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Veröffentlicht: 21.06.2017, 16:29 Uhr

„I’m Marc from London“ Als Brexit-Banker durch Frankfurt

Frankfurt wird ein Gewinner des Brexits. Ein paar tausend Banker werden wohl hierherziehen. Wie empfängt die Stadt diese Menschen? Unser Autor hat es ausprobiert.

von
© Junker, Patrick Die Skyline von Frankfurt von links: Europa-Turm, Messeturm, Taunusturm, Commerzbank Tower, Trianon, Main Tower (Helaba), Kaiserdom, Deutsche Bank

Ein Umzug ist immer aufregend. Vor allem, wenn man dazu gezwungen wird, so wie die Banker aus London. Wenn die Prognosen stimmen, werden bald Tausende Angestellte der Londoner Finanzindustrie umsiedeln, vielleicht sogar Zehntausende. Brexit sei Dank. Frankfurt wird in dem Fall wohl etliche von ihnen aufnehmen.

Ist das eine gute Idee, also nicht nur für die Immobilienbesitzer der Stadt? Was passiert, wenn ein Banker aus der britischen Hauptstadt in Frankfurt auftaucht, um sich seine künftige Heimat aus der Nähe anzuschauen? Ist die Stadt gut zu ihm? Sagt der Besucher hinterher: Mensch, Frankfurt, das hätte ich nicht erwartet? Oder bedauern ihn die Einheimischen, weil London so viel größer und toller ist?

Einen Tag lang bin ich nicht Marc, der Redakteur, sondern „Marc from London“, ein britischer Banker, der zum ersten Mal im Leben in Frankfurt ist und die Stadt kennenlernen will. Die Regeln sind einfach, zumindest in der Theorie. Ich spreche nur Englisch und mache in jeder Situation genau das, was mir die Leute hier empfehlen. Für die Maskerade hilft, dass ich als Schüler mal ein Internat im nordenglischen Lancashire besucht habe. Mein Englisch klingt nicht so hübsch wie das von Prinz William, aber es reicht, um meine Herkunft zu verschleiern.

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Von der Arbeit eines Bankers habe ich allerdings keine Ahnung. Nach dem Abitur habe ich mal ein Praktikum bei der Deutschen Bank gemacht, um die Verwandtschaft zu beruhigen und weil ich nicht wusste, was ich sonst tun sollte. Die Bank hat mich dann ins Foyer einer Filiale in Wolfsburg gestellt, wo ich den Kunden den damals gerade erst eingeführten Euro in Form von Schokoladentalern in die Hand drücken und das neue „Kundenterminal“ erklären durfte. Einen Monat lang. Danach wusste ich immer noch nicht, was ich werden will, nur so viel stand fest: kein Banker.

„New York Times“ als Tarnung unter dem Arm

Um an diesem Tag in Frankfurt das Risiko zu reduzieren, enttarnt zu werden, sage ich niemandem, für welche Bank ich arbeite („unsere Umzugspläne wurden noch nicht nach außen kommuniziert“). Falls ich einen echten Banker treffe, nehme ich mir vor, jeder Fachsimpelei auszuweichen.

„Wo kann man hier frühstücken?“, frage ich ein junges Paar auf Englisch. Es ist halb elf. Die beiden sind die Ersten, die mir im Frankfurter Nordend begegnen, nachdem ich meine Wohnung verlassen habe. Zuvor habe ich am Kiosk noch eine „New York Times“ gekauft. Die demonstrativ unterm Arm getragene Zeitung soll auch die letzten Zweifel an meiner angelsächsischen Herkunft zerstreuen.

47080971 Der Morgen beginnt am Kiosk „Oeder Weg“ im Nordend. © Felix Serrao Bilderstrecke 

Wie Bankmitarbeiter, von denen es in dieser Stadt angeblich nur so wimmelt, sehen die zwei nicht aus. Er trägt zu Badeshorts ein Unterhemd, das so weit ausgeschnitten ist, dass seine behaarte Brust fast komplett freiliegt. Seine Begleiterin hat trotz der Hitze ein schwarzes Wallekleid angezogen und wirkt, als schlafe sie noch halb. Sie ist zu Besuch und kennt sich nicht aus. Er lebt hier und empfiehlt das „Nordlicht“ am Friedberger Platz. Als ich erzähle, dass ich vielleicht bald aus London herziehen muss, verzieht sie das Gesicht und gibt einen langen gequälten Laut von sich. Er widerspricht. Frankfurt sei „totally fine“, man müsse nur die richtigen Orte kennen – „and the right people“. Dabei schaut er nicht mich, sondern seine Begleiterin an. Ich bedanke mich so überschwänglich, wie es ein guter Brite tun würde, und notiere eine erste Arbeitsthese: Wer in Frankfurt lebt, verteidigt seine Stadt.

Ein Bier am Mittag?

Die Ablehnung der ortsfremden Frau passt zu einer Umfrage, die ich kurz zuvor unter Nichtfrankfurtern bei Twitter veranstaltet habe. Die Frage lautete, wie es die Leute fänden, wenn sie hierherziehen müssten. 201 Personen haben mitgemacht. Zehn Prozent meinten, ein Umzug wäre „großartig“, für 30 Prozent wäre er „okay“, 23 Prozent sagten, sie fänden die Idee „furchtbar“, und die größte Gruppe – 37 Prozent – antwortete: „Vergiss es. Niemals.“ Frankfurt hat ein Imageproblem.

Der einzige andere Gast im „Nordlicht“ trägt, wie der junge Mann, der das Café empfohlen hat, eine kurze Hose und Unterhemd, und er trinkt Bier. Als mir die Kellnerin auf Englisch empfiehlt, wegen der Hitze drinnen zu sitzen, schaut er von seiner „Frankfurter Rundschau“ auf und ruft so laut, als stünde ich auf der anderen Straßenseite: „But don’t get undressed!“ Ich bestelle Rührei mit Speck und beschließe, nicht länger als notwendig zu bleiben.

Nach dem Frühstück rät mir die Kellnerin, die Friedberger Landstraße runterzulaufen, Richtung Innenstadt. Dort solle ich nach dem „Roman“ fragen, sie meint den Römer, das alte Rathaus. Prima Idee. Nach den sanierten Altbauten im Nordend bekommt der Brexit-Banker nun eine andere Seite der Stadt zu sehen. Der Weg führt an Trinkhallen, einem Matratzenladen und einem Tätowier-Studio vorbei, ehe rechts das Hessendenkmal auftaucht. Das Bauwerk erinnert daran, dass Frankfurt 1792 von der französischen Armee besetzt und kurz darauf wieder befreit wurde. Für Gäste, die die Widmung („Den edlen Hessen, die im Kampf fürs Vaterland hier siegend fielen“) nicht verstehen, wirkt der Steinklotz vermutlich sehr rätselhaft: Auf einem riesigen Kubus liegt ein Löwe, der aussieht, als wäre er aus großer Höhe zur Erde geplumpst. Da sich die deutsche Angst vor patriotischen Gefühlen herumgesprochen hat, kann ein britischer Banker nur vermuten, dass das Ganze etwas mit Tierschutz zu tun hat.

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15 Minuten später stehe ich verschwitzt an der Konstablerwache. Die Mittagssonne brennt. Während ich auf meinen nächsten Gesprächspartner warte, fällt mir ein Schild auf: „Birmingham Pub“. Deutsche Journalisten trinken um diese Uhrzeit noch kein Bier. Aber Brexit-Banker? Für mich ist das Schild eine Botschaft der Stadt. So wie Neo im Film „Matrix“ weiß, dass er dem weißen Kaninchen folgen muss, so folge ich jetzt dem Wegweiser zur Kneipe.

Das Birmingham Pub liegt zwischen Konstablerwache und Mainufer und brüllt dem Besucher seine Britishness schon von weitem entgegen. Am Eingang prangt der blau-rot-weiße Union Jack, direkt daneben hängt ein fürs Königreich typischer knallroter Briefkasten. Es ist 12.20 Uhr, und ich bin der einzige Gast. Hinter der Theke steht Eli aus Brasilien. Er fragt nicht, was ich trinken will, sondern welches Bier. Eli („Ihlai“ gesprochen) ist vielleicht Mitte 50, stammt aus Brasilien, lebt seit drei Jahrzehnten der Liebe wegen hier und arbeitet eigentlich als Stewart für eine Fluggesellschaft.

Der leidige Mietpreisvergleich

Ob es eine gute Idee ist, aus London herzuziehen, frage ich. Darauf hält er eine kleine Rede, die ich am liebsten aufgezeichnet hätte. Eli wäre danach ein heißer Anwärter auf den Tourismus-Preis der Stadt Frankfurt, falls es so etwas gibt. Die Lebensqualität und kulturelle Vielfalt seien „unbeatable“, erklärt er. Im Vergleich zu London sei die Stadt außerdem viel günstiger. Wie viel Miete ich zahle, will er wissen. Auf die Frage bin ich glücklicherweise vorbereitet. Meine kleine Wohnung in South Kensington koste 3200 Pfund im Monat, sage ich. Das sind umgerechnet knapp 3700 Euro, für Londoner Verhältnisse ganz normal. Eli lacht. Dafür bekomme ich in Frankfurt einen „Palace“.

Als er den zweiten Pint einschenken will, lehne ich dankend ab. Das Bier wirkt bei der Hitze rasend schnell. Wo es denn nun zum Roman gehe, frage ich. Eli hält die Besichtigung für Touristenquatsch. „Geh ans Wasser“, rät er, dort sei die Stadt am schönsten.

Auf der Zeil bewegt sich alles in Zeitlupe. Vor einem großen Bekleidungsgeschäft schnaufe ich kurz durch, als mich ein dicker Mann anspricht, dem der Schweiß schon das Polohemd durchtränkt hat: „Heiß, wa?“ Sorry. English? Er zeigt auf meine lange Hose, dann auf seine Bermudashorts. So etwas müsse ich heute tragen, sonst würde ich schwitzen „like a pig“. Ich schaue in sein rosa glänzendes, kreisrundes Gesicht und danke wie ein guter Brite für den Rat. Arbeitsnotiz: Dem Frankfurter ist das Wohlbefinden seiner Mitmenschen nicht egal.

Da ich heute alles tue, was man mir sagt, gehe ich tatsächlich ins Kaufhaus und kaufe ein Paar gelbe Shorts, die gerade im Angebot sind. Die lange Hose und die ungelesene „New York Times“ landen in einer Plastiktüte. Danach laufe ich zum Römer, wo eine Schulklasse gerade dabei ist, die Nerven ihrer Lehrerin zu ruinieren. „Schluss jetzt“, brüllt sie, während sich zwei Jungen wie laszive Models auf der Motorhaube eines offenbar als Fotomotiv mitten auf dem Platz geparkten Oldtimers rekeln. „Wir gehen jetzt an den Main“, ruft die Lehrerin. Ich fühle mich auch angesprochen.

Ab aufs Wasser

Am Wasser stehe ich vielleicht drei Sekunden tatenlos herum, als mich die Frau im Kassenhäuschen der Ausflugsdampfer anspricht. Ich müsse aufs Boot, sagt sie, als sie hört, dass ich zum ersten Mal in Frankfurt bin. Vom Wasser aus betrachtet, sei die Stadt „most beautiful“. Kurz darauf tuckere ich mit etwa hundert Rentnern und ein paar Familien den Main hinauf, vorbei an Brücken, auf denen schon der junge Goethe gestanden habe, wie eine zweisprachige Tonbandstimme erklärt.

Kurz bevor wir die Europäische Zentralbank passieren, prostet mir ein pensioniertes Quartett mit Bier zu. Als das Schiff an der Gerbermühle anlegt, steht das Quartett auf. „Hier! Sehr! Schön!“, erklärt der Älteste so laut und langsam, als spräche er zu einem Hund. Als ich ratlos gucke, hebt er den Daumen. Klares Zeichen. Ich gehe auch von Bord.

Die Mühle, die heute ein Hotel ist, entpuppt sich allerdings als Enttäuschung. Nicht, weil es nicht lustig wäre, auf einer Terrasse im Grünen mit fremden Menschen, die einen nicht verstehen, das dritte Bier des Tages zu trinken. Aber für einen Brexit-Banker ist hier entschieden zu wenig los. Auch auf die Gefahr hin, unhöflich zu wirken, spreche ich die Rentner am Nachbartisch an. Ob sie mir etwas empfehlen können? „Städel“, antwortet ein Herr. Seine Sitznachbarin übersetzt: „The Städel.“ Als ich ratlos gucke, sagt er, das sei ein berühmtes Kunstmuseum. „Very famous“, erklärt die Frau.

© Stefanie Silber, reuters Wird Frankfurt zum Krisengewinner des Brexit?

Während meines dreieinhalb Kilometer langen Fußmarschs am Main entlang Richtung Stadt stelle ich fest, dass Eli aus dem Pub recht hatte: Am Wasser ist Frankfurt wirklich hinreißend, vor allem wenn man vom Osten auf die EZB und die Bankentürme dahinter zuläuft. Ich muss an meine Twitter-Umfrage denken und bin sicher, dass keiner, der sich weigern würde, herzuziehen, schon mal dieses Panorama gesehen hat.

Je näher ich der Stadt komme, desto voller wird es am Wasser. Hinter der Ignatz-Bubis-Brücke ist auf dem Rasen fast kein Platz mehr frei. Als zwei Joggerinnen in sehr kurzen Laufhosen vorbeilaufen, schaue ich mich kurz um. Danach trifft mich der Blick einer Männergruppe in Eintracht-Trikots, die um einen Kasten Bier herumsitzen. „Very nice“, sage ich unbeholfen. „Ei natäärlisch“, schallt es zurück. Dann lachen sie, ob mit mir oder über mich, ist schwer zu sagen. Arbeitsnotiz: Frankfurts Männer wissen um die Schönheit ihrer Frauen.

Als das „Dönerboot“ auftaucht, fällt mir ein, dass ich seit dem Rührei im „Nordlicht“ nichts gegessen habe. Während ich die Karte an der Bordwand studiere, spricht mich der türkische Kassierer an. Sein Englisch ist zum Glück genauso gut wie sein Hessisch. Mit einem herrlichen, in Knoblauchsauce schwimmenden Döner gehe ich an Bord. Für einen Moment bin ich allein, dann kommt ein großer, schlanker Herr in Anzughose und blütenweißem Hemd dazu. Frank, so heißt mein Sitznachbar, kommt aus Frankfurt und arbeitet in der Finanzbranche.

Die Banker, die es geschafft haben, leben im Taunus

Lustig, sage ich, das tue ich auch. Erst dann fällt mir auf, wie schräg das in seinen Ohren klingen muss. Frank sieht aus, als könnte er gleich die New Yorker Börse eröffnen. Ich eher nicht. Meine Lederstiefel sind vom Marsch am Fluss völlig verstaubt, auf meiner Hose kleben wegen der Schaukelei auf dem kleinen Boot bereits zwei Saucenflecken, und zwischen meinen Beinen liegt eine zerknitterte Plastiktüte. Vermutlich habe ich eine Fahne.

Um Frank davon abzuhalten, übers Bankgeschäft zu sprechen, fange ich an über das nächstliegende Thema zu sprechen: Döner. Das sei ja toll, dass Frankfurt so ein Imbissboot habe, sage ich. Frank stimmt begeistert zu. Frankfurt sei überschaubar, aber sehr multikulturell, „very open“. Er habe auch mal ein Jahr lang in London gelebt, sei dann aber sehr gerne zurückgekehrt. Seine Eltern lebten hier, er selbst wohne etwa 20 Kilometer entfernt, „over there“, Frank zeigt Richtung Taunus, wo die Banker leben, die es in der Stadt geschafft haben.

Mein neuer Bekannter schwärmt vom Frankfurter Umland. Beim nächsten Besuch müsse ich ins Rheingau fahren, sein Schwager mache dort einen „heavenly“ Riesling. Und was soll ich heute noch tun? Die Idee mit dem Städel-Besuch findet er gut. Anschließend müsse ich aber ins Bahnhofsviertel. Weil ihm keine Übersetzung einfällt, sagt er es auf Deutsch. Vielleicht ist es der Nachhall der Biere, aber in diesem Moment finde ich es ausgesprochen geistreich, das Wort mit britischer Betonung zu wiederholen. „Bahn How Feedle?“ Er meine doch sicher den Rotlichtbezirk. Dabei grinse ich ihn konspirativ an.

Zwölf Euro Museumseintritt für 13 Minuten

Franks Blick spricht Bände. Wenn er je einen Kollegen in mir gesehen hat, dann habe ich diesen Bonus jetzt verspielt. Nein, antwortet er kühl, die Bordelle meine er nicht. Das Bahnhofsviertel sei seit ein paar Jahren ein guter Ort zum Weggehen. Wenn ich später wieder Hunger bekäme, könnte ich beispielsweise das „Maxie Eisen“ besuchen und ein Sandwich bestellen, die seien da hervorragend. Sagt’s, drückt den Rücken durch, steht auf und verabschiedet sich ohne Handschlag.

Die Zeit schreitet voran. Da das Städel direkt um die Ecke ist, beschließe ich, den Tagesordnungspunkt Kultur jetzt sofort abzuhaken. An der Kasse erfahre ich, dass das Museum bald schließt. Obwohl ich meinen Text – Brexit-Brite, zum ersten Mal in der Stadt, total neugierig – mittlerweile sehr routiniert aufsagen kann, will mir die Mitarbeiterin kein Freiticket ausstellen. Also zahle ich für dreizehn Minuten Museum zwölf Euro. Was schaut man sich in der Kürze an? Die Dame schickt mich in den ersten Stock. „Start with Goethe.“ Sie meint das bekannteste Bild des Hauses, das zugleich auch das berühmteste Motiv des Dichters ist: „Goethe in der römischen Campagna“ von 1787.

Ich kenne das Gemälde, bin aber bei früheren Besuchen im Städel immer dran vorbeigelaufen, weil es so kitschig ist. Wie er da liegt, der größte aller Dichterfürsten, hinter sich die Insignien des Abendlandes, den Blick erhaben in die Ferne gerichtet, furchtbar.

Während ich dastehe und blasiert in meiner vollgekleckerten Hose herumsinniere, taucht eine Besuchergruppe auf, vier ältere Herren in gutsitzenden Anzügen und eine junge Dame. Sie bleiben neben mir stehen, und die Frau fängt an, das Bild zu erklären. Schon nach wenigen Sätzen fühle ich mich ertappt. Die Überbetonung der abendländischen Kultur sei das, was dem Laien natürlich sofort auffällt, erklärt die Frau. Doch bei genauem Hinsehen sei das Bild rätselhaft. „Schauen Sie.“ Die Herren und ich treten an die Leinwand. „Ist Ihnen aufgefallen, dass Goethe zwei linke Füße hat?“ Kurze Stille. Dann lacht ein Zuhörer: „Gibt’s ja nicht!“ An Goethes rechtem Bein steckt tatsächlich ein zweiter linker Fuß im Halbschuh mit Schleifchen. Ein Versehen? Unmöglich. Dafür ist das Bild zu meisterlich gemalt.

Eine Tour durchs Bahnhofsviertel

Als ich wieder ins Freie trete, denke ich, dass Goethes seltsame Füße gut hierher passen. Auch Frankfurt wird erst interessant, wenn man ihm nahe kommt. Aus der Ferne lässt sich diese Stadt leicht verachten.

Nach einem Spaziergang über die Untermainbrücke zum Willy-Brandt-Platz und dann links in die Münchner Straße sitze ich im „Maxi Eisen“. Das Lokal ist nach einem 1926 erschossenen Mitglied der „Kosher Nostra“ benannt, der jüdischen Mafia in Amerika, und ist so etwas wie das Zentrum des jungen, hippen und nicht von Zuhältern gemanagten Bahnhofsviertels.

Ich bestelle, wie von Frank empfohlen, ein Tuna-Melt-Sandwich, das grandios schmeckt, und frage den von Kopf bis Fuß tätowierten türkischstämmigen Kellner Volkan, ob er seine Stadt empfehlen kann und was ich mir hier im Viertel anschauen soll. Er sagt, er habe schon in zig deutschen Städten gelebt, aber keine davon komme an Frankfurt heran. Berlin sei gut, aber „too big“. Da brauche man einen halben Tag, um von A nach B zu kommen. In München gebe es zu viel Geld und alle hielten sich für Südeuropäer. Bevor ich gehe, schreibt mir Volkan seine Empfehlungen auf einen Zettel. Ganz oben stehen zwei Worte: „The Kinly“. Wunderbar. Die beste Bar der Stadt.

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Fest steht, dass es einen Ort wie das Kinly in einer Stadt wie München nicht geben würde. Wie viele Gäste schon vor dieser Bar gestanden und wieder kehrtgemacht haben, weiß ich nicht. Es werden einige sein. Das liegt zum einen am Eingang; es gibt nur eine Tür mit einer Klingel, an der man leicht vorbeilaufen kann, auch mehrmals. Zum anderen liegt es an der Elbestraße, in der sich das Kinly befindet. Das ist eine der härtesten Straßen der Stadt. Etwa 20 Meter neben der Bar befindet sich eine Drückerstube. Heute ist es ruhig. Aber bei jedem zweiten meiner bisherigen Besuche gab es Knatsch zwischen den Junkies. Einmal haben zwei Frauen einen Mann mitten auf der Straße verprügelt, ehe ein Freund von ihm dazukam und anfing, mit einer leeren Flasche auf ihre Köpfe einzuschlagen, bis beide am Boden lagen. Auf dem Bürgersteig werden offen alle harten Drogen dieser Welt konsumiert.

Wer sich von der Nachbarschaft nicht abschrecken lässt, den erwartet eine einzigartige Kellerbar. Die Räume sind dunkel und gedrungen und haben etwas von einer Höhle. Das parfümierte Getue, das viele der angesagten Bars so unerträglich macht, fehlt hier völlig. Wer ins Kinly geht, kommt nicht wegen der Gäste, sondern wegen der Getränke.

Was jetzt noch fehlt? Eine Frankfurter Party

„Was willst du denn schon hier?“, fragt Michele, der Barchef, als ich die Treppe herunterkomme. Es ist kurz nach sieben, die Bar noch leer. Als regelmäßiger Gast kann ich natürlich nicht meine Geschichte vom Brexit-Banker auftischen. Also erzähle ich die Wahrheit und bitte den Bartender, etwas zu mischen, was nicht gleich das Ende des Abends einläutet. Während ich eine namenlose orangefarbene Köstlichkeit aus einem Messingkelch trinke, diskutiert Michele mit seinem Kollegen Thomas über mein Experiment. Die Barmänner finden, dass ich eine schöne Tour erlebt habe, aber was fehlt, sei eine Frankfurter Party.

Thomas greift zum Handy. Ein paar Textnachrichten später stehe ich auf der Gästeliste für eine Feier auf dem Dach des Taunusturms, mitten im Finanzzentrum. Die Organisatoren seien die „Magoni-Boys“, gute Kumpels. Als ich auf meine Plastiktüte und die Dönersauce auf der Hose zeige, meint er, das sei kein Problem. „Geh an der Schlange vorbei und sag, Kolle schickt dich. Und wenn du hinterher noch kannst, kommst du zurück ins Bahnhofsviertel und gehst ins ,Platinum‘.“ Er meint den bekanntesten Stripclub der Stadt. „Da grüßt du Chantal und sagst, sie soll nett zu dir sein.“

Um kurz vor acht stehe ich mit meiner Plastiktüte am Ende einer etwa zweihundert Meter langen Schlange, die zur Hälfte aus sehr schönem Partyvolk und zur anderen Hälfte aus feierfreudigen Bankern, Anwälten und Beratern besteht. Mit einem sehr flauen Gefühl im Bauch laufe ich an allen vorbei und stehe schließlich vor einem zirka 2,20 Meter breiten und großen Türsteher, der mich zur Begrüßung anschaut, als hätte ich seine Mutter beleidigt. „Kolle schickt mich“, sage ich heiser und höre, wie hinter mir in der Schlange jemand zu lachen anfängt. Von einer Sekunde auf die nächste wird der Riese sanft. „Marc aus London? Komm rein.“

Die letzte Station

Was in den folgenden Stunden geschieht, ist in meinem Gedächtnis nicht so gut geordnet wie der Teil davor. Ich weiß, dass ich mich etwa eine halbe Stunde lang von einer Ecke des Dachs in die nächste gedrängelt habe und mir dabei maximal blöd vorgekommen bin. Alle anderen Gäste sind in Grüppchen da, jeder scheint mindestens zehn andere Leute zu kennen, überall wird getanzt, gelacht und geküsst. Ich bin allein. Mit meiner Plastiktüte, meiner fleckigen Hose und meiner Brexit-Geschichte, die hier, unter lauter echten Finanzprofis, nur noch dubios wirkt.

Einmal kommt ein Mädchen in einem Kleid vorbei, sie nimmt im Vorbeigehen meine Flasche, stößt ihre dagegen und meint, ich müsse mehr lächeln, das sei eine Party. Doch bevor mir eine halbwegs geistreiche Antwort einfallen kann, ist sie wieder im Getümmel verschwunden. Und trotzdem: Frankfurt versagt auch hier nicht.

Als ich gerade meinen Abschiedsdrink bestellen will, steht neben mir ein junger Kerl an der Theke, der acht Biere auf einmal transportieren will. „Let me help you with that“, sage ich, nehme die Hälfte der Flaschen in die Hände und laufe ihm hinterher. Als wir bei seinen Freunden ankommen, stellt er mir die Gruppe vor. Don, so heißt mein neuer Bekannter, ist ein 26-jähriger Bauingenieur mit asiatischen Wurzeln, der es sich in den folgenden Stunden zur Aufgabe macht, dafür zu sorgen, dass Marc aus London eine gute Party erlebt.

© DW, Deutsche Welle Eine Literatour durch Frankfurt am Main

Beim zweiten Bier überzeugt er mich, nicht mehr zu Chantal ins „Platinum“ zu fahren, sondern mit seiner Gruppe weiterzufeiern. Beim dritten Bier erzähle ich von meiner Freundin, die angeblich mit mir in London lebt und große Frankfurt-Aversionen hat. Er und die Jungs schlagen vor, die Gute beim nächsten Besuch mitzubringen, dann werde man ihr schon zeigen, wie herrlich diese Stadt sein kann. Irgendwann tauchen zwei sehr junge Lufthansa-Stewardessen auf, die alles mittrinken, was aufgetischt wird, und mir im Laufe des Abends ebenfalls immer wieder versichern, dass ihre Stadt die beste ist.

Die letzte Station ist eine Bar neben der Alten Oper, in die wir umziehen, als die Musik auf dem Turm ausgeschaltet wird. Ich weiß nicht mehr viel, nur, dass die Jungs Wodka mit Limettensaft bestellt haben, und das flaschenweise.

„Ich hoffe sehr, dass dir Frankfurt gefallen hat“

Irgendwann schlägt Don vor, Telefonnummern auszutauschen. Der Abend sei so nett, das müsse man wiederholen, spätestens, wenn ich nach Frankfurt ziehe. Herrje. Und nun? Meine deutsche Nummer kann ich schlecht rausgeben. Zum Glück fällt mir die britische Landesvorwahl ein. „0044“ fange ich an zu diktieren, danach erfinde ich irgendeine Zahlenkombination. Don wählt. Fehlermeldung. Ich merke, wie mein Kopf heiß wird, und tausche eine Zahl aus. Auch der zweite Versuch scheitert. „Ist dein Handy an?“, fragt Don. „Dann kann ich dich anrufen.“ Alle gucken jetzt, auch die Stewardessen. Ich sage nein und verweise auf meine ausgedachte Lebensgefährtin in London. Die sei sicher noch wach und sollte mich in diesem Zustand nicht anrufen können. „She hates it when I’m drunk.“

Weil ich nicht weiß, wie ich aus der Situation herauskommen soll, beschließe ich, mich mit der Ausrede eines sehr frühen Rückflugs am nächsten Morgen zu verabschieden. Don steht auf. Ich bin nicht sicher, ob er mir die Hand geben oder mich am Kragen packen will. Doch es folgt eine Umarmung. „Ich hoffe sehr, dass dir Frankfurt gefallen hat“, sagt er und lächelt. Falls das wirklich dein erstes Mal war, sagt sein Blick.

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