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Im Gespräch: Viviane Reding „Die Frauenquote ist das letzte Mittel“

22.07.2010 ·  Eine Anhängerin von Quotenregeln ist Justizkommissarin Vivian Reding nicht. Aber wenn die Unternehmen nicht von sich aus bis Ende des kommenden Jahres mehr Frauen in Spitzenpositionen bringen, müsse die EU handeln, sagt sie im F.A.Z.-Interview.

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Frau Reding, als Kommissarin für Telekommunikation haben Sie die Branche zu einer starken Senkung der Mobilfunkpreise gezwungen. Knöpfen Sie sich als Justizkommissarin nun die gesamte Industrie vor und erzwingen höhere Löhne für Frauen?

Lassen Sie mich eines gleich klarstellen: Die Europäische Kommission ist kein sozialistischer Kampfsportverband. Ich führe keine ideologischen Grabenkämpfe und will auch den Bürger nicht bevormunden. Es geht mir in meinem Amt darum, dem Bürger zu seinem Recht zu verhelfen, wie es in den EU-Verträgen und in der EU-Grundrechtecharta verankert ist. Dort stehen die Gleichheitsrechte immerhin an dritter Stelle.

Und die sind in der EU weiterhin nicht verwirklicht, wenn es um die Karrieremöglichkeiten von Männern und Frauen geht?

Offenkundig nicht, wenn ich mir anschaue, dass Frauen die besten Studienabschlüsse machen, dass 60 Prozent der Studenten Frauen sind, aber es wenige Frauen in wichtigen Ämtern gibt. Nur 11 Prozent der Aufsichtsräte sind Frauen und 3 Prozent der Vorstandsvorsitzenden. Irgendwo auf dem Weg von der Universität zur Karriere stecken die Frauen zurück.

Die Frauen stecken zurück? Also sind sie selbst schuld?

Nein, so einfach ist das nicht. Aber es stimmt, Frauen fordern nicht genug. Ich höre oft „Wir können das nicht“. Das ist Quatsch. Glauben Sie, ich hätte es an die Spitze geschafft, wenn ich nicht „Ich will und ich mache es“ gesagt hätte? Eine Studie des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) hat ergeben, dass Frauen nicht nur mit einem niedrigeren Gehalt zufrieden sind, sondern es auch noch für gerecht halten. Und das liegt auch daran, dass viele Frauen gar nicht wissen, was ihre männlichen Kollegen verdienen. Deshalb müssen wir das transparenter machen. Dazu werde ich noch in diesem Herbst im Rahmen der Strategie für Gleichberechtigung Vorschläge vorlegen.

Sie wollen die Unternehmen zur Offenlegung ihrer Lohnstruktur zwingen?

So weit sind wir noch nicht. Aber ich erwarte, dass die Unternehmen konkrete Vorschläge dazu vorlegen, wie sie die Transparenz erhöhen wollen.

Ein Grund für die schlechtere Entlohnung der Frauen ist offenbar, dass sie schlechter bezahlte Stellen annehmen und sich eher um die Familie kümmern als Männer.

Deshalb müssen wir ja daran arbeiten, Beruf und Familie von Frauen – wie Männern – besser vereinbar zu machen. Wir brauchen mehr Krippenplätze. Deutschland hat unabhängig davon unter Familienministerin Ursula von der Leyen mit dem Elterngeld gute Schritte gemacht. Was haben die Gegner über das „Wickelvolontariat“ für die Väter gelästert. Dennoch nehmen immer mehr Väter die Elternzeit in Anspruch.

Schafft die Elternzeit nicht eher den Anreiz, länger aus dem Berufsleben auszusteigen?

Man darf es natürlich nicht übertreiben. Vielleicht müssen wir auch eher darüber nachdenken, ob die Eltern nicht flexibler nutzbare Auszeiten brauchen, um Kinder in späteren, schwierigen Phasen zu betreuen. Ein gesundes Baby lässt sich indes leicht managen.

Also ist doch alles auf dem besten Wege?

Keineswegs. Es gibt die berühmte „gläserne Decke“, an die Frauen auf dem Weg nach oben stoßen. Nur so lässt sich der geringe Anteil von Frauen in Spitzenposten erklären. Das schadet auch der Industrie. Studien zeigen, dass Unternehmen mit einer ausgeglichenen Geschlechterstruktur eine höhere Eigenkapitalrendite erzielen. Deshalb bewegen sich ja auch einige Unternehmen wie die Deutsche Telekom, die in fünf Jahren 30 Prozent ihrer Spitzenposten mit Frauen besetzen will. Ich halte das für eine vorbildliche Entscheidung.

Die Skepsis in der Wirtschaft bleibt aber groß. Ein Aufsichtsrat sei kein Kaffeekränzchen – dieses Zitat wird Gerhard Cromme zugeschrieben, dem Aufsichtsratschef von Siemens und Thyssen-Krupp.

Und es ist blödsinnig. Ich sage ja auch nicht, dass ein Aufsichtsrat ein Stammtisch ist. Da muss gearbeitet werden – und das können Männer und Frauen ebenso gut.

Also brauchen wir eine Quote, um den Anteil von Frauen in Führungsposten zu erhöhen?

Ich bin keine Quotenfrau und war Quoten gegenüber auch immer skeptisch. Ich glaube aber, dass sie für eine Übergangszeit ihre Berechtigung haben können – nicht als Allheilmittel, aber als Krückstock. Als letztes Mittel. In Norwegen ist der Anteil der Frauen in Spitzenposten durch die Quote in fünf Jahren von 25 auf 45 Prozent gestiegen, mit guten Erfahrungen.

Wenn Sie sagen, die Quote müsse letztes Mittel sein, was heißt das konkret? Wie viel Zeit geben Sie der Wirtschaft noch?

Ich werde mich im Herbst mit den Chefs von Unternehmen aus verschiedenen Bereichen und unterschiedlichen EU-Staaten zusammensetzen und erwarte deren Vorschläge. Dann werden wir sehen. Aber wenn bis Ende 2011 nichts geschieht, müssen wir über gesetzliche Schritte nachdenken. Bis dahin können wir viel ohne Regulierung machen.

Zum Beispiel?

Wir können die Frauen über Karrieremöglichkeiten informieren. Der Aufbau von Netzwerken bleibt zentral. Wir brauchen „Old-Girls-Networks“, um den alten Männerbünden, den „Old-Boys-Networks“ etwas entgegenzusetzen. Irgendwann gehen dann beide hoffentlich in einem Netzwerk auf.

Aber dass die EU handeln muss, ist klar?

Die Frage ist nur: Wie? EU heißt für mich: Die EU-Institutionen und die Mitgliedstaaten, jeder in seinem Verantwortungsbereich. Angesichts der Überalterung unserer Gesellschaft müssen wir aber entweder stärker auf die Frauen zurückgreifen oder die Immigration ausbauen. Diesen Zwängen können wir uns nicht entziehen.

Ihr Vorgänger Vladimir Pidla wollte, dass die Supermarktkassiererin genauso viel verdient wie der Lagerarbeiter.

Man kann es auch übertreiben. Klassische Frauenberufe gibt es doch heute gar nicht mehr. Jede Frau kann Maschinen bedienen und einen Gabelstapler fahren. Und viele Männer sind ihrerseits durchaus in der Lage, sich mit den berühmten „soft skills“ nach oben zu arbeiten. Die Klischees aus dem letzten Jahrhundert sollten wir langsam, aber sicher hinter uns lassen.

Das Gespräch führte Hendrik Kafsack.

Quelle: F.A.Z.
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