02.08.2009 · Die IG Metall greift nach der Macht in der Autoindustrie. Verlangt werden Aktien für Lohnzugeständnisse, und die Mitarbeiterbeteiligungen sollen in einer von der Gewerkschaft gesteuerten Gesellschaft gebündelt werden. In diesem Modell steckt Dynamit.
Von Winand von Petersdorff und Christian SiedenbiedelEs tut sich wieder was im Kapitalismus. In der Industriegewerkschaft (IG) Metall werden Pläne sondiert, sich im größeren Stil an angeschlagenen deutschen Industrieunternehmen zu beteiligen.
Bekannt ist, dass sich von der Gewerkschaft organisierte Opel-Mitarbeiter an einem reorganisierten Unternehmen mit mindestens zehn Prozent der Anteile beteiligen wollen - als Gegenleistung für einen Lohnverzicht in Höhe von 1,5 Milliarden Euro. Doch die Pläne gehen weit über Opel hinaus. "Das Thema ist in fast allen großen Unternehmen der Stahl-, Metall- und Elektroindustrie virulent", sagt IG-Metall-Funktionär Armin Schild.
Lohn gegen Aktien
Bei Daimler handeln Betriebsrat und Manager gerade den Tausch von Lohnforderungen gegen Aktien aus. Um zu sparen, hat das schwäbische Unternehmen die Erfolgsbeteiligung der 141 000 Mitarbeiter (1900 Euro pro Kopf) nicht ausgezahlt. Das Geld soll zu Daimler-Aktien werden. Die Belegschaft wird dann mit gut einem Prozent oder rund 280 Millionen Euro an Daimler beteiligt.
Beim stark verschuldeten Autoteile-Hersteller Schaeffler sieht eine aus der Not geborene Vereinbarung mit der IG Metall nicht nur die Einführung der paritätischen Mitbestimmung (Kapital und Arbeit sind gleich stark im Aufsichtsrat vertreten) vor, sondern ebenfalls eine Kapitalbeteiligung. Varianten des Modells werden beim Busbauer Neoplan, dem Stahlkonzern Thyssen-Krupp und einer Reihe anderer Firmen geprüft.
Ausgangspunkt ist bei den meisten Beteiligungsmodellen die Finanznot der Industrieunternehmen. Sie können sich die hohen Löhne nicht mehr leisten. Die IG Metall kann den Arbeitern aber keine Lohnkürzungen zumuten. Ein Ausweg heißt: Kapitalbeteiligung.
Die Belegschaft als Aktionär
Dass es den Gewerkschaftern nicht nur um eine Notfall-Intervention mit vorübergehendem Charakter geht, zeigt der Fall Volkswagen. Die IG Metall fordert frech Anteile am Unternehmen. "Wir wollen, dass die Belegschaften mit einem nennenswerten Anteil am neuen integrierten Konzern von Volkswagen und Porsche beteiligt werden", sagt IG-Metall-Chef Berthold Huber. Die Pläne sind schon ziemlich konkret: "Diese Mitarbeiterkapitalbeteiligung soll in einer separaten Einheit gebündelt werden, damit die Belegschaft auch als Aktionär ihre Interessen auf Hauptversammlungen vertreten kann."
Es geht den IG-Metallern ums Mitentscheiden, konkret um eine neue Unternehmenspolitik, die sich nicht mehr an den Wünschen der Kapitalmärkte ausrichtet. "Der Shareholder-Kapitalismus hat sich nicht bewährt. Erfolgreich sind Unternehmen wie VW, in denen die Arbeitnehmer ein hohes Gewicht haben", sagt Vordenker Schild.
Wie die Mitwirkung organisiert werden kann, ist auch schon vorgedacht. Die Mitarbeiterbeteiligungen werden in einer von der IG Metall gesteuerten Gesellschaft gebündelt, die ihre Interessen auf Hauptversammlungen wahrt. Für Opel ist eine solche schon auf Vorrat gegründet. Sie hätte bei entsprechender Größe der Beteiligung die Chance, einen Vertreter in den Aufsichtsrat zu schicken. In diesem Modell steckt Dynamit.
Ein Vetorecht für die Arbeitnehmer im Aufsichtsrat
In 700 Unternehmen in Deutschland sind die Aufsichtsräte jetzt schon paritätisch besetzt: Den Kapitalvertretern sitzen gleich viele Arbeitnehmervertreter gegenüber. In Pattsituationen hat der Aufsichtsratsvorsitzende, ein Kapitalvertreter, doppeltes Stimmrecht. Würde auf der Kapitalbank aber zusätzlich ein Repräsentant der Belegschaft Platz nehmen, säßen die Arbeiter am Schalthebel. Diese offensichtliche Machtablösung würde auf große Widerstände bei Investoren stoßen.
Deshalb spricht vieles dafür, dass die IG Metall ihre Macht etwas subtiler ausbaut: über die Ausdehnung des Kataloges der sogenannten zustimmungspflichtigen Entscheidungen. So könnte eine von der IG Metall durchgesetzte neue Unternehmensverfassung vorsehen, dass Fabriken nur mit einer Zweidrittelmehrheit zu schließen wären. Damit hätten die Arbeitnehmer ein Vetorecht bei allem, was wichtig ist. Das Modell Volkswagen wird zur Blaupause für die gesamte Industrie.
Das Selbstbewusstsein der IG Metall und ihrer Betriebsräte wächst mit den Aufgaben: Sie können nicht nur mitbestimmen, sie wollen auch managen. "Hätten die Opel-Betriebsräte mehr Einfluss auf die Entwicklung von Opel gehabt, dem Unternehmen würde es jetzt bessergehen", sagt Schild, der auch im Aufsichtsrat des Unternehmens sitzt.
Gewerkschaftseinstieg zur richtigen Zeit
Inspiriert wird die Gewerkschaft durch eine Erfolgsgeschichte aus Speyer. Dort standen die Pfalz-Flugzeugwerke 1997 vor der Pleite, als die Arbeitnehmer für wenig Geld das Unternehmen übernahmen. Vier Jahre später verkauften die Beschäftigten ihre Anteile für 45 Millionen Euro an einen amerikanischen Investor. Im Schnitt bekam jeder Mitarbeiter 90 000 Euro.
Doch es gibt auch Negativbeispiele: Die von ihren Arbeitern regierte Fluggesellschaft United Airlines verweigerte nach dem 11. September 2001 ein drakonisches Sparprogramm und landete am Ende in der Insolvenz. Die Arbeiter hatten mehr Angst vor Einschnitten bis hin zum Arbeitsplatzverlust als vor den Wertverlusten ihrer Aktien.
Auch die schon immer heftig mitbestimmte Volkswagen AG sei nur auf den ersten Blick ein Erfolgsmodell, sagt der Wirtschaftsjurist Michael Adams. Das Unternehmen konnte zweimal in seiner Geschichte der Pleite nur um Haaresbreite entrinnen und wurde zuletzt nur deshalb zum Übernahmeobjekt durch die im Vergleich kleine Firma Porsche, weil die Börse den VW-Wert gering schätzte.
Damit erhellen sich auch die Motive, warum die IG Metall bei ihrem Musterbetrieb Volkswagen einsteigen will. Zusammen mit dem Land Niedersachsen kann man dann feindliche Übernahmen unattraktiv machen, selbst wenn das VW-Gesetz in ferner Zukunft doch einmal von Brüssel gekippt werden sollte.
Manchem profitorientierten Investor nötigt die neue IG-Metall-Beteiligungsstrategie durchaus Respekt ab. Schließlich steigen die Gewerkschafter gerade dann ein, wenn die Firmen billig zu haben sind.
Winand von Petersdorff-Campen Jahrgang 1963, stellvertretender Ressortleiter Wirtschaft.
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Christian Siedenbiedel Jahrgang 1969, Redakteur in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
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