Home
http://www.faz.net/-gz9-70b8g
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER

Baumhäuser Aufsteigen um runterzukommen

Baumhäuser sind Sehnsuchtsorte - mehr noch für Erwachsene als für Kinder. Jetzt hat auch die Hotelbranche diese interessante Nische entdeckt. Ein Besuch in luftiger Höhe.

© Baumraum Vergrößern Refugium im Westfälischen: Dieses Baumhaus nutzen drei Generationen

Mit etwas Abstand betrachtet, sehen die Dinge häufig anders aus. Manchmal reichen dafür schon wenige Meter. Für diese Erkenntnis muss man nicht erst auf einen Baum geklettert sein. Aber wer jemals auf einem Ast gerastet hat, weiß um die Vorzüge dieser höheren Warte. Denn der Baum bietet nicht nur einen Perspektivwechsel, sondern auch Schutz und Ruhe - der Katze vor dem Hund, den Kindern vor den Eltern und den Erwachsenen vor den Zumutungen des Alltags im Allgemeinen. Kinder steigen in die Bäume, um Abenteuer zu erleben; Erwachsene, um runterzukommen, zu entspannen.

Birgit Ochs Folgen:      

Diese Sehnsucht nach schönen Stunden unterm Blätterdach hat in den vergangenen Jahren im deutschsprachigen Raum zur Professionalisierung des Baumhausbaus geführt. Vorausgesetzt, das geeignete Grundstück samt geeignetem Baum sowie das nötige Kapital sind vorhanden, beauftragen offenbar immer mehr Bauherren eigens einen Planer, anstatt sich selbst eine solche Unterkunft zu zimmern. „Das ist schon ein bisschen ein Hype“, sagt Johannes Schelle. Der Münchner profitiert davon. 80 Häuser hat sein Unternehmen „Baumbaron“ in den vergangenen sechs Jahren gebaut; im ersten Jahr waren es vier, im letzten 20.

Weit weg von Spielkonsolen, Fernseher und Computer

Die meisten Auftraggeber, die Schelle anrufen, bestellen zunächst ein Baumhaus für ihre Kinder. „Das ist eigentlich immer das Gleiche“, erzählt der Ingenieur. Anfangs wollten sie nur ein Hüttchen für den Nachwuchs - weit weg von Spielkonsolen, Fernseher und Computer. Einen Platz zum Werkeln, Hausaufgaben machen und Träumen. Schelle bittet zum Planungstermin aber immer beide Elternteile hinzu.

Am Ende ist der Bau eines solchen Luftschlosses oft ein Familienprojekt, weiß auch Andreas Wenning. Der Bremer ist im deutschsprachigen Raum Pionier, was den individuellen Baumhausbau angeht. Mit seinen vergleichsweise aufwendigen Entwürfen und der anspruchsvollen Innenraumgestaltung der Objekte hat sich sein Büro „Baumraum“ einen Namen gemacht. Insgesamt 42 dieser Minihäuser hat Wenning bisher entworfen. Der Architekt sagt, dass das, was als Projekt für die Kinder initiiert wird, oft Herzenswunsch der Erwachsenen ist, die das Baumhaus nur zu gern auch selbst nutzen.

Mehr zum Thema

Zu seinen Kunden gehört auch jenes Ehepaar im westfälischen Ort Melle, das ein Refugium für sich, die Kinder und die Enkel bauen ließ. Eingebettet in dichte Büsche, zwischen einer Magnolie und mehreren Tannen, steht der Kubus, den die Bauherren als Rückzugs- und Gästezimmer nutzen; manchmal aber auch als besonderen Rahmen für Treffen mit Geschäftspartnern oder kleine Empfänge. Für die Kinder ist das mehr als 16 Quadratmeter große Häuschen mit der fast ebenso großen Terrasse vor allem aber Spielplatz.

Ein Baumhaus an den Baum gebaut? Eher die Ausnahme

Längst nicht alle Bauherren brauchen den Vorwand, für die Kinder bauen zu wollen. Die Baumhausplaner kennen mehrere Beispiele, in denen Erwachsene (Männer) sich ein Baumhaus zimmern lassen - für sich allein. Es sind Unternehmer, die sich vom Job und manchmal auch von der Familie auf den Baum zurückziehen; aber auch Künstler oder Pensionäre. Zu Schelles jüngsten Aufträgen zählt etwa jenes Baumhaus für einen nicht unvermögenden älteren Herren aus Königstein im Hochtaunus. Dieser hatte einen Herzinfarkt erlitten und sich schon dem Tod nahe gefühlt. Im Bewusstsein, dass seine Zeit endlich ist, wollte er sich noch einen besonderen Wunsch erfüllen - und bestellte ein Baumhaus. Von diesem Platz aus, in einer sehr großen Fichte, genießt er nun den Blick hinunter in die Mainebene.

1 | 2 Nächste Seite   |  Artikel auf einer Seite
 
 ()
   Permalink
 
 
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Ausmalen gegen Stress Eskapismus für Fortgeschrittene

Yoga, Floating, autogenes Training? Alles gestrig. Der moderne Mensch greift in stressigen Situationen zum Ausmalbuch. Der Absatz ist enorm gestiegen, seit Erwachsene die Beschäftigung für sich entdeckt haben. Mehr Von Julia Bähr

20.02.2015, 16:53 Uhr | Gesellschaft
Helikopter-Eltern Wenn Kinder zu viel behütet werden

Überbehütung sei Gefahr für das Gemeinwesen: Pädagogen warnen davor, dass eine übertriebene Behütung einen negativen Einfluss auf die Entwicklung eines Kindes haben könnte. Mehr

12.01.2015, 13:30 Uhr | Gesellschaft
Masern Erwachsene sollen sich impfen lassen

Eltern gefährden ihre Kinder. Bis Mitte vierzig gibt es kaum Schutz. Nicht die Impfgegner sind das größte Problem, sondern ungeimpfte Erwachsene. Mehr Von Uta Rasche

01.03.2015, 14:26 Uhr | Politik
1. Platz Team Bananenflanke

Viele Kinder lieben Fußball. Damit auch die mit Behinderung spielen können, gibt es in Regensburg das Team Bananenflanke. Und manchmal dürfen sich die Kinder sogar wie kleine Stars fühlen. Mehr

28.01.2015, 12:06 Uhr | Sport
Schweden Mutter hielt drei Töchter zu Hause fest

Eine Frau in Schweden soll ihre drei Töchter über ein Jahrzehnt am Verlassen der Wohnung gehindert haben. Angeblich wollte sie den Kontakt zum Vater damit verhindern. Da sie die Kinder nicht eingeschlossen hatte, ist die Beschuldigte nun auf freiem Fuß. Mehr

20.02.2015, 15:55 Uhr | Gesellschaft
   Permalink
 Permalink

Veröffentlicht: 03.06.2012, 14:23 Uhr

Irischer Frühling

Von Marcus Theurer, London

Die harten Einschnitte zahlen sich aus: Irland ist der Musterschüler unter den Euro-Krisenstaaten. Aus der Gefahrenzone ist das Land aber noch nicht – ein Problem bleibt die Staatsverschuldung. Mehr 3 6


Die Börse
Name Kurs Änderung
  Dax --  --
  F.A.Z.-Index --  --
  Dow Jones --  --
  Euro in Dollar --  --
  Gold --  --
  Rohöl Brent --  --

Grafik des Tages Was binnen einer Minute im Internet passiert

4 Millionen Suchanfragen bei Google, 277.000 Tweets, 100.000 Freundschaftsanfragen bei Facebook: Hätten Sie gewusst, was binnen einer Minute im Internet passiert? Unsere Grafik des Tages zeigt es. Mehr 6