Home
http://www.faz.net/-gqe-vd1j
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Im Porträt: Helene Metz Die Fernsehproduzentin

12.07.2007 ·  Grundig, Saba und Nordmende sind längst untergegangen. Frau Metz baut immer noch ihre TV-Geräte in Deutschland. Als Nischenanbieter in der Oberklasse hält sich das fränkische Unternehmen tapfer.

Von Thiemo Heeg
Artikel Bilder (5) Lesermeinungen (1)

Der Spruch gefällt ihr. „Metz mächad i ah.“ Das ist nicht arabisch, sondern derb-fränkisch. So tönte es in den achtziger Jahren allenthalben aus dem Radio. Fernseher wollte man damit verkaufen, Fernseher, die gut und teuer waren. „Kennen Sie den Spruch? Können Sie den auch übersetzen?“, forscht Helene Metz vorwitzig beim Gast nach und freut sich über den holprigen Versuch (“Metz hätte ich auch gern“). Seit 2003 steht „Always first class“ auf den Werbebroschüren. Zeitgeistig, englisch.

Man kann davon ausgehen, dass Frau Metz den modernen Slogan billigt, aber gewiss nicht liebt. Umso rätselhafter deshalb: Wie kann es sein, dass es in Deutschland einen TV-Hersteller gibt, mit einer 82 Jahre alten Geschäftsführerin, der noch nicht pleite ist?

Noch drei Hersteller in Deutschland

Die Firma Metz ist ein Unikum in der deutschen Wirtschaftswelt. Zu Zeiten des Wirtschaftswunders war sie eine unter vielen. Mehr als 70 Unternehmen gehörten in den fünfziger und sechziger Jahren zur deutschen Unterhaltungselektronik-Industrie.

Im Jahr 2007 ist der Betrieb in Zirndorf bei Nürnberg einer von dreien (neben Loewe und Technisat), der noch TV-Geräte in Deutschland herstellt. Und Blitzgeräte. Eine Kombination, von der jede Unternehmensberatung ganz dringend abraten würde. Wo, bitte, sind da die Synergien, würde der junge Berater bohrend fragen, und Helene Metz verstünde ihn gar nicht, was nicht nur an seiner geringen Lautstärke und seinem schnellen Sprechtempo läge, sondern auch daran, dass da zwei Gedankenwelten frontal aufeinanderprallen.

„Der eiserne Paul“

Die Welt der Helene Metz ist die des Paul Metz. An den 1993 verstorbenen Unternehmenspatriarchen erinnern in der Firma großformatige Bilder an den Wänden. Sie zeigen einen Mann, der durchaus Wärme ausstrahlt, dem man freilich an den Augen ansieht, dass er ein Macher war. „Der eiserne Paul“ steht unter einem Foto-Ensemble mit Dampfmaschine, das im Büro seiner Frau einen Ehrenplatz gefunden hat, ein Geschenk zum 75. Geburtstag. „Ja, er war eisern“, sagt Helene Metz.

Paul Metz gründete das Unternehmen 1938. Damals stellte er Transformatoren und Kurzwellensender her, nach dem Krieg produzierte er Radios und machte mit moderner Technik von sich reden. 1954 kam ein 4,9 Kilo schweres Kofferradio mit dem schönen Namen „Babyphon“ auf den Markt: ein Exportschlager, der sich in Amerika 50.000 Mal verkaufte. 1955 präsentierte Metz den ersten Fernseher, 1957 das erste Transistorenblitzgerät der Welt - Mecablitz heißt die Marke noch heute. Damit hatte das Unternehmen seine Produkte gefunden, die auch 50 Jahre später die Basis des Geschäfts bilden.

Die ruhmreichen Fünfziger

Zeitzeugen schildern Metz als begabten Tüftler. Aber das war er nicht alleine. „Er war ein Ingenieur, ein Techniker, der auch Verständnis für das Geschäft hatte“, sagt ein langjähriger Weggefährte.

Verständnis für das Geschäft, das ist leicht im Aufschwung. Damals in den fünfziger Jahren gierten die Menschen nach Unterhaltung, nach Ablenkung. Und eine aufstrebende Industrie lieferte ihnen die Geräte dazu. Namen wie Körting, Saba und Telefunken rufen die Erinnerung wach an ruhmreiche Zeiten deutschen Unternehmergeistes. Und Legenden ranken sich um die Fabrikantenhelden von damals.

Garagen-Geschichten aus Deutschland

Helene Metz zieht ein Buch aus dem Regal und deutet auf ein Foto. „Ich hab immer den Herrn Mende bewundert.“ Der sei nach dem Krieg aus Dresden gekommen und habe in Bremen die Firma Nordmende gegründet. Und statt mit einem Schreibtisch habe er sein Geschäft mit einer Kiste begonnen. Ja, auch Deutschland hat seine Garagen-Geschichten, und das lange vor dem Aufstieg des Silicon Valley.

Freilich fehlt all diesen Storys ein wichtiger Faktor: das Happy End. Traurig endet die Geschichte des Herrn Mende. Seine Söhne verkauften die Firma in den siebziger Jahren an den französischen Konzern Thomson-Brandt. Das Werk in Bremen wurde irgendwann geschlossen, die Marke wurde erst zur reinen Handelsmarke degradiert und verschwand dann irgendwann komplett.

Das traurige Ende von Grundig

Traurig endet die Geschichte des Herrn Grundig. Der verkaufte sein Unternehmen, das in seinen besten Zeiten rund 40.000 Mitarbeiter beschäftigte, zunächst an Philips. Der Konzern wurde damit nicht recht glücklich, reichte die Firma seinerseits weiter. Am Ende stand 2003 die Insolvenz, und heute lebt Grundig als Globalisierungs-Untoter: Mit Geräten „Made in Turkey“ und „Made in Asia“ statt „Made in Germany“. Wer nicht genau hinschaut, könnte denken, alles sei genau noch so wie früher.

Das könnte man auch im Falle Metz denken. Helene Metz setzt sich täglich ins Auto und fährt mit ihrer E-Klasse die fünf Minuten von zu Hause zum Werk am Ortsrand von Zirndorf. Direkt neben dem Eingang zum Verwaltungstrakt findet sich ein Schild "reservierter Parkplatz" - der einzige auf dem ausladenden Betriebsgelände. Schräg gegenüber liegen die TV-Halle und die Blitz-Halle.

460 Geräte pro Tag

Hier wird ordentlich von 6.00 Uhr bis 14.30 Uhr gearbeitet. Wenn Gäste kommen, begleitet sie die gerne in die Produktion. Die schlohweißen Haare und die helle pinkfarbene Jacke kontrastieren mit der endlosen Reihe von Flachbildschirmen. 460 Geräte kann Metz pro Tag herstellen, das sind mehr als 100.000 pro Jahr. Die Firma kommt auf einen Marktanteil von vier Prozent; zwölf Prozent sind es immerhin im traditionellen Fachhandel.

In diesen beiden Zahlen liegt ein wenig das Geheimnis begründet von Helene Metz und ihrem anhaltenden Erfolg. Metz-Fernseher sucht der Kunde in den „Geiz ist geil“-Märkten vergeblich. Das ist verständlich, denn einen Preis von 1999 Euro für das Standardgerät mit 32-Zoll-Bildschirm finden die Kunden dort nicht mehr richtig „geil“.

Metz liefert und stellt die Geräte ein

Im Fachhandel um die Ecke dagegen bezahlt man solche Preise. „Qualität, Service, Beratung“, rattert Co-Geschäftsführer und Marketing-Fachmann Norbert Kotzbauer die Punkte herunter, die für einen Metz sprechen sollen. Er ist etwa halb so alt wie Helene Metz, schön braungebrannt und hat die Firmenphilosophie gut gelernt.

Dazu gehören: Die Kunden bekommen den Fernseher nach Hause geliefert und eingestellt. Und natürlich soll ein Metz im Geschäft „das beste Bild“ liefern - schließlich muss der Mehrpreis auch gerechtfertigt sein. Der liegt, hat die GfK ermittelt, beim Faktor 200. Sprich: ein Metz-Fernseher ist in etwa doppelt so teuer wie ein vergleichbares Durchschnittsgerät am Markt. Premium-Marke sagen die Werber dazu.

„Ich bin kein Verkäufer, ich sage nur schön grüß Gott“

Paul Metz hat das so nicht formuliert. Er hatte aber schon früh eine richtige Ahnung: Dass es besser ist, sich eng an den Fachhandel zu binden. Auf einer Vertreter-Tagung 1967 meinte er: „Als mittelständisches Unternehmen müsste man allmählich Angst bekommen vor dieser fortschrittlichen Konzernierung. Sicherlich haben auch Sie sich schon öfters die Frage gestellt, wann wird wohl die Firma Metz an der Reihe sein. Ich kann Ihnen die beruhigende Antwort geben, dass weder die Notwendigkeit noch der Wunsch besteht, sich einem Konzern anzuschließen.“ Es war die Zeit, als sich Nachbar Max Grundig sorgte, dass „Metz im mörderischen Wettbewerb bald die Puste ausgeht“.

Im Geschäftsführertandem Kotzbauer/Metz hat heute jeder seine Aufgabe. Kotzbauer darf über die Nischenstrategie der Firma philosophieren, als habe er nie etwas anderes gemacht. Helene Metz dagegen sieht ihre Aufgabe nicht unbedingt in der Öffentlichkeitsarbeit: „Ich bin kein Verkäufer, ich sage nur schön grüß Gott.“ Das ist fürs Geschäft wichtiger, als es klingt. „Beziehungsmanagement“, sagt Kotzbauer. Metz sagt: „Ich habe jetzt einen Kunden, der ist 81. Oder 82? Der hat von Anfang an mit uns zusammengearbeitet. Den ruf ich dann zum Geburtstag an. Das gehört einfach dazu.“ Punkt.

Die Generation, die sich in der Pflicht sieht

Ja, manchmal erlaubt sich Helene Metz den Gedanken, warum sie sich „das alles noch antut“. Schließlich bleibt der Ärger in einer solchen Position nicht aus. Aber die Antwort ist diesselbe wie 1993, bei der Übernahme der Geschäftsführung. Es ist die Antwort einer Generation, die sich in der Pflicht sieht: „Ich habe an unsere Mitarbeiter und an die treuen Kunden gedacht und das auch meinem Mann zuliebe getan.“ Das sind Werte, wie sie bei der Generation 60 plus gut ankommen, und deshalb ist Helene Metz auch als Werbeträger für das Unternehmen unverzichtbar.

Das schließt nicht aus, dass auch bei Metz modernisiert wird, behutsam. Zum Beispiel beim Werbeslogan. „Metz mächad i ah“ können wir wohl nicht mehr auflegen, fragt Helene Metz, eher rhetorisch. Nein, sagt ihr angestellter Geschäftsführer leise, aber bestimmt.

Der Mensch

Helene Metz wurde am 2. September 1924 geboren. Ihre Eltern betrieben ein Pferdefuhrgeschäft. 1940 war sie zur Ferienarbeit erstmals in den Metz-Werken, wo sie Paul Metz kennenlernte, den Firmengründer und späteren Ehemann. Helene Metz arbeitete Jahrzehnte im Unternehmen mit und sah ihre Aufgabe vor allem darin, ihrem Mann den Rücken freizuhalten. Als Paul Metz 1993 starb, übernahm seine Frau selbst die Geschäftsführung. Ihr gelang es, die Firma in dem schwierigen Markt der Unterhaltungselektronik, der von Auslagerungen ins Ausland geprägt ist, erfolgreich in Deutschland zu halten. Metz will trotz ihrer 82 Jahre nicht aufhören. Täglich arbeitet sie in ihrem Büro, spricht mit Händlern, tritt auf Messen auf: "Jetzt sagen alle: Sie dürfen nicht gehen. Immer noch besser, als wenn sie sagen: Was will denn die noch da?"

Das Unternehmen

Die Firma Metz ist eines der letzten Elektronikunternehmen, die TV-Geräte am Standort Deutschland produzieren. Der Betrieb wurde 1938 von Helene Metz' späterem Ehemann Paul gegründet. Zunächst stellte die Firma Transformatoren und Kurzwellensender her, nach dem Krieg Radios, Fernseher und Blitzgeräte. Während selbst Branchengrößen wie Grundig zwischenzeitlich Insolvenz anmelden mussten, hält sich Metz als Nischenanbieter tapfer. Zum Erfolg gehört die Bindung an Fachhändler und die Positionierung als Premiummarke. Das meistverkaufte Metz-TV-Gerät kostet derzeit 2799 Euro. "Wir haben immer darauf geachtet, dass wir Gewinne haben und dass der Betrieb gesund bleibt", sagt Helene Metz. Das Familienunternehmen produziert mit mehr als 700 Mitarbeitern rund 100 000 Fernseher pro Jahr.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 08.07.2007, Nr. 27 / Seite 44
Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen
Themen zu diesem Artikel

Jahrgang 1966, Redakteur in der Wirtschaft.

Jüngste Beiträge

Böses Spiel

Von Holger Steltzner

Mit größter Selbstverständlichkeit und in unerträglichem Ausmaß zahlt die Elite Griechenlands keine Steuern und flüchtet mit Milliarden ins Ausland - und jede griechische Regierung lässt sie gewähren. In den Geberländern wächst die Wut der Steuerzahler. Mehr 40 146

29.05.2012 13:34 Uhr
  Vortag
Dax 6.368,56 +0,72%
 OK
NameKursProzent
FAZ-INDEX 1.387,73 +0,80%
Dow Jones 12.454,80 −0,60%
EUR/USD 1,2522 −0,15%
Rohöl Brent Crude 106,99 $ −0,25%
Gold 1.574,60 $ +0,32%
Umfrage

Anonym bewerben? Ist das gut?

Alle Umfragen

Bitte aktivieren Sie ihre Cookies.