Herr Grube, nächsten Sonntag stimmt Baden-Württemberg über Stuttgart 21 ab. Eine Zäsur in der Geschichte der deutschen Eisenbahn?
Es ist eine Entscheidung mit erheblichen Auswirkungen. Nicht nur für die Bahn, auch für den Wirtschaftsstandort Deutschland insgesamt.
Aber für die Bahn besonders. Zu Kaisers Zeiten wurden Bahnstrecken einfach quer durch die Landschaft geschlagen. In der Bundesrepublik entschieden darüber sechs Jahrzehnte lang Parlamente. Und in diesem Fall das Volk direkt.
Ich sehe diese Volksbefragung durchaus positiv. Es ist wichtig, dass es bei Stuttgart 21 endlich einen Schlussstrich gibt. Allerdings gibt es bindende Verträge. Wer die bricht, muss auch die Konsequenzen tragen. Das müssen alle wissen.
Mit welchem Ergebnis der Abstimmung rechnen Sie denn?
Alle Umfragen sagen: Eine Mehrheit, 55 Prozent der Menschen in Baden-Württemberg, ist für Stuttgart 21. In Stuttgart selbst sind es sogar 60 Prozent. Jetzt kommt es darauf an, dass viele dieser Befürworter auch zur Wahl gehen. Dafür kämpfe ich bis zum Schluss!
Was machen Sie denn, wenn das Volk Stuttgart 21 kippt?
Da müsste ein Drittel aller Wahlberechtigten in Baden-Württemberg dafür stimmen, dass das Land seine Zusage für die Finanzierung zurückzieht. Das glaube ich wirklich nicht. Aber wenn, dann muss die Landesregierung entscheiden. Wenn sie bereit ist, rund 1,5 Milliarden Euro für nix und Schadensersatz zu zahlen, dann wird der Bahnhof eben nicht gebaut. Ohne das Land ist der Bau nicht möglich.
Die Gegner von Stuttgart 21 behaupten, weniger als 350 Millionen Euro...
Das ist nicht korrekt. Sie haben die Verträge nicht gelesen und den Faktencheck der Schlichtung ignoriert - oder behaupten bewusst das Falsche.
Vor Gericht würde man sich vermutlich auf einen Wert irgendwo in der Mitte einigen?
Nein, ein Vergleich in dieser Frage wäre nicht möglich. Bahn, Bund, Stadt und Region Stuttgart müssten schon rein rechtlich auf ihren Forderungen bestehen. Die Menschen in Baden-Württemberg können sich deshalb entscheiden, ob sie 1,5 Milliarden Euro ausgeben und nichts dafür bekommen. Oder 930 Millionen Euro ausgeben und einen der modernsten Bahnhöfe der Welt bekommen. Übrigens die Neubaustrecke nach Ulm käme dann auch nicht.
Um Stuttgart 21 zu kippen, müssten die Gegner nicht nur die Mehrheit aller Abstimmenden bekommen, sondern ein Drittel aller theoretisch Wahlberechtigten. Was machen Sie denn, wenn die Mehrheit gegen das Projekt stimmt, aber weniger als ein Drittel aller Wahlberechtigten?
Wenn bei der Volksbefragung dieses sogenannte Quorum nicht erreicht wird, dann ist die Volksabstimmung gescheitert, und der Bahnhof wird gebaut.
Hält die Bahn das aus, so ein Projekt gegen große Teile der Bevölkerung durchzuziehen?
Ich gehe davon aus: Wenn die Volksbefragung scheitert, unterstützt uns die Landesregierung bei Stuttgart 21. Das hat der Ministerpräsident zugesagt. Ich nehme ihn da beim Wort. Und wenn die Grünen uns in der Frage unterstützen, wird das den Konflikt befrieden - viele der Projektgegner gehören schließlich zu ihnen.
Wie schnell bauen Sie in dem Fall den neuen Bahnhof?
Wir würden sofort weitermachen. Als Erstes würden wir uns um das Grundwassermanagement kümmern und Anfang kommenden Jahres den Südflügel abreißen. Mit den eigentlichen Tiefbauarbeiten für die Tunnel würden wir im Juli nächsten Jahres beginnen. Der Zeitplan sieht vor, dass wir in zehn Jahren fertig sind. Aber nageln Sie mich da nicht auf den Tag fest.
Wie groß ist die Gefahr, dass das Projekt an einer Kostenexplosion scheitert - selbst wenn das Volk zustimmt?
Ich habe dazu immer gesagt, eine Sollbruchstelle in den Verträgen wäre erreicht, wenn die Kosten 4,526 Milliarden Euro übersteigen. Aber da haben wir noch einen Puffer von mehreren hundert Millionen Euro. Jeder, der solche Großprojekte kennt, weiß, dass die Kosten steigen können. Etwa, wenn Stahl erheblich teurer werden sollte. Aber eine ernsthafte Gefahr, dass das Projekt daran scheitern könnte, sehe ich nicht.
Machen Sie denn als Bahn-Chef weiter, wenn Stuttgart 21 vom Volk gekippt wird?
Natürlich, das eine hängt doch mit dem anderen nicht zusammen.
Wie werden Sie überhaupt persönlich am nächsten Sonntag die Abstimmung verfolgen?
Ich bin in Baden-Württemberg zu Hause und habe schon per Briefwahl abgestimmt. Natürlich für Stuttgart 21. Kurioserweise müssen wir Befürworter mit Nein stimmen. Zu irgendeiner Wahlparty werde ich aber nicht gehen. Ich werde die Ergebnisse voraussichtlich im Fernsehen verfolgen.
Haben Sie bei der Bahn eigentlich weitere Großprojekte geplant, für die es schwierig werden könnte, wenn Stuttgart 21 scheitert?
Wir setzen in den nächsten zehn Jahren Projekte im Wert von 80 Milliarden Euro um. Jede Neubaustrecke, jede Großinvestition würde schwieriger. Ein Scheitern von Stuttgart 21 wäre auch ein verheerendes Signal für Investoren aus aller Welt. Ich habe neulich mit dem Emir von Qatar gesprochen, für den wir Bahnstrecken durch die Wüste planen. Der fragte fassungslos: Was ist da bloß bei euch in Stuttgart los? Gibt es jetzt nicht mal mehr in Deutschland Investitionssicherheit?
Aber wäre es umgekehrt gut für das Image der Bahn, wenn die nächsten Jahre diese Großbaustelle ständig mit Polizei geräumt werden muss?
Ich gehe davon aus, dass sich die Lage nach der Volksbefragung beruhigen wird.
War die Mediation von Heiner Geißler eigentlich für die Katz?
Auf keinen Fall. In Schlichtung und Stresstest, auf die wir uns verständigt hatten, konnten wir zeigen, dass unsere Berechnungen für die Kapazität des Bahnhofs vollkommen ausreichend bemessen waren. Auch sonst wurden viele Verschwörungstheorien ausgeräumt. Nur Geißlers Vorschlag, man solle einen Kombi-Bahnhof bauen, eine Mischung aus unten und oben - das war nicht zielführend, sondern hat alle nur verwirrt.
Solche Kompromisse sind jetzt ausgeschlossen, egal wie die Abstimmung ausgeht?
Ja. Es kann keinen Kombi-Bahnhof geben. Dafür sind neue Planfeststellungsbescheide und neue Finanzierungsvereinbarungen nötig. Es geht nur ganz oder gar nicht.
Haben Sie Ihre Vorgänger eigentlich manchmal verflucht, dass sie Ihnen Stuttgart 21 eingebrockt haben?
Ich fand es nicht gerade glücklich, dass, vier Wochen bevor ich als DB-Chef kam, die Verträge unterzeichnet wurden. Aber es wäre unredlich, Schuld auf meine Vorgänger zu schieben. Schon als ich noch bei Daimler war, habe ich das Projekt aktiv unterstützt.
Ist Stuttgart 21 eigentlich Ihre schwerste Aufgabe, seit Sie BahnChef sind?
Ach, wir haben bei der DB noch andere dicke Brocken.
Ihre einzige Sorge ist es nicht. Die neuen ICE-Züge, die Sie bestellt hatten, kommen nun doch erst im nächsten Jahr. Wird das für die Bahn ein schwerer Winter?
Ich bin häufig mit der Bahnindustrie in heißen Gesprächen, weil da vieles einfach zu lange dauert. Wir tun aber trotzdem alles, um uns auf den Winter vorzubereiten. So haben wir allein in diesem Jahr 1000 neue Weichen-Heizungen eingebaut. Die Zahl der Leute, die Schnee schieben, wurde auf 16.000 verdoppelt. Außerdem setzen wir zusätzliche Putzlokomotiven ein, die Reif von Oberleitungen entfernen. Und ich könnte ihnen noch viele andere Beispiele nennen.
Sie haben auch eingeführt, dass die Pünktlichkeit der Bahn wieder gemessen wird. Sind Sie mit dem Ergebnis zufrieden?
Unsere Züge im Personenverkehr sind zu rund 92 Prozent pünktlich. Wenn man bedenkt, dass wir für viele Ursachen nichts können - etwa Suizide oder Diebstahl von Kupfer-Oberleitungen - so ist das Ergebnis nicht schlecht. Aber wir müssen besser werden - keine Frage.
Zum Abschluss zurück zu Stuttgart: Glauben Sie, dass Sie in Ihrem Leben selbst noch mit einem Zug unten in den Tiefbahnhof einfahren werden?
Na klar. Da freue ich mich darauf.
Gibt es eigentlich Momente, in denen Sie denken: Vielleicht hat die Gegenseite doch recht?
Die Frage kann ich ganz klar mit Nein beantworten. Allerdings: Wenn wir vor vielen Jahren gewusst hätten, wie wichtig den Stuttgartern die Seitenflügel des Bahnhofs sind, hätten wir wenigstens versuchen können, sie nicht abzureißen. Dafür ist es jetzt zu spät.
Am 27. November 2011 stimmt die Bevölkerung Baden-Württembergs darüber ab, ob sich das Land am Bahntunnel-Projekt Stuttgart 21 finanziell beteiligt oder nicht. Der Trend bei den letzten Umfragen war, dass knapp die Mehrheit der Bevölkerung für das Projekt ist. Für Verwirrung könnte sorgen, dass Befürworter bei der Abstimmung mit „nein“ und die Gegner mit „ja“ stimmen müssen, weil formal über den Ausstieg des Landes abgestimmt wird.
Herr Grube soll sich bitte nicht so aufmandeln!
Closed via SSO (JohnBrown)
- 20.11.2011, 15:11 Uhr
Hoffentlich kippt S21
Franz Müller (Franzy)
- 20.11.2011, 12:46 Uhr
"Kurioserweise müssen wir Befürworter mit Nein stimmen."
Dr. Michael Menzel (DrMurke)
- 20.11.2011, 12:33 Uhr
Unglaubwürdiger Zahlensalat...
Norman Reppingen (Norman_77)
- 20.11.2011, 11:41 Uhr
...mehr Schein als sein
Jan Ball (janball)
- 20.11.2011, 11:04 Uhr