http://www.faz.net/-gz7-70b8g
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER
F.A.Z.-Index -- --
DAX ® -- --
Dow Jones -- --
EUR/USD -- --

Veröffentlicht: 03.06.2012, 14:23 Uhr

Baumhäuser Aufsteigen um runterzukommen

Baumhäuser sind Sehnsuchtsorte - mehr noch für Erwachsene als für Kinder. Jetzt hat auch die Hotelbranche diese interessante Nische entdeckt. Ein Besuch in luftiger Höhe.

von
© Baumraum Refugium im Westfälischen: Dieses Baumhaus nutzen drei Generationen

Mit etwas Abstand betrachtet, sehen die Dinge häufig anders aus. Manchmal reichen dafür schon wenige Meter. Für diese Erkenntnis muss man nicht erst auf einen Baum geklettert sein. Aber wer jemals auf einem Ast gerastet hat, weiß um die Vorzüge dieser höheren Warte. Denn der Baum bietet nicht nur einen Perspektivwechsel, sondern auch Schutz und Ruhe - der Katze vor dem Hund, den Kindern vor den Eltern und den Erwachsenen vor den Zumutungen des Alltags im Allgemeinen. Kinder steigen in die Bäume, um Abenteuer zu erleben; Erwachsene, um runterzukommen, zu entspannen.

Birgit Ochs Folgen:

Diese Sehnsucht nach schönen Stunden unterm Blätterdach hat in den vergangenen Jahren im deutschsprachigen Raum zur Professionalisierung des Baumhausbaus geführt. Vorausgesetzt, das geeignete Grundstück samt geeignetem Baum sowie das nötige Kapital sind vorhanden, beauftragen offenbar immer mehr Bauherren eigens einen Planer, anstatt sich selbst eine solche Unterkunft zu zimmern. „Das ist schon ein bisschen ein Hype“, sagt Johannes Schelle. Der Münchner profitiert davon. 80 Häuser hat sein Unternehmen „Baumbaron“ in den vergangenen sechs Jahren gebaut; im ersten Jahr waren es vier, im letzten 20.

Weit weg von Spielkonsolen, Fernseher und Computer

Die meisten Auftraggeber, die Schelle anrufen, bestellen zunächst ein Baumhaus für ihre Kinder. „Das ist eigentlich immer das Gleiche“, erzählt der Ingenieur. Anfangs wollten sie nur ein Hüttchen für den Nachwuchs - weit weg von Spielkonsolen, Fernseher und Computer. Einen Platz zum Werkeln, Hausaufgaben machen und Träumen. Schelle bittet zum Planungstermin aber immer beide Elternteile hinzu.

Am Ende ist der Bau eines solchen Luftschlosses oft ein Familienprojekt, weiß auch Andreas Wenning. Der Bremer ist im deutschsprachigen Raum Pionier, was den individuellen Baumhausbau angeht. Mit seinen vergleichsweise aufwendigen Entwürfen und der anspruchsvollen Innenraumgestaltung der Objekte hat sich sein Büro „Baumraum“ einen Namen gemacht. Insgesamt 42 dieser Minihäuser hat Wenning bisher entworfen. Der Architekt sagt, dass das, was als Projekt für die Kinder initiiert wird, oft Herzenswunsch der Erwachsenen ist, die das Baumhaus nur zu gern auch selbst nutzen.

Mehr zum Thema

Zu seinen Kunden gehört auch jenes Ehepaar im westfälischen Ort Melle, das ein Refugium für sich, die Kinder und die Enkel bauen ließ. Eingebettet in dichte Büsche, zwischen einer Magnolie und mehreren Tannen, steht der Kubus, den die Bauherren als Rückzugs- und Gästezimmer nutzen; manchmal aber auch als besonderen Rahmen für Treffen mit Geschäftspartnern oder kleine Empfänge. Für die Kinder ist das mehr als 16 Quadratmeter große Häuschen mit der fast ebenso großen Terrasse vor allem aber Spielplatz.

Ein Baumhaus an den Baum gebaut? Eher die Ausnahme

Längst nicht alle Bauherren brauchen den Vorwand, für die Kinder bauen zu wollen. Die Baumhausplaner kennen mehrere Beispiele, in denen Erwachsene (Männer) sich ein Baumhaus zimmern lassen - für sich allein. Es sind Unternehmer, die sich vom Job und manchmal auch von der Familie auf den Baum zurückziehen; aber auch Künstler oder Pensionäre. Zu Schelles jüngsten Aufträgen zählt etwa jenes Baumhaus für einen nicht unvermögenden älteren Herren aus Königstein im Hochtaunus. Dieser hatte einen Herzinfarkt erlitten und sich schon dem Tod nahe gefühlt. Im Bewusstsein, dass seine Zeit endlich ist, wollte er sich noch einen besonderen Wunsch erfüllen - und bestellte ein Baumhaus. Von diesem Platz aus, in einer sehr großen Fichte, genießt er nun den Blick hinunter in die Mainebene.

1 | 2 Nächste Seite   |  Artikel auf einer Seite
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Wunsch-Großelterndienst Mit Geduld, Zeit und Liebe

Seit zehn Jahren bringt der Wunsch-Großelterndienst der Bürgerhilfe Maintal Senioren und Kinder zusammen. Manchmal wird daraus eine richtige Großfamilie. Mehr Von Luise Glaser-Lotz, Maintal

25.07.2016, 18:27 Uhr | Rhein-Main
Video-Filmkritik Zoomania

Erwachsene dürfen froh sein, wenn ihre Kinder sie in diesen Film mitnehmen: Dietmar Dath über den Disneys Zoomania. Mehr

04.07.2016, 15:16 Uhr | Feuilleton
Serienmörder Peter Kürten Dem Vampir entkommen

Der Vampir von Düsseldorf ermordete 1929 acht Menschen und versetzte die Weimarer Republik in Angst und Hysterie. Hermann Mühlemeyer, heute 95 Jahre alt, konnte noch fliehen. Mehr Von Leonie Feuerbach

21.07.2016, 18:05 Uhr | Gesellschaft
Eichenried Thomas Müller golft für traumatisierte Kinder

Nationalspieler Thomas Müller nutzte seinen kurzen Urlaub zwischen EM-Ende und Saison-Start, um sich bei einem Benefiz-Golfturnier in Eichenried für einen guten Zweck einzusetzen. Bei der ausrichtenden Stiftung handelte es sich um eine Onlineberatungsstelle für trauernde und traumatisierte Kinder. Mehr

15.07.2016, 11:13 Uhr | Sport
Junge-Eltern-Zentrum Wenn Kinder Kinder kriegen

Eine ungewollte Schwangerschaft stellt jede Frau vor Probleme. Doch was ist, wenn die werdende Mutter erst 16 Jahre alt ist und selbst noch zur Schule geht? Mehr Von Caroline Laakmann, Mainz

23.07.2016, 18:46 Uhr | Rhein-Main

Hillary Clintons halbgare Agenda

Von Winand von Petersdorff, Washington

Der Unterschicht in Amerika geht es richtig übel. Vor allem Schwarze und hispanische Amerikaner haben kaum Chancen auf Aufstieg. Hillary Clinton gibt sich als Bürgerrechtsanwältin für die Schwachen. Reicht das? Mehr 17 21

Abonnieren Sie den Newsletter „Wirtschaft“