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Im Gespräch: Gunter Thielen : „Wir sind nicht die Speerspitze für die Bertelsmann AG“

  • Aktualisiert am

Gunter Thielen Bild: Eilmes, Wolfgang

Der frühere niederländische Arbeitsminister Aart Jan de Geus wird im August den Vorstandsvorsitz der Bertelsmann-Stiftung von Gunter Thielen übernehmen. Im Gespräch mit der F.A.Z. zieht der scheidende Stiftungschef Bilanz.

          Herr Thielen, ursprünglich sollte Liz Mohns Tochter Brigitte Mohn den Vorstandsvorsitz der Bertelsmann-Stiftung von Ihnen übernehmen. Warum sind die Würfel nun anders gefallen?

          Ich fange mal anders herum an. Warum wird Aart de Geus mein Nachfolger? Weil er international erfahren und genau im richtigen Alter ist. De Geus wird 57 Jahre alt. Wir machen jetzt also einen schrittweisen Generationswechsel. Wenn de Geus pensioniert wird, ist immer noch genügend Zeit für Brigitte Mohn, an die Spitze zu rücken. Hinzu kommt, dass Brigitte aus familiären Gründen in der nächsten Zeit nicht in der Lage sein wird, ganztags für die Stiftung zur Verfügung zu stehen. Zudem verfügt die Bertelsmann Stiftung mit Jörg Dräger (44) über ein weiteres Vorstandmitglied mit großer Reputation und Führungserfahrung.

          Wäre Brigitte Mohn mit der Aufgabe als Vorsitzende nicht sowieso überfordert gewesen?

          Ich glaube, dass jedes Vorstandsmitglied die Stiftung führen könnte.

          Das Verhältnis zwischen der mächtigen Konzernerbin und Familiensprecherin Liz Mohn und ihrer Tochter Brigitte soll recht angespannt sein, heißt es.

          Das Verhältnis zwischen den beiden ist sehr gut und innig. Selbstverständlich kommt es bei manchen Themen oder Sachverhalten wie bei jedem Vorstand zu unterschiedlichen Einschätzungen, aber die Zusammenarbeit ist grundsätzlich positiv und ergebnisorientiert.

          Brigittes Bruder Christoph Mohn soll zum Jahreswechsel den Aufsichtsratsvorsitz der Bertelsmann AG von Ihnen übernehmen. Ist damit entschieden, dass Christoph in vier Jahren die Rolle des Familiensprechers von Liz Mohn übernimmt?

          Ob Christoph Mohn Aufsichtsratsvorsitzender wird, muss der Aufsichtsrat noch beschließen. Und auch zur Rolle als Familiensprecher kann man jetzt überhaupt noch nichts sagen.

          Zurück zum Führungswechsel in der Stiftung: Wie lange läuft der Vertrag von De Geus?

          Zunächst drei Jahre, das ist bei uns so üblich. Danach kann natürlich verlängert werden.

          Was qualifiziert Aart de Geus für seine neue Aufgabe?

          Er ist in der niederländischen Gewerkschaftsbewegung gewesen, war dann bei einer Unternehmensberatung und ist 2002 Minister für Arbeit und Soziales in Holland geworden. In seinen sechs Jahren als Minister hat er eine Menge Reformen in den Niederlanden durchgesetzt. 2007 wurde er stellvertretender Generalsekretär der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) in Paris. Dort habe ich ihn kennen und schätzen gelernt.

          De Geus ist erst seit sieben Monaten im Vorstand der Bertelsmann-Stiftung. Reicht das aus, um die Qualität seiner Arbeit zu beurteilen?

          Nein, das nicht, aber seine Führungsqualität und seine internationale Vernetzung und Erfahrung kann ich beurteilen.

          Wo und wie hat er Akzente gesetzt?

          Wir bauen gerade unser Netzwerk in Asien und Südamerika aus, indem wir uns mit lokalen Partnern verbünden. Dabei hat de Geus uns schon sehr geholfen. Über die OECD kennt er sehr viele Entscheidungsträger in Regierungen innerhalb und über die OECD-Staaten hinaus. Das gleiche gilt für Repräsentanten der Nicht-Regierungsorganisationen und Zivilgesellschaft weltweit, die für uns auch als Partner interessant sind.

          Was versprechen Sie sich von der Offensive im Ausland?

          Wir sind eine deutsche Stiftung und wollen etwas für Deutschland tun. Aber Deutschland ist inzwischen ein Teil von Europa und wird von der ganzen Welt beeinflusst. Fast 70 Prozent der Gesetze, die in Deutschland in nationales Recht umgesetzt werden, kommen aus Brüssel. Wir lernen zum Beispiel ganz viel über Integration von Ausländern, wenn wir nach Kanada oder Amerika blicken, und über die Probleme der demographischen Entwicklung, wenn wir nach Japan schauen. Reinhard Mohn hat immer gesagt: „Lass uns in die Welt gehen und von anderen lernen.“

          Aart de Geus ist kein Bertelsmann-Gewächs, er kommt aus einer ganz anderen Kultur und auch Unternehmenskultur. Wie hoch ist das Risiko, dass er scheitert?

          Das Risiko ist sehr klein. De Geus hat großes diplomatisches Geschick, hohe menschliche Qualitäten und viel Erfahrung in der Führung, das hilft ihm enorm. Er hat die Menschen bei uns für sich eingenommen.

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