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Ärger um Redesign : Das Recht am rechten Winkel

  • -Aktualisiert am

„Better Shelf“ will noch einfacher sein als das einfache Regalsystem „606“ von Dieter Rams. Bild: Clemens Poloczek for iGNANT

Zwei junge Designer verbessern Designklassiker und bringen sie auf den Markt. Vielen Herstellern gefällt das nicht. Doch wer ist im Recht?

          Daniel Klapsing und Philipp Schöpfer waren immer schon Fans von Dieter Rams gewesen, nur bei seinen Entwürfen sahen sie noch Verbesserungsbedarf. Die Designer, die an der Bauhaus-Uni in Weimar studierten und für gewöhnlich Büros und Privatwohnungen einrichten, knöpften sich Rams’ Regalsystem „606“ vor. „Wir finden das Regal sehr gut, haben aber ein paar Punkte gesehen, die aus unserer Sicht unnötig kompliziert und verschnörkelt sind“, sagt Daniel Klapsing. Dabei ist Rams der Meister der Einfachheit. Eine seiner zehn Thesen lautet: „Produkte, die einen Zweck erfüllen, haben Werkzeugcharakter. Sie sind weder dekorative Objekte noch Kunstwerke.“ Das „606“ ist so ein Produkt.

          Klapsing und Schöpfer also vereinfachten das ohnehin einfache Regal und nannten es selbstbewusst „Better Shelf“: Während das Wandprofil des „606“ aus einem E-Profil aus Aluminium besteht, ist es beim „Better Shelf“ ein weniger scharfkantiges und leichter zu montierendes C-Profil aus Stahl. Die Verankerungen der Regalböden bieten weniger Spiel als bei Rams, denn die Designer überarbeiten die Stifte, damit der Kunde das Regal nicht mehr manuell austarieren muss und ohne fremde Hilfe aufbauen kann. „Doch grenzt das, was wir gemacht haben, für manche Menschen an Gotteslästerung“, sagt Klapsing.

          „Ein Redesign macht sich bestehendes Wissen zunutze.“

          Die Abmahnung folgte auf dem Fuße. Sie richtet sich an Mykilos – die Firma von Klapsing und Schöpfer – und kommt von Vitsœ, einem englischen Hersteller, der einige Rams-Entwürfe unter Lizenz herstellt. Geschäftsführer Mark Adams hatte das Regal im Internet entdeckt: „Das geistige Eigentum von Vitsœ und Dieter Rams wurde verletzt, und wir sehen uns in der Pflicht, 60 Jahre harte Arbeit zu schützen.“ Mehr sagt er auf Anfrage nicht.

          Die jungen Gestalter lassen es auf einen Prozess ankommen, denn Klapsing ist nicht nur Designer, sondern auch Designforscher. Für ihn geht es ums Prinzip: Jahrelang hat er sich mit dem Themenkomplex Originalität, Redesign und der Frage der Autorschaft von Produkten beschäftigt. „Forschung durch Redesign“ heißt seine Dissertation, die er bald veröffentlicht. „Ein Redesign macht sich bestehendes Wissen zunutze. Es handelt sich um einen wissenschaftlichen Ansatz, der gewissen Standards genügen muss: korrekte Quellenangaben, eine nachvollziehbare und logische Kritik und die Formulierung von neuen Ansprüchen und Lösungsansätzen. So kann ein Diskurs im Design entstehen, der nachvollziehbar ist“, erläutert er.

          Eiermann-Tischgestell als Argument

          Viele der heute als original vermarkteten Produkte seien vielfach Redesigns unterzogen worden, ohne dass die Frage der Autorschaft neu gestellt worden wäre, sagt der Berliner. Ein Beispiel, das er erforscht hat, ist das 1953 von Egon Eiermann entworfene Tischgestell für Zeichensäle und Architekturbüros. Ein Klassiker. In der Uni hatte Klapsing selbst an einem gesessen, sich die Schienbeine gestoßen und über die rutschende Tischplatte geärgert. „Der Tisch hat uns genervt, aber gleichzeitig haben wir erkannt, wie toll der ist. Leicht, zerlegbar, günstig herzustellen – wirklich ein genialer Entwurf, eben mit ein paar Nachteilen.“ So wird nach einiger Überlegung aus dem „Eiermann-Gestell“ ein „Klapsing-Gestell“, das nach Aussage des Designers ebenso Eiermann ist wie alles andere, was heute unter dem Etikett „Original Eiermann“ läuft.

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