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Deutsche Forscher im Ausland : Aus der Internationalisierung wurde eine Germanisierung

Fleißige Studenten an der Universität Wien Bild: ddp Images

Jede vierte Professorenstelle in der Alpenrepublik ist mit einem Deutschen besetzt. In geisteswissenschaftlichen Fächern regt sich Unmut. Doch ist dieser auch berechtigt?

          Österreich ist ein begehrtes Ziel deutscher Investoren und deutscher Arbeitnehmer. Auch Studenten und Gelehrte zieht es in das südöstliche Nachbarland. Fast 2500 Professoren gibt es an den Universitäten zwischen Bregenz und Eisenstadt. Gut 28 Prozent von ihnen sind Deutsche, wie eine Studie der Österreichischen Universitätenkonferenz belegt. An der Universität Klagenfurt kommt fast die Hälfte der Professorenschaft aus Deutschland. Dahinter rangieren nach Angaben des Wissenschaftsministeriums im Wintersemester 2016 die Universität Wien und die Veterinärmedizinische Universität.

          Michaela Seiser

          Wirtschaftskorrespondentin für Österreich und Ungarn mit Sitz in Wien.

          In den Naturwissenschaften ist ein hoher Anteil von Deutschen oder anderen Nationalitäten kein Problem. Doch an manchen Instituten, an denen landesspezifische Kultur gelehrt wird, gibt es zunehmend Kritik – wenngleich diese im Vergleich zur Schweiz moderater ausfällt. Grundsätzlich besteht zwar Einigkeit darüber, dass die Hochschulen internationaler werden sollen. Das war spätestens mit dem Universitätsgesetz 2002 und der darin enthaltenen Autonomie der Forschungseinrichtungen ein Ziel der Politik. In geisteswissenschaftlichen Fächern, die österreichische Geschichte, Kunst und Sprache betreffen, kann das anders sein.

          Mit Zunahme deutscher Forscher verändern sich Lehrinhalte

          Es sei nicht verwunderlich, dass angesichts eines erfolgreichen deutschen Wissenschaftssystems mit herausragenden Forschern davon viele nach Österreich kommen, sagt der Präsident der Universitätenkonferenz, Oliver Vitouch, im Gespräch. Problematisch wird dies aus Sicht Vitouchs und anderen allenfalls, wenn österreichisches Kulturgut unterbelichtet bleibe und sich die gelehrten und erforschten Inhalte ändern. Ein Beispiel betrifft die Zeitgeschichte. Von sechs Standorten in Österreich mit Zeitgeschichte werden vier von deutschen Professoren geleitet. An den Instituten haben sich die Forschungsschwerpunkte verlagert. Für Österreich-Schwerpunkte – etwa Austrofaschismus, Erinnerungskultur und Neutralität – stehen lediglich Innsbruck und Wien. Die Leitung in Graz ist vakant.

          Mit der Zunahme deutscher Forscher haben sich auch die Inhalte im Institut für Kunstgeschichte an der Universität Wien verschoben. Manche sehen die Wiener Schule bedroht – eine Methode der Kunstgeschichte, die Material, Stil und Form von Kunstwerken in den Mittelpunkt stellt. Die große Mehrheit der Professoren am Institut sind Deutsche, und die beschäftigen sich mit lokalen Traditionen relativ wenig. Ebenso spielt das Thema in der Romanistik Wien oder der Germanistik eine Rolle: In den achtziger und neunziger Jahren erschienen zahlreiche Publikationen zur österreichischen Literatur, einige davon gelten mittlerweile als Standardwerke. Doch seit rund eineinhalb Jahrzehnten – mit dem Anwachsen deutscher Professuren – wird nur noch wenig Vergleichbares publiziert. Das wirkt sich auf die Lehrinhalte aus – und auf die Ausbildung von Deutschlehrerinnen und Deutschlehrern.

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