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IG-Metall : „Schluss mit dem rücksichtslosen Gezocke!“

  • -Aktualisiert am

Berthold Huber redet auf dem Gewerkschaftstag Bild: dpa

Gewerkschaftschef Berthold Huber will seine Organisation reformieren. Nicht jeder will ihm folgen. Unterstützung erfährt er für seine Kritik an der Finanzmarktpolitik.

          IG-Metall-Chef Berthold Huber hat der Politik Versagen in der Finanzmarktregulierung vorgeworfen. „Das ist fahrlässig“, sagte er am Montag zum Auftakt des 22. Gewerkschaftstages seiner Organisation. „Die Finanzmärkte müssen auf die notwendigen Funktionen für die Realwirtschaft zurückgeführt werden“, forderte Huber. „Schluss mit dem rücksichtslosen Gezocke!“

          Ein Kritiker in interessanter Gesellschaft

          Dass der Vorsitzende der größten deutschen Gewerkschaft derart unzufrieden mit den Krisenmanagern ist, kommt nicht überraschend. Interessant allerdings ist die Gesellschaft, in der er sich befindet: Einen Tag zuvor hatte nämlich auch Bundespräsident Christian Wulff (CDU) harsche Kritik geübt. Aus den ungelösten Problemen des Finanzsektors rührten Gefahren für die Weltwirtschaft, sagte er auf der Eröffnungsveranstaltung des Gewerkschaftstages. Der Bankensektor müsse saniert und neu geordnet werden, „durchgreifend und zügig“. Und: Den Akteuren müsse ein umfassender Ordnungsrahmen gesetzt werden. Liberalisierung und Deregulierung seien zu weit gegangen; die soziale Marktwirtschaft dürfe nicht „nervösen Finanzmärkten“ geopfert werden, „wo einzelne Spieler das Gemeinwohl schlicht ignorieren“, sagte der Bundespräsident.

          Huber schimpft über das Krisenmanagement der Regierung

          Mit Blick auf die Eurokrise sagte IG-Metall-Chef Huber, er sei entsetzt über das Krisenmanagement der Bundesregierung. „Das Hin und Her verunsichert die Menschen.“ Zu den Überlegungen von Wirtschaftsminister Philipp Rösler (FDP) rund um eine mögliche Insolvenz Griechenlands sagte er: „Dieser Mensch will mit einem Streichholz nachschauen, ob noch genügend Benzin im Tank ist.“ Wer nur auf Althergebrachtes setze, laufe Gefahr, an den neuen Herausforderungen zu scheitern.

          Letzteres allerdings dürfte Huber durchaus auch als Warnung an die eigenen Leute gemeint haben, steht die IG Metall doch vor einer Organisationsreform, der die Delegierten noch ihren Segen geben müssen - und die nicht bei allen auf Begeisterung stößt. Im Kern sollen Geld und Ressourcen von der Spitze an die Basis umverteilt werden; so soll der geschäftsführende Vorstand nur noch fünf statt sieben Mitglieder haben. Geopfert werden soll das einzige CDU-Mitglied des Gremiums: Regina Görner, bisher für die Jugend zuständig. Am Montag sagte sie, das „schwarze Mandat“ sei immer ein Zeichen für die Einheitsgewerkschaft gewesen und dafür, dass die IG Metall offen sei für Minderheiten. Nun aber breche der Vorstand mit dieser Tradition. „Ich respektiere Mehrheitsentscheidungen, auch wenn ich sie bedaure“, sagte Görner.

          Reform für eine effizientere Organisation geplant

          Huber verspricht sich von der Reform eine effizientere Arbeit an der Basis. 20Millionen Euro im Jahr sollen den Verwaltungsstellen zusätzlich zur Verfügung stehen, vor allem zur Mitgliederwerbung. „Die Mitgliederentwicklung ist für uns die politisch wichtigste Frage“, sagte er am Montag. Der Gewerkschaftschef, der an diesem Dienstag wiedergewählt werden will, hatte schon bei seinem Amtsantritt vor vier Jahren die Maxime ausgegeben, die IG Metall müsse um jeden Preis den Mitgliederschwund stoppen.

          Nicht alle tragen den Kurs des Gewerkschaftschef mit

          Längst nicht alle tragen Hubers Kurs mit - obwohl ihm der Erfolg recht gibt: Die Gewerkschaft ist die einzige politische Großorganisation der Welt, die eine positive Wende in der Mitgliederentwicklung geschafft hat. Die Einnahmen erreichen 2011 den Rekordwert von 457Millionen Euro, und Kassierer Bertin Eichler kann ein Haushaltsplus von 5Millionen Euro verkünden. Für die Verkleinerung des Vorstands ist aber eine Zwei-Drittel-Mehrheit notwendig, und es war nicht hundertprozentig klar, ob die Gegner nicht doch genügend Stimmen zusammenkriegen würden. Über das Kreuz mit den eigenen Mehrheiten kann sich Huber in Kürze auch mit Angela Merkel (CDU) unterhalten. Die Kanzlerin wird für Freitag erwartet.

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