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Mittwoch, 19. Juni 2013
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Im Gespräch: George Soros „Deutschland muss in der Krise mehr tun“

 ·  Der freie Fall der Wirtschaft ist gestoppt, sagt der legendäre Investor George Soros. Er warnt, die deutsche Wirtschaft werde später als Amerika voll von der Krise getroffen. Soros über Probleme im Kapitalismus, radikale Wirtschaftspolitik und seine politische Philanthropie - F.A.Z.-Interview.

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George Soros ist ein legendärer Investor. 1992 katapultierte er das britische Pfund aus dem europäischen Währungssystem. Der heute fast 79 Jahre alte Soros gründete 1969 mit dem Quantum Fonds den ersten Hedge-Fonds. Obgleich sich der gebürtige Ungar aus der operativen Führung zurückgezogen hat, treiben ihn instabile Märkte nach wie vor um. Soros, seit 1961 Amerikaner, geißelte die Kreditblase schon vor Ausbruch der Krise. Große Teile seines Vermögens spendet er, um in Osteuropa „offene Gesellschaften“ zu fördern.

Herr Soros, haben wir das Schlimmste in der Finanzkrise hinter uns?

Ja, der freie Fall der Wirtschaft ist gestoppt, der Kollaps des Finanzsystems abgewendet. Die staatlichen Konjunkturstimuli beginnen zu wirken. Die Abwärtsdynamik lässt nach. Die allgemeine Panik, in der alle nur Geld gehortet haben, ist vorbei. Ein Teil des Geldes, das an der Seitenlinie geparkt war, kommt auf die Finanzmärkte zurück.

Ist die Besserung nachhaltig?

Ich erwarte, dass die Erholung etwa die Hälfte des vorherigen Abschwungs wettmacht und dann in eine Stagnation übergeht. Asien wird als Erstes aus der Krise finden, aber auch Amerika ist gerade dabei. Gleichwohl wird China die Vereinigten Staaten als Motor der Weltwirtschaft ablösen.

Was heißt das für die ökonomische und politische Dominanz Amerikas?

Die amerikanische Wirtschaft ist immer noch größer als die chinesische. Doch die Volksrepublik wird einen größeren Beitrag zum Wirtschaftswachstum in der Welt leisten. Damit werden sich die politischen Gewichte von Amerika zu China verschieben.

Wird der Dollar seine Rolle als Leitwährung verlieren und abwerten?

Die Chinesen besitzen eine Menge amerikanischer Staatsanleihen. Damit sind sie in einer sehr starken Position. Sie haben auch schon erste Angriffe auf den Dollar gestartet. Sie wollen ihn als Leitwährung ablösen. Tatsächlich ist der Dollar schon eine schwache Währung – abgesehen von allen anderen. Wogegen sollte denn der Dollar abwerten? Der Euro hat seine eigenen Schwierigkeiten, Chinas Renminbi eröffnet keine Alternative. Ich sehe nicht, dass der Dollar gegen den Euro groß an Wert verliert, im Gegenteil.

Müsste man mit dieser Einstellung nicht gegen den Euro spekulieren?

Ich bin kein Spekulant mehr. Die strukturellen Schwächen des europäischen Währungsraums sind bekannt: Es gibt eine Zentralbank, aber keine zentrale europäische Schuldenverwaltung.

Glauben Sie, dass der Euro Bestand haben wird?

Ja, das Euro-System wird überleben. Es zeigt sich in dieser Krise, dass es für schwache Länder ein großer Vorteil ist, den Euro zu haben. Es gibt also keinen Grund für sie, den Euro-Raum zu verlassen. Doch müsste die Krise Deutschland als stärkstes Land motivieren, Vorschläge für ein effizienteres Euro-System zu machen. Ich vermisse hier von der Bundesregierung Führung.

Was schlagen Sie konkret vor?

Deutschland sollte sich nicht länger gegen die Emission von Anleihen der Europäischen Union sträuben.

Finanzminister Steinbrück befürchtet, dass eine Mischung aus griechischen, spanischen und deutschen Anleihen seine Zinskosten erhöht. Hat er nicht recht?

Ganz und gar nicht. Der Markt für EU-Anleihen wäre viel liquider als der heutige Markt für Bundesanleihen. Deshalb würden die Zinskosten zurückgehen. Deutschland sollte den Partnerländern die Emission von EU-Anleihen anbieten, aber auf größere Mitsprache in der dafür notwendigen Schuldenverwaltung dringen. Wenn die anderen darauf nicht eingehen, kann Deutschland das Angebot der EU-Anleihe immer noch zurückziehen. Mir geht es darum, dass Deutschland Initiative zeigt und vorangeht.

Was sollte die Bundesregierung sonst noch tun?

Deutschland muss mehr tun, um die Konjunktur anzukurbeln. Die deutsche Wirtschaft wird später als Amerika voll von der Krise getroffen. Auf den Nachfrageeinbruch bei Konsumgütern folgt der Nachfrageeinbruch im Maschinenbau, da ist die deutsche Wirtschaft besonders stark. Damit wird die Arbeitslosigkeit bis zum Herbst in Deutschland deutlich steigen. Deshalb muss Deutschland mehr tun – für das Euro-System und innerhalb des Internationalen Währungsfonds.

Wir Deutschen haben unsere Erfahrungen mit Hyperinflation gemacht. Deswegen sind wir da etwas zurückhaltender.

Ich verstehe das. Es gibt gute Gründe, vor Inflation Angst zu haben. Ich sehe auch, dass Amerika mit seiner großen Auslandsverschuldung ein größeres Interesse an Inflation haben könnte als Deutschland. Doch jetzt geht es um andere Probleme. Als Erstes müssen die Rezession und die drohende Deflation bekämpft werden. Dafür muss Deutschland radikaler handeln.

Der solide Ruf Österreichs als Schuldner hat gelitten. Mancher Anleger sieht mit Sorge das starke Engagement der österreichischen Banken in Osteuropa. Teilen Sie die kritische Einschätzung?

Mittlerweile hat es weitreichende Finanzzusagen des IWF für Osteuropa gegeben. Ohne Debatten in der EU hätte es die wohl kaum gegeben. Das ist ein indirekter Weg, um Österreich zu helfen. Der Währungsfonds kann allerdings nur Staaten unterstützen. Die Probleme in Osteuropa stecken jedoch in der privaten Wirtschaft. Die Länder dort müssten ihren Banken und Unternehmen Kreditgarantien geben. Dafür brauchen sie mehr Unterstützung. Deutschland, Großbritannien und Amerika nutzen ihre Sonderziehungsrechte beim Währungsfonds nicht. Sie sollten sie nicht länger als Dekoration ansehen, sondern die zusätzliche Liquidität an andere Länder transferieren.

Was würde das zum Beispiel einem Land wie der Ukraine bringen?

Das Land hat eigentlich kein Geld mehr. Der Währungsfonds stützt zwar schon die Ukraine. Doch das reicht nicht. Mit zusätzlichen Sonderziehungsrechten könnte die Regierung in Kiew Banken und Unternehmen umfassend mit Staatsgarantien stützen. Das ist der entscheidende Unterschied. Die reichen Länder würde das nichts kosten. Aber ich befürchte, dass gerade Deutschland dazu der politische Wille fehlt.

Sie haben viel Geld in die Hand genommen, um Freiheitsbewegungen in Osteuropa zu unterstützen. Wie bewerten Sie den Ertrag, wenn Sie auf Ungarn, die Ukraine oder Russland schauen. Wie stabil sind dort die Demokratien?

Tatsächlich steckt Ungarn nicht nur in einer Finanzkrise, sondern auch in einer politischen Krise. Dennoch war unsere Stiftungsarbeit erfolgreich, und auch in Russland haben wir einen wichtigen Beitrag zum Wandel geleistet. Leider hat sich später Russland auf einen autoritären, antiwestlichen Weg begeben. Das ist ein Fehler. Doch sehe ich Zeichen unter den regierenden Eliten, dass auch im Lichte der Finanzkrise ein Umdenken stattfindet. Das lässt mich hoffen.

Kein Bedauern, das Geld womöglich den Falschen gegeben zu haben?

Meine Idee der politischen Philanthropie basiert auf einem Prinzip: Man tut es, weil man es für richtig hält. Und nicht, weil man eine Rendite erwartet. Das ist der große Unterschied zum Einsatz an den Finanzmärkten.

Wie viel haben Sie seit 1984 gespendet?

Sicherlich einige Milliarden Dollar. Unser jährliches Budget betrug zuletzt 500 Millionen Dollar. Und wir werden es für die kommenden beiden Jahre signifikant aufstocken. Damit wollen wir in Amerika, aber auch in Ost- und Südosteuropa die eine oder andere Spende ausgleichen, die vielleicht von anderer Seite in der Krise ausbleibt.

Sie befürworten einen in die Wirtschaft intervenierenden, stärker um sozialen Ausgleich bemühten Staat. Sind Sie ein sozialistischer Kapitalist?

Nein, ich bin kein Sozialist. Im Kommunismus handeln die Repräsentanten des Volkes nicht zwingend zum Besten des Volkes. Die Wirtschaftswissenschaftler haben für solche Probleme, die Interessensdivergenzen und Informationsklüfte bereiten, die „Principal-Agent-Theorie“ entwickelt. Aber auch im Kapitalismus gibt es solche Probleme, wie die Finanzkrise gerade wieder gezeigt hat. Banken haben Kredite weiterverkauft und mussten sich deshalb nicht für deren Qualität verantwortlich fühlen. Und hier hat der Staat eine Aufgabe als Regulator.

Die EU will jetzt einen Selbstbehalt von 5 Prozent verlangen.

Das ist zu wenig. 10 Prozent wären angemessen.

Sie sind in Ungarn aufgewachsen, leben seit langem in Amerika und engagieren sich fast überall. Sehen Sie sich als Weltbürger?

Jemand hat mich einen staatenlosen Staatsbürger genannt. Die Formel gefällt mir.

Das Gespräch führten Hanno Mußler und Manfred Schäfers

Quelle: F.A.Z.
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