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Im Gespräch: „Die Ärzte“-Gründer Farin Urlaub „Wir müssen keinen bescheißen“

07.12.2008 ·  Farin Urlaub hat die Punkrockband „Die Ärzte“ gegründet und ist reich geworden. Georg Meck traf den Sänger auf seiner Tournee und sprach mit ihm über Millionengehälter von Bankern, Moral und Selbstlosigkeit sowie seine Liebe zu Staatsanleihen.

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Farin Urlaub hat die Punkrockband „Die Ärzte“ gegründet und ist reich geworden. Georg Meck traf den Sänger auf seiner Tournee und sprach mit ihm über Geld, Moral und Staatsanleihen.

Herr Urlaub, wollen wir über Geld und Moral reden?

Gerne. Auch wenn ich nicht weiß, ob ich in Sachen Moral der richtige Ansprechpartner bin. Für Geld sicher nicht. Geld ist für mich kein Ziel. Das ist nur insofern wichtig, als dass man sich damit Freiheit leisten kann.

Geld ist für den Musiker die einzige Möglichkeit, die Gunst des Publikums zu messen, würde Stones-Gitarrist Keith Richards jetzt einwenden.

Das ist nicht so meins. Ich freue mich auch darüber, wenn wir CDs und Konzerttickets verkaufen. Aber ich bin nicht stolz darauf, wenn ich 100.000 Euro mehr auf dem Konto habe. Die goldenen Platten stehen bei mir im Keller.

Wie viele CDs haben Sie mit den „Ärzten“ verkauft in 25 Jahren?

Keine Ahnung.

Im Ernst?

Ja, ehrlich. Wieso soll mich das interessieren? Es waren sehr viele.

Geld ist nicht mehr wichtig, weil genug davon da ist?

Geld spielt für uns keine Rolle. Auch deshalb, weil wir nicht verrückt geworden sind. Keiner von uns hat sich einen Öltanker gekauft oder ein Schloss in Frankreich. Unsere Wünsche sind nicht so schnell gewachsen wie unser Einkommen, was ganz gut ist.

Dann zur Moral: Was ist die Antwort des Punkrocks auf die Finanzkrise?

Ich bin doch nicht das Sprachrohr von Punkrock, dem sind wir seit den achtziger Jahren entwachsen.

Wie denkt dann der Popstar über die gefallenen Star-Banker?

Mir fehlt das Verständnis für manche Gehälter. Wenn der Hedge-Fonds-Boss John Paulson über eine Milliarde Dollar verdient, finde ich das bizarr: Wie viele Häuser, Yachten, Bedienstete bekommt man dafür? Sorry, ich kann nicht begreifen, was an dieser Arbeit so unfassbar wichtig sein soll, dass es diese Summen rechtfertigt. Da wird ja kein Wert geschaffen. Man handelt mit Träumen und Hoffnungen von Leuten, die gierig sind.

Ein toller Pop-Song ist auch kein materieller Wert, und man wird reich damit.

Halt, wir liefern etwas ab. Wir sind kreativ. Mein moralisches Problem ist, dass die Leute, die Autos zusammenschweißen, viel weniger verdienen als diejenigen, die in diese Fabrik investieren. Deswegen bin ich auch kein Freund von Aktien.

Wie haben Sie Ihr Geld angelegt?

Ganz stumpf: Termingeld, Staatsanleihen, keine Aktien. Ich glaube nicht an Aktien. Ich verstehe das System: Firmen, die wachsen wollen, brauchen Geld. Das holen sie sich von Leuten, die daran glauben, dass die Firma erfolgreich ist. So weit, so gut. Doch den Spekulationswillen, der nicht mit irgendeiner langfristigen Planung zu vereinbaren ist, den kann ich nicht nach- vollziehen. Wir würden als AG niemals funktionieren.

Warum nicht?

Weil wir keine Vierteljahresziele haben, sondern 20-Jahres-Ziele. Ansonsten kann ich mich über den Kapitalismus als solchen nicht beschweren, denn ich profitiere ja davon. Aber irgendwie habe ich das Gefühl, dass wir als Band nie jemanden bescheißen mussten, um Geld zu verdienen. Wir haben etwas angeboten, und erstaunlich viele Leute haben das nachgefragt. Ich habe das Gefühl, dass dies nicht für alle Berufe gilt, ohne dass ich alle Mechanismen durchdringe. Im „Economist“, meinem Lieblingsblatt, lese ich hauptsächlich Politik, Wissenschaft, Kultur. Die Wirtschaft blättere ich fassungslos durch. Das ist nicht meine Welt.

Sind Sie ein Moralist?

Nein, ich bin genauso egoistisch und hedonistisch wie alle anderen. Ich habe nur die Möglichkeit, mehr Geld zu spenden als andere, weil ich mehr habe. Ich bin aber nicht so selbstlos, dass ich mehr abgebe, als ich selber behalte.

Früher richtete der Punkrock sich gegen das System, gegen den Kapitalismus, gegen alles. Wann ist diese Wut verflogen?

Moment, das ist etwas komplizierter. Die Geschichte des Punkrock war für mich eine Geschichte der Emanzipation von Autoritäten. Ich wurde mit 16 Jahren Punkrocker, damals wusste ich nicht, wie ein Staat funktioniert und gegen welches System ich jetzt genau bin. Ich war gegen die Autorität, die ich persönlich erfahren habe; angefangen bei Eltern und Lehrern. Die politische Bildung kam er erst sehr viel später. Als ich wusste, womit ich nicht so einverstanden bin, war ich schon zu wohlhabend, um noch als Punker zu gelten. Du kannst ja nicht gleichzeitig Teil des Systems sein und dagegen. Das ist schizophren. Als Systemkritiker würde ich mich total lächerlich machen.

Deswegen fällt die Revolte aus – weil die Sonne scheint, wie es in einem Ihrer neuen Songs heißt.

Darin mache ich mich über mich selbst lustig.

An anderer Stelle singen Sie: „Warum haben wir kein Geld, mein Kind? Weil wir nicht im Besitz der Produktionsmittel sind.“

Da ist das Kapital kurz in den Text eingeflossen: „Der Mehrwert, den wir schaffen, macht andere reich.“ Für jedes Statement, das ich in einem Lied mache, findet sich ein anderes, das genau das Gegenteil aussagt. In meinem Kopf ist eine komische Gratwanderung: Ich bin weit genug gereist, um zu sehen: Unser System, so viele Fehler es hat, ist bedeutend besser als viele andere Systeme auf der Welt. Das lässt mich nicht sehr radikal werden.

Wie viele Länder haben Sie bereist?

102. Jedes Jahr bin ich ein paar Monate weg. Ich könnte den Rest meines Lebens mit Reisen verbringen. Wobei manche Reise so anstrengend ist, dass ich danach erst mal verreisen muss, um mich zu erholen – ernsthaft. Eine Woche Toskana oder so, herrlich.

Wann war das so?

Papua war so ein Beispiel. Sehr strapaziös.

Hatten Sie Angst? Wenn ja, wovor, vor Tieren oder Menschen?

Vor Tieren fürchte ich mich nicht, die sind berechenbar. Menschen weniger: Macheten und selbstgebrannter Schnaps sind eine unangenehme Mischung.

Welche Art des Wirtschaftens hat Sie auf Ihren Reisen am meisten fasziniert?

Ich bin ein Fan von Tauschwirtschaften.

Aha.

Nicht lachen. Ich finde das super. Ich glaube nicht, dass ich da leben könnte, zivilisationsversaut, wie ich bin. Aber grundsätzlich finde ich das einen sehr romantischen Gedanken: Ich backe Brot für alle, dafür schlachtest du dein Schwein. Und sie pflanzt Kartoffeln.

Am Ende werden vielleicht alle satt, mehr Wohlstand ist aber nicht zu erwarten.

Vielleicht doch. Wenn die Natur das Ganze begünstigt, viele Tiere da sind, dann bleibt erstaunlich viel Zeit für Kunsthandwerk und gemeinsames Musizieren. Schöne Idee. Die Rousseausche Vorstellung vom edlen Wilden endet allerdings schlagartig, wenn ich die erste Lebensmittelvergiftung bekomme, und dann ist kein Medikament da. Und natürlich will ich nicht, dass die Menschen mit 40 krepieren, weil ihnen die Segnungen der Zivilisation vorenthalten werden. Den Widerspruch sehe ich. Ich kenne nicht den besten Weg, muss ich auch nicht: Ich bin nur Musiker. Zumindest mache ich mir über solche Sachen sehr viele Gedanken, was auch ein Ergebnis meines Luxuslebens ist: Ich habe viel Zeit.

Wirklich? Wir stellen uns Popstars wahnsinnig beschäftigt vor.

Ich muss für meinen Lebensunterhalt nicht besonders hart arbeiten.

So ein Hit schreibt sich von allein?

Das geht tatsächlich sehr einfach. Ich schreibe halt Lieder. Manche Ideen halten nicht stand, ein paar bleiben hängen. Dann sind sie gut.

Was sind die größten Vorzüge des Rockstarlebens?

Wenn man erfolgreich ist, kann man so ziemlich alles machen, was man will. Das meiste wird entschuldigt: Man ist ja Künstler. Sogar katastrophale Dummheit ist völlig in Ordnung, solange man genug Hits abliefert. Toll.

Kümmern Sie sich auch um die geschäftlichen Details?

Nein. Dafür habe ich Leute. Das Unternehmerische interessiert mich nicht so sehr, aber ich lasse mich nicht mehr über den Tisch ziehen wie vor 20 Jahren. Die Plattenfirmen haben ihre Machtposition damals gnadenlos ausgenutzt.

Braucht es heute noch Plattenkonzerne, wenn die Musik übers Internet verkauft wird?

Ein Fortschritt ist das für uns nicht unbedingt. Der schlaue Steve Jobs hat mit seinem iPod ganz schlechte Bedingungen für Künstler zur Norm gemacht. Total unfair und schlimmer als manche Labels in den 80er Jahren. Das Wenige, was der digitale Vertrieb kostet, steht in keinem Verhältnis zu dem, was Apple einstreicht. Reich wird man als Band damit nicht, deswegen muss man das Geld mit Konzerten und Merchandising reinholen. Ich glaube, wir landen in Zuständen wie vor 100 oder 120 Jahren: Musik an sich ist wertlos. Nur das Konzert oder die gedruckte Note kostet etwas.

Wenn alle Musiker ihr Heil in Konzerten suchen, füllen sich die Bühnen schnell und der Markt bricht ein.

Nein, denn da kommt ein weiterer Punkt hinzu: Die Leute, die keine totalen Musikfetischisten sind und nicht ihre ganze Freizeit mit dem Finden neuer Bands zubringen, gehen zu dem, was sie schon kennen. Das erklärt, warum die Ärzte so erfolgreich sind.

Grönemeyer, Ärzte. Die großen Namen ziehen.

Ja. So schlimm es ist: Man könnte uns fast in einem Atemzug mit Grönemeyer nennen. Die großen Shows laufen wie verrückt, die Festivals auch. Sehr viel schwerer haben es Newcomer.

Was bedeutet diese Entwicklung für Ihr Einkommen?

Da die CD-Einnahmen massiv weggebrochen sind und wir gleichzeitig die Ticketpreise nicht unverschämt hoch gesetzt haben, verdienen wir unterm Strich ein bisschen weniger. Aber es reicht, deswegen beschwere ich mich überhaupt nicht.

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