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Mittwoch, 19. Juni 2013
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Im Gespräch: Gunter Thielen „Wir sind nicht die Speerspitze für die Bertelsmann AG“

 ·  Der frühere niederländische Arbeitsminister Aart Jan de Geus wird im August den Vorstandsvorsitz der Bertelsmann-Stiftung von Gunter Thielen übernehmen. Im Gespräch mit der F.A.Z. zieht der scheidende Stiftungschef Bilanz.

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Herr Thielen, ursprünglich sollte Liz Mohns Tochter Brigitte Mohn den Vorstandsvorsitz der Bertelsmann-Stiftung von Ihnen übernehmen. Warum sind die Würfel nun anders gefallen?

Ich fange mal anders herum an. Warum wird Aart de Geus mein Nachfolger? Weil er international erfahren und genau im richtigen Alter ist. De Geus wird 57 Jahre alt. Wir machen jetzt also einen schrittweisen Generationswechsel. Wenn de Geus pensioniert wird, ist immer noch genügend Zeit für Brigitte Mohn, an die Spitze zu rücken. Hinzu kommt, dass Brigitte aus familiären Gründen in der nächsten Zeit nicht in der Lage sein wird, ganztags für die Stiftung zur Verfügung zu stehen. Zudem verfügt die Bertelsmann Stiftung mit Jörg Dräger (44) über ein weiteres Vorstandmitglied mit großer Reputation und Führungserfahrung.

Wäre Brigitte Mohn mit der Aufgabe als Vorsitzende nicht sowieso überfordert gewesen?

Ich glaube, dass jedes Vorstandsmitglied die Stiftung führen könnte.

Das Verhältnis zwischen der mächtigen Konzernerbin und Familiensprecherin Liz Mohn und ihrer Tochter Brigitte soll recht angespannt sein, heißt es.

Das Verhältnis zwischen den beiden ist sehr gut und innig. Selbstverständlich kommt es bei manchen Themen oder Sachverhalten wie bei jedem Vorstand zu unterschiedlichen Einschätzungen, aber die Zusammenarbeit ist grundsätzlich positiv und ergebnisorientiert.

Brigittes Bruder Christoph Mohn soll zum Jahreswechsel den Aufsichtsratsvorsitz der Bertelsmann AG von Ihnen übernehmen. Ist damit entschieden, dass Christoph in vier Jahren die Rolle des Familiensprechers von Liz Mohn übernimmt?

Ob Christoph Mohn Aufsichtsratsvorsitzender wird, muss der Aufsichtsrat noch beschließen. Und auch zur Rolle als Familiensprecher kann man jetzt überhaupt noch nichts sagen.

Zurück zum Führungswechsel in der Stiftung: Wie lange läuft der Vertrag von De Geus?

Zunächst drei Jahre, das ist bei uns so üblich. Danach kann natürlich verlängert werden.

Was qualifiziert Aart de Geus für seine neue Aufgabe?

Er ist in der niederländischen Gewerkschaftsbewegung gewesen, war dann bei einer Unternehmensberatung und ist 2002 Minister für Arbeit und Soziales in Holland geworden. In seinen sechs Jahren als Minister hat er eine Menge Reformen in den Niederlanden durchgesetzt. 2007 wurde er stellvertretender Generalsekretär der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) in Paris. Dort habe ich ihn kennen und schätzen gelernt.

De Geus ist erst seit sieben Monaten im Vorstand der Bertelsmann-Stiftung. Reicht das aus, um die Qualität seiner Arbeit zu beurteilen?

Nein, das nicht, aber seine Führungsqualität und seine internationale Vernetzung und Erfahrung kann ich beurteilen.

Wo und wie hat er Akzente gesetzt?

Wir bauen gerade unser Netzwerk in Asien und Südamerika aus, indem wir uns mit lokalen Partnern verbünden. Dabei hat de Geus uns schon sehr geholfen. Über die OECD kennt er sehr viele Entscheidungsträger in Regierungen innerhalb und über die OECD-Staaten hinaus. Das gleiche gilt für Repräsentanten der Nicht-Regierungsorganisationen und Zivilgesellschaft weltweit, die für uns auch als Partner interessant sind.

Was versprechen Sie sich von der Offensive im Ausland?

Wir sind eine deutsche Stiftung und wollen etwas für Deutschland tun. Aber Deutschland ist inzwischen ein Teil von Europa und wird von der ganzen Welt beeinflusst. Fast 70 Prozent der Gesetze, die in Deutschland in nationales Recht umgesetzt werden, kommen aus Brüssel. Wir lernen zum Beispiel ganz viel über Integration von Ausländern, wenn wir nach Kanada oder Amerika blicken, und über die Probleme der demographischen Entwicklung, wenn wir nach Japan schauen. Reinhard Mohn hat immer gesagt: „Lass uns in die Welt gehen und von anderen lernen.“

Aart de Geus ist kein Bertelsmann-Gewächs, er kommt aus einer ganz anderen Kultur und auch Unternehmenskultur. Wie hoch ist das Risiko, dass er scheitert?

Das Risiko ist sehr klein. De Geus hat großes diplomatisches Geschick, hohe menschliche Qualitäten und viel Erfahrung in der Führung, das hilft ihm enorm. Er hat die Menschen bei uns für sich eingenommen.

Die enge Verflechtung zwischen der kommerziellen Bertelsmann AG und der gemeinnützigen Bertelsmann-Stiftung wird immer wieder kritisiert. Nun will Bertelsmann groß in das Geschäft mit Bildung einsteigen. Das ist ein Bereich, für den die Stiftung 40 Prozent ihres Budgets ausgibt.

An dem Megageschäft Bildung kommt das Unternehmen Bertelsmann gar nicht vorbei. Aber wir passen auf, dass wir hier die Dinge auseinanderhalten. Die Stiftung wird ja oft als Speerspitze der unternehmerischen Interessen des Konzerns beschrieben. Das ist komplett falsch. Wenn die Bertelsmann AG in Bildung investiert, wird der Schwerpunkt nicht in Deutschland sein.

Sie sagten doch selber gerade, dass die Stiftung stärker im Ausland Fuß fassen soll...

Auch international werden wir darauf achten, dass wir die unterschiedlichen Interessen strikt voneinander trennen. Das ist uns ein ganz wichtiges Anliegen.

Trotzdem: Wegen der Nähe zur Bertelsmann AG und damit zur Medienmacht von RTL und Gruner + Jahr hat die Stiftung ein latentes Glaubwürdigkeitsproblem.

Daher müssen wir noch stärker transparent machen, dass die Bertelsmann Stiftung keinerlei Vorarbeiten für die Bertelsmann AG leistet. Man kann sich über die gesamte Stiftungsarbeit in unseren Publikationen und im Internet informieren.

Nicht nur die Mohns, auch einige Aufsichtsräte der AG und ehemalige Bertelsmann-Manager sitzen im Kuratorium der Stiftung. Solange die personelle Verflechtung zwischen Unternehmen und Stiftung so groß ist, bleibt die Stiftung angreifbar.

Personelle Verflechtungen zwischen dem Kuratorium der Stiftung und dem Aufsichtsrat der AG sind nicht gemeinnützigkeitsschädlich, sondern gängige Praxis bei Stiftungen mit Unternehmensbeteiligungen. Denn die Stiftungen müssen die Investition ihres Stiftungsvermögens kontrollieren und überwachen. Grundsätzlich wird die Personenidentität ohnehin künftig abnehmen. Die Weichen sind mit der Wahl des externen Vorstandsvorsitzenden Aart de Geus bereits gestellt.

Im Parteiprogramm der Piraten in Nordrhein-Westfalen steht, dass der Bertelsmann-Stiftung die Gemeinnützigkeit entzogen werden sollte.

Dafür gibt es keine Grundlage. Die Stiftung erfüllt alle steuerrechtlichen Voraussetzungen für die Inanspruchnahme der Gemeinnützigkeit. Dies wird ständig von den Finanzbehörden geprüft und bestätigt. Im Übrigen ist der Steuervorteil der Gemeinnützigkeit für die Stiftung wirtschaftlich weit weniger bedeutend als allgemein angenommen wird. Da das Unternehmen bereits Steuern auf die Dividende für die Stiftung zahlt, bleibt diese Dividende für uns weitgehend steuerfrei. Ohne die Gemeinnützigkeit würde bei unserem derzeitigen Etat von 60 Millionen Euro eine steuerliche Belastung von rund 5 Millionen Euro anfallen, was zu verkraften wäre.

Wie anfällig ist die Stiftung für Krisen? Was passiert, wenn Bertelsmann mehrere Jahre keine Dividende zahlen kann?

Für einen solchen Fall beugen wir gerade vor, indem wir den Teil der Dividende zurücklegen, der über unser Budget hinaus geht. Dadurch werden die Rücklagen von zuletzt gut 200 Millionen Euro auf bis zu 300 Millionen Euro wachsen. Damit könnten wir vier bis fünf Jahre weiterarbeiten, ohne auf frisches Geld der Bertelsmann AG angewiesen zu sein.

Herr Thielen, am 4. August, Ihrem 70. Geburtstag, werden Sie den Vorstandsvorsitz der Bertelsmann Stiftung nach mehr als vier Jahren abgeben. Welche Bilanz ziehen Sie?

Die Arbeit der Bertelsmann Stiftung genießt in Politik und Gesellschaft eine große Anerkennung. Unsere Reformkonzepte sind gefragt. Das zeigt ganz aktuell unser Vorschlag für eine internationale Non-Profit-Ratingagentur. Die Stiftung ist Kompetenzzentrum in allen Bildungsfragen. Wir haben zahlreiche Konzepte für eine größere Bürgerbeteiligung auf den Tisch gelegt und sprechen inzwischen auch jüngere Zielgruppen an. Und es ist uns gelungen, unsere Themen nicht nur bei Experten sondern stärker auch bei einer breiten Öffentlichkeit bekannt zu machen. Zudem können wir inzwischen wesentlich souveräner und transparenter mit Kritik umgehen. Ich denke, diese Bilanz ist okay.

Ein Holländer an der Spitze

Aart Jan de Geus wird Anfang August den Vorstandsvorsitz der Bertelsmann Stiftung übernehmen. Der Holländer tritt die Nachfolge von Gunter Thielen an, der mit Vollendung des 70. Lebensjahres satzungsgemäß ausscheidet. Dies hat das Kuratorium der Bertelsmann Stiftung am Freitag beschlossen. Aart de Geus hat Jura und Arbeitsrecht studiert. Von 2002 bis 2007 war er Minister für Arbeit und Soziales. Mit seinen damaligen Arbeitsmarktreformen hat sich de Geus über die Grenzen seines Heimatlandes hinaus einen Namen gemacht. Von 2007 an kümmerte er sich als stellvertretender Generalsekretär der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) unter anderem um Arbeit und Soziales, Gesundheit und Bildung. Das sind Themen, mit denen sich auch die Bertelsmann Stiftung beschäftigt, in deren Vorstand der 56 Jahre alte de Geus seit September 2011 sitzt. Die 1977 von Reinhard Mohn gegründete Bertelsmann Stiftung zählt mit einem Jahresetat von 60 Millionen Euro und mehr als 300 Mitarbeitern zu den größten Stiftungen in Deutschland. Sie sieht sich als politisch unabhängige Denkfabrik, die sich für das Gemeinwohl engagiert. Die Stiftung finanziert sich aus den Dividenden der Gütersloher Bertelsmann AG. An diesem Medienkonzern (RTL, Gruner + Jahr, Random House, Arvato) ist die Bertelsmann Stiftung mit 77,6 Prozent beteiligt. Die Stimmrechte liegen bei der Bertelsmann Verwaltungsgesellschaft (BVG), in der Liz Mohn das Sagen hat. Die Witwe Reinhard Mohns sitzt sowohl im Vorstand der Stiftung als auch in deren Kuratorium. (rit.)

Das Gespräch führte Johannes Ritter.

Quelle: F.A.Z.
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