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Historische Finanzkrisen: Österreich-Ungarn 1873 : Das abrupte Ende der Gründerzeit begann an der Donau

In der Hauptstadt der Donaumonarchie hatte schließlich auch die Gründerkrise ihren Ursprung, die in den folgenden Jahren nicht nur Deutschland und Österreich, sondern auch Ungarn, Italien, die Schweiz, England, Frankreich, die skandinavischen Länder, Russland und sogar die Vereinigten Staaten erfasste.

Pandemie der Insolvenzen

Im Jahre 1873 sah sich die Österreichische Credit-Anstalt wegen negativer politischer Nachrichten aus Frankreich veranlasst, alle Börsendepots zu kündigen und die Kontokorrentkredite einzuschränken. Als Folge des Liquiditätsengpasses kam es im Mai in nur drei Tagen zu 150 Zahlungseinstellungen. Daraufhin wurde das als sehr solide geltende Wiener Kommissionshaus Petschek am 9. Mai zahlungsunfähig.

Noch am gleichen Vormittag wurden 120 weitere Insolvenzen angemeldet. Der Damm war gebrochen. Innerhalb weniger Wochen fielen die Wertpapierkurse ins Bodenlose. Die übertriebene Spekulation wurde vor allem am Zusammenbruch vieler Baugesellschaften sichtbar, die in den vorangegangenen Jahren die Grundstückspreise in schwindelnde Höhen getrieben hatten. Die Kurse von Eisenbahnaktien hielten sich hingegen noch eine Zeitlang relativ stabil.

Verhängnis Überkapazität

Dem Dominoeffekt folgend, breitete sich die Krise auch auf deutsche Börsenplätze aus. Bis Oktober 1873 häuften sich dort die Insolvenzen. Allerdings kam es gleichzeitig auch noch zu vielen Neugründungen, vor allem in Norddeutschland. Das Kartenhaus brach erst zusammen, als die Berliner Vereinsbank im Herbst in Konkurs ging.

Die Kurse der 444 deutschen Aktiengesellschaften sanken in der Folge um durchschnittlich 46 Prozent. Die Überinvestition, die nun offenbar wurde, verschlimmerte die Krise. Bis 1873 waren vor allem in der Investitionsgüterindustrie Kapazitäten geschaffen worden, die mit riesigen Wachstumsraten rechneten. Als die Nachfrage jedoch stagnierte und sogar schrumpfte, wurde das Überangebot sichtbar. Die Produktion wurde angepasst, Arbeitskräfte wurden entlassen, und die Preise fielen. Viele Unternehmen, die zu Boomzeiten gegründet worden waren, gingen pleite.

Spätfolgen: Regulierung und Protektionismus

Die Gründerkrise wirkte sich auf die gesamte deutsche Wirtschaft aus. Von den 107 Aktienbanken, die zwischen 1870 und 1874 in Deutschland gegründet wurden, existierte fünf Jahre später noch ein Drittel. Auch die Zahl der börsennotierten Industrieunternehmen schrumpfte.

Auf die sinkenden Preise reagierte der Staat mit Zöllen. Die Unternehmenspleiten versuchte er mit der Aktiennovelle vom 18. Juli 1884 zu bekämpfen, hatte die mangelnde gesetzliche Regulierung die Übertreibungen des Gründungswesens doch erst möglich gemacht. In Zukunft sollte diese krasse Überspekulation nicht mehr möglich sein, die viele Aktionäre und Gläubiger in den Ruin geführt hatte.

Die Novelle schuf die Grundlage einer Unternehmensstruktur, die bis heute fortwirkt. Gesellschaftsgründer und das Gründungsverfahren traten nun stärker in den Vordergrund. Außerdem wurden die Organe einer Gesellschaft - also Vorstand, Aufsichtsrat und Aktionärskreis - stärker als bisher voneinander abgegrenzt. Die Sanktionen, die gegen Gründer und leitende Angestellte bei deren Fehlverhalten verhängt werden konnten, wurden zivil- und strafrechtlich verschärft.

Als Folge der Krise, die erst im Jahre 1879 überwunden war, hatten viele politisch Verantwortliche ihren Glauben an den Liberalismus verloren. Das seit der Aktienrechtsnovelle von 1870 angewandte freie Spiel an den Finanzmärkten wurde als Wurzel des Übels ausgemacht. Der regulatorische Rahmen wurde wieder enger gefasst: Protektionistische Maßnahmen ersetzten den Freihandel, und der freie Fluss des Kapitals wurde wieder eingeschränkt.

Quelle: F.A.Z., 04.03.2008, Nr. 54 / Seite 27

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