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Hochfrequenzhandel Sklaven des Algorithmus

Hochfrequenzhandel ist an den Börsen in Mode: Computer verschieben rasend schnell Aktien hin und her. So schnell kommt kein Mensch mit. Ist am Ende das ganze Finanzsystem in Gefahr?

© F.A.Z.-Grafik Niebel, Foto: dpa Vergrößern Immer höhere Ausschläge: Durch den Hochfrequenzhandel hat die Zahl der täglichen Kauf- und Verkaufsangebote an den Börsen (hier: in den Vereinigten Staaten) seit 2006 drastisch zugenommen.

Der Finanzausschuss des deutschen Bundestages musste sich in der vergangenen Woche mit einer heiklen Frage beschäftigen. Die Bundesregierung will den sogenannten Hochfrequenzhandel in Deutschland neu regeln. Das ist der Börsenhandel zwischen Computern, die in immer kleineren Bruchteilen von Sekunden vollautomatisch Wertpapiere kaufen und verkaufen können. Müssen diesen superschnellen Rechnern Fesseln angelegt werden, um die Welt vor der nächsten Krise zu bewahren?

Christian Siedenbiedel Folgen:    

Es geht hier nicht um eine Spielerei von ein paar Computerfreaks. Der vollautomatische Handel in Millisekunden macht in Amerika schon mehr als die Hälfte des Börsengeschäfts aus. Und auch im etwas konventionelleren Europa ist man nicht mehr sehr weit davon entfernt (siehe Grafik).

1000 Kilometer Kabel für drei Millisekunden Zeitvorsprung

Die große Frage lautet: Ist diese Entwicklung bedrohlich? Haben Privatanleger und konventionelle Investoren überhaupt noch eine Chance an der Börse, wenn über Erfolg und Misserfolg vor allem die Geschwindigkeit entscheidet? Die noch größere Sorge aber ist: Kann es in Krisen passieren, dass die Computer in Windeseile alle gleichzeitig ihre Aktien verkaufen - und einen Absturz so dramatisch verstärken?

Infografik / Der Börsenhandel im Millisekundentakt © F.A.Z. Bilderstrecke 

Spektakulär ist auf jeden Fall, wie zentral das Tempo im Aktienhandel geworden ist. Sogar die Länge der Leitungen zwischen Computern und Börse spielt heute eine Rolle, weil auch der Strom Zeit braucht auf seinem Weg durch das Leitungsnetz - oder das Licht durch ein Glasfaserkabel.

In Amerika war den Börsianern ein Zeitvorsprung von lediglich drei Millisekunden wichtig genug, um ein neues, mehr als 1000 Kilometer langes Glasfaserkabel zwischen New Jersey und Chicago zu verlegen - und zwar Luftlinie, durch Berge und Flüsse, statt wie sonst entlang von Eisenbahntrassen oder Highways.

Immer häufiger mieten sich Börsenhandelsfirmen aus demselben Grund einen Computer-Platz direkt neben der Börse - oder sogar mitten in deren Rechenzentrum. „Co Location“ heißt das Verfahren. Allein in Frankfurt machen nach Börsenangaben 146 Handelsteilnehmer schon davon Gebrauch. Sie nutzen die physische Nähe zur Börse, um einen Zeitvorsprung gegenüber Konkurrenten zu haben - und sei er noch so klein.

 

Denn je schneller die Kurse sich ändern, je „volatiler“ sie sind, wie die Börsianer sagen, desto mehr gilt an der Börse: Time is Money. Wenn alle eine Aktie kaufen wollen, ist es wichtig, zuerst zum Zug zu kommen, bevor der Kurs steigt. Wollen hingegen alle verkaufen, muss man auch schnell sein, bevor der Kurs sinkt und man nicht mehr viel dafür bekommt.

Aber das ist nicht alles. Die Hochfrequenzhändler sind sogar so schnell, dass sie ein Angebot zum Kauf oder Verkauf eines Wertpapiers ins Börsensystem einspeisen können, gucken, welche Reaktionen es gibt, und das Angebot wieder herausnehmen, bevor ein konventioneller Händler das Geschäft abschließen kann.

So gewinnen sie Informationen über den Markt, die andere nicht haben. Karl-Burkhard Caspari, Exekutivdirektor der Wertpapieraufsicht Bafin, spricht von einer „gigantischen Orderflut“ als Folge. Die Hochfrequenzhändler stellten ohne Ende Aufträge ins Börsensystem - und nähmen sie genauso schnell wieder raus. Zum Teil kämen deshalb 1000 Orders auf einen Abschluss.

„Die Hochfrequenzhändler können die anderen ausspähen“, formuliert es Bernhard Langer von der Fondsgesellschaft Invesco, die selbst keinen Hochfrequenzhandel betreibt - und sich sogar für dessen Verbot ausspricht. „Das ist kein fairer Wettbewerb.“

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