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Im Gespräch: „Die Ärzte“-Gründer Farin Urlaub „Wir müssen keinen bescheißen“

Farin Urlaub hat die Punkrockband „Die Ärzte“ gegründet und ist reich geworden. Georg Meck traf den Sänger auf seiner Tournee und sprach mit ihm über Millionengehälter von Bankern, Moral und Selbstlosigkeit sowie seine Liebe zu Staatsanleihen.

© dpa Vergrößern Sänger Farin Urlaub

Farin Urlaub hat die Punkrockband „Die Ärzte“ gegründet und ist reich geworden. Georg Meck traf den Sänger auf seiner Tournee und sprach mit ihm über Geld, Moral und Staatsanleihen.

Herr Urlaub, wollen wir über Geld und Moral reden?

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Gerne. Auch wenn ich nicht weiß, ob ich in Sachen Moral der richtige Ansprechpartner bin. Für Geld sicher nicht. Geld ist für mich kein Ziel. Das ist nur insofern wichtig, als dass man sich damit Freiheit leisten kann.

Geld ist für den Musiker die einzige Möglichkeit, die Gunst des Publikums zu messen, würde Stones-Gitarrist Keith Richards jetzt einwenden.

Das ist nicht so meins. Ich freue mich auch darüber, wenn wir CDs und Konzerttickets verkaufen. Aber ich bin nicht stolz darauf, wenn ich 100.000 Euro mehr auf dem Konto habe. Die goldenen Platten stehen bei mir im Keller.

Wie viele CDs haben Sie mit den „Ärzten“ verkauft in 25 Jahren?

Keine Ahnung.

Im Ernst?

Ja, ehrlich. Wieso soll mich das interessieren? Es waren sehr viele.

Geld ist nicht mehr wichtig, weil genug davon da ist?

Geld spielt für uns keine Rolle. Auch deshalb, weil wir nicht verrückt geworden sind. Keiner von uns hat sich einen Öltanker gekauft oder ein Schloss in Frankreich. Unsere Wünsche sind nicht so schnell gewachsen wie unser Einkommen, was ganz gut ist.

Dann zur Moral: Was ist die Antwort des Punkrocks auf die Finanzkrise?

Ich bin doch nicht das Sprachrohr von Punkrock, dem sind wir seit den achtziger Jahren entwachsen.

Wie denkt dann der Popstar über die gefallenen Star-Banker?

Mir fehlt das Verständnis für manche Gehälter. Wenn der Hedge-Fonds-Boss John Paulson über eine Milliarde Dollar verdient, finde ich das bizarr: Wie viele Häuser, Yachten, Bedienstete bekommt man dafür? Sorry, ich kann nicht begreifen, was an dieser Arbeit so unfassbar wichtig sein soll, dass es diese Summen rechtfertigt. Da wird ja kein Wert geschaffen. Man handelt mit Träumen und Hoffnungen von Leuten, die gierig sind.

Ein toller Pop-Song ist auch kein materieller Wert, und man wird reich damit.

Halt, wir liefern etwas ab. Wir sind kreativ. Mein moralisches Problem ist, dass die Leute, die Autos zusammenschweißen, viel weniger verdienen als diejenigen, die in diese Fabrik investieren. Deswegen bin ich auch kein Freund von Aktien.

Wie haben Sie Ihr Geld angelegt?

Ganz stumpf: Termingeld, Staatsanleihen, keine Aktien. Ich glaube nicht an Aktien. Ich verstehe das System: Firmen, die wachsen wollen, brauchen Geld. Das holen sie sich von Leuten, die daran glauben, dass die Firma erfolgreich ist. So weit, so gut. Doch den Spekulationswillen, der nicht mit irgendeiner langfristigen Planung zu vereinbaren ist, den kann ich nicht nach- vollziehen. Wir würden als AG niemals funktionieren.

Warum nicht?

Weil wir keine Vierteljahresziele haben, sondern 20-Jahres-Ziele. Ansonsten kann ich mich über den Kapitalismus als solchen nicht beschweren, denn ich profitiere ja davon. Aber irgendwie habe ich das Gefühl, dass wir als Band nie jemanden bescheißen mussten, um Geld zu verdienen. Wir haben etwas angeboten, und erstaunlich viele Leute haben das nachgefragt. Ich habe das Gefühl, dass dies nicht für alle Berufe gilt, ohne dass ich alle Mechanismen durchdringe. Im „Economist“, meinem Lieblingsblatt, lese ich hauptsächlich Politik, Wissenschaft, Kultur. Die Wirtschaft blättere ich fassungslos durch. Das ist nicht meine Welt.

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