10.12.2008 · Wieso, weshalb, warum? Seit Wochen rätselt die Öffentlichkeit, wie der Familienunternehmer Adolf Merckle seine Firmengruppe in Gefahr bringen konnte. Welche Auswege bleiben nun? Sein erstes Interview in der Krise.
Wieso, weshalb, warum? Seit Wochen rätselt die Öffentlichkeit, wie der Familienunternehmer Adolf Merckle seine Firmengruppe in Gefahr bringen konnte. Welche Auswege bleiben nun? Sein erstes Interview in der Krise.
Herr Merckle, seit Wochen wird Tag und Nacht mit mehr als 30 Banken verhandelt. Es geht um Ihr Lebenswerk. Das kostet doch ziemlich Nerven?
Die Situation ist sehr herausfordernd. Auf der einen Seite geht es in der Tat darum, dass wir als Familienunternehmen immer daran interessiert waren und es auch nach wie vor sind, einen stabilen und zukunftsorientierten Rahmen für die Unternehmen zu schaffen, an denen wir maßgebliche Beteiligungen halten. Wir haben in der Vergangenheit über verschiedene Instrumente dazu beigetragen, dass sich diese Unternehmen sehr positiv entwickeln. So haben wir zum Beispiel mit Kapitalerhöhungen dafür gesorgt, dass sich Heidelcement zu einem der größten und erfolgreichsten Baustoffkonzerne der Welt entwickelt hat. Um diese Kapitalerhöhungen durchführen zu können, hatten wir mit Aktien besicherte Finanzierungen bereitgestellt. Vor der Finanzmarktkrise hat dieses Modell hervorragend funktioniert. Der drastische Abschwung an den Börsen hat die Aktienkurse jedoch in ungeahntem Maße sinken lassen. Das hat zur Folge, dass der Wert der Sicherheiten, welche die VEM Vermögensverwaltung (VEM VV) bei Banken hinterlegt hat, geschmälert wurde. Die kreditgebenden Banken hatten daher größere Nachschüsse und Kredittilgungen gefordert, die wir nicht leisten konnten. Dadurch wurde die Liquiditätskrise bei der VEM VV ausgelöst. Gerade weil es um die Unternehmen geht, die wir über Jahrzehnte aufgebaut haben, ist es mir so wichtig, eine zukunftsfähige Lösung zu finden. Wir haben immer sämtliche Gewinne in den Unternehmen belassen. Deshalb haben wir auch Mittel aus unserem Privatvermögen angeboten. Mein Leben lang habe ich mich zu 100 Prozent für diese Unternehmen eingebracht.
Wird es noch vor Weihnachten ein weiteres Stillhalteabkommen mit den Banken geben?
Am Montag haben wir den Banken ein neues Angebot unterbreitet und arbeiten mit ihnen weiter daran, eine Lösung zu finden. Es geht darum, einen Überbrückungskredit zu bekommen.
Warum ist denn alles so kompliziert?
Eine Eigenart der momentanen weltweiten Finanzkrise ist es, dass Einzelereignisse eine weitreichende Folgewirkung im Sinne von Dominoeffekten oder Kettenreaktionen haben. Ähnlich hat sich auch die Situation für die VEM VV dargestellt. Der Einbruch auf den Weltfinanzmärkten führte zu negativen Effekten für die Bedienung ausstehender Kredite, diese wiederum trugen offenbar aus Sicht der Banken zu einer Abwertung der Kreditwürdigkeit bei, was wiederum zu einer entsprechenden Reaktion auf den Kapitalmärkten führte und so weiter. Auch sehen sich die beteiligten Verhandlungspartner in dieser Situation der Finanzmarktkrise ganz neuen Herausforderungen ausgesetzt. Und sie verhalten sich im Zweifel anders, als sie es vor der Krise getan hätten. Das ist nachvollziehbar. Aber vorauszusehen war das für niemanden. Es ist eine neue Situation, dass man trotz Sicherheiten keine neuen Kredite mehr bekommt.
Schon im November hat Ihr Sohn Ludwig von Liquiditätsproblemen berichtet. Dann wundern wir uns, dass noch keine Insolvenz angemeldet werden musste.
Wir sind aktiv in Verhandlungen mit den Banken und hatten ein Stillhalteabkommen vereinbart. Das bedeutet unter anderem, dass die Banken ihre Kredite zur Zeit stunden. Wir haben kein Problem im operativen Geschäft. Es ist ein reines Liquiditätsproblem.
Was haben Sie aus Ihrem Privatvermögen als Sicherheit zur Verfügung gestellt?
In den aktuellen Verhandlungen fordern die Banken von uns, unsere Anteile an Ratiopharm, Heidelcement und Phoenix als Sicherheit zu geben. Dazu sind wir auch bereit, wenn wir den notwendigen Kredit bekommen. Das Wichtigste für uns ist es, für die Unternehmen die beste Lösung zu finden.
Verstehen Sie die Aufregung, die entstand, als Sie wegen einer Landesbürgschaft bei Ministerpräsident Oettinger in Stuttgart anklopften?
Wir wollten nichts unversucht lassen, um eine Lösung zu finden. Auch wenn wir dafür kritisiert wurden. Wenn es funktioniert hätte, wären wir sehr froh gewesen. Ich denke, dass man auch den Begriff Bürgschaft in diesem Zusammenhang deutlicher hätte erklären müssen. Es ging ja nicht darum, ein Geschenk des Landes Baden-Württemberg zu erhalten, sondern Unternehmen, die in Baden-Württemberg Arbeitsplätze schaffen, zu stabilisieren. Dies ist der Vergangenheit zigmal geschehen. Letztlich wären es die Banken, unsere langjährigen Geschäftspartner, gewesen, die uns daraufhin den tatsächlichen Kredit zur Verfügung gestellt und so die Unternehmen gerettet hätten. Bitte verstehen Sie mich richtig. Die operativ tätigen Unternehmen aus unserem Verbund sind fundamental gesund und haben erfolgreiche Geschäftsergebnisse abgeliefert. In einer normalen Situation hätten wir für einen Überbrückungskredit keine zusätzliche Bürgschaft benötigt, sondern ganz normal gegen Sicherheiten einen Kredit bekommen.
Stimmt es, dass die größten Firmen Ihrer Gruppe - Ratiopharm, Phoenix und Heidelcement - eigentlich gar nicht mehr Ihnen gehören, sondern den Banken?
Das ist nicht richtig. Teilweise sind die Aktien als Sicherheiten hinterlegt. Bislang haben wir keine darüber hinausgehenden Verpfändungen vorgenommen. Aber es ist richtig, dass dies den Forderungen der Banken entspricht. Und um das Unternehmen zu retten, haben wir unsere Anteile auch als Sicherheiten zur Verfügung gestellt.
Bei Heidelcement senken die Ratingagenturen den Daumen. Sie bewerten die Papiere nur noch wie Ramschanleihen mit hohem Ausfallrisiko. Das sieht ziemlich schwierig aus.
Wir beobachten zurzeit vielfach Trends, die fundamental nicht gerechtfertigt sind. Heidelcement ist ein sehr erfolgreiches Unternehmen mit einem wettbewerbsfähigen Geschäftsmodell. In diesem Jahr hat Heidelcement ein sehr gutes Ergebnis erzielt, und auch die Szenarien für das nächste Jahr sehen gut aus, insbesondere wenn das Investitionsprogramm in den USA anläuft. Das sind die Rahmendaten, die sich auch in der Bewertung langfristig widerspiegeln werden.
Den Heidelcement-Chef Scheifele hatten Sie uns doch im Frühjahr als Oberhaupt der Merckle-Holding präsentiert. Warum hört man jetzt nichts von ihm?
Die gegenwärtige Krise betrifft VEM, wo er nicht operativ tätig ist. Herr Scheifele ist als Vorstandsvorsitzender der Heidelberg-Cement gerade in schwierigen Zeiten wie der Finanzkrise zuallererst seinem Unternehmen verpflichtet. Darüber hinaus ist er in den Aufsichtsgremien der operativen Unternehmen tätig.
In der Familie hängt der Haussegen offenbar auch schief. Ihr Sohn Philipp Daniel Merckle distanziert sich deutlich. Das muss Sie doch schmerzen.
In der aktuellen Lage werden viele Dinge gerne miteinander vermischt. Die Ratiopharm hatte unter seiner Führung das beste Ergebnis seit Jahren erwirtschaftet. Von daher muss man Gerüchten um die Gründe für die Abgabe der operativen Führung entgegentreten. Philipp wollte sich wirtschaftlich trennen und selbständige Wege gehen, was ich auch unterstütze.
Laut der „Bild“-Zeitung hat einer Ihrer Söhne auch gesagt, dass die Aktiengeschäfte „nur ein Spiel“ gewesen seien. War es nur ein Spiel?
Er hat diese Äußerung nie getätigt. Es war kein Spiel. Die Wertpapiergeschäfte, mit denen wir nun in die Kritik geraten sind, haben wir seit Jahrzehnten erfolgreich durchgeführt. Sie waren solide kalkuliert, so dass immer alle beteiligten Parteien - unsere Beteiligungsunternehmen und auch die Banken - davon profitiert haben. Wir werden zwar jetzt in den gleichen Topf geworfen wie Hedge-Fonds, de facto ging es aber um Wachstumsstrategien für grundsolide, operativ tätige Unternehmen. Und das wissen auch unsere Geschäftspartner.
Sie galten uns als Vorzeigeunternehmer. Und jetzt liegt alles in Scherben. Wie konnte das nur passieren?
Ich war immer Unternehmer. Und als Unternehmer geht man gewisse Risiken ein, kalkuliert, aber auch mit einem gewissen unternehmerischen Mut. Ich habe schon viele sogenannte „Börsencrashs“ überstanden. Mit einer Banken- und Finanzkrise in diesem Ausmaß konnte ich jedoch nicht rechnen. Vor allem ist problematisch, dass man - trotz Sicherheiten - keine Kredite mehr bekommen kann, ansonsten hätte auch diese Situation überstanden werden können.
Gibt es etwas zu bereuen?
Es macht mich traurig, dass in solchen Zeiten wie der jetzigen Finanzkrise die öffentliche Meinung über Handlungen und Personen schlagartig umschwingen kann. Dinge, die zuvor sehr positiv bewertet wurden, sind plötzlich allerschärfster Kritik ausgesetzt. Nehmen Sie doch nur das Wertpapiergeschäft unserer VEM VV. Jahrelang hat es dazu gedient, um Finanzierungen aufzustellen, die das Wachstum der Beteiligungsunternehmen ermöglichten. Und alle waren zufrieden damit. Keiner hat daran gezweifelt, dass dies der richtige Weg ist. Weil Arbeitsplätze geschaffen wurden und auch zur Entwicklung der Regionen beigetragen wurde. Unsere Motivation für Wertpapiergeschäfte war im vergangenen Jahr die exakt gleiche wie zuvor. Doch heute werde ich persönlich angegriffen und als Zocker dargestellt. Das allein wäre noch nicht so schlimm. Wirklich zum Problem wird es, wenn es daraufhin zu Rückwirkungen auf die Handlungsmöglichkeiten des Unternehmens kommt, weil die Erwartungen der Marktteilnehmer durch eine aktuelle, vielleicht nicht einmal lang anhaltende Stimmung beeinflusst wird.
Was überwiegt: Bangen oder Hoffen?
Ich lebe mit meiner Familie seit Jahrzehnten hier in der Region. Ich war stets ein positiv denkender Mensch und hoffe daher, dass wir auch jetzt eine Lösung für die Unternehmen finden, mit denen wir uns so unmittelbar verbunden fühlen.
in der Pleite immer das gleiche Gejammer
rene dustmann (reduma)
- 09.12.2008, 20:04 Uhr
Adolf Merckle: "Ich habe schon viele Börsencrashs überstanden"
Lothar Klatt (LKlatt)
- 09.12.2008, 21:05 Uhr
Versachlichung der Diskussion
Dieter Klingenschmidt (dikli)
- 09.12.2008, 21:14 Uhr
Die Selbsteinschätzung hinkt
Mona Vogelsang (Aghapi)
- 09.12.2008, 21:22 Uhr
Seine "Ladenkasse" ist doch immer für ihn offen genau so wie bei Schefenacker!
Helmers Helmers (margithelmut)
- 09.12.2008, 23:04 Uhr
| Name | Kurs | Prozent |
|---|---|---|
| FAZ-INDEX | 1.396,95 | +1,47% |
| Dow Jones | 12.586,70 | +1,06% |
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