Home
http://www.faz.net/-gqe-16jer
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Im Gespräch: Gerhard Cromme „Ich rate den Managern nur: Mäßigt euch!“

18.05.2010 ·  Gerhard Cromme ist einer der mächtigsten Männer der deutschen Wirtschaft. Der Multi-Aufsichtsrat lobt den Euro, warnt vor der Linken und verdammt die Frauenquote. Trotz aller Mahnungen: Gesetzliche Gehaltsobergrenzen lehnt er ab.

Artikel Bilder (1) Lesermeinungen (0)

Herr Cromme, wie ernst nimmt die deutsche Industrie die Euro-Turbulenzen?

Sehr ernst, keine Frage. Das ist sehr besorgniserregend. Gott sei Dank hat die Politik nach einigem Zögern entschlossen gehandelt. Nun haben die Länder mit den größten Verwerfungen hoffentlich genug Zeit, ihre Hausaufgaben zu machen.

Fürchten Sie einen Börsencrash?

Entscheidend wird sein, ob die Staaten ihre Defizite und Schulden in den Griff bekommen. Ohne Rettungsschirm wäre die Lage jedenfalls um ein Vielfaches schlimmer, vergleichbar nur mit den Tagen nach Lehman: Die Firmen hätten wohl schlagartig aufgehört zu bestellen, aus purer Unsicherheit.

Das 750-Milliarden-Rettungspaket war unvermeidlich?

Es gab keine Alternative. Die Bundesregierung hat richtig gehandelt. Jetzt müssen darüber hinaus allerdings auch die Stabilitätskriterien gestärkt und deren Beachtung besser kontrolliert werden. Außerdem gilt es, bei deren Nichtbeachtung Strafen auszusprechen und die Hilfsmechanismen zu verbessern, wenn es doch noch Probleme gibt.

Glauben Sie der Politik die Rede von den bösen Spekulanten, gegen deren Angriff der Euro zu verteidigen ist?

Der Euro ist in der angelsächsischen Welt nie populär gewesen, im Grunde hat man dort immer gehofft, dass er Schwäche zeigen würde. Erfreulicherweise hat er das in den letzten zehn Jahren nie getan, im Gegenteil, der Euro ist trotz der gegenwärtigen Krise eine großartige Erfolgsgeschichte. Im Übrigen bin ich kein Freund von Verschwörungstheorien.

Steht der Euro nun am Ende?

Nein. Ich bin nach wie vor der Meinung, dass der Euro für Deutschland gut, notwendig und richtig ist. Ich mag gar nicht daran denken, was mit der alten D-Mark in dieser Krisenlage passiert wäre: Alle Spekulanten würden in die D-Mark flüchten, die Kurse würden so hochschießen, dass wir als Industrie draußen in der Welt nichts mehr verkaufen könnten.

Sie halten wacker die Fahne für die Einheitswährung hoch?

Ja, aus voller Überzeugung. Europa wurde seit jeher durch Krisen geschaffen. Und bei jedem unerfreulichen Ereignis haben diejenigen, denen die europäische Richtung insgesamt nicht passt, gesagt: Jetzt ist es das Ende. Es ist immer anders gekommen. Aus jeder Krise ist Europa gestärkt hervorgegangen.

Sie glauben nicht, dass die Euro-Zone auseinanderfällt?

Definitiv nicht. Der Euro wird nicht platzen. Politik und Notenbanker werden alles tun, ein solches Szenario abzuwenden.

Viele Deutsche fürchten um ihr Geld. Sind wir nicht irgendwann überfordert als Zahlmeister?

Gerade wir in Deutschland sind die Hauptprofiteure des Euro und der europäischen Einigung. Sie hat uns die friedliche Wiedervereinigung gebracht und wirtschaftlichen Wohlstand. Die Schulden Griechenlands sind auch durch Produkte entstanden, die die Griechen bei uns gekauft haben.

Speziell bei Thyssen-Krupp.

Die gesamte Exportindustrie lebt davon, auch Autobranche, Maschinenbau und so weiter.

Die Exportstärke wird uns von den Nachbarn jetzt vorgehalten, als eine Ursache für die Krise.

Seien wir froh, dass wir den großen Exportüberschuss in Deutschland haben. Nur deshalb sind wir in der Lage, seit Jahrzehnten dem einen oder anderen in kritischer Situation zu helfen. Außerdem haben wir unsere Wettbewerbsfähigkeit in den vergangenen Jahren auch deshalb verbessert, weil unsere Nachbarn uns dazu intensiv aufgefordert haben. Und drittens verdienen wir so das Geld, das wir als Weltmeister im Reisen in andere Länder tragen.

Die Euro-Krise hat die NRW-Wahl in den Hintergrund gedrängt. Was wäre Ihre Wunschregierung in Düsseldorf?

Wir brauchen in jedem Fall eine stabile Regierung, gerade in diesen unsicheren Zeiten.

Also eine große Koalition?

Das wäre mit Sicherheit besser als andere Varianten, etwa Rot-Rot-Grün, oder eine Minderheitsregierung, toleriert von der Linken. Diese disparate Truppe können wir uns an der Regierung nicht leisten.

Wer wäre Ihnen als Ministerpräsident lieber? Herr Rüttgers oder Frau Kraft?

Wen auch immer die Politik wählt, wir werden mit jedem Ministerpräsidenten konstruktiv zusammenarbeiten. Das war schon immer so.

(...)

Die Deutschland AG als Netz gegenseitiger Beteiligungen ist aufgelöst. Wird sie ersetzt durch das Geflecht von Aufsichtsräten? Sie kontrollieren neben Thyssen-Krupp noch Allianz, Siemens und Axel Springer.

Wer glaubt, über Aufsichtsräte würde Industriepolitik gemacht, der irrt. Wir stimmen uns in der einen oder anderen Frage ab, und das ist von allergrößtem Interesse für die deutsche Wirtschaft. Ich kenne kein industrialisiertes Volk der Erde, in dem sich die leitenden Personen nicht austauschen.

Reden noch alle mit Ihnen? Mancher hat sich beschwert, wie rüde Sie in der Siemens-Affäre mit der alten Führung um Heinrich von Pierer umgesprungen sind.

Wir haben die betreffenden Herren von Siemens ausgesprochen fair und zurückhaltend behandelt, das hätte ganz anders laufen können.

Herr von Pierer, der sich als Ihr Freund sah, urteilt da anders.

Herr von Pierer hat sicher große Verdienste um Siemens, hier ist aber an entscheidender Stelle ein großer Fehler gemacht worden. Und hätten nicht die Herren Ackermann, Huber und Cromme als Siemens-Aufsichtsräte eingegriffen, hätte das für Siemens sehr, sehr bitter enden können. Insofern fühle ich mich auch in keiner Weise von anderen Managern isoliert. Natürlich machen Sie sich nicht nur Freunde, wenn Sie schwierige Dinge tun.

Gibt es überhaupt echte Freunde in diesen Sphären?

Echte Freundschaft wächst da, wo es keine Eigeninteressen gibt; unter Managern verfolgt jeder auch Unternehmensinteressen, insofern rede ich da lieber von freundschaftlichen Beziehungen. Freunde im wörtlichen Sinn habe ich vor allem aus der Jugendzeit. Und meiner Popularität unter Managern hat es sicher nicht nur geholfen, dass ich als Vorsitzender der Corporate-Governance-Kommission für die Veröffentlichung der Gehälter gestritten habe - dagegen ist mächtig opponiert worden.

Im Endeffekt hat die Transparenz die Gehälter eher nach oben gedrückt: Niemand will weniger verdienen als der Kollege nebenan.

Dieses Argument stimmt nicht. Die Gehälter sind nicht wegen der Transparenz gestiegen, sondern weil wir einige fette Jahre erlebt haben und die Gewinne der Firmen sich spektakulär nach oben entwickelt haben. Davon haben die Manager profitiert.

Ist das gerecht? Muss der Spitzenverdiener Josef Ackermann seinen Investmentbankern ein Vielfaches von seinem Gehalt bezahlen?

Gewiss ist da einiges außer Proportion geraten, etwa wenn Sie manches Managergehalt mit dem Gehalt für Politiker oder Ärzte vergleichen. Solche Auswüchse sind auf Dauer nicht tragbar. Überall, wo jemand als Unternehmer mit eigenem Risiko und auf eigene Rechnung agiert, wird akzeptiert, dass er dafür einen Gewinn erhält, und seien die Summen noch so groß. Ein Manager aber ist ein Angestellter, er arbeitet mit fremdem Geld - das sollte das Gehalt berücksichtigen. Da ist Augenmaß gefragt.

Sie verlangen Bescheidenheit?

Mäßigung. Man muss die Manager, auch die in der Realwirtschaft, daran erinnern: Auch ihr habt von der Finanzblase profitiert. Und jetzt geht es euch nur gut, weil der Staat mit dem Geld der Steuerzahler die Banken, Versicherungen und die Wirtschaft insgesamt gerettet hat. Die Firmen verdienen im Moment vor allem deshalb Geld, weil der Steuerzahler gewaltig in Vorlage getreten ist - das muss sich im Verdienst widerspiegeln.

Wie soll das gehen?

Allein in Deutschland lässt sich so etwas nicht regeln, der Markt für Spitzenkräfte ist global. Wenn aber Amerika und Europa die Frage gemeinsam angehen, wäre das Problem rasch gelöst.

Haben wir richtig gehört: Sie fordern gesetzliche Gehaltsobergrenzen?

Nein. Ich verlange ein System, in dem Augenmaß im Vordergrund steht. Eine gesetzliche Obergrenze will ich so wenig wie eine gesetzliche Frauenquote.

Frauen im Aufsichtsrat finden Sie eh überflüssig, schließlich sei dort kein Kaffeekränzchen, haben Sie mal gesagt.

Das habe ich nicht gesagt, das ist auch nicht meine Meinung. Richtig ist: Ich bin ein strikter Gegner von Quoten, sonst kommt demnächst einer mit Männerquoten für Kindergarten und Pflegeberufe. Nein, ich bin dafür, tüchtige Frauen zu fördern, wo es geht, und Eltern zu erleichtern, Beruf und Familie unter einen Hut zu bringen.

Je mehr Töchter ein Mann hat, so heißt es, umso mehr kämpfe er für die Sache der Frauen.

Sehen Sie, ich habe vier berufstätige Töchter. Ich weiß also, wovon ich rede. Und keine meiner vier Mädchen befürwortet die Quote.

Alle vier machen Karriere?

Alle vier sind auch ohne Quote erfolgreich beruflich tätig. Jetzt wird es mir aber zu privat.

Der Chefaufseher

Der promovierte Jurist Gerhard Cromme, 1943 in Vechta geboren, hat als Krupp-Chef Hoesch und Thyssen übernommen und so den Stahlkonzern Thyssen-Krupp geformt. Dort leitet er nun den Aufsichtsrat, ebenso bei Siemens. Außerdem kontrolliert er die Allianz, den Axel-Springer-Verlag sowie Saint Gobain in Frankreich. Jahrelang war Cromme zudem Vorsitzender der Corporate-Governance-Kommission.

Das Gespräch führte Georg Meck.

Der vollständige Text wurde am 16. Mai 2010 in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung veröffentlicht

Quelle: F.A.S.
Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen

Böses Spiel

Von Holger Steltzner

Mit größter Selbstverständlichkeit und in unerträglichem Ausmaß zahlt die Elite Griechenlands keine Steuern und flüchtet mit Milliarden ins Ausland - und jede griechische Regierung lässt sie gewähren. In den Geberländern wächst die Wut der Steuerzahler. Mehr 40 146

29.05.2012 13:31 Uhr
  Vortag
Dax 6.365,06 +0,66%
 OK
NameKursProzent
FAZ-INDEX 1.386,98 +0,74%
Dow Jones 12.454,80 −0,60%
EUR/USD 1,2526 −0,12%
Rohöl Brent Crude 106,94 $ −0,30%
Gold 1.574,60 $ +0,32%
Umfrage

Anonym bewerben? Ist das gut?

Alle Umfragen

Bitte aktivieren Sie ihre Cookies.