einen so kreativen Haufen zu werfen“, sagt Lena Clausen. Offensichtlich waren die Vertreter des Touristikkonzerns angetan, denn inzwischen hat er mit beratender Hilfe vom Betahaus sein eigenes Coworking Space (Modul 57) eröffnet – und zwar nicht auf dem Firmengelände, sondern im Univiertel.
Arbeitsplätze für Individualisten: Coworking Spaces sind so unterschiedlich wie ihre Klientel, teils auch auf Branchen spezialisiert. Die Größen variieren von zwanzig bis zu mehreren hundert Mitgliedern. Die Räume sind auf die Zielgruppe zugeschnitten – auch bezüglich Architektur, Lage und Einrichtung. Manche liegen im Zentrum, andere außerhalb mit vielen Parkplätzen. Es gibt sie mit Kantine oder nicht, wenn die Coworker lieber die urbane Infrastruktur nutzen Computerarbeiter mit Ruhebedarf benötigen stille Räume. Manche Betreiber bieten im Haus sogar Übernachtungsmöglichkeiten, etwa für Geschäftskunden oder Konferenzteilnehmer.
Was leistet ein Coworking Space? Tische, Kollegen, Internet und einen Drucker sind Standard, aber auch – mehr erwarten die meisten Nutzer gar nicht von ihrem Büro auf Zeit. Es gibt aber auch Anbieter, die über Videokonferenztechnik möglich. In größeren Einrichtungen gibt es oft ein ganzes Team, das sich kümmert. Eventuell auch jemanden, der das Networking koordiniert und Arbeit vermittelt. Denn tatsächlich erhoffen sich viele Nutzer neben Kommunikation und einer inspirierenden Arbeitsatmosphäre auch neue Aufträge. Oft gibt es auch ein branchenspezifisches Eventprogramm oder kommunikative Jours Fixes wie wöchentliche Frühstückstreffs.
Der Preis: Einen klassischen Coworking Space kann man tage- oder monatsweise nutzen. Oft gibt es auch Pakete für eine bestimmte Anzahl an Tagen pro Monat. Langfristige Verträge sind unüblich. Generell zahlt mehr, wer einen festen Arbeitsplatz möchte, statt sich jeden Tag einen neuen zu suchen. Welcher Coworking Space für den Einzelnen der günstigste ist, hängt vor allem davon ab, welche Leistungen man außer Tisch und Internet noch nutzen möchte. Teils zahlt man für alles extra (24-Stunden-Zugang, Schließfach, Briefkasten, Telefonnummer, Kaffee), teils gibt es All-inclusive-Preise (etwa im St. Oberholz für 290 Euro im Monat.
Preisbeispiele: Eine Tageskarte im Betahaus Berlin kostet 12 Euro, ein Monat am sogenannten Flexdesk 149 Euro und ein fester Schreibtisch 229 Euro, ein Teamraum für vier Personen 800 Euro. Ein paar frei wählbare Extras sind eingeschlossen, jedes weitere kostet 25 Euro. Das Preisniveau unterscheidet sich deutlich zwischen den Städten. In Hamburg kostet ein Flexdesk im Betahaus 249 Euro monatlich, ein fester Arbeitsplatz 349 Euro. Das Club-Office bietet flexible Arbeitsplätze mit wenig Dienstleistungen ab 100 Euro, feste Plätze mit Extras von 300 Euro an im Monat. Das Netz eigener Häuser und Partner ermöglicht es den Mitgliedern, lassen sich mit der Mitgliedskarte auch Coworking Spaces in anderen Städten zu nutzen.
Überbewertet...
THomas Müller (Kritiker77)
- 05.12.2011, 10:37 Uhr
