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Homm, Steinbrück & Co. Die Geläuterten

Der Finanzmanager Florian Homm gibt sich plötzlich als frommer Mann. Und SPD-Kanzlerkandidat Peer Steinbrück spendet sein 25.000-Euro-Stadtwerke-Honorar für einen „wohltätigen Zweck“. So viel Scheinheiligkeit haben wir lange nicht mehr gesehen.

Büßergewänder sind derzeit knapp im Angebot. Businessleute legen das Kleidungsstück besonders gerne an. Läuterung ist angesagt. Jüngstes Beispiel ist der Finanzmanager Florian Homm (Markenzeichen: dicke Zigarre und dicke Lippe). 2007 war der Hedgefonds-Manager, angeblich verfolgt von Anlegern und anderen mafiösen Gruppen, untergetaucht. Jetzt ist er zurück aus seinem Purgatorium, dem Fegefeuer der Managerreinigung.

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Und siehe da: Aus Saulus wurde Paulus, ein frommer Mann, der nicht mehr gut schlafen kann, wenn er nicht mindestens zweimal die Woche in der Kirche betet, nachdem er sich den Grundsatz „Geben ist besser als Nehmen“ zum neuen Konfirmationsspruch auserwählt hat.

Darin ähnelt Bald-Kanzlerkandidat Peer Steinbrück dem Spekulanten Florian Homm. Nach üppiger öffentlicher Debatte hat auch der SPD-Mann den Bibelspruch aus Apostelgeschichte 20, Vers 35, für sich entdeckt und, obzwar widerwillig, sein 25.000-Euro-Stadtwerke-Honorar für einen „wohltätigen Zweck“ gespendet.

Wir sind umzingelt von Geläuterten. Ihre Gier behaupten die Büßer abgelegt zu haben, ihren Narzissmus haben sie offenkundig behalten: Im Fegefeuer der Eitelkeiten lebt es sich auch weiterhin ganz ungeniert. Unablässig müssen sie ihre neue Demut in Interviews in die Welt posaunen. Profi-Konvertiten wie Homm schreiben gleich noch ein ganzes Buch darüber, wie sich ihre schwarze Seele auf den Himmel vorbereitet. Was passiert mit dem Verlagshonorar? Klar doch: ab in die Charity.

Den Läuterungsgeschichten fehlt die Glaubwürdigkeit

Wie Homm und Steinbrück, nur nicht ganz so perfekt, mimt die Büßerrolle auch Jürgen Fitschen, Co-Head der Deutschen Bank (stellvertretend für alle seine Co-Kollegen von Commerzbank, UBS und Co.). Das Streben nach Gewinn dürfe nicht dazu führen, dass die Interessen anderer verletzt würden, gab der Banker jüngst mal wieder zu Protokoll und gelobt nun, er wolle eine „Brücke schlagen zwischen Gewinnerzielung und gesellschaftlicher Akzeptanz“. Vom Trieb „kurzfristiger Gewinnmaximierung“ habe das Fegefeuer gänzlich ihn gereinigt, bekennt der Finanzmann. Schon bieten PR-Berater Tools an, mit welchen die Mandanten ihren „Purpose in Society“ herausfinden können, zu Deutsch, wie sie solches Moralgesülze überzeugend an die Öffentlichkeit bringen können. Lange nicht mehr haben wir so viel Scheinheiligkeit gesehen.

Selbst wenn es wahr wäre, dass sich die Wirtschaft in einer Moralkrise befindet, den gestanzten Läuterungsgeschichten, die einem jahrhundertealten konventionellen Muster folgen, fehlt die individuelle Glaubwürdigkeit. Immerhin aber bedienen sie ein nicht minder konventionelles öffentliches Bedürfnis, das nach Kulturwandel schreit und dafür Sack und Asche als Requisiten bereitstellt.

Auf die richtigen Regeln kommt es an

Es gibt den menschlich verständlichen Wunsch, Komplexität zu reduzieren, der die Ursachen der Krise in den moralischen Verfehlungen einzelner Akteure verortet. Kein Wunder, dass Krisenromane über gierige Investmentbanker Konjunktur haben. So lässt sich leicht kaschieren, dass sich zum Beispiel am gesellschaftlichen Erpressungspotential der Banken („too big to fail“) durch das Demutsgerede nichts geändert hat. Moralisieren ist leicht, Systemveränderungen sind schwer: Dazu braucht es weniger einen Kulturwandel als vielmehr ein besseres Design, welches das Überwälzen von Verlusten an die Allgemeinheit verhindert. Darum geht es, nicht um die Denunziation des Gewinnstrebens. Die zu Unrecht ein wenig außer Mode gekommene deutsche Wirtschaftstheorie nannte das gute Design „Ordnungspolitik“. Wo die Institutionen in Ordnung sind, braucht man sich um die Moral weniger zu sorgen. Selbst Bösewichte können dann wenig Schlimmes anstellen; ihre Läuterungsleier mögen sie uns ersparen.

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Quelle: F.A.S.

 
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Veröffentlicht: 10.11.2012, 18:06 Uhr

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Von Jan Grossarth

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