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ICE-Schwester in Russland Der pünktliche Schnellzug

25.12.2011 ·  Der hierzulande oft verspätete ICE hat eine Schwester in Russland - und die funktioniert dort sogar im kältesten Winter. Hersteller Siemens freut sich über gute Geschäfte.

Von Thiemo Heeg, Sankt Petersburg/Moskau
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© AP ICE auf Russisch: Der Sapsan fährt zwischen Moskau und St. Petersburg

Auf die Minute pünktlich rollt der ICE aus dem Bahnhof. Gedämpfte Countrymusik umhüllt den Bahngast im Großraumabteil. Sein Jackett hängt an einem Kleiderbügel in der Garderobe. Die Schaffnerinnen fahren mit Wägelchen wie im Flugzeug durch den Gang und servieren kostenlos ein Menü, wahlweise Hühnchen, Fisch oder Fleisch. Draußen rauscht die verschneite Landschaft vorbei, minus vier Grad zeigt die Temperaturanzeige über den Köpfen bei Tempo 230. Es ist Sonntagabend, eine Zeit, die üblicherweise Passagiergedrängel garantiert. Der Zug ist zwar voll bis auf den letzten Platz, doch jeder, wirklich jeder hat seinen Sitzplatz. Nach drei Stunden und 49 Minuten ist die rund 600 Kilometer lange Reise unaufgeregt absolviert, und wiederum auf die Minute pünktlich rollt der Zug im Zielbahnhof ein. Neue Zeiten bei der Deutschen Bahn?

Nein, der ICE ist in Wirklichkeit ein Sapsan - russisch für Wanderfalke. Dass sich Deutsche beim Anblick des zwischen den Metropolen Sankt Petersburg und Moskau verkehrenden Sapsan so an die heimischen Hochgeschwindigkeitszüge erinnert fühlen, liegt daran, dass der Hersteller Siemens heißt. Der Sapsan ist gewissermaßen ein Schwesterzug des ICE, er basiert auf derselben Plattform, die der Münchener Elektronikkonzern wiederum Velaro nennt. Eine Marke, die auf der ganzen Welt fährt. Velarosmit ICE-Optik sind in Deutschland und Russland unterwegs, in Spanien und in China und bald auch in Großbritannien - als Eurostar, der durch den Eurotunnel verkehrt.

Auslastung nahe 100 Prozent

Russland ist für Siemens ein ganz besonders interessanter und wichtiger Bahnmarkt - das wird am Montag schon dadurch deutlich, dass Siemens-Chef Peter Löscher persönlich nach Moskau gereist ist, um seine Unterschrift unter einen 600 Millionen Euro schweren Vertrag zu setzen. „Es freut uns sehr, dass die RZD beim weiteren Ausbau des Hochgeschwindigkeitsverkehrs wieder auf Siemens setzt“, sagt Löscher. Die RZD, das ist die russische Bahngesellschaft, die seit genau zwei Jahren acht Sapsans zwischen Moskau und Sankt Petersburg verkehren lässt. Jetzt kommen acht weitere „Velaro RUS“ dazu, inklusive eines Wartungsvertrages für 30 Jahre.

Die Neubestellung hat mit der hohen Nachfrage zu tun, und schon ein Blick in die Großraumabteile genügt, um Zweifel daran zu zerstreuen. Junge Leute, Anzugträger, Tabletnutzer belegen jeden Platz. Die Auslastung soll auch im Durchschnitt nahe der Marke von 100 Prozent liegen - ein Wert, von dem die Deutsche Bahn mit ihren rund 70 Prozent nur träumen kann. Und das, obwohl der Fahrpreis für russische Verhältnisse kaum bezahlbar erscheint. In der ersten Klasse kostet das Ticket 6560 Rubel - das kommt mit umgerechnet etwas mehr als 150 Euro an das Niveau der Deutschen Bahn heran, entspricht aber in etwa einem Drittel des Durchschnittsmonatslohns im Land. Wer jedoch schnell zwischen den beiden größten Städten des Landes unterwegs sein will oder muss, für den ist der Sapsan eine echte Alternative zum Flugzeug. In Moskau, so erzählen Kundige, kann allein die Anreise zum Flughafen drei Stunden dauern, wenn die Straßen verstopft sind.

Spezielle Apps für Topmanager

Der hohe Fahrpreis macht es der RZD möglich, bei Siemens ein relativ teures Komplettpaket zu buchen. Anders als die ICEs in Deutschland sind die Züge für extreme Witterungsbedingungen ausgelegt. Sie müssen funktionieren, ob es minus 40 Grad sind oder plus 40 Grad - beides nicht ausgeschlossen in Russland. Dafür ist der ohnehin 33 Zentimeter breitere Sapsan doppelt so gut gedämmt wie der ICE3, und die Lüftungsanlage ist schneesicher ausgelegt. Zudem kehren die Züge jeden Tag in die Werkstatt zurück; Siemens spricht von proaktiver Wartung: Handeln, bevor ein Fehler auftaucht.

Und so scheinen dem Betreiber RZD die Probleme der DB komplett fremd zu sein. Nicht nur die Auslastung geht in Richtung 100 Prozent, auch die Verfügbarkeit und Pünktlichkeit liegen in der Nähe dieser Größenordnung. Denn darauf legt die russische Eisenbahn auch größten Wert: Die Topmanager verfügen über spezielle Apps auf ihren Smartphones, mit denen sie jederzeit den aktuellen Stand überprüfen können. Bei Problemen müssen sich die Siemens-Leute schon mal auf einen aufgeregten Anruf von Bahnpräsident Vladimir Yakunin höchstpersönlich gefasst machen.

Teurer als der ICE

All dies macht den Sapsan freilich auch teurer als einen ICE. Er kostet im Schnitt 10 bis 15 Prozent mehr und hat darüber hinaus wegen der speziellen Lüftungstechnik noch 5 Prozent weniger Sitzplätze. Insofern verkneift man es sich bei Siemens, Russland als großes Winter-Vorbild für Deutschland zu präsentieren. Nein, auch wenn der eine oder andere Zug mal Verspätung habe, möchte er eine Lanze für die DB brechen, sagt brav der Chef der Sparte Rail Systems, Hans-Jörg Grundmann, und ähnelt dabei argumentativ den Managern aus dem Berliner Bahntower: An einem Tag so viele Kunden wie die Lufthansa in einem Jahr, ein sehr komplexer Verkehr... „Ich bewundere, dass die DB in aller Regel zuverlässig fährt“, sagt Grundmann.

Natürlich wäre Kritik an der Deutschen Bahn auch alles andere als opportun. Märkte wie Russland und China und bald auch Brasilien und Indien sind zwar die Wachstumsmärkte der Zukunft. In den GUS-Staaten soll das jährliche Wachstum des Schienenfahrzeugmarktes bis 2015/16 3,8 Prozent betragen und damit weit über dem Welt-Durchschnitt von 2,5 Prozent liegen. Bis 2030 wollen die russischen Eisenbahnen für ihr 88000 Kilometer langes Schienennetz 23000 neue Lokomotiven und 24000 neue Regionalzüge kaufen. Ein Stück von diesem Kuchen will sich Siemens abschneiden - seit 2006 haben die Russen schon Aufträge über 5 Milliarden Euro an die Münchener gegeben.

Trotz all dieser Erfolgszahlen weiß Grundmann freilich auch, wo die geschäftlichen Wurzeln liegen: „Unser Hauptmarkt ist immer noch Europa“, sagt er. Schließlich ist der in diesem Jahr abgeschlossene Vertrag über die Erneuerung der deutschen IC-/ICE-Flotte mit einem Volumen von 6 Milliarden Euro der größte Auftrag in der Geschichte des Konzerns überhaupt. Die DB sollte also bei Laune gehalten werden.

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Jahrgang 1966, Redakteur in der Wirtschaft.

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