Herr Löscher, die Rettungsschirme für den Euro werden aufgespannt, immer wieder erweitert und abgeändert. Die Währungsunion wird immer mehr zur Schuldenunion. Haben Sie die Angst, dass die Lage eskaliert und der Euro scheitert?
Das befürchte ich nicht. Europa braucht den Euro, und Deutschland braucht ihn in besonderem Maße. Ohne den Euro würde unser Land erheblich an Wettbewerbskraft verlieren. Wichtig ist, dass Fiskal- und Währungspolitik in Europa enger verzahnt werden. Darum führt kein Weg an strukturellen Reformen und finanzieller Konsolidierung vorbei. Es wird aber oft übersehen, dass schon heute beachtliche Veränderungen im Gang sind, etwa um die Wettbewerbsfähigkeit in Italien und Spanien zu stärken. Und auch kleinere Länder wie Portugal und Irland haben schon viel geleistet, um ihre Lage zu verbessern.
Reicht das denn, unsere Korrespondenten in Rom und Madrid sind nämlich skeptisch?
Es gibt keinen Schalter, den man einmal bedient, und das war’s dann. Sondern wir brauchen eine Vielzahl von Schritten, auf die weitere folgen müssen. Dazu gehören auch Strukturreformen, nicht nur in den Mitgliedsländern sondern auch auf der europäischen Ebene in den Gremien und Entscheidungsmechanismen der Europäischen Union - zum Beispiel in Richtung einer stärkeren demokratischen Legitimation und der Kampf gegen die Jugendarbeitslosigkeit. Der derzeitige Eindruck, es gehe allein um den Euro, greift viel zu kurz. Europa war und bleibt eine politische Idee und eine Wertegemeinschaft und der Euro ist Teil davon. Die Frage lautet: Europa oder kein Europa. Und da sind wir glasklar für Europa!
... weil die Rettungspolitik Ihren Absatz sichert und zum Teil auch finanziert?
Ganz anders: Weil nur ein einiges Europa Relevanz in der Welt hat und weil Frieden, Sicherheit, Arbeitsplätze und Wohlstand in einem geeinten Europa den Bürgern in unseren Ländern eine ganz andere Zukunft eröffnen als im Falle einer Umkehrung der Entwicklung. Eine solche Fragestellung auf die Interessenlage von Großunternehmen und eine angebliche Frontstellung zu Familienunternehmen zu verkürzen, macht keinerlei Sinn. Schon der Blick auf die Exportquote des deutschen Mittelstands zeigt das Gewicht des europäischen Marktes für den Erfolg und die Arbeitsplätze des Mittelstands.
Siemens hat sich seinerseits - jenseits von Europa - längst auch stark auf die BRIC-Länder, also auf Brasilien, Russland, Indien und China, als Zukunftsmärkte ausgerichtet. Von dort kommen derzeit zum Teil aber auch wachstumsdämpfende Signale. Wie reagieren Sie darauf?
Indem wir unsere breite Aufstellung nicht nur in Europa sondern in der ganzen Welt nutzen und gezielt unser Augenmerk auch auf die zweite Welle der aufstrebenden Märkte richten: auf Länder wie Mexiko und Kolumbien, aber auch auf Polen, die Türkei, Indonesien, Vietnam. Und Afrika verdient Aufmerksamkeit: nicht nur Südafrika, auch die nordafrikanischen Länder, Nigeria, Angola und weitere.
Wo gibt es da für Siemens Chancen?
Allgemein gesprochen: bei der Infrastrukturentwicklung. Fast überall in diesen Ländern gibt es junge und wachsende Bevölkerungen und einen großen Bedarf für Infrastrukturprojekte und den Aufbau von Industrien. Aber natürlich muss man jedes Land für sich betrachten und jeden potentiellen Kunden. Politische, wirtschaftliche und rechtliche Rahmenbedingungen weisen sehr große Unterschiede auf. Und wir machen nur Geschäfte, die in jeder Hinsicht belastbar sind. Möglichkeiten dafür gibt es nahezu überall.
A propos Infrastruktur: Da läuft in Deutschland mit der Energiewende ja auch ein großes Projekt - Siemens macht ein Drittel seines Umsatzes in der Energiesparte, und hat in Sachen Energiewende durchaus schon Lehrgeld bezahlt.
Die Entscheidung für die Energiewende in Deutschland wurde vor gerade einmal einem Jahr getroffen und die Laufzeit des gesamten Projekts ist auf Jahrzehnte angelegt. Wir sind also noch in einem sehr frühen Stadium. Alle verfügen über erste Erfahrungen. Klar ist, dass es keinen Pfad gibt, der direkt zu einer Grundlastversorgung mit erneuerbaren Energien führt. Wir brauchen Zwischenlösungen zur Absicherung der Grundlast. Dann gibt es Schwierigkeiten bei der Netzanbindung von Offshore-Windparks. Aber wahr ist auch: Auf diese Schwierigkeiten haben alle Beteiligten sehr schnell reagiert und lösen die Probleme. Dann ist es eine große Aufgabe, die Kosten für die erneuerbaren Energien zu senken: Hier geht es um Innovationen und zum Beispiel um den Schritt von Manufakturen zu industriellen Fertigungen im Bereich der Windkraft. Und ein weiteres großes Thema der Energieinfrastruktur ist, nicht nur im nationalen Rahmen sondern europäisch zu agieren.
Im Moment ist eher das Gegenteil der Fall.
Von den 16 Bundesländern und 27 EU-Mitgliedsstaaten hat jeder seine Standortvorteile, aber nicht alle dieselben. In Summe eröffnen sich viele Möglichkeiten. Damit die zur Entfaltung kommen, muss jeder über eigene Energiekonzepte hinaus auch offen sein für Integration im Verbund. Das ist im Übrigen auch ein Gebot von Effizienz und Wirtschaftlichkeit.
Könnte es sein, dass erneuerbare Energien in Amerika einen Rückschlag erleiden, weil die Vereinigten Staaten plötzlich riesige Gasvorkommen erschließen, die bisher unerreichbar schienen?
Das ist vorstellbar. In Amerika dreht sich derzeit alles um das sogenannte Schiefer-Gas. Und das verspricht eine kostengünstige Energieversorgung und niedrige Strompreise, die ein gewichtiger Wettbewerbsfaktor zugunsten von Industrien in den Vereinigten Staaten werden könnten. Aber vergessen Sie nicht: Siemens stellt ja auch Gasturbinen her, unter anderem in einer höchst modernen Fertigung in Charlotte, North Carolina.
Ihr Finanzvorstand Joe Kaeser hat die Märkte vor eineinhalb Wochen auf „Vorsicht“ bei Siemens eingestimmt. Kurz darauf folgte von Infineon die Prognosekorrektur. Rund eine Stunde später kam der Salzgitter-Konzern mit schlechten Nachrichten. Müssen Sie sich sorgen um die Häufigkeit und die Schnelligkeit, mit der sich solche Negativschlagzeilen mittlerweile ausbreiten?
Wir haben klar gesagt, dass die zweite Jahreshälfte anspruchsvoller werden wird. In der F.A.Z. hieß die Überschrift: Der Wind dreht sich. Auch der IWF warnt vor einem Abschwung der Weltwirtschaft. Ja, wir spüren mehr konjunkturellen Gegenwind. Aber wir sind auch dafür gut aufgestellt. Mit der Breite unseres Portfolios und unserer Präsenz in 190 Ländern.
Was macht übrigens der neue Siemens-Sektor Infrastruktur & Städte? Es scheint, als würden selbst die Kapitalmärkte vom Sinn eines Konvoluts mit Verkehrs- sowie Gebäudetechnik und Stromverteilung nicht überzeugt sein?
Das sehe ich völlig anders! Wir fokussieren uns mit dem neuen Sektor Infrastruktur und Städte auf die Trends, die in Städten eine große Rolle spielen: Verkehrsmanagement, Energie- und Ressourceneffizienz und Gebäudemodernisierung. Das ist eine stimmige Aufstellung. Inzwischen nähern sich viele Unternehmen dem Thema Stadt. Aber niemand hat die Angebotsbreite und den Erfahrungshintergrund, die wir einbringen - einschließlich eines umfassenden Spektrums an Produkten und Lösungen und der Möglichkeit, auch Finanzierungskonzepte anzubieten. Und auch die Politik nimmt sich dieses Themas immer stärker an: Die EU-Kommission hat gerade eine hochkarätige Arbeitsgruppe zum Thema „Smart Cities & Communities“ ins Leben gerufen.
Vieles bleibt immer noch diffus.
Unsere Kunden sehen das ganz anders! Wir bauen konsequent unsere Vertriebsstrukturen für die Wachstumsmärkte auf. Früher war für uns Ausgangspunkt unseres Geschäfts, auf Ausschreibungen von Städten oder Kommunen zu reagieren und uns dann zu bewerben. Heute startet unser Dialog mit Städten viel früher. Wir präsentieren Ideen und komplette Lösungen. Ein wichtiges Element dafür wird unser Zentrum zur Stadtentwicklung in London mit dem Namen „The Crystal“. Dort bringen wir Kunden, Städteplaner und -entwickler, Meinungsbildner zusammen und stellen natürlich auch unser Produktportfolio vor. Zwei weitere dieser Zentren werden in China und in den Vereinigten Staaten hinzukommen.
... in welchem Status befindet sich die Sparte IC denn derzeit überhaupt?
Im Aufbau.
Das heißt?
Der Sektor hat vor neun Monaten am 1. Oktober 2011 seine Arbeit aufgenommen. Derzeit wird in London „The Crystal“ errichtet. Wir bauen weltweit ein Netz von Key-Account-Managern für Städte auf. Also Experten, die jeweils für eine Stadt oder Metropole zuständig sind. Dabei geht es uns nicht nur um Megastädte, sondern gleichermaßen auch um kleine und mittlere Städte. London, New York oder Sao Paulo also genauso wie Frankfurt oder das norwegische Trondheim. In Berlin haben wir bereits Hunderte Energieeffizienz-Projekte durchgeführt, unser sogenanntes Energiespar-Contracting für öffentliche Gebäude, bei dem die Investitionen über die niedrigere Stromrechnung finanziert werden. Ähnliches bietet sich für Straßenbeleuchtungen und Ampel-Anlagen an. Wo sich Städte Effizienzziele setzen, sind wir zur Stelle. Und natürlich auch da, wo die Vorbereitung von Großereignissen einen Investitionsschub bewirkt wie im Falle der Olympischen Spiele in London, der Fußball-Weltmeisterschaften in Brasilien 2014 oder in Russland 2018.
Was ist dran an den Gerüchten um den Erwerb von Ansaldo? Ist mit der Abgabe eines Angebotes zu rechnen?
Sie haben sicher Verständnis, dass wir Gerüchte grundsätzlich nicht kommentieren.
Was hat Vorrang in der weiteren Investitionsstrategie, externes oder internes Wachstum?
Unsere Aussage, dass wir vornehmlich organisch wachsen wollen, ist bekannt und gilt unverändert. Genauso unverändert gilt unsere Aussage, dass so genannte Bold-On-Akquisitionen - also gezielte Verstärkungen in bestimmten Bereichen- unsere Wachstumsstrategie ergänzen.
Sehen Sie sich unter Druck? Siemens wächst langsamer als die Konkurrenten, die auch durch Akquisitionen expandieren.
Wachstum um jeden Preis ist nicht unser Ziel. Sondern es geht um kapitaleffizientes, profitables Wachstum. Wir haben uns daher zurückgehalten, als die Unternehmensbewertungen außerordentlich hoch waren.
Zu Osram: Können wir da überhaupt noch auf einen Börsengang hoffen, nach den Absagen von Evonik und von Kolbenschmidt-Pierburg?
Unsere Absicht ist unverändert. Wir wollen Osram an die Börse bringen. Ob das im Herbst geschieht, hängt vom Börsenumfeld ab; auch, ob die Börsenplatzierung über einen klassischen Börsengang oder eine Abspaltung mit einer Ausgabe von Aktien an die Siemens-Aktionäre erfolgen wird. Bei letzterem brauchen wir die Zustimmung der Hauptversammlung. Diese Option wäre dann also erst danach durchführbar.
Die Abspaltung der ehemaligen Bayer-Tochtergesellschaft Lanxess hat gezeigt, dass so etwas auch ein Erfolg sein kann?
Genau, das ist ein Erfolgsmodell. Wir können beide Wege gehen und haben beide Optionen im Auge.
Das Gespräch führten Carsten Knop und Rüdiger Köhn.
Die Antwort lautet: Potemkin oder kein Potemkin
Thomas Philippi (mot2)
- 11.07.2012, 05:03 Uhr
Rhetorisch unredlich
Ole Maidag (Maidag)
- 09.07.2012, 18:46 Uhr
Europa am Abgrund ?
Zeljko Mlinaric (maksibus)
- 09.07.2012, 16:03 Uhr
Die deutsche Industrie, ganz schrecklich!
Michael Wagner (comic)
- 09.07.2012, 15:17 Uhr
Der Euro dient besonders Deutschland...
Art Bleiglass (bleiglass)
- 09.07.2012, 15:01 Uhr