Handball ist ein Sport, in dem es außer auf Schnelligkeit und Wurfgewalt auf Härte und Durchsetzungskraft ankommt. Jürgen Geißinger war Spieler und Trainer. Vielleicht hat er dabei das gelernt, was ihn als Manager auszeichnet. Konsequent und entschlossen, unnachgiebig und kompromisslos: Mit diesen Eigenschaften wird der Führungsstil des Chefs der Schaeffler-Gruppe beschrieben.
Gelobt werden seine Intelligenz und sein strategischer Weitblick. Sogar Norbert Lenhard, der Vorsitzende des Gesamtbetriebsrats, findet anerkennende Worte: „Ich halte ihn für einen hochintelligenten Manager.“
„Mit dem Kopf durch die Wand“
Es ist aber noch nicht einmal ein Jahr her, da hatte Lenhard dem Konzernchef einen Führungsstil nach Gutsherrenart vorgeworfen. Seitdem hat sich einiges geändert. Beobachter sprechen von einem Tauwetter. Geißinger halte Gewerkschaften zwar nach wie vor für unnötig und gefalle sich in der Rolle des Rambo, er habe jedoch eingesehen, dass er nicht auf Dauer gegen die IG Metall agieren könne. Lenhard äußert sich dazu nur mit wenigen Worten: „Die Gespräche verlaufen in den vorgesehenen Bahnen mit der IG Metall.“
Diskutiert wird an deutschen Standorten der Schaeffler-Gruppe über Abweichungen vom Tarifvertrag. Das Argument der Beschäftigungssicherung, um weitere Verlagerungen ins Ausland zu verhindern, hat Geißinger auf seiner Seite. Mit seinem Versuch, im Konzern flächendeckend die 40-Stunden-Woche ohne Lohnausgleich durchzusetzen, war der Vorsitzende der Geschäftsleitung vor drei, vier Jahren aber gescheitert. „Da wollte er mit dem Kopf durch die Wand“, erinnert sich ein Beteiligter.
Ein Mann der Salamitaktik
Einen entschlossenen Geißinger lernt jetzt auch der Vorstand von Continental kennen. Conti-Chef Manfred Wennemer schimpfte am Mittwoch über ein „egoistisches, selbstherrliches und verantwortungsloses“ Vorgehen des Möchtegern-Großaktionärs. Geißinger, der in der nächsten Woche 49 Jahre alt wird, dürfte dies kaum beeindrucken. „Wir verfolgen unsere Ziele mit langem Atem“, sagte er gleich zu Beginn der Telefonkonferenz mit Journalisten am Dienstagabend. Seinem Ruf, ein Mann der Salamitaktik zu sein, der sich nicht in die Karten schauen lässt, wird der Schwabe im Poker um Conti gerecht.
Der Unterstützung der deutschen Automobilindustrie kann sich Geißinger sicher sein. Begriffe wie Industriepolitik und deutscher Champion machen die Runde. Enge und gute Kontakte pflegt der promovierte Maschinenbauingenieur zu den Spitzenkräften der deutschen Autohersteller, zum Beispiel zu Martin Winterkorn, dem Vorstandsvorsitzenden von VW. Mit Porsche-Chef Wendelin Wiedeking ist er sogar befreundet. Daimler verfolge die Conti-Pläne von Schaeffler mit Wohlwollen, heißt es in der Branche. Als Vizepräsident des Verbands der Automobilindustrie und Sprecher der Zulieferer ist Geißinger dort gut vernetzt.
„Gute Ideen haben viele Väter“
Seit November 1998 führt er den verschwiegenen Familienkonzern im fränkischen Städtchen Herzogenaurach. Mit der feindlich gestarteten Übernahme von FAG Kugelfischer im Jahr 2001 und der Internationalisierung des Geschäfts katapultierte der in Schwäbisch Gmünd geborene Manager den Wälzlagerhersteller in eine neue Größenklasse. Seit seinem Amtsantritt stieg der Jahresumsatz der Schaeffler-Gruppe von rund 2 auf knapp 9 Milliarden Euro und die Zahl der Mitarbeiter von 20.000 auf 66.000 an mehr als 180 Standorten.
Doch trotz der Erfolge bleibt der jungenhaft wirkende und schwäbelnde Geißinger im Schatten der charmant auftretenden Eigentümerin Maria-Elisabeth Schaeffler. Unscheinbarkeit und Ausstrahlung treffen in dem ungleichen Geschäftspaar aufeinander. Sie lässt sich gern als erfolgreiche Familienunternehmerin feiern, ihm fällt es nicht leicht, diese Rollenverteilung zu akzeptieren. Denn Geißinger ist nicht nur der Antreiber im Tagesgeschäft, sondern auch der strategische Denker.
Ob Gedankenlosigkeit oder Absicht - auf die Frage, wer sich den Übernahmeplan für Continental ausgedacht habe, antwortete der Chef von Schaeffler am Dienstag: „Gute Ideen haben viele Väter.“ Von einer Mutter war nicht die Rede.