http://www.faz.net/-gqe-8yoy7

„I’m Marc from London“ : Als Brexit-Banker durch Frankfurt

  • -Aktualisiert am

Die Skyline von Frankfurt von links: Europa-Turm, Messeturm, Taunusturm, Commerzbank Tower, Trianon, Main Tower (Helaba), Kaiserdom, Deutsche Bank Bild: Junker, Patrick

Frankfurt wird ein Gewinner des Brexits. Ein paar tausend Banker werden wohl hierherziehen. Wie empfängt die Stadt diese Menschen? Unser Autor hat es ausprobiert.

          Ein Umzug ist immer aufregend. Vor allem, wenn man dazu gezwungen wird, so wie die Banker aus London. Wenn die Prognosen stimmen, werden bald Tausende Angestellte der Londoner Finanzindustrie umsiedeln, vielleicht sogar Zehntausende. Brexit sei Dank. Frankfurt wird in dem Fall wohl etliche von ihnen aufnehmen.

          Ist das eine gute Idee, also nicht nur für die Immobilienbesitzer der Stadt? Was passiert, wenn ein Banker aus der britischen Hauptstadt in Frankfurt auftaucht, um sich seine künftige Heimat aus der Nähe anzuschauen? Ist die Stadt gut zu ihm? Sagt der Besucher hinterher: Mensch, Frankfurt, das hätte ich nicht erwartet? Oder bedauern ihn die Einheimischen, weil London so viel größer und toller ist?

          Einen Tag lang bin ich nicht Marc, der Redakteur, sondern „Marc from London“, ein britischer Banker, der zum ersten Mal im Leben in Frankfurt ist und die Stadt kennenlernen will. Die Regeln sind einfach, zumindest in der Theorie. Ich spreche nur Englisch und mache in jeder Situation genau das, was mir die Leute hier empfehlen. Für die Maskerade hilft, dass ich als Schüler mal ein Internat im nordenglischen Lancashire besucht habe. Mein Englisch klingt nicht so hübsch wie das von Prinz William, aber es reicht, um meine Herkunft zu verschleiern.

          Von der Arbeit eines Bankers habe ich allerdings keine Ahnung. Nach dem Abitur habe ich mal ein Praktikum bei der Deutschen Bank gemacht, um die Verwandtschaft zu beruhigen und weil ich nicht wusste, was ich sonst tun sollte. Die Bank hat mich dann ins Foyer einer Filiale in Wolfsburg gestellt, wo ich den Kunden den damals gerade erst eingeführten Euro in Form von Schokoladentalern in die Hand drücken und das neue „Kundenterminal“ erklären durfte. Einen Monat lang. Danach wusste ich immer noch nicht, was ich werden will, nur so viel stand fest: kein Banker.

          „New York Times“ als Tarnung unter dem Arm

          Um an diesem Tag in Frankfurt das Risiko zu reduzieren, enttarnt zu werden, sage ich niemandem, für welche Bank ich arbeite („unsere Umzugspläne wurden noch nicht nach außen kommuniziert“). Falls ich einen echten Banker treffe, nehme ich mir vor, jeder Fachsimpelei auszuweichen.

          „Wo kann man hier frühstücken?“, frage ich ein junges Paar auf Englisch. Es ist halb elf. Die beiden sind die Ersten, die mir im Frankfurter Nordend begegnen, nachdem ich meine Wohnung verlassen habe. Zuvor habe ich am Kiosk noch eine „New York Times“ gekauft. Die demonstrativ unterm Arm getragene Zeitung soll auch die letzten Zweifel an meiner angelsächsischen Herkunft zerstreuen.

          Der Morgen beginnt am Kiosk „Oeder Weg“ im Nordend. Bilderstrecke
          Der Morgen beginnt am Kiosk „Oeder Weg“ im Nordend. :

          Wie Bankmitarbeiter, von denen es in dieser Stadt angeblich nur so wimmelt, sehen die zwei nicht aus. Er trägt zu Badeshorts ein Unterhemd, das so weit ausgeschnitten ist, dass seine behaarte Brust fast komplett freiliegt. Seine Begleiterin hat trotz der Hitze ein schwarzes Wallekleid angezogen und wirkt, als schlafe sie noch halb. Sie ist zu Besuch und kennt sich nicht aus. Er lebt hier und empfiehlt das „Nordlicht“ am Friedberger Platz. Als ich erzähle, dass ich vielleicht bald aus London herziehen muss, verzieht sie das Gesicht und gibt einen langen gequälten Laut von sich. Er widerspricht. Frankfurt sei „totally fine“, man müsse nur die richtigen Orte kennen – „and the right people“. Dabei schaut er nicht mich, sondern seine Begleiterin an. Ich bedanke mich so überschwänglich, wie es ein guter Brite tun würde, und notiere eine erste Arbeitsthese: Wer in Frankfurt lebt, verteidigt seine Stadt.

          Weitere Themen

          Trump als Wachsfigur in Berlin Video-Seite öffnen

          Ein Präsident zum Anfassen : Trump als Wachsfigur in Berlin

          Der amerikanische Präsident Donald Trump ist die neuste Attraktion im Berliner Wachsfigurenkabinett. 16 Spezialisten in London haben vier Monate an der Wachsfigur modelliert und gestaltet. Am Dienstag wurde der polarisierende Politiker erstmals in Berlin präsentiert.

          Topmeldungen

          Wunderkind : Der Überflieger in Berlins Start-up-Szene

          Abitur mit 12, Studium mit 15, dazu zwei Doktortitel: Der Georgier Tamaz Georgadze ist ein Ausnahmetalent – und sammelt Milliarden von deutschen Sparern ein.
          Karamba Diaby mit seinem Wahlkampfplakat in Halle

          Interview mit Karamba Diaby : „Ostbashing kann ich nicht nachvollziehen“

          Im neuen deutschen Bundestag sitzt genau ein schwarzer Parlamentarier, und der kommt ausgerechnet aus dem ostdeutschen Halle. Im Gespräch mit FAZ.NET erklärt Karamba Diaby (SPD), was die Westdeutschen am Osten nicht so recht verstehen.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.