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Anders Wohnen (16) : Die im Glashaus sitzen

Die Familie Till hat das Gewächshaus ihrer Gärtnerei in Medingen bei Dresdner zum Wohnhaus umgebaut Bild: F.A.Z. - Andreas Pein

In Sachsen lebt und arbeitet Familie Till in einem Gewächshaus. Ihr wachsen die Früchte förmlich in den Mund. Damit ihnen unter dem Glasdach nicht zu heiß wird, haben sie sich ein steinernes Innenhaus gebaut.

          Gärtnern kann es passieren, dass ihr Erfolg wortwörtlich in den Himmel wächst. Thomas Till hegt eine Hanfpalme, die ebenso alt ist wie er, aber dreieinhalbmal so hoch. 1958, noch vor dem Mauerbau, hatten seine Eltern den Setzling vom Lago Maggiore nach Dresden mitgebracht, heute ist das Exemplar einer der mächtigsten Bäume der Gärtnerei Till Garten GmbH in Medingen bei Dresden.

          Christian Geinitz

          Wirtschaftskorrespondent für Österreich, Ostmittel- und Südosteuropa und Türkei mit Sitz in Wien.

          Die haushohe Palme steht nicht etwa im Freien, sondern wurzelt in Tills Wohnung, im Wintergarten direkt neben dem Esstisch. „Die könnte bald durchs Dach brechen, deshalb muss die Kettensäge ran“, sagt der Züchter und zuckt die Achseln. „Ich sehe das nicht als schlechtes Omen, sondern eher als Zeichen, wie toll die Pflanzen bei uns gedeihen.“

          Im Standardmaß

          Wenn Till „bei uns“ sagt, dann meint er tatsächlich sein Zuhause, denn er und seine Familie wohnen in einem Gewächshaus. Dabei handelt es sich, wie er sagt, um ein „handelsübliches“ Modell im Standardmaß 56 mal 17,50 Meter mit 7 Metern Firsthöhe und fast 1000 Quadratmetern überbauter Fläche. Auf einem Streifenfundament errichtet, beschirmt die Glaskonstruktion ein Innenhaus mit Steinwänden, das zum Wintergarten hin offensteht und dessen Decke ein zweites bis zum Glasgiebel unbedachtes Geschoss bildet.

          Manchmal verlaufen sich die Kunden der Gärtnerei in die Privaträume der Familie
          Manchmal verlaufen sich die Kunden der Gärtnerei in die Privaträume der Familie : Bild: F.A.Z. - Andreas Pein

          Ein bisschen sieht das aus wie ein großer Schuhkarton, der in die Glashalle hineingestellt wurde. Die obere Etage - der Deckel - dient als Verkaufsfläche, unten lebt die Familie in fünf Zimmern auf etwa 180 Quadratmetern. Neben der Wohnung finden noch Büros, Mitarbeiterräume sowie der Kassentresen Platz und eine Vielzahl exotischer Pflanzen: chinesische Datteln, brasilianische Guaven, Khaki-Pflaumen, Glanzmispeln, Feigen, Kamelien. „Der Wein und die Früchte wachsen uns hier sozusagen in den Mund“, sagt Till, „aber dafür müssen wir auch mächtig schuften.“

          Fluch und Segen zugleich

          Als Gärtner, die zwischen ihren Pflanzen leben, kennen die Tills kaum Freizeit. Die Freifläche vor dem Gewächshaus, liebevoll angelegt in unterschiedliche Gärten, misst nicht weniger als einen Hektar. „Hier ist immer etwas zu tun, auch sonn- und feiertags“, sagt Tills Ehefrau Monika. Wenn Schädlinge einfallen, steht Till notfalls nachts auf, um die Pflanzen zu spritzen. „Weit haben wir es ja nicht“, sagt er. „Mitten im Betrieb zu wohnen ist Fluch und Segen zugleich.“

          In der Freizeit wenigstens überwiegen die positiven Seiten. Nie zuvor haben die Tills in einer Wohnung mit solch angenehmem Raumklima und einer so guten Energiebilanz gelebt. Bei Sonnenschein wird es unter dem Glasgiebel zwar bullig warm, trotz der aufgestellten Fenster und der Jalousien. Das gilt aber nur für die Dachflächen des Innenhauses, nicht für die Räume im Erdgeschoss.

          Tausende Steine von Hand gesäubert

          Hier herrsche immer eine behagliche Temperatur, versichert Till. Zu verdanken sei das der Speicherfähigkeit der unverputzten Ziegelwand, die das Gebäude der Länge nach durchzieht und ihm ein mediterranes Flair verleiht. Dafür haben die Tills 16.000 Abrisssteine von Hand gesäubert - und sich ein Naserümpfen der Nachbarn eingehandelt.

          „Die fragen sich immer noch, wann wir endlich das Geld haben, die Wand zu verputzen“, sagt der Hausherr amüsiert. Ziegelmauer und Glashaus wirkten wie eine Klimaanlage, „wir haben hier noch nie geschwitzt oder gefroren“. Im Winter reiche es aus, mit dem Kaminofen zu heizen, der das Schnittholz aus der Gärtnerei verbrennt. Weil der Energieverbrauch so niedrig ist, haben die Gaswerke sogar einmal einen Kontrolleur geschickt. „Die dachten wohl, wir manipulieren die Zähler“, sagt der Dreiundfünfzigjährige und lacht.

          Existenzbedrohende Krise

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