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Im Gespräch: Bildungsforscher Hurrelmann Unternehmerisches Denken in der Bildung gefragt

29.10.2009 ·  10 Prozent des Bruttoinlandsprodukts in Bildung und Forschung investieren? Diese Vorgabe sei nur Symbolpolitik, kritisiert Klaus Hurrelmann von der Hertie School of Governance. Ein Jahr nach dem „Bildungsgipfel“ debattieren an diesem Freitag die Ministerpräsidenten darüber - Interview.

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10 Prozent des Bruttoinlandsprodukts in Bildung und Forschung investieren? Diese Vorgabe sei nur Symbolpolitik, kritisiert Klaus Hurrelmann von der Hertie School of Governance. Ein Jahr nach dem „Bildungsgipfel“ debattieren an diesem Freitag die Ministerpräsidenten darüber.

„Bildungsrepublik Deutschland“, so heißt das zweite Kapitel des Koalitionsvertrages. Gefällt Ihnen das?

Klingt sehr schön. Aber der Begriff hat einen starken Marketing-Charakter. Leider liegen wir im internationalen Vergleich nur im Mittelfeld. Den Namen müssen wir uns erst noch erarbeiten.

Union und FDP haben in der Nacht Einigungen bei der Gesundheits- und Bildungspolitik erzielt. Der Abschluss der Koalitionsverhandlungen wird für Freitagabend oder im Laufe der Nacht erwartet.

Wie sehr bestimmt die Haushaltslage die deutsche Bildungspolitik?

Sie bestimmt den Rahmen. Wir haben die Maßstäbe dafür, ob die Bildungsausgaben ausreichen, im Wesentlichen aus dem internationalen Vergleich, er hat enorm zur Versachlichung der Debatte beigetragen. Bei der Menge des Steuergeldes, das wir in Deutschland für die Bildung aufwenden, schneiden wir nicht gut ab. Wenn unsere Wirtschaft weiter Spitzenleistungen bringen soll, können wir uns das auf Dauer nicht leisten.

Bis 2013 will der Bund jährlich 3 Milliarden Euro mehr ausgeben, so sollen für Bildung und Forschung 10 Prozent des BIP ausgegeben werden. Wie ist diese Summe zu beurteilen?

Sie hat stark symbolische Bedeutung. Ich kann die Pläne für Mehrausgaben nur begrüßen. Damit ist nicht gesagt, ob es in die richtigen Kanäle fließt. Das Geld zu haben ist das eine, es so geschickt zu verteilen, dass die Effekte auch steigen, das ist etwas anderes.

Mehr Geld führt nicht gleich zu einem besseren Bildungssystem. Ist es trotzdem wichtig, sich ein Pauschal-Ziel zu setzen?

Es ist von erheblicher Bedeutung. Das soll man nicht unterschätzen, es drückt eine Priorität aus. Aber das Geld muss dringend direkt dort ankommen, wo Bildung von Menschen stattfindet. Und das ist eine ganz hohe Kunst.

Konkret: Was hat die Politik jetzt zu tun?

Die Politik muss entscheiden, wie das Geld ohne Verlust an die Schulen, die Hochschulen, die Einrichtungen der Berufsbildung gelangt. Sie sind es, die damit so geschickt agieren müssen, dass die Bildungskompetenzen ihrer Klientel nachvollziehbar gesteigert wird. Wir wissen, dass eine autonome Schule oder Hochschule mit moderner Leitungsfunktion, die in einem festen Ordnungsrahmens im Wettbewerb mit anderen Schulen steht, mit ihrem Geld effizienter wirtschaftet als eine, die ihren Etat nicht kennt und nicht beeinflussen kann. Es müssen Anreize her: Die Schule muss belohnt werden, wenn sie die Fähigkeiten ihrer Absolventen optimal entwickelt hat. Wenn sie unabhängig davon, wie schwierig ihre Aufgabe ist, ihr Geld bekommt, leidet die Motivation der Lehrkräfte. Hier gibt es eine Parallele zum Gesundheitssystem. Wir brauchen einen Risikostrukturausgleich wie unter den Krankenkassen. Eine Schule mit schwierigeren Schülern bekommt mehr Mittel. Dann kriegen wir auch bessere pädagogische Ergebnisse.

Halten Sie die aktuelle Debatte für oberflächlich?

Ja, ganz klar. Und wenn dann auch noch überlegt wird, wie allein durch Umbuchungen in den Haushalten die Ausgaben gesteigert werden könnten, gruselig. Das wird leicht durchschaubar.

Als der OECD-Bildungsbericht 2009 vorgelegt wurde, hat Ministerin Schavan das 10-Prozent-Ziel bekräftigt. Mehrausgaben von mindestens 25 Milliarden Euro seien dafür nötig, sagen Fachleute. Wo wird das Geld herkommen?

Ich bin kein Finanzpolitiker. Aber entweder hat das Ziel Priorität oder eben nicht. Aber so zu tun, als wären höhere Bildungsausgaben wichtig und dann keine realistische Strategie dafür zu haben, wie das Geld aufgebracht wird, das wäre unglaubwürdig.

Der Bund will laut Koalitionsvertrag „Maßnahmen ergreifen“, damit auch Länder und Private mehr Geld ausgeben - welche können das überhaupt sein? Im Grundgesetz steht ein Kooperationsverbot, die Länderhoheit in der Bildung ist in Stein gemeißelt.

Ja, da ist Phantasie gefragt. Wir brauchen Kooperationsvereinbarungen, die nicht gegen die Verfassung verstoßen, Stiftungslösungen etwa. Ich glaube, pädagogisch unterfüttertes unternehmerisches Denken ist jetzt geboten. Keine pauschale Zuweisung von Geld, keine Gießkanne. An die Aufgabe gebundene Mittelzuweisung, das muss unser Ziel sein.

Gerade ist eine Vorlage der Länderfinanzminister für die Konferenz der Ministerpräsidenten bekant geworden, nach der wir schon 10 Prozent erreicht hätten. Der Grund: das BIP ist geschrumpft (Hoffnung auf neue Milliarden für Bildung gedämpft).

Das ist ein Selbstbetrug. Man müsste schon nachweisen, dass die Bildungsausgaben auch real gestiegen sind.

Von neuen Berechnungsmaßstäben ist die Rede: Die Finanzminister wollen auch das Kindergeld Volljähriger unter Bildungsausgaben buchen, außerdem die Pensionen von Lehrern und Professoren, den ermäßigten Umsatzsteuersatz für Bücher, die Bereitstellung von Gebäuden und Grundstücken für Hochschulen … Im Statistischen Bundesamt heißt es, der Bildungsbegriff ist ziemlich erweitert worden.

Es ist ja nichts dagegen zu sagen, dass man den Begriff erweitert. Aber es müssten einheitliche Kriterien herangezogen werden. Die Finanzminister würden nicht durchkommen mit Methoden, die international keinen Bestand haben.

Würde sich Deutschland damit international isolieren?

So weit ich weiß, ja. Das Kindergeld greife ich mal heraus, das ist hochinteressant. Ich habe selbst schon vorgeschlagen, es vom 18. Lebensjahr an anders zu nennen und zu bewirtschaften. Wie teilweise in Skandinavien könnte es die Ausbildung unterstützen. Aber das muss abgestimmt erfolgen. Wir haben nichts von einer deutschen Insellösung, nur um das anvisierte Ziel irgendwie zu erreichen.

„Der Bildungsaufstieg darf an finanziellen Hürden nicht scheitern“ - ein hehrer Anspruch. Die Koalitionäre wollen mehr Stipendien an Begabte vergeben. Wie wäre as mit einem Signal an die breite Masse, dass ein Studium trotz Gebühren bezahlbar bleiben soll?

Ja, das hätte ich auch erwartet. So sehr wie bei uns schlägt in kaum einem Land die soziale Herkunft auf den Bildungserfolg durch. Das ist schon eine Enttäuschung. Die Abwesenheit von Studiengebühren hat also nicht geholfen. Wir müssen fragen, warum Aufstieg durch Bildung bei uns so schwierig ist. Die Spuren führen alle in die frühe Phase des Ausbildungsprozesses - Familien, Kinderbetreuung, Schulen. Wir müssen in breite Angebote für alle Kinder investieren. Zum Glück wird etwa der Nachmittagsunterricht auch nicht mehr als Bevormundung gesehen. Es ist keine Anti-Familien-Politik, sondern eine Kinder-Förder-Politik.

Ein konkretes Vorhaben steht im Koalitionsvertrag: 150 Euro für jedes neu geborene Kind auf einem „Zukunftskonto“: Ist das der richtige Ansatz, um Eltern zu motivieren, in die Bildung ihrer Kinder zu investieren?

Ich halte das für falsches Denken. Man muss schon realistisch sehen, dass es nur die Eltern aufstocken werden, die es sich auch leisten können. So wie die Erhöhung des Kindergeldes auch nichts mit dem Abbau von sozialen Barrieren zu tun hat. Das Geld kommt nicht bei den Kindern an, die es bräuchten. Wir müssen direkt auf die Kinder einwirken, nicht auf die Eltern. Die richtige Allokation des Geldes ist schon entscheidend.

Wenn Sie der Runde der Ministerpräsidenten einen verbindlichen Auftrag erteilen könnten, welcher wäre das?

Prüfen Sie, wie mit den bestehenden Mitteln wirklich alle Kinder gefördert werden können. Lassen sich Mittel umschichten in den vorschulischen und in den Grundschulbereich? Das würde ins Zentrum führen. Fixieren Sie sich nicht darauf, dass die Mittel steigen müssen. Denn wenn das nicht klappt, bricht die ganze Welt zusammen. Das finde ich hochriskant.

Das Gespräch führte Thomas Reinhold

Quelle: F.A.Z.
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